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Cie. Toula Limnaios – Tempus Fugit

Dezember 15, 2016

Einer der Gründe, weshalb wir annehmen, dass Zeit existiert, ist dass die Welt sich verändert. Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal in der Halle Tanzbühne war. Das zwanzigjährige Jubiläum der Cie. Toula Limnaios habe ich irgendwie verpasst, nicht so sehr, weil ich mich nicht dafür interessiert habe, sondern weil die Zeit eben manchmal schneller vergeht, als einem lieb ist. So komme ich also unvorbereitet in die Halle Tanzbühne und finde vor dem eigentlichen Gebäude ein Kassenhaus vor, innen sind die Toiletten neu gemacht und alles wirkt ein bisschen aufgeräumter als vorher, und irgendwie bereue ich es, keine Fotos gemacht zu haben davon, wie es vorher war, als Erinnerung gewissermaßen. Zeit, die bereits fertig vergangen ist. Oder auch nicht. Man weiß es nicht. Zeit ist kompliziert.

Tempus fugit bedeutet, so weit reichen meine Lateinkenntnisse gerade, „Die Zeit flieht“. Eine schnelle Googelei hat ergeben, dass der Begriff früher gelegentlich auf Ziffernblättern von Uhren stand und jeden, der sehen wollte „wie spät es ist“ daran gemahnte, dass das Leben endlich ist und man davon Abstand nehmen sollte, seine Zeit zu verschwenden.

Der Begriff erinnert also an die eigene Sterblichkeit, weshalb ich den Verdacht habe, dass es sich eher um Kirchenlatein handelt und nicht unbedingt um ein Zitat aus alter römischer Zeit. Aber ich weiß es nicht.

Während der Eingangsbereich der Halle Tanzbühne etwas „repräsentativer“ und offizieller geworden ist, hat sich am Bühnenraum derweil nichts verändert, es gibt immer noch die Turnhallenpiktogramme an den Wänden und an diesem Abend sind die Fenster nicht abgehängt, die Hauptbeleuchtung kommt tatsächlich von Außen durch die Fenster. Die Bühne ist leer, außer allerlei vermoderndes Laub, das auf dem Boden liegt, zugegeben nicht unbedingt der subtilste Hinweis auf Vergänglichkeit. Die leere Bühne ist trotzdem eine Besonderheit, weil, glaube ich, bei den meisten Stücken der cie. Toula Limnaios, die ich gesehen habe, die Tänzer bereits auf der Bühne waren, als die Zuschauer den Raum betraten. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung, aber ich habe das erstmal als ungewöhnlich verbucht.

Die zweite Auffälligkeit ist, dass fast alles als Gruppe getanzt wird. Nicht immer synchronisiert, aber fast immer als Gruppentanz. Im Verlauf des Stückes wird das etwas aufgebrochen, aber formal ist das trotzdem ein deutliches Leitmotiv des Abends. Das ist insofern interessant, weil ich die meisten Toula Limnaios Stücke, die ich kenne, eher als „individualistischen“ Tanz gesehen habe. Natürlich hat man es mit einer Gruppe von Tänzern zu tun, aber oft fanden unabhängig voneinander eben mehrere Dinge auf der Bühne statt, die nicht viel miteinander zu tun hatten – zumindest war das der Anschein – außer, dass sie eben auf der gleichen Bühne zur gleichen Zeit und Musik stattfanden. Die individuellen Momente gibt es auch bei Tempus Fugit, aber sie werden sparsamer eingesetzt, so dass das Verhältnis synchron und Gruppentanz vs. Individuelle Performance im Vergleich zu anderen Stücken ziemlich umgedreht zu sein scheint. Zumindest in meiner, sicher nicht sehr verlässlichen, Wahrnehmung.

Das mag mehrere Gründe haben. Zunächst handelt es sich ganz einfach um einen choreographischen Fokus, das heißt, mehr als in anderen Stücken geht es hier darum, die Bewegungen einer Gruppe als Einheit zu erforschen. Interessanterweise ist es in anderen Toula Limnaios Stücken gelegentlich so, dass sich die Tänzer im Laufe des Abends in der Wahrnehmung des Zuschauers zu einer klar strukturierten Gruppe zusammen finden, die eben Zeit miteinander verbracht und interagiert haben, in der aber jeder seine Individualität und jeweils besondere Rolle behauptet. Hier ist es eher so, dass die Gruppe am Anfang als Einheit auftritt und sich im Laufe des Abends mehr und mehr die individuellen Tänzer als autonome Einheiten zeigen. In Tempus Fugit mag es auf der Ebene eher darum gehen, dass es Arbeit ist aus einer „Masse“ auszubrechen und das Eigene zu behaupten.

Wenn man mal „Vergänglichkeit“ als großes Thema des Abends annimmt, verbunden mit der Frage, was man in der „fliehenden Zeit“ tut, kann man das so deuten, dass wir da alle mehr oder weniger in einem Boot sitzen, insofern dass es gewisse Forderungen gibt, wie wir in der gegebenen Gesellschaft unsere Zeit zu nutzen haben (Effizienz, Produktivität, ökonomischer und bürokratischer Zwang). Die auffallendste Passage des Stückes ist, als eine kleine Baby Puppe in den Tanz einbezogen wird. Dabei ist es meistens so, dass ein Tänzer mit der Babypuppe bestimmte Bewegungen macht, die dann durch einen lebendigen Tänzer oder die ganze Gruppe nachgetanzt werden. Ich würde da mal die Lesart anbieten, dass die Dressur auf die zum Überleben im Spätkapitalismus nötigen Verhaltensweisen schon im frühen Kindesalter beginnt. Da die Puppe sich nicht von allein bewegen kann, werden die Bewegungen natürlich erstmal von einem Erwachsenen vorgegeben und die arme Puppe wird dabei ordentlich verdreht, durch die Gegend geworfen und über den Bühnenboden geschleift. Das ist gelegentlich lustig, gelegentlich eher ein Missbrauchsbild. Zumindest sind das so meine Assoziationen, jeder Zuschauer mag sich da seine eigenen Gedanken machen.

Will man den „Assoziationsraum“ beschreiben, der in Tempus Fugit aufgemacht wird, dann wird man aber vermutlich eher zu trostlosen Schlüssen kommen, man mag das Stück politisch deuten, psychologisch oder soziologisch, der Kontext ist tendenziell expressionistisch, angefangen bei der Art zu tanzen über Kostüme und Make up, bis hin zu gewissen Mitteln wie hysterischem Gelächter, Schreien oder eben der Arbeit mit der Babypuppe.

Nicht unbedingt das Vorweihnachtsprogramm für die ganze Familie, aber trotzdem oder deshalb hab ich mir das natürlich gerne angeschaut, und ich sehe ja auch den Toula Limnaios Tänzern und Tänzerinnen gerne bei der Arbeit zu.

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Ach ja, das Staatsballett…

September 14, 2016

…oder: warum ich diese vermaledeite Petition nun doch unterschrieben habe.

Also erstmal verleihe ich dem Berliner Senat den Niedlichkeitspreis für die undurchsichtigste Informationspolitik aller Zeiten.

Ich finde immer noch, dass in der Petition des Staatsballetts sehr unsauber und doof argumentiert wird. Folgende Informationen haben dafür gesorgt, dass ich doch unterschrieben habe.

  1. Ausschlaggebend: Das geplante Verhältnis von Zeitgenössisch/Klassisch ist 50/50. In einer Stadt wie Berlin, in der die gesamte freie Szene, die einen größeren Teil der Tanzlandschaft ausmacht als das Staatsballett, „zeitgenössisch“ tanzt ist dieses Verhältnis inakzeptabel. Ich bin davon ausgegangen, dass weiterhin 70 Prozent klassische Stücke gezeigt werden und maximal 30 Prozent Zeitgenössisches oder historisches, das eher letzterem Genre zuzuordnen wäre (sagen wir: Forsythe, Lucinda Childs, Cunningham – na  gut, letzteres ist, glaube ich, nicht, aber der Leser versteht hoffentlich, was ich meine.). 50/50 ist für eine Stadt wie Berlin ungeeignet, das Klassische wäre damit chronisch unterpräsentiert.
  2. Ich finde es nervig, dass der Kultursenat derart weitreichende Entscheidungen als fait complit der Öffentlichkeit präsentiert. Warum keine öffentliche Diskussion. Während einer Diskussion auf tanznetz.de. habe ich erfahren, dass Vladimir Malakhov, weiser geworden, durchaus bereit wäre, den Job wieder zu übernehmen. Das ist das, was man gemeinhin einen „game changer“ nennt. So etwas MUSS öffentlich diskutiert werden. Ein zweiter Versuch mit Malakhov, der Zeit hatte, darüber nachzudenken, was er besser machen könnte, das Publikum, das Zeit hatte, nachzudenken, wann es mit ihm allzu ungnädig umgegangen ist – klingt verführerisch. Und es würde verdammt viel Aufmerksamkeit erregen!

In Grunde sind das meine zwei Hauptargumente. Also: /signed (ja, ich spiele recht viel World of Warcraft in letzter Zeit, wo man das als Zeichen für Einverständnis benutzt, auch wenn meine Magierin Vishneva immer noch bei level 101 rumkrepelt).

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Ach ja, das Staatsballett

September 14, 2016

oder: warum ich die Petition des Ensembles nicht unterstütze.

Wenigstens tut sich was.

Die Situation im Moment am Staatsballett ist ja so, dass die Institution unter Nacho Duato mehr oder weniger von der nationalen und internationalen Presse ignoriert wird, der Spielplan ist nicht unbedingt so, dass man denkt „das muss man gesehen haben“, die Personaldecke bei den ersten Solisten und Solistinnen ist dünn und irgendwie passiert da nichts.

Insofern war und ist es für jeden offensichtlich, dass sich am Staatsballett etwa ändern muss.

Nun hat sich die Kulturpolitik dazu durchgerungen, eine Doppelspitze bestehend aus Johannes Öhman und Sasha Waltz zu engagieren.

Die Aufteilung dabei scheint zunächst so zu sein, dass Öhman wohl für das klassische Repertoire zuständig sein würde, Sasha Waltz für das zeitgenössische.

Das Tänzerensemble des Staatsballetts hat derweil eine Petition gestartet, in der es sich gegen Sasha Waltz ausspricht, was mir etwas seltsam vorkommt, denn grundsätzlich ist der Plan, ein breites klassisches Repertoire durch relevante, groß angelegte zeitgenössische Stücke zu ergänzen, gut, und es ist jetzt nicht so, als hätte Sasha Waltz noch nie mit großen klassische Ensembles gearbeitet.

Also für die Pariser Oper war sie gut genug, böse gesagt könnte man nun denken, die Berliner Tänzer fühlen sich als etwas Besseres als ihre Pariser Kollegen, aber weniger bösartig muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was hinter diesem Protest steckt.

Das einzige Argument, das ich verstehe, ist, dass die Ernennung sehr früh (nicht drei, wie es in der Petition heißt, sondern eher zwei Jahre im voraus) und in Wahlkampfzeiten erfolgt. Die zwei Jahre bis zum Wechsel riechen nach einer ziemlichen Saure-Gurken Zeit fürs Staatsballett.

Dass es dem „Ruf des Staatsballetts“ schaden würde, wenn Sasha Waltz als Co-Intendantin anfängt, halte ich für absurd, denn seien wir ehrlich: um den Ruf ist es im Moment eh nicht besonders gut bestellt, und Sasha Waltz Inszenierungen werden zumindest von der Presse beachtet und können potentiell sowohl Berlin Besucher, als auch Tanzfreunde, die eher selten das Staatsballett besuchen, ins Staatsballett locken. Für manche mag ein Sasha Waltz Stück am Staatsballett auch eine Motivation sein, sich vielleicht das ein oder andere Werk des klassischen Repertoires anzuschauen. Und dass es klassische Stücke weiter geben wird, steht durch die Ernennung von Johannes Öhmann außer Frage.

Sasha Waltz, um auch daran zu erinnern, hat schon Operninszenierungen in Berlin gemacht, die grundsätzlich ausverkauft sind, und gelegentlich hätte man sich gewünscht, dass da vielleicht eher Staatsballetttänzer statt Tänzer aus Sasha Waltz eigener Kompagnie beteiligt gewesen wären, denn immerhin hängt das Staatsballett mit den Opernhäusern zusammen.

Nun argumentieren die Tänzer, dass sie ja für den Sasha Waltz Stil nicht ausgebildet sind. Ähm, ja. Sind die Tänzer der Pariser Oper auch nicht. Das sagt nun einerseits etwas über die Tanzausbildung aus, aber eigentlich sitze ich etwas irritiert da und denke: Leute, ihr seid jung, es wird euch bestimmt nicht schaden, euch ein paar neue moves drauf zu schaffen. Es sagt ja niemand, dass ab jetzt nicht mehr klassisch getanzt wird. Dass gelegentlich zeitgenössischere Bewegungen gefordert werden, gab es unter Malakhov und gibt es unter Nacho Duato. Das Argument ist also ein komisches Scheinargument, mit dem sich die Tänzer eher ein Eigentor schießen, weil man es polemisch in: „Wir weigern uns neue Dinge in unserem Beruf auszuprobieren“, übersetzen könnte. Und ich bin nicht sicher, ob das alle Tänzer so ohne weiteres unterschreiben würden.

Kurz gesagt, so sympathisch mir die Krawalligkeit der Berliner Tänzerinnen und Tänzer grundsätzlich ist, zeugt die aktuelle Petition eher von einer gewissen Engstirnigkeit. Die einzige Forderung, die ich unterstützen würde, wäre die nach Mitspracherecht bei der Auswahl des Intendanten (oder einer Intendatenkombi), wohl nach dem Vorbild der Berliner Philharmoniker. Aber den Status muss man sich dann auch erstmal erarbeiten.

 

Performance als Yoga

Mai 14, 2016

Im Moment umkreise ich ja dieses komische Yoga wie ein rätselhaftes Artefakt vom Mars und weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. In meinem Kopf sitzt dabei ein kleiner Georg Feuerstein, der Sachen sagt, wie: „Es heißt DER Yoga“ und ähnliches, während ich denke: es sieht nicht aus, wie der Yoga, es sieht aus wie das Yoga und seltsamerweise von jeder Seite anders.

Vor ein paar Tagen bin ich auf einen kleinen Artikel im „Elephant Journal“ gestoßen. Dem Artikel ist ein Zitat von Pathabi Jois vorangestellt, das ungefähr lautet: „Yoga is an inner practice, the rest is circus“. Der Autor vertrat die Meinung, dass die Yoga Community mit dem Zirkus aufhören und sich wieder auf die innere Praxis konzentrieren sollte. Als Illustration beschrieb er einen Besuch in einem Zirkus, wo er eine beeindruckende gymnastische Vortellung zweier junger Frauen sah, die tatsächlich Übungen zeigten, die es so auch im Yoga gibt, und er sagte dazu: aber es war kein Yoga.

Mir war nicht ganz klar, woher er das wusste.

In dem sehr guten Buch „Light on Life“ beschreibt BKS Iyengar recht anschaulich und verständlich, wie eine Asana Praxis zur inneren Praxis wird. Wenn man von Yama und Niyama absieht (die im „sechsgliedrigen Yogapfad“ des Hatha Yoga weggelassen werden), beinhaltet laut Iyengar die Asana Praxis selbst alle anderen Yogadisziplinen. Der Ansatz ist mir relativ nah. Er bedeutet, dass man, um eine Asana richtig auszuführen, Konzentration braucht, dabei eine Verinnerlichung stattfindet, durch die äußere Einflüsse ausgeblendet werden, was dann in einen Zustand der Meditation übergehen kann, der wiederum im Idealfall zu so etwas wie „Samadhi“ führt, ein Wort das kompliziert ist und das man der Einfachheit halber wohl mit „Erleuchtung“ übersetzen würde. Man könnte auch sagen, Befreiung, Ausstieg aus der Karmakette von Ursache und Wirkung. Unterstützt wird der Vorgang durch eine Pranayama Praxis, nennen wir das der Einfachheit halber die Kontrolle oder Lenkung von Lebenskraft.

Spätestens wenn man zum Zustand der Meditation kommt, wird sich die Asanapraxis dergestalt auswirken, dass auch der ganze Rest des Lebens zu einer yogischen Übung wird. In anderen Meditationsformen findet man einen ähnlichen Ansatz. Jemand, der fleißig sitzend meditieren übt, wird über kurz oder lang diese Meditationshaltung in die Welt mitnehmen. Derjenige meditiert dann nicht nur, wenn er auf dem Kissen in einem Meditationsraum sitzt, sondern auch wenn er mit der U-Bahn fährt, Einkäufe erledigt oder was auch immer tut.

Überprüft man Iyengars Erläuterungen an der eigenen Yogapraxis, wird man feststellen, dass einige der genannten Aspekte ziemlich unwillkürlich auftreten. Abgesehen von körperlichen Fähigkeiten braucht es für fast jede Yogahaltung ein hohes Maß an Konzentration. Diese Konzentration tritt ein, wenn man sich vollständig in den eigenen Körper zurück zieht und sehr genau darauf achtet, was da gerade vor sich geht.

Damit hat man bereits drei Bestandteile des Yoga in einer Übung integriert.

Was Bikram Yoga betrifft, hat die Hitze im Raum zumindest das Potential, derartige Zustände zu verstärken, Pranayama wird dadurch gewissermaßen erzwungen, und weil man den Kampf mit der Hitze immer verliert (es sei denn man vernachlässigt die Bikram Regel Nummer eins: den Raum nicht verlassen), bleibt einem an einem bestimmten Punkt nichts anderes übrig, als den Kampf aufzugeben, los zu lassen und sich damit abzufinden, dass die Situation jetzt eben so ist, wie sie ist. Dieses Loslassen gelingt nicht immer, ist aber für mich eine ganz klassische Meditationsübung, die ausschließlich innerlich ist, so wie man auf dem Meditationskissen sitzt und ein gedankliches Konstrukt, das man gerade verfolgt, bemerken und aufgeben soll.

Ich bin nun der Meinung, dass die Zirkusartisten, die der Autor des Artikels im Elephant Journal beschreibt, all diese yogischen Tugenden ebenfalls gehabt haben müssen, um ihr Kunststück aufführen zu können. Iyengar vergleicht den Asanaübenden interessanterweise mit einem Jongleur, der mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei dem sein muss was er tut, weil bei der geringsten Ablenkung sein Kunststück misslingen wird.

Das gleiche lässt sich über jeden Tänzer oder Performer sagen. In der Bühnenkunst spricht man gelegentlich von Konzentration, aber statt Mediation wird meistens das Wort „Präsenz“ gebraucht, das eigentlich nur bedeutet, dass der Performer mit allem, was er hat, bei dem ist, was er tut. Diese Haltung ist im Grunde identisch mit der Haltung, die Iyengar dem Asanaübenden empfiehlt. Es ist nicht so, dass man Ballett oder andere Tanzformen wie Yoga betreiben kann, sondern es scheint mir eher so zu sein, dass ein Tänzer (Musiker, Performer etc), der weiß, was er tut, seine Kunst automatisch so betreiben wird, wie ein Yogi seine spirituelle Praxis. Er wird das nicht Yoga nennen und wahrscheinlich auch nicht Meditation, aber es ist am Ende genau das.

Der Hauptunterschied scheint mir darin zu liegen, dass für den Künstler diese Zustände eher ein Nebenprodukt seiner Arbeit sind, während sie für den Yogaübenden das eigentliche Ziel darstellen. Ein Künstler mag beim Ausführen seiner Kunst Momente von Konzentration und Meditation erleben, vielleicht sogar gelegentlich ekstatische Zustände, die man mit dem Begriff „samadhi“ in Verbindung bringen könnte, aber diese Zustände sind eher selten das eigentliche Ziel von Kunst, obwohl es einem Künstler natürlich möglich ist, die yogischen Elemente seiner Kunst zu kultivieren, womit Kunst zu einer spirituellen Disziplin werden kann, wenn sich der Künstler dafür entscheidet.

Es scheint mir im Moment sinnvoll, um Yoga besser zu verstehen, den Begriff nicht zu konkretisieren, sondern zu verallgemeinern, weil die Diskussionen, die man in der Yoga Community verfolgen kann, und die sich oft darum drehen, wer denn nur eigentlich „echtes“ Yoga macht und wer nicht, deprimierend sind. „Alles ist Yoga“ kommt mir ein bisschen zu allgemein vor, aber wenn man postuliert, dass mit Yoga die Hingabe an eine bestimmte Tätigkeit gemeint ist, mit dem Ziel, darüber zu so etwa wie einer Wahrheit vorzustoßen, kann zumindest fast alles Yoga sein. Denn, um das nochmal zu rekapitulieren: Yoga means Union.

Yoga als Performance

Mai 11, 2016

 

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Krishnamacharya (hinten stehend) & Yogaperformer.

Im Rahmen der Lektüre von Mark Singletons „Yoga Body“, bemerkte ich, wie mein Hirn einen Zusammenhang zwischen Yoga und Performance herstellte. Der Zusammenhang ist relativ naheliegend, ich hatte nur nicht erwartet, dass er sich im Zuge der Lektüre eines doch eher wissenschaftlichen – und bisweilen recht trockenen – Buches über die Ursprünge der heutigen „Posture Practice“, die wir unter dem Begriff „Yoga“ kennen, aufdrängen würde.

Als ich dann im Internet ein bisschen herumrecherchierte, fiel mir auf, dass das Thema offenbar relativ kontrovers ist. Eine zeitgenössische Yogaperformerin wäre beispielsweie Tara Stiles, die vor nicht allzu langer Zeit in einer Art Aquarium durch eine amerikanische Großstadt fuhr und Yogaübungen zeigte, um Werbung für irgendeine Hotelkette zu machen.

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052814 Yoga in a box. Tara Stiles launches clothing line by performing yoga inside a truck with glass window. W hotel 47 lexington ave. PH: Michael Sofronski

Tara Stiles ist, so kommt es mir vor, die Avantgarde der aktuellen „Yoga als Performance“ Szene. Sie war eine der ersten, die youtube Yogakurse angeboten hat, hat eine Menge Bücher mit Titeln wie „sexy slim Yoga“ veröffentlicht, macht aber, wenn man sie in Interviews sieht, einen recht bodenständigen Eindruck. Als Guruin wäre sie für mich völlig ungeeignet. Ihr Sinn für Performance rührt vermutlich daher, dass sie eine ehemalige Balletttänzerin ist und in ihren Videos gelegentlich in die Tänzerinnenfalle läuft, zu glauben, dass Übungen, die erhebliche Flexibilität erfordern, eigentlich für alle ein Klacks sind, was natürlich nicht so ist. Was mir Tara Stiles sympathisch macht, ist dass es ihr offenkundig scheißegal ist, was andere von ihr denken, und das finde ich ja meistens bewundernswert.

Dann stieß ich auf youtube auf ein Video, in dem Kathryn Budig mit einem männlichen Kollegen zu Discomusik ein paar Asanas ausführt. Der Titel des youtube Videos war „amazing Yogaperformance by Kathryn Budig and XY“. Den Namen von XY habe ich vergessen, und an Kathryn Budig erinnere ich mich nur, weil eine eher unsympathische Interessengruppe namens „Yoga and Body Image Coalition“ einen „Say no to Kathryn Budig“ hashtag auf twitter gestartet hatte, was verständlicherweise bei Kathryn Budig auf wenig Begeisterung stieß. Sie bloggte also einen Artikel darüber, dass sie sich persönlich angegriffen fühlte,.der von Soziologin Melanie Klein damit gekontert wurde, dass das alles ja gar nicht persönlich gemeint sei, sondern es um „white privilege“ ginge und so weiter und so weiter, wobei Melanie Klein zwischen den Zeilen schulmeisterlich durchklingen ließ, dass sie Kathryn Budig eigentlich für eine ungebildete Pute hält.

Ich nehme an, was die Yoga and Body Image Coalition an Kathryn Budig stört, ist vor allem, dass sie eine Werbekampagne für Zehensocken gestartet hat, die so aussieht:

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Ich persönlich finde das ja ganz hübsch, aber ich bin auch ein Mann. Männer finden die ganze Diskussion eher amüsant, wie man es eben manchmal amüsant findet, wenn Frauen unter dem Deckmantel des Feminismus andere Frauen fertig machen, wobei ich gestehen muss, dass ich relativ entsetzt über die Vorgehensweise war, erst einen Hasshashtag bei Twitter zu starten, und das dann mit einem pseudowissenschaftlichen Universitätsdiskurs zu rechtfertigen. In meinem Wertesystem muss man sich schon bikramartige Fehltritte leisten, um auf der Bösartigkeitsskale da drüber zu kommen. Und im Gegensatz zu Melanie Klein macht Kathryn Budig tatsächlich durchaus hilfreiche Online Yogavideos.

Fall 3 ist das berühmte Equinox Video von Briohny Smyth, in dem man Yoga als Performance in Perfektion sehen kann:

Eine häufige Reaktion auf die erwähnten Aktivitäten der drei jungen Damen ist, dass „das doch nichts mit Yoga zu tun hat.“. Und damit sind wir bei Mark Singleton.

Gehen wir zurück zu den Anfängen des Yoga. Natürlich wissen wir alle, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die mindestens fünftausend Jahre alt ist, also auf eine lange Tradition zurück greifen kann, weil es irgendwelche Steinreliefs gibt, die irgendwelche Leute in einer Yogahaltung zeigen. In den vergleichenden Religionswissenschaften ist es allerdings mittlerweile wohl mehr oder weniger Konsens, dass sich Yoga, wie wir es heute verstehen, höchstens hundert Jahre zurück verfolgen lässt.

Die beiden wesentlichen Yogis, die so etwas wie einen Anfang markieren wären Paramahansa Yogananda und Tirumalai Krishnamacharya. Yoganandas Tradition lässt sich zu einem gewissen Mahavatar Babaji zurück verfolgen, eine eher mythische Gestalt, angeblich ein Avatar des Gottes Shiva. Faktisch lässt sich das Ganze nach meinem Kenntnisstand nicht viel weiter nachvollziehen als bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Krishnamacharyas Tradition ist ähnlich obskur. Eigentlich ein studierter Mann, erhielt Krishnamacharya seine Yogaausbildung anscheinend in Tibet, dabei stieß er auf einen uralten Yogatext, den er auswendig lernte und der anschließend von Ameisen (!) aufgefressen wurde. Mir scheint die Annahme naheliegend, dass sich unsere beiden Protagonisten auf Traditionen beziehen, die zumindest durch mündliche Überlieferung sicher älter sind. Das ist natürlich Spekulation, aber irgendwoher müssen Krishnamacharyas Lehrer die ganzen Asanas ja haben.

Die Frage selbst scheint auch nur insofern von Interesse, dass sich unterschiedliche Yogaschulen eben auf eine irgendwie „authentische“ Tradition berufen. Die Frage der Authentizität ist dabei vor allem in Bezug auf Autorität, die beansprucht wird, bedeutend. Diese Autorität ist im Endeffekt vor allem ein Marktvorteil gegenüber Schulen, die sich weniger traditionsbewusst präsentieren. Das mit der Tradition klappt manchmal (siehe Jivamukti), aber man kommt auch ohne durch (siehe Tara Stiles).

Meine Arbeitsthese ist für den Moment, dass Yogananda und Krishnamacharya zwei Pole markieren, die vielleicht eine Möglichkeit bieten, den Konflikt zwischen Spiritualität und Fitnessübung besser zu verstehen. Yogananda war nach Vivekananda der zweite wichtige indische Gelehrte, der nach Amerika ging, und er war letztlich wohl einflussreicher, nicht zuletzt durch das berühmt gewordene Buch „Autobiography of a Yogi“, anscheinend das Lieblingsbuch von Steve Jobs, auch wenn das nicht unbedingt für das Buch spricht.

Ähnlich  wie bei Vivekananda war Yoganandas Fokus eher auf Yoga als „spirituelle Wissenschaft“. Vom Performancestandpunkt aus, waren Yoganandas öffentliche Yogademonstrationen eher Vorträge und Meditiationsbeispiele, mit den oft gehörten Yogatricks, wie verlangsamen des Herzschlags bis zum Herzstillstand und ähnliches, und damit nicht besonders ergiebig für meine Zwecke hier. Tara Stiles würde mit sowas wohl keine Katze hinterm Ofen hervorlocken. Anders als Vivekananda hatte Yogananda aber kein Problem mit Hatha Yoga, sondern empfahl eine Asanapraxis als Vorbereitung auf die Meditation.

Im Performancezusammenhang ist Yogananda eher wichtig, weil er einen Bruder hatte, der sich keinen Yoganamen zulegte, sondern Zeit seines Lebens unter dem Namen Bishnu Ghosh durch die Welt zog.

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Bishnu Ghosh unternahm ebenfalls Ausflüge nach Amerika. Sein Bruder, Yogananda, war gleichzeitig sein Guru, der ihn in Yoga unterwies. Bishnu Ghosh ist aber weniger für seinen Beitrag zur spirituellen Seite des Yoga in Erinnerung geblieben, sondern er war Bodybuilder, entwickelte (oder fand vor) ein System von 84 Asanas (die Anzahl an Asanas, die in der Hatha Yoga Pradipika, einem Text, vermutlich aus dem 16. Jahrhundert, offiziell genannt wird), eine Praxis, die er durch Gewichttraining unterstützte. Sein wichtigster Schüler war bekanntlich Bikram Choudhury, und es gibt Filmaufnahmen von Bikram Choudhury, wie er als junger Mann auf einem Nagelbett liegend von einem Motorrad überfahren wird. Und damit sind wir im Performancebereich angekommen. Dabei ist unklar, ob es tatsächlich sinnige Verknüpfungen zu Kunstdisziplinen wie Bodyart oder dem Wiener Aktionismus gibt, oder ob es nicht naheliegender wäre, spektakuläre Yogaaktionen wie die von Bikram mit Magiekünstlern wie David Blaine in Zusammenhang zu bringen. Gemeinsamkeiten gibt es sicher mit beiden Performanceformen – Kunstperformance und Bühnenmagie.

Yoga als spirituelle Disziplin im Westen kann man letztlich sehr einfach und klar auf Vivekananda und Yogananda zurückführen. Betrachtet man Yoga als Performance, dann ist der spirituelle Aspekt lediglich Mittel zum Zweck, um die Konzentration aufzubringen, bestimmte Kunststücke, die ein Publikum beeindrucken sollen, unbeschadet zu überstehen. Die Kunststücke wiederum dienten dazu, ein Publikum von den erstaunlichen Effekten einer Hatha Yoga Praxis zu überzeugen. Um zu machen, was Briohny Smyth in dem Equinox Video macht, muss man ja schon was können.

Bikram Yoga ist heute die einzige mir bekannte Yogarichtung, in der der Performanceaspekt aus vollem Herzen unterstützt wird. Die Initiative, Yogawettbewerbe zu veranstalten, ging von Bikram Choudhury, bzw. von seiner Frau (bald Ex-Frau) Rajashree Choudhury aus. Der Rest der Yogacommunity betrachtet das ganze eher skeptisch, aber Yogawettbewerbe berufen sich zumindest auf die Tradition indischer Hathayogis, die eben auch auf eine Geschichte dessen zurück schauen, was wir heute wohl „Kleinkunst“ nennen würden. Tricks, die auf der Straße gezeigt wurden, um Spenden einzusammeln.

Hatha Yoga hatte zu der Zeit – Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – in Indien einen denkbar schlechten Ruf, wodurch sich auch Vivekanandas vehemente Ablehnung von Hatha Yoga erklärt. Yogis wurden im allgemeinen als Penner und Asoziale angesehen, und die Yogis selbst taten anscheinend wenig, um ihrem schlechten Ruf etwas entgegen zu setzen. Tatsächlich beriefen sie sich auf eine Tradition des Straßenräubertums, das mit der hehren Yogaphilosophie eines Yogananda so gar nichts zu tun hatte.

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Die Verknüpfung fand dann mutmaßlich durch Krishnamacharya statt.

Das indische Selbstbewusstsein litt Anfang des 20. Jahrhunderts unter der britischen Kolonialherrschaft, und vor allem der indische Mann sah sich selbst als verweichlichten Schwächling, der der britischen Macht rein körperlich wenig entgegen zu setzen hatte. In diesem Umfeld entstand ein Fitnesstrend, in dessen Zuammenhang man die Bodybuildingbemühungen von Bishnu Ghosh und anderen zu sehen hat. Yoga war dabei in der Regel kein Teil der Übungspraxis, sondern man nutzte eher Fitnesssysteme, die aus Europa kamen. Ziel war eine nationale Mobilmachung nach europäischem Vorbild, um den Kampf gegen die britischen Besatzer aufnehmen zu können.

Krishnamacharya erregte derweil die Aufmerksamkeit des Maharadja von Mysore, der in seinem Palast mehrere Lehrer beschäftigte, die sich um die körperliche und geistige Bildung einiger Jugendlicher zu kümmern hatten (unter anderem die Kinder des Maharadjas), und wurde engagiert, um die Jugendlichen in Yoga zu unterrichten. Yoga war deshalb von Interesse, weil es eben eine indische Tradition war, die im Rahmen nationalistischer Unabhängigkeitsbestrebungen interessant wurde. Und so begann Krishnamacharya mit seinen Schülern durch Indien zu touren, um Yogavorstellungen zu geben, die letztlich indische Männer dazu bringen sollten, sich durch Yoga fit für den Kampf gegen die Briten zu machen. Dabei wurde das Yogasystem, das Krishnamacharya vorstellte, von westlichen Fitnessdisziplinen durchaus beeinflusst. Eine Abfolge gymnastischer Übungen fließend aneinander zu reihen findet sich auch in Fitnessübungen dänischer Prägung, die in Indien zu der Zeit sehr populär waren.

Für Krishnamacharya hatte der fließende Übergang von einer Asana zur nächsten auch theatrale Gründe, weil es so leichter war, mehrere Übende dazu zu bringen, die Übungen synchron vorzuführen. Das, was im Ashtanga Yoga als besonders ursprünglich angesehen wird – das fließende Ausführen einer Asanasequenz – wurde so, laut Singleton, erst in den 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts entwickelt. Der Grund war, eine Form zu finden, die performancetauglich war, und die deshalb auch möglichst viele möglichst spektakuläre Asanas beinhalten sollte, so dass die Zuschauer hoffentlich die Reaktion hatten: das will ich auch können! Das Gewicht lag weniger auf einem gesundheitlichen Nutzen als darauf, eine möglichst spektakuläre Show bieten zu können. Dabei wurden die Asanas in drei Schwierigkeitsgrade eingeteilt: Beginner, Intermediate, Advanced, eine Einteilung, die Ashtanga Übenden bekannt vorkokmmen dürfte.

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Das zweite, was Krishnamacharya machte, war, Hatha Yoga mit der Yogasutra des Patanjali in Verbindung zu bringen. Patanjali war durch Vivekananda in Indien wieder salonfähig geworden, und so war es möglich, Hatha Yoga nicht nur als körperliche Disziplin der Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern auch – ob berechtigt oder nicht – mit einer indischen Denkschule zu verknüpfen die allgemein respektiert wurde. Ich nehme an, dass Krishnamacharya tatsächlich an Yogaphilosophie interessiert war, obwohl sein vielleicht bekanntester Schüler, BKS Iyengar, später erklärte, ihm gegenüber habe Krishnamacharya nie über Yogaphilosophie gesprochen, sondern es ging ausschließlich um knallhartes körperliches Training. Iyengar, von Krankheiten geplagt, hatte derweil seine eigene Agenda, auch wenn er wie Pathabi Jois Teil von Krishnamacharyas Yoga Performancegruppe war.

Was im Westen ankam, waren einerseits die körperlichen Ertüchtigungstechniken von Krishnamacharya (über Iyengar, Pathabi Jois, Indra Devi, Desikachar) und Bishnu Ghosh (Bikram), die wiederum auf das Meditationsyoga von Yogananda trafen. Das Problem war, dass beides Yoga hieß, also irgendwie miteinander verwandt sein musste, was möglicherweise die Verwirrung in der Yogakultur heute erklärt. Die Unterscheidung in Kriya Yoga (oder bei Vivekananda Raja Yoga) und Hatha Yoga, war vermutlich zu speziell und wird heute ja auch eher selten gemacht. Die mangelnde Differenzierung mag sich auch dadurch erklären, dass Hatha Yoga, zumindest theoretisch laut Hatha Yoga Pradipika, Raja Yoga als Ziel hat, aber die Yogaphilosophie hat zunächst mit dem Performanceaspekt einer ordentlichen Asanapraxis wenig zu tun und ist dafür auch nicht unbedingt notwendig.

Wie dem auch sei, der Performanceaspekt, der bereits in der Tradition des Hatha Yoga verwurzelt ist, lebt heute zweifellos in der Instagramm-Yoga und Youtube-Yoga Kultur fort. Ebenso kann man die von einigen Interessenverbänden kritisierte, mediale Darstellung von Yoga durch meist höchst attraktive, weibliche Yoginis darauf zurückführen. Damit Yoga als Performance ernsthaft funktioniert, ist es notwendig, dass die Asanas möglichst korrekt und spektakulär ausgeführt werden. Es ist sicher ein wichtiger Werbeaspekt für weibliche Yogakundinnen, mehr oder weniger ideale Frauen zu sehen, die unglaubliche Verrenkungen durchführen. Der Effekt, den Krishnamacharya durch seine Aufführungen bei indischen Männern erzeugen wollte – nämlich, dass sie anfangen, Yoga zu üben, tritt heute bei westlichen Frauen genau so ein. Männer sind beim Yogieren im Westen nach wie vor in der Minderheit.

Dabei fällt auf, dass Yoga bei Instagramm und Youtube fast schon zu einem eigenen Genre geworden ist. In einem Livekontext ist Yoga meist eher Übungs-Praxis. Der Yogaunterricht ist natürlich wie jeder Unterricht, eine Performancesituation, aber das ist mir an dem Punkt zu allgemein. Die Aufführungen von Krishnamacharyas Truppe waren in einem sehr engen Sinn Theateraufführungen. Die Yogapraxis heute ist eher Training, während die Performance dann über elektronische Medien stattfindet, und wie die Straßenyogis von Kalkutta, hoffen auch die Instagrammyogis und Youtubeyogis, ein bisschen Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, was manchen sogar ganz gut gelingt.

Die zeitgenössischen Yogaperformer sind zu einem sehr großen Teil auch Yogalehrer, und ich glaube, dass diese Verknüpfung von Performance und Unterricht an Yoga recht speziell ist. Die Performance auf Instagramm und auf Youtube ist letztlich, genauso wie die Performances von Krishnamacharya, Bishnu Ghosh oder Bikram, Werbung dafür, dass der Zuschauer dann bei dem Performer in die Lehre geht.

Ist das authentisch? Nun, diese Form von öffentlich aufgeführten Asanas ist zumindest im Einklang mit dem, was Krishnamacharya, Hatha Yogis und Bodybuilder aus Indien angestoßen haben. Die Motivation ist heute freilich eine andere, zum einen geht es um Geld, aber auch um Gesundheit, Fitness und so etwas wie geistige Fähigkeiten zur Konzentration, jedenfalls spielen nationalistische Mobilmachungsbestrebungen eher keine Rolle mehr (außer vielleicht neuerdings wieder in Indien). Gerade der Geldaspekt wird gelegentlich kritisiert, und ich selbst merke, dass ich das auch eher skeptisch betrachte. Andererseits ist es schwierig, eine Hathayogapraxis als Lehrer anzubieten oder als Schüler aufzunehmen, und die unangenehmen Begleiterscheinungen – Kommerzialisierung und Körperkult – dann von einem Yogananda Kriyayogastandpunkt aus zu kritisieren. Das heißt nicht, dass ich der Meinung bin, das aktuelle Kommerzchaos im Hathayogabusiness wäre nicht kritisierbar, sondern lediglich, dass ich die Argumentation, das habe „mit Yoga eigentlich nichts zu tun“, problematisch finde, denn, ob es einem gefällt oder nicht, das alles hat mit Yoga sehr viel zu tun.

 

Bikram Yoga Challenge

Mai 10, 2016

Eigentlich wollte ich ja ein paar Gedanken über „Yoga als Performance“ verfassen, aber als ich vorher eher nebenbei Anmerkungen über die 30 Tage Bikram Challenge sagen wollte, musste ich feststellen, dass diese Anmerkungen  länger gerieten als beabsichtigt. Also hier ein paar Worte zu oben genannter Challenge, die für mich vor einer guten Woche erfolgreich zu Ende ging. Challenge ist ein englisches Wort, das auf deutsch weniger knallig „Herausforderung“ heißt, bekannt in Bezug auf Duelle, Mutproben und ähnliches. Mittlerweile ist die Challenge ein ganz beliebtes youtube Format, wo man sehen kann, wie Leute smoothies (so eine Art trinkbares Pürrée) aus beispielsweise Sardellen, Schokolade, Erdbeereis und Corned Beef trinken, oder mit Gummibärchen, Salami und Smarties belegte Pizza essen.

Die Bikram Yoga Challenge ist weniger dekadent, und besteht einfach darin, 30 Bikram Hot Yoga Stunden in 30 Tagen zu absolvieren. Mit Stunde sind hier 90 Minuten gemeint.

Wenn man die Zeit hat, jeden Tag hin zu gehen, ist das, glaube ich, eine gute Sache, ich selbst war  allerdings im April fünf Tage nicht da und habe außerdem einen Tag verpasst, so dass ich an sechs Tagen so genannte „Doubles“ machen musste,  davon fielen vier auf die letzte Woche, ein Rhythmus, den ich für übergewichtige Raucher im Nachhinein eher ungeeignet finde. Die ersten zwei Tage der Double Woche gingen noch ganz gut, am dritten hatte ich dann Muskelkrämpfe, interessanterweise nicht während des Yogierens – ich nehme an, die Hitze verhindert das – sondern teilweise Stunden danach. Zwei Bikramstunden am Tag muss man eigentlich wie ein ordentlicher Sportler organisieren, also zusehen, dass man die nötigen Mineralstoffe, Magnesium und so weiter in ausreichender Menge zu sich nimmt, und das ist meine Sache nicht. Ich habe es dann trotzdem geschafft, aber zumindest die letzten drei Tage haben keinen besonderen Spaß gemacht, und ich kündigte schon mal vorsorglich an, vermutlich irgendeine der Stunden komplett in Savasana zu verbringen. Das habe ich dann natürlich nicht gemacht, aber Savasana war dennoch eine Haltung, die ich in den letzten Tagen der Challenge exzessiv geübt habe.

Savasana ist tatsächlich eine ziemlich komplizierte Haltung, weil vermutlich die einzige Yogahaltung, die komplett innerlich ist. Man liegt dabei einfach auf dem Boden. Bei Gelegenheit werde ich mehr dazu sagen, weil es an dieser Stelle nicht meine Absicht ist, Yogaasanas nach ihrem körperlichen und/oder esoterischem Gehalt zu untersuchen.

savasana

Savasana (Bild: solidglow.com)

Das Gute an Savasana ist, dass das Ganze körperlich nicht besonders herausfordernd ist, also auch machbar, wenn der Körper Bewegungen eher nicht mehr ausführen will.

Trotzdem möchte ich behaupten, dass ich schon aus einem gewissen Sportsgeist heraus, die Stunden doch immer so gut mitgemacht habe, wie ich konnte, wozu für mich auch gehört, mir die Kraft einigermaßen so einzuteilen, dass ich nach sechzig Minuten nicht komplett kollabiere.

Natürlich hatte ich gehofft, durch diese Challenge mindestens zehn Kilo abzunehmen, das ist nicht passiert, viel mehr als drei Kilo Gewichtsverlust sollte man wohl vor allem am Anfang nicht erwarten, mutmaßlich, weil auch Muskeln aufgebaut werden – wodurch Gewicht zugelegt wird, zumindest rede ich mir das der Einfachheit halber mal ein.

Die turnerischen Fortschritte sind bisweilen beeindruckender. So habe ich heute (eine Woche nach Ende der Challenge) es zum ersten mal geschafft, in der gefürchteten Kopf-auf-Knie Position (Janushirasana) das ausgestreckte Bein einmal über die gesamte geforderte Zeit von 60 Sekunden ausgestreckt zu halten, während ich normalerweise nach zehn, an guten Tagen zwanzig Sekunden, aus der Haltung rausploppe. Aber in der ersten Bikramstunde hatte ich schon Mühe, überhaupt meinen Fuß zu fassen zu kriegen, geschweige denn, das Bein dann zu strecken. Über kurz oder lang wird sich vermutlich sogar mal der Kopf dann zum Knie bewegen.

Standing-Head-to-Knee-Pose_2

Also bei mir ist das weniger elegant, aber von der Idee her ähnlich. Am Ende  soll das so aussehen:

Standing-Head-to-Knee-Pose_4

Am Anfang bleibt man in der Regel in der Vorbereitung stehen:

Standing-Head-to-Knee-Pose_1

(Bilder sind von Bikramyoga Vancouver)

Beim stehenden Bogen gelingt es mit mittlerweile auch ganz gut, den Fuß zu fassen zu kriegen, allerdings bin ich noch weit davon entfernt, im Spiegel sehen zu können, wie der Fuß dann hinter meinem Kopf zum Vorschein kommt.

„Der stehende Bogen“ (Dhanurasana) heißt in anderen Yogaarten auch gelegentlich „Natarajasana“, der Tänzer, eigentlich „Herr des Tanzes“ oder „Lord of the dance“. Der Titel bezieht sich hier nicht auf den berühmten irischen Tänzer Michael Flatley, sondern auf den indischen Gott Shiva, der den erwähnten Tanz aufführt, um das langweilig gewordenen Universum zu zerstören. Aber wie gesagt, ist es hier nicht meine Absicht, auf die einzelnen Yogapositionen weiter einzugehen. Hier reicht es zusagen: Dhanursasana gelingt mir immer noch sehr schlecht, aber viel besser als zu Beginn.

standingbow courtney mace

Foto: yoga-usa, glaube ich. Courtney Mace ist die Ausführende. Leider habe ich kein Bild von jemandem gefunden, der die Position auch nur annähernd so krumpelig ausführt wie ich, also dachte ich, ich nehme eins, in der das ganze extrem gut geturnt wird. Natürlich ist mein Oberkörper, wenn ich das versuche, nicht parallel zum Boden und selbstverständlich ist das gehobene Bein nicht getreckt und der Fuß relativ niedrig (also unterhalb des Kopfes, trotz relativ aufrechtem Oberkörper).

Der eigentliche Witz beim Bikramyoga – dass das ganze bei knapp vierzig Grad praktiziert wird – hat Vor und Nachteile. Ich finde es gut, den Raum warm zu halten, finde aber knapp über 30 Grad würden es auch tun. So ist es doch häufig so, dass meine Muskeln nach einiger Zeit keine Lust mehr haben, sich irgendwie zu engagieren, was mich gelegentlich etwas nervt. Manchmal will ich eine Übung beginnen, merke dann aber, dass das keinen Zweck hat. Ich persönlich bin ja der Ansicht, wenn man eine Übung ausführt, sollte man sie so gut ausführen, wie man kann, und sich nicht lasch alibimäßig hineinbegeben, und sobald ich merke, dass das gerade passiert, ist für mich die Zeit für den „japanischen Fersensitz“, wahlweise Savasana, gekommen, bis ich wieder einigermaßen bei Kräften bin. Der Kampf mit der Hitze zieht tendenziell Energie ab, die man eigentlich lieber für die Übungen hätte. Aber es gibt ja viele Leute, die das toll finden, ich für meinen Teil nehme es eher in Kauf, weil ich  die Übungssequenz ausgesprochen sinnig und hilfreich finde.

Man hört ja zu den 40 Grad gelegentlich, dass der Körper dadurch viel dehnbarer sei als sonst, aber ehrlich gesagt, die sagenhafte, erhöhte Dehnbarkeit fällt dann doch sehr gering aus, ich würde sogar behaupten, dass man nach zwanzig Minuten Sonnengrüßen mindestens genauso gut aufgewärmt und eher dehnbarer ist.

Zudem sind die Übungen am Anfang der Bikram Sequenz eigentlich zum Aufwärmen gedacht. In einem kühlen Raum wären sie nicht ausreichend, aber bei etwas über dreißig Grad schon. Aber egal, es ist nun mal so, wie es ist, und die Hitze ist natürlich Teil der „Challenge“. Für mich ist sie, muss ich zugeben, ein willkommener Vorwand, bei den Übungen leise vor mich hinzufluchen, zu ächzen und zu stöhnen. Ich finde, Yoga funktioniert irgendwie besser, wenn man dabei ab und zu „Scheiße“ oder für Anhänger englischer Einsilber „Fuck“ oder „Shit“ in seinen Bart murmelt – natürlich nur, wenn man dabei nicht vergisst, langsam und gleichmäßig durch die Nase zu atmen.

Der Atem ist dabei ein Aspekt, den man in der Hitze fast gezwungenermaßen schult. Die Erfahrung lehrt sehr rasch, dass man dem Körper irgendwie suggerieren kann, dass gerade alles ganz entspannt ist, wenn man sich dazu zwingt, entspannt zu atmen – und wenn der Atem außer Kontrolle gerät, lohnt es sich, eine Übung auszusetzen (Stehen, japanischer Fersensitz oder Savasana und gegen Ende der Stunde ungeordnetes kollabiertes Rumhängen), um das System per Atmung wieder zu beruhigen. Ich muss auch gestehen, dass ich es mir als dickleibiger Yogi gelegentlich erlaube, mir ein paar Übungen von schwangeren Mityoginis abzuschauen, die beispielsweise Bauchkompressionen unterlassen. Man muss dabei bedenken, dass viele Übungen eben für Leute, die dick, alt und unbeweglich sind, anstrengender sind als für jüngere, idealgwichtige Teilnehmer, zumindest vermute ich das. Anweisungen, die man nicht nur im Bikramyoga, sondern in eigentlich allen Asana orientierten Yogaformen zu hören bekommt, wie: „zieht den Bauchnabel an eure Wirbelsäule“, sind für Übergewichtige eher theoretisch, und man notiert sich das dann mal für die Zukunft, wenn man wieder schlank und in der Form seines Lebens ist. Ich vermute aber, dafür muss man – je nach Ausgangsverfassung – noch ein bis zwei Bikram Challenges drauf packen.

Abschließend lässt sich sagen, dass mir Bikram Yoga insgesamt ausgesprochen gut gefällt. Die Atmosphäre ist meistens entspannt und niemand lässt einen Zweifel daran, dass man da ist, um sich 90 Minuten lang zu quälen (nicht um besonders tolle spirituelle Erlebnisse zu haben). Allerdings werde ich wohl versuchen, aus der Bikramserie eine Art Home-Training für mich zu entwickeln, ein bisschen Ashtanga inspiriert, um das auch dann machen zu können, wenn ich keine Zeit habe, ins Studio zu gehen, und um zu überprüfen, wie gut man die Serie unter normalen Bedingungen machen kann, also ohne erhöhte Raumtemperatur.

Körperlich fühle ich mich nach der Challenge schon fitter, und gelegentlich kommt man auch bei entsprechender Konzentration in angenehm meditative Zustände. Allerdings muss ich sagen, dass Yoga im allgemeinen ja gerne mit Heilsversprechungen antritt, die oft ein bisschen übertrieben sind. Ja, sicher, jemand der jeden Tag drei Stunden lang Ashtanga Vinyasa Yoga trainiert, wird sicher signifikante Veränderungen in seinem Leben bemerken, jemand der jeden Tag Ballett, Modern Dance, Pilates oder Feldenkrais macht, wird vermutlich einen ähnlichen Effekt haben. Inwieweit die Heilsversprechungen von Bikram Yoga berechtigt sind, lässt sich derweil nach einer 30 Tage Challenge noch nicht sagen. Dafür ist wohl weiteres Training notwendig, dann wird sich zeigen, ob man als übergewichtiger, den ganzen Tag am Tisch sitzender Raucher in die Bikrammaschine einsteigen kann, und irgendwann als topfitter, nichtrauchender, gesundheitsbewusster Schlangenmensch wieder rauskommt.

 

Warum Yoga?

April 13, 2016

Nach ungefähr zwei Jahren relativer, körperlicher Untätigkeit aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen, habe ich beschlossen mich wieder der physischen Ertüchtigung zuzuwenden, und irgendwie bin ich bei Yoga gelandet.

Yoga begleitet mich als seltsames Hintergrundrauschen schon eine Weile, wobei ich eigentlich von Yoga als „spirituelle Wissenschaft“ gekommen bin. Die ersten Yoga Texte, die ich gelesen habe, waren Vivekanandas „Raja Yoga“ und Aleister Crowleys „Eight lectures on Yoga“. Beide haben mit dem Hatha Yoga, das heute im allgemeinen gemeint ist, wenn Leute von Yoga sprechen, nicht viel zu tun. Während Crowley sich diesbezüglich zurück hält, macht Vivekananda keinen Hehl daraus, dass er Hatha Yoga grundsätzlich ziemlich eklig findet. Das hat anscheinend geschichtliche und kulturelle Gründe, und als ich anfing, mich damit zu befassen – vor ungefähr 15 Jahren -, gab es, glaube ich, die Bücher noch gar nicht, die diesen seltsamen Widerspruch unter die Lupe nahmen (also z.B. Singleton: Yoga Body), oder wenn es sie schon gab, kannte ich sie nicht.

Wenn man jedenfalls aus der spirituellen Ecke kommt, ist man etwas irritiert, sobald man dann zum Iyengar Yoga, Ashtanga Yoga, Jivamukti Yoga oder Sonstwas Yoga geht, weil man es da doch vor allem mit Turnstunden zu tun hat, die mit sehr kleinen Prisen Spiritualität garniert sind – das heißt, es wird vorher ein bis dreimal „OM“ gesagt, gelegentlich gibt es kleine Geleitworte, die sich in der Regel auf Patanjali beziehen, die also versuchen, irgendwie eine Versöhnung zwischen Hatha Yoga und Patanjali/Vivekananda herzustellen; aber: im Rahmen einer asanazentrierten Praxis, bei der sich Vivekananda die Zehennägel hochgerollt hätten.

Vivekananda ist philosophisch, wissenschaftlich, mystisch orientiert, Hatha Yoga ist vor allem und zuerst eine oft sehr sinnvoll organisierte Körperpraxis, deren Ziel die Wiederherstellung oder der Erhalt von körperlicher Gesundheit ist. Nicht mehr und nicht weniger (zumindest traditionell, ich verlasse mich hier auf Singleton und Vivekananda). Ich nehme an, dass Hatha Yoga sich deshalb ganz gut in unsere westliche Fitnesslandschaft einfügt. Und wenn man ein bisschen auf sich aufpasst und Glück mit den Lehrern hat, hat man sogar ganz gute Chancen, dabei verletzungsfrei zu gesundheitsförderlichen Effekten zu kommen.

Gegenüber Tanzunterricht hat Hatha Yoga einige Vor- und einige Nachteile.
Die Vorteile sind, dass es außerhalb von Ballett schwierig ist, im Tanzunterricht eine kontinuierliche Übungspraxis zu etablieren. Oft hat man es mit Workshops zu tun, die sehr interessant und aufschlussreich sind, aber es ist, gerade wenn man kein Profitänzer ist, schwer, das dort Gelernte weiter zu vertiefen und zu erforschen. Wenn man beispielsweise zeitgenössischen oder modernen Tanz lernen will, wird man sich normalerweise an einen bestimmten Lehrer halten müssen, wenn man Wert auf Kontinuität legt, weil es wahrscheinlich ist, dass andere Lehrer teilweise erheblich anders unterrichten. Für einen untrainierten Körper stiftet das dann eher Verwirrung, statt dass man in seinem Bewegungsrepertoire flexibler wird – was vermutlich für Tänzer, die in einer oder mehreren Techniken bereits fit sind, eher der Fall ist. Beim Yoga, ähnlich wie Ballett mit einem überschaubaren Bewegungsvokabular ausgestattet, ist es sehr viel leichter, fortgesetzt eine Form zu üben.

Der Nachteil von Yoga besteht eben in jener etwas irritierenden Alibispiritualität, die mir oft ein bisschen behauptet vorkommt. Das ist bestimmt alles ehrlich gemeint, aber mir erscheint das Spirituelle im Hatha Yoga oft wie ein Fremdkörper in einer an sich körperlichen Praxis. In der Beziehung scheint mir der Ansatz am besten zu sein, dass die körperliche Praxis selbst unter Umständen für Leute, die daran interessiert sind, eine Tür zur Spiritualität öffnet. Etwas in der Art habe ich von einer sehr guten Ashtangalehrerin (ehemalige Tänzerin) gehört, die meinte, dass die Praxis irgendwann zwangsläufig spirituell wird (sprich: man das aber nicht unbedingt übers Knie brechen muss), und wenn ich BKS Iyengars Beschwerden darüber, dass seine Yogamethode gelegentlich als „zu körperlich“ abgetan wird, richtig verstehe, dann meinte er wohl etwas ähnliches.

Tanz scheint mir in diesem Punkt klarer zu sein. Die meditativen Anforderungen für einige Techniken – Visualisierung im Butoh oder bei Skinner Releasing Technique, Achtsamkeitsübungen in der Tanzimprovisation bzw. Contact Improvisation und so weiter – sind tatsächlich größer als beim Hatha Yoga, es wird aber nicht so ein großer Wind darum gemacht, sondern das ist eben einfach Teil der Technik. Dass das unter Umständen zu Erkenntnissen führt, die eher im Bereich der Metaphysik anzusiedeln sind, ist dann ein Effekt, der eben dazu gehört, aber nicht von der körperlichen Bewegung selbst getrennt ist.

Der Pragmatismus, mit dem man im Tanz an das Thema rangeht, findet sich im Yoga nicht so oft. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass es im Tanz ganz bodenständig darum geht, eine bestimmte Technik auf ihre Tauglichkeit für die Bühnenperformance zu prüfen. Entweder es funktioniert, oder es funktioniert nicht.
Die Sinnhaftigkeit einer Yogahaltung in Frage zu stellen, scheint derweil im Yoga eher ein Tabu zu sein. So wird gemeinhin angenommen, dass es grundsätzlich gut für einen ist, einen Kopfstand ausführen zu können, obwohl es sehr wohl Leute gibt, die davon aus gesundheitlichen Gründen Abstand nehmen sollten. Das gleiche gilt sicher für viele andere Asanas auch. Man wird im Yogaunterricht gelegentlich zwar aufgefordert, auf seinen Körper zu hören, gleichzeitig ist man aber angehalten, Asanas auszuführen, die dem aktuellen körperlichen Zustand nicht entsprechen und an dem Punkt der Praxis auch nicht unbedingt gesund sind. Die Diskussion über Verletzungen durch Yoga kam aber erst in den letzten Jahren auf.

Spirituelle und meditative, sowie ethische Prinzipien werden in Yoga Klassen wenn überhaupt in Wortbeiträgen referiert. Ich will nicht ausschließen, dass einen das tatsächlich dazu inspirieren kann, einige dieser Grundsätze in das eigene Leben zu integrieren, aber es wirkt gelegentlich so, als hätte man es beim Spirituellen im Yoga mit dem Theorieteil zu tun, während die eigentliche Praxis eben eher Turnübungen sind. Im Tanzunterricht geht es gelegentlich um ethische Überlegungen, die aber praxisorientiert sind – sagen wir, wenn es um körperintensive Partnerarbeit geht, spielen Fragen wie Grenzüberschreitungen und Grenzen setzen eine Rolle – wenn man die eigenen Grenzen und die des Partners nicht kennt und in den Tanz mit einbezieht, kann man schlichtweg nicht miteinander tanzen. Man kann aber sehr wohl Yogaasanas üben, ohne dass einen ethisch problematische Ansichten dabei in irgendeiner Form behindern.

Die geistige Disziplin im Tanz hat in der Regel das Ziel, eine spezifische „Bühnenpräsenz“ zu erzeugen, und das ist ein Zustand, der mit Meditation, Aufmerksamkeit, Konzentration mehr zu tun hat als mit der Bewegung selbst. Die Bewegung wird dann gewissermaßen mit einer Form geistiger Energie aufgeladen. Yogaschüler würden das wohl „Prana“ nennen, Taoisten „Chi“ und Anhänger tibetanischer Spiritualität „Lung“. Ich bin aber sicher, dass es noch viele andere Worte dafür gibt. Wir sagen „Präsenz“, ein Begriff, der wesentlich unklarer definiert ist als die fern- und nahöstlichen Gegenstücke aus der Esoterik. „Präsenz“ bedeutet möglicherweise, eben ganz bei dem zu sein, was man gerade tut, sich nicht in die Vergangenheit oder Zukunft zu denken, sondern, den gegenwärtigen Moment mit allem zu füllen, was einem zur Verfügung steht und den Erfordernissen angemessen ist. Für eine gute Yogapraxis ist Präsenz nebenbei bemerkt genauso sinnvoll wie für eine gute Tanzpraxis.

Nun ist es nicht nötig, Tanz und Yoga gegeneinander auszuspielen, und ich verallgemeinere hier sehr, um ein paar Grundtendenzen klarer zu kriegen, und mein Unbehagen über einige Yogastile etwas genauer fassen zu können.

Wie dem auch sei, die beschriebenen Gründe führten dazu, dass ich mich lange nicht auf eine kontinuierliche Yogapraxis, abgesehen von einigen Sonnengrüßen zu Hause, einlassen konnte. Warum also jetzt? Nun, nach einer Phase der Untätigkeit und zunehmenden Verfettung, bin ich auf die Fitness und Wellnessflatrate somuchmore gestoßen und freute mich, weil da alle Tanzstudios, die ich jemals besucht habe, mitmachten, außerdem kann man Feldenkrais machen und eben sehr viel Yoga (und diverse andere Dinge, wie z.B. EMS Training, Kampfsport etc) und das nicht nur in Berlin, sondern auch in München oder Stuttgart.

Der größte Wettbewerbsvorteil von Yoga gegenüber Tanz ist, dass man Yoga praktisch immer praktizieren kann. Irgendein Yogastudio in der Nähe wird schon einen Kurs anbieten, der einem in den Zeitplan passt und das sogar am Wochenende. Und so machte ich mich auf den Weg in ein Bikramyoga Studio. Manche Bikramyogastudios heißen mittlerweile „Hot Yoga“, weil Herr Bikram Choudhury, der Namensgeber dieser Yogaart, etwas verhaltensauffällig geworden ist (am besten googelt man das selbst, weil man gar nicht weiß, wo man da mit Verlinkungen anfangen soll. „Bikram & Rape“ oder „Bikram & Trials“ sind ergiebige Suchbegriffe). Aber wenn man annimmt, dass Hatha Yoga eigentlich keinerlei moralische und/oder ethische Bildung beinhaltet, schien mir das erstmal nichts über die Wirksamkeit und Nützlichkeit der Methode auszusagen.

Davon abgesehen, wirbt Bikram Yoga damit, dass jeder es praktizieren kann, egal, wie dick, alt, oder krank man ist, solange man es ins Studio schafft. Dort hat man es mit einem Raum zu tun, der auf knapp 40 Grad aufgeheizt ist und mit einer Sequenz von Asanas, die immer auf die gleiche Weise geübt wird. Wenn man eine Übung nicht ausführen kann, gibt es (fast) immer vorbereitende Übungen, die einen über kurz oder lang zum Ziel bringen und die tatsächlich für jedermann machbar sind.

Vor den 40 Grad hatte ich natürlich Respekt, aber die immer gleiche Asanaabfolge kommt der Art, wie ich Bewegungen lerne (eben durch Wiederholung) sehr entgegen. Da ich außerdem schon bei der geringsten körperlichen Anstrengung Schweißausbrüche bekomme, fühle ich mich in eine Umfeld, in dem jeder schwitzt, als gäbe es kein Morgen, recht gut aufgehoben. Die Lehrer sind eher pragmatisch als guruartig (was aber auch außerhalb von Bikramyoga meistens der Fall ist), was ich gut finde, und es gibt sogar Spiegel, wodurch man die eigene Haltung wie im Ballettunterricht korrigieren, und überprüfen kann, ob der Bauch mittlerweile etwas kleiner geworden ist.

Wer mehr darüber wissen will, sei an das hervorragende Buch „Hell-bent“ von Benjamin Lorr verwiesen, in dem der Autor zwar nicht mit Kritik an Herrn Choudhury spart, aber auch keinen Hehl daraus macht, dass die Yogaart selbst gut funktioniert. Und da eben auch für unfitte, übergewichtige Leute geeignet, ist das die Form von Yoga, die ich gerade praktiziere. Mittlerweile habe ich mich auch etwas besser an das tropische Klima in den Räumlichkeiten gewöhnt, und bemerke langsame, aber kontinuierliche Fortschritte beim Ausführen der Übungen. Es wird sich zeigen, was dabei heraus kommt. Um Spiritualität geht es bei Bikram Yoga nur auf sehr subtile Weise, so wird einem gelegentlich empfohlen, den Unterricht als eine Körpermeditation zu nutzen, was auch gut funktioniert, wenn man sich darauf einlassen will und was außerdem sinnvoll ist, um die eigenen körperlichen Grenzen auf dem Schirm zu haben und gegebenenfalls Pausen einzulegen (was einem in der ersten Stunde ausdrücklich empfohlen wird und natürlich auch für nachfolgende Sitzungen gilt).

Aber ansonsten liegt der Fokus auf dem Erlernen der Asanareihe, die Übungen bauen sinnvoll aufeinander auf, die Umrahmung mit Pranayama Übungen hat tatsächlich übungsrelevante Gründe (am Anfang: den Körper von innen aufzuwärmen, am Ende, den Körper wieder runter zu kühlen), und es wird nicht einmal „om“ gesagt – allerdings ist es üblich, den Lehrer am Ende, wenn man bereits halb ohnmächtig im Savasana rumlümmelt, mit einem „Namaste“ zu verabschieden. Ich nehme an, die spirituelle Komponente stellt sich von allein ein, wenn die Zeit dafür gekommen ist… Und wenn nicht, kann ich mich ja auch mal wieder auf mein gutes, altes Meditationskissen setzen.

Das Thema ist damit natürlich nicht erschöpft. Fragen über Fragen: Wenn Hatha Yoga anscheinend historisch nichts mit Spiritualität zu tun hat, wie kommt es, dass es wohl das Bedürfnis gibt, den geistig spirituellen Aspekt körperlicher Arbeit doch mehr einzubinden, als – sagen wir – beim Fußball? Was hat das mit den Gurus auf sich (und warum scheitern viele, die Guru als Beruf gewählt haben, an den Anforderungen)? Was sind die gesundheitlichen Effekte? Ist es wirklich leichter, Yoga zu praktizieren, wenn man auf vegane Ernährung umsteigt? Und so weiter, und so weiter…