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Staatsballett Berlin – La Esmeralda

April 11, 2011

Meine Zuschauererfahrungen mit klassischem Ballett beschränkten sich bis Samstag darauf, dass ich einmal Schwanensee auf DVD gesehen und mich dabei kolossal gelangweilt habe. Natürlich ist mir klar, dass man, wenn man sich für Tanz zu interessieren beginnt, klassisches Ballett kennen muss und so habe ich im Spielplan des Staatsballets gesucht und „La Esmeralda“ gefunden, ein mittlerweile selten gespieltes Ballett mit Musik von Cesare Pugni und im wesentlichen in der Choreographie von Marius Petipa.

Meine Eintrittskarte habe ich nicht richtig gelesen, beim Stichwort „Bismarckstraße“ latsche ich erstmal zielsicher zum Schillertheater und wundere mich, dass ich anscheinend der einzige Zuschauer bin. Irgendwie habe ich verpasst, dass das Staatsballett in die Deutsche Oper umgezogen ist. Meine Unart lieber zu früh als zu spät dran zu sein hilft mir hier zur Abwechslung mal weiter, die Oper ist zu Fuß fünf Minuten vom Schillertheater entfernt und als ich ankomme, hat die Vorstellung noch nicht begonnen.

Das Gebäude der Oper ist von ausgesuchter Hässlichkeit, Ende der 50er Jahre neu gebaut, als man ja einen irgendwie komischen Geschmack hatte, was Architektur betrifft. Der Zuschauerraum mit Holzvertäfelungen, die, obwohl im Westen, einen seltsamen Ostcharme ausstrahlen. Schön, dass das Staatsballett jetzt ein Zuhause hat, nicht so schön, dass es die deutsche Oper ist. Aber vielleicht gewöhne ich mich daran und vielleicht habe ich auch viele Dinge, die an dem Gebäude total super sind, übersehen.

Ich sitze irgendwo rechts, relativ weit vorne und wundere mich mal wieder über die Dämlichkeit klassischer Guckkastenbühnen, die aus irgendeinem Grund so konstruiert sind, dass man nur dann gut sieht, wenn man möglichst mittig sitzt. Im Schillertheater habe ich von Caravaggio mal nur die Hälfte mitbekommen, weil ich ganz außen saß und in meiner Blickachse dieser Guckkastenrahmen war, was einem das Theaterereignis ziemlich vergällt, weil man eigentlich die ganze Zeit nach vorn laufen und die blöde Konstruktion wegräumen will. Warum das die Theaterleute nicht von sich aus machen, weiß ich nicht, vielleicht weil man, wenn man auf der Bühne steht, das Problem nicht hat.

Was ich vor der Aufführung weiß: Bei La Esmeralda handelt es sich  um ein romantisches Handlungsballett nach „Der Glöckner von Notre Dame“, die gezeigte Aufführung ist eine Rekonstruktion der Version von Marius Petipa, die wiederum eine Rekonstruktion einer noch früheren Version war etc.

Über den Sinn derartiger Aufführungen kann man natürlich streiten. Was man nicht zu erwarten hat, ist irgendetwas Zeitgemäßes. Das Spektakelballett von Petipa (mit einer lebenden Ziege auf der Bühne!!!) wirkt heute natürlich nicht mehr so spektakulär und wurde, wenn man so will, eher vom Friedrichsstadtpalast und dem Cirque de Soleil weiter entwickelt als vom klassischen Ballett.

Ich bin an dem Abend da, weil ich genau dieses Altbackene und eben nicht Zeitgemäße sehen will. Ballett hat ja ein Problem damit, dass die Ballettgeschichte nicht wirklich dokumentiert ist. Während sich Musik durch Noten gut rekonstruieren lässt und Sprechtheater in der Regel irgendwie aufgeschrieben ist, ist die Tanznotation doch eher eine Disziplin für Spezialisten, im großen und ganzen schwierig und im neunzehnten Jahrhundert im Grunde nicht existent. Die Überlieferung erfolgt wohl oft genug darüber, dass man schlichtweg die Choreographie einfach über hundert Jahre immer weiter aufführt, was naturgemäß Verfälschungen mit sich bringt, ein paar Sachen werden vergessen, ein paar andere dem Zeitgeist angepasst etc.

Was man also sieht ist nicht wirklich die Choreographie von Petipa, sondern eine Version davon, wie er das ganze vielleicht choreographiert haben könnte.

Meine Erwartungen werden im Großen und Ganzen erfüllt. Das Bühnenbild besteht aus aufwändig gemalten Kulissen, Quasimode humpelt als buckliger Freak mit debilem Gesichtsausdruck über die Bühne, das Pariser Prekariat säuft, stiehlt und hurt rum und das alles wird einem in erstaunlich platten pantomimischen Tänzen nahe gebracht. Handlungsballett hat in dieser Form eine gewisse Nähe zum Bauerntheater, was eine seltsame Diskrepanz im Ausdruck mit sich bringt. Die Gesten sind übertrieben plakativ und für jeden verständlich, einem Tex Avery Cartoon nicht unähnlich. Interpretationsspielräume werden so eng wie möglich gehalten. Gleichzeitig ist Ballett an sich ja doch im Ausdruck eher subtil und abstrakt. Man kann nicht so ohne weiteres sagen, was ein Tendu, ein Plié oder irgendeine andere Bewegung „bedeutet“. Es ist schwer zu entscheiden, ob eine Bewegung überhaupt eine Bedeutung hat. In den besten Momenten entsteht etwas, was sich eben nicht sagen lässt, durch einen Fluss von Bewegungen stellt sich nicht so sehr Bedeutung ein, sondern ein Gefühl, irgendwie diffus und für jeden anders, vielleicht zu beschreiben, aber nicht festzunageln.

Im Handlungsballett ist das anders: Es wird klar gemacht, was lustig sein soll und was tragisch, was arrogant und was warmherzig. Der Zuschauer wird knallhart in das hineinmanipuliert, was er jetzt laut Choreograph zu empfinden hat und sobald man sich der Manipulation verweigert hat man einen ziemlich unschönen Abend, weil das was auf der Bühne passiert weitgehend an einem vorbeigeht. Natürlich kann man sich auf die Tanztechnik konzentrieren und die Handlung auf der Bühne ignorieren, aber das ist dann doch eine eher akademische Beschäftigung. Also lässt man sich besser darauf ein. Zeitgenössischere Tanzformen haben meistens für jeden Zuschauer eine eigene Tür, durch die er hineinkommen kann, man schaut zu und findet irgendwas, was einen berührt und es ist völlig egal, ob andere im Zuschauerraum durch die gleiche Tür eintreten. Das ist eine eher private und intime Angelegenheit. Bei „La Esmeralda“ (ich unterstelle, dass das bei den meisten Handlungsballetten so ist), muss man sehr lange suchen, um so etwas zu finden. Die einzige Möglichkeit, die einem bleibt, sind eigentlich die Tänzer selbst, die, da Menschen, ein Geheimnis auf die Bühne bringen, ob der Choreograph es will oder nicht.

Vor der Pause sind das dann erstmal Rainer Krenstetter als Dichter und Iana Salenko als Esmeralda. Krenstetter hat offensichtlich Spaß als eher körperferner Schöngeist Pierre Gringoire, der sich von Esmeralda beibringen lässt, wie man tanzt und vorher allerlei Ballettparodien aufs Parkett bringen darf. Es ist schwer, den Kerl nicht zu mögen, was dramaturgisch das Problem mit sich bringt, dass man es eigentlich besser fände, wenn er das Mädel am Ende kriegt statt Traumprinz Phoebus (Mikhail Kaniskin).

Frau Salenko schafft es derweil ganz gut, sich als Telenovelaheldin zu etablieren und dann geht es in die Pause.

Hinter der Bühne erleidet Beatrice Knop ungefähr zu der Zeit beim Warmtanzen einen Muskelfaserriss, worüber die Zuschauer vor Beginn des zweiten Teils in Kenntnis gesetzt werden. Die Rolle der Fleur de Lys wird von Elena Pris übernommen. Das bringt weitere Umbesetzungen mit sich: Anastasia Kurkova übernimmt den Part von Elena Pris und Sarah Mestrovic springt für Anastasia Kurkova ein, obwohl sie sich das ganze eigentlich nur anschauen wollte. Sowas nennt man Einsatz. Respekt. Ich hoffe derweil, dass Frau Knop rasch wieder gesund wird, einerseits weil es sich gehört, das zu hoffen, andererseits, weil ich eine Karte für Schneewittchen (wer auch hinwill, klickt hier) Ende April habe und es schon gut fände, wenn sie da tanzt.

Jemand hat mir mal gesagt, dass im Ballett das Schwere tendenziell am Anfang kommt, weil die Tänzer mit der Zeit müde werden. Bei „la Esmeralda“ ist das deutlich nicht so. Was auch immer man über den ersten Teil des Abends sagen kann, übermäßig spektakulären Tanz hat man nicht gesehen. Das ändert sich nach der Pause.

Es beginnt in einem hübschen schlossartigen Raum, wo besagte Fleur de Lys eine Party abhält. Elena Pris hat ihren großen Auftritt und tanzt ein Solo mit einer Vielzahl aneinandergereihter Pirouetten, was ja immer großen Eindruck macht. Als die Zuschauer nach der sechsten oder siebten Pirouette anfangen zu klatschen, kommt es mir so vor, als würde sie kurz aus dem Konzept gebracht, das passiert aber nicht. Jedenfalls weiß man jetzt ungefähr, was auf einen zukommt.

Es ist denkbar, dass sich an diesem Punkt der Zeitgeschmack etwas geändert hat. In dem hübschen Buch „Apollo’s Angels“ ist zu lesen, dass die berühmten 32 Pirouetten der Odile in Schwanensee von Petipa erdacht wurden, um zu zeigen, dass es sich bei Odile um ein äußerst böses, dekadentes Geschöpf handelt, das Angebertänze aufführt. Petipa muss wohl eine recht klare Vorstellung davon gehabt haben, wie „schönes“ Ballett auszusehen hat und böse Figuren mussten deshalb gern Dinge tanzen, die Petipa irgendwie geschmacklos fand, wie eben Pirouetten, Sprünge und ähnliches. Die 32 Fouetté en tournant (hab gerade nachgeschaut, wie die genaue Bezeichnung des Schwanenseewahnsinns ist), sind ein extremes Beispiel, in „La Esmeralda“ geht es aber um das gleiche Prinzip in etwas milderer Form. Das Problem ist, dass die Zuschauer Petipa in dieser Haltung eher nicht folgen und das spektakuläre Herausstellen akrobatischer Sprünge und Pirouetten toll finden. In Petipas Ballett gewinnt für den Zuschauer in der Regel der Antagonist, auch wenn Petipa selbst das anders gesehen haben mag. Aber die Charakterisierung der Figuren funktioniert über die unterschiedliche Tanztechnik besser als ich erwartet hätte. Fleur de Lys ist nicht unbedingt unsympathisch, aber irgendwie merkt man, dass sie es mag, sich zu produzieren und das liegt nicht an Elena Pris, sondern an den Pirouetten.

Dem folgend, muss Petipa Spitzentanz für eine besondere Spezialität sympathischer Figuren gehalten haben, denn Iana Salenko misst die Bühne wiederholt auf Spitze trippelnd mehr oder weniger vollständig ab. Es beruhigt beim Zuschauen, dass Frau Salenko eine kleine, zierliche Person ist, so dass sie nicht übermäßig viel Gewicht auf ihre Zehenspitzen bringen muss, nichtsdestotrotz wird sie nach der Aufführung wohl die besondere Betreuung eines Fußpflegers brauchen, um ihre Füße wieder in einen lauffähigen Zustand zu bringen. Dazu kommen auf Spitze gehaltene Arabesken (oder es ist eine Attitude, bin da gerade nicht sicher, jedenfalls steht sie auf einem Bein auf Spitze und das andere geht nach hinten, bei der Arabeske gestreckt, bei der Attitude angewinkelt, wenn ich richtig informiert bin).  Margot Fonteyn hat sowas in Dornröschen auch gern ohne Balanceunterstützung ihrer männlichen Partner gemacht (um anzugeben, nebenbei bemerkt). Ganz so eitel ist Frau Salenko dankenswerterweise nicht, Rainer Krenstetter lässt sie, soweit ich es bemerkt habe, nur einmal relativ kurz los.

Es ist eins der Probleme des klassischen Balletts, dass es doch oft darum geht, bestimmte „Kunststücke“ um ihrer selbst willen zu zeigen. Nicht, dass ich kein Verständnis dafür hätte, die Tänzer und Tänzerinnen arbeiten hart daran, diese Dinge hinzubekommen, aber in schlechten Momenten artet das Ganze in eine Art Nummernrevue aus und wird der Zirkus des Bildungsbürgertums, jemand tanzt etwas Spektakuläres und verbeugt sich dann während des Stückes zum Applaus des Publikums. Ich schau mir das dann auch gern an und bin beeindruckt, aber besonders gutes Ballett ist das nicht. Mir gefällt es besser, wenn das aufgeführte Stück wichtiger ist als die Fähigkeiten der Tänzer, wenn man die Kunst der Tänzer nutzt, um etwas Größeres herzustellen, statt nur eine Abfolge von Kabinettstückchen zu zeigen. La Esmeralda krankt daran in den schwächeren Momenten. Das ist natürlich auch Geschmackssache und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bei „Oz“, was meinen gerade geschilderten Kriterien eher entspricht, ein bisschen bedauert habe, dass Polina Semionova nicht mehr von dem zeigen konnte, was sie drauf hat. Insofern tappe ich dann doch in die Falle des „beeindruckt werden wollens“.

Manchmal gelingt auch beides. Im Handlungsballett sind das die Momente, in denen der Charakter der dargestellten Figur und das legitime Bedürfnis der Tänzer, zu zeigen, was sie können, zusammen kommen. Die Pirouetten von Elena Pris sind nicht dafür da, zu demonstrieren, dass sie das kann, sondern sie zeigen, wie die Figur Fleur de Lys ist. Die langen Läufe auf Spitze und balancierten Arabesken sollen nicht beweisen, dass Iana Salenko eine tolle Tänzerin ist, sondern drücken ganz gut aus, wie sich die Figur Esmeralda gerade fühlt. In den starken Momenten ist „La Esmeralda“ so. Die starken Momente überwiegen.

Ich habe ein bisschen den Verdacht, dass das Gute an dem Abend die von Petipa erhaltenen Teile sind. Yuri Burlaka, der das Ganze am Bolschoi Theater und in Berlin einstudiert und choreographisch ergänzt hat, sagt im Programmheft: „hätten wir die Tänze in La Esmeralda rekonstruiert wie beschrieben, dann hätten wir das Potential der männlichen Tänzer des Bolschoi Ballettensembles ignorieren müssen (…)“ Genau! Das wäre vielleicht doof gewesen für die männlichen Tänzer, aber die Aufführung an sich hätte mehr Sinn ergeben. So verhält es sich dergestalt, dass die männlichen Tänzer all die Kunststücke aufführen, die Petipa vermutlich seinen negativen Figuren aufgebürdet hätte. Mit den Figuren der Handlung hat das nicht mehr viel zu tun. Wohlwollend könnte man von einem V-Effekt sprechen, das heißt die Tänzer fallen aus der Rolle, machen plötzlich Sachen auf der Bühne, die mit dem Stück und der Handlung nichts mehr zu tun haben und eröffnen dadurch einen neuen Raum, in dem man erstmal seltsam orientierungslos ist. Konsequent wäre es gewesen, eine Ansage zu machen wie: „Wir unterbrechen kurz die Handlung und geben den Tänzern die Gelegenheit, zu zeigen, was sie können“. Dann hätte man auch die Kostüme wechseln können und ähnliches, das wäre ganz witzig gewesen.

Aber es war auch so ein schöner Abend und es gibt wenig Grund zu nörgeln. Das Publikum spendet wohlwollenden Applaus, geht nach Hause oder zur Premierenfeier. Ich fühle mich da etwas underdressed, warte aber trotzdem, bis die Akteure erscheinen. Bedauerlicherweise erfährt man nicht, wie es Frau Knop geht und ich vergesse, jemanden zu fragen. Als ich recht bald gehe, entdecke ich noch einen großen Vorteil des neuen Spielorts: Gegenüber befindet sich ein Supermarkt, der bis 24 Uhr geöffnet hat und wo sich der geneigte Ballett- und Opernzuschauer nach der Vorstellung noch mit Alkohol, Zigaretten und Gummibärchen eindecken kann (oder  mit Obst, Mineralwasser und Reiscrackern, je nach Stimmung und Veranlagung). Vielleicht wird ja doch noch alles gut.

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