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La Esmeralda Nachtrag: Klassisch

April 12, 2011

Beim Schreiben über „La Esmeralda“ habe ich eine gewisse Begriffsverwirrung bei mir bemerkt, wenn es darum geht, eine bestimmte Form von Ballett „klassisch“ zu nennen.

„Klassisch“ wird heutzutage nur noch selten im Zusammenhang mit der Kulturepoche benutzt, sondern meistens gebraucht, um auszudrücken, dass etwas sich über einen längeren Zeitraum behaupten konnte, gewissermaßen „zeitlos“ geworden ist, was auch immer das heißen mag.

Die Kulturepoche, die man fast allen sogenannten „klassischen“ Balletten zuordnen müsste, ist eigentlich die Romantik, es ist dennoch sinnig, von klassischen Balletten zu reden. Der Grund dafür ist, dass es bestimmte Zäsuren gab, die so wirksam waren, dass danach im Grunde nur noch zwei Epochen übrig blieben: die Klassik und die Moderne.

Die „Postmoderne“ ist im Grunde eine Unterkategorie der Moderne, ebenso wie die Romantik eine Unterkategorie der Klassik ist. Es gibt keinen besonderen Grund, ausgerechnet Klassik und Moderne zu sagen, außer dass die Klassik als Kulturepoche auf die Ursprünge der abendländischen Kultur im antiken Griechenland verweist und die Moderne mehr oder weniger mit dem Ereignis in Verbindung gebracht wird, das alles verändert hat. Das Ereignis, das gemeint ist, ist selbstverständlich das Auffinden und Nutzbarmachen von Elektrizität.

Alles, was vorher passierte, kann man „Klassik“ nennen, alles was danach passierte „Moderne“. Mit der Elektrizität wurden bestimmte Elemente der klassischen Kultur veraltet. Die Guckkastenbühne ist ein typisches Relikt vorelektrischer Kultur, tatsächlich wurde dieses Konzept spätestens mit der Erfindung und Massenwirksamkeit des Kinos obsolet, weil Kino den Guckkasteneffekt sehr viel besser und effektiver nutzen kann als das Theater. Die gewaltige Konkurrenz des Kinos hat am Ende die Theatermacher dazu gezwungen, neue Wege zu gehen, sich zu überlegen, was Theater kann und Kino nicht. Wirklich gelöst wurde dieses Problem bis heute nicht, auch wenn es natürlich zahlreiche Ideen und Vorschläge gibt, von denen sich aber keine einzige als zwingend und durchsetzungsfähig erwiesen hat.

Für den Begriff „klassisch“ scheint es demnach nötig zu sein, ein paar Kriterien zu finden, die ein bisschen klarer machen, was gemeint ist, wenn heute von klassischem Ballett die Rede ist.

  1. Das klassische Ballett hat ein klar definiertes Repertoire an Bewegungen, die im wesentlichen in Agrippina Waganovas „Grundlagen des klassischen Tanzes“  festgeschrieben sind.
  2. Klassisches Ballett benutzt Musik, die ohne elektrische Verstärkung spielbar ist. Einschränkend könnte man noch hinzufügen, dass die Musik im abendländischen Kulturkreis verortet sein sollte, nicht improvisiert ist und sich in einer herkömmlichen Tonalität bewegt. Eine Aufführung, die ausschließlich das Bwegungsrepertoire des klassischen Balletts nutzt, aber zu beispielsweise chinesischer Musik getanzt wird, wäre demnach nicht klassisches Ballett. Zwölftonmusik, Jazz oder ähnliches fallen ebenfalls nicht in die Kategorie.

Schwanensee ist demnach klassisches Ballett (Tschaikowskys Musik und klassisches Bewegungsrepertoire), Sacre du printemps nicht.

Vielleicht fallen mir irgendwann noch weitere Kriterien ein, die beiden genannten scheinen mir im Moment wesentlich.

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