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Kinoexkurs: Winter’s Bone

April 13, 2011

Eigentlich wollte ich gestern abend in den Friedrichsstadtpalast… Ich war da noch nie und irgendwie dachte ich, es wäre eine gute Idee. Wie es gelegentlich bei kurzfristigen Plänen ist, gab es keine erschwinglichen Karten mehr und ich ersetzte mein Bedürfnis nach eskapistischem Glamour durch das Kontrastprogramm, gehe ins Kino und schaue mir „Winter’s bone“ an.

Der Film war für vier Oscars nominiert, was nicht sooo viel ist, aber wenn die Nominierungen „Bester Film“, „Beste Hauptdarstellerin“ (Jennifer Lawrence), „Bester Nebendarsteller“ (John Hawkes) und „Bestes adaptiertes Drehbuch“ (Regisseurin Debra Granic und Anne Rosselini) sind, hebt das die Erwartung ein bisschen an, obwohl „The king’s speech“, der auch in prestigeträchtigen Kategorien nominiert war (und gewonnen hat), mich nicht wirklich umgehauen hat.

Sonst weiß ich nichts über den Film. Irgendwo habe ich in dem Zusammenhang das Wort „Thriller“ gelesen, aber ein Thriller… naja, nicht wirklich.

Ich hab normalerweise nicht so ein großes Problem mit Originalversionen, aber der Dialekt, der hier gesprochen wird, ist ziemlich derbe. Dankenswerterweise gibt es bei imdb ein FAQ, in dem die offenen Fragen geklärt werden. Anscheinend bin ich nicht der einzige, der das Problem hat, nicht alles zu durchschauen.

Was ich mitbekommen habe: ein siebzehnjähriges Mädchen lebt mit der psychisch kranken Mutter und ihren zwei jüngeren Geschwistern in einem Bretterverschlag in Missouri. Ihr Vater ist verschwunden, was zu einem Problem wird, weil der gute Mann eigentlich einen Gerichtstermin hat und wenn er nicht erscheint, wird das Haus gepfändet und die Familie muss sehen, wo sie bleibt. Das Mädel macht sich also auf die Suche nach ihrem Vater, klappert ihre Verwandten und Bekannten ab, die ihr klar machen, dass sie die Finger von der Sache lassen soll.

Das tut sie natürlich nicht und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Es ist ja so, dass man bei Kinofilmen lieber nicht verraten sollte, wie die Sache ausgeht.

Winter’s bone hat mich tatsächlich überrascht, der Plot ist sehr reduziert und einfach gehalten, die Motivation der Hauptfigur zwingend und das ist ja schon die halbe Miete. Eigentlich geht es darum, wie Ree sich mit ihrem Onkel Teadrop anfreundet oder er sich mit ihr und darum, dass sich Mut manchmal auszahlt.

Der Film nimmt sich viel Zeit für die Charakterzeichnungen und die Schilderung der Lebensumstände, die alles andere als glamourös sind. Ich habe gesagt, dass Ree in einem Bretterverschlag wohnt, tatsächlich sind ihre Verhältnisse aber nicht viel härter als die der Leute, die sie aufsucht. Missouri sieht hier aus wie nach einem Wirbelsturm, es liegen Autowracks in der Gegend rum, ein Haus ist vor einem Jahr beim Drogenkochen in Flammen aufgegangen und niemand hat sich die Mühe gemacht, irgendetwas wegzuräumen. Die Arbeit überlässt man der Zeit und der Natur, die die Überreste der Zivilisation allmählich überwuchert. Die Menschen sind dreckig, Teardrops Amateurtätowierungen erzählen von Knasterfahrungen, über die nicht geredet wird. Man lebt von Viehzucht, von der Jagd und vom Drogenhandel.

Alles ist sehr unsentimental, Ree zeigt ihrem kleinen Bruder, wie man ein Eichhörnchen häutet und ausnimmt und ihrer noch kleineren Schwester, wie man mit einem Gewehr umgeht.

Umso stärker wirken bei Ree kurze Momente der Schwäche und wie es so ist, gibt es hier, auch unter den härtesten Bedingungen, unvermutete Momente des Mitgefühls und die Auflösung am Ende kommt nicht, weil Rees detektivische Bemühungen erfolgreich wären, sondern weil jemand sich erbarmt.

Das Casting ist hervorragend. Die Schauspieler haben den Mut, auszusehen wie echte Menschen. Jennifer Lawrence (Ree) kann sich aufmotzen wie ein Supermodel, wenn sie will und tut es hier in keiner Weise. Die Oscarnominierung kann ich zumindest verstehen. (Natalie Portman hat ihre Sache natürlich auch gut gemacht und hätte eigentlich schon für „Leon – der Profi“ den Oscar kriegen müssen.)

Bisweilen hat der Film fast dokumentarischen Charakter und die Leute fügen sich in das Bild ein, übergewichtig, ungewaschen, abgemagert, ein bisschen Mascara als entfernte Erinnerung daran, dass man sich mal vor langer Zeit für die eigene Attraktivität interessiert hat. Countrymusik wirkt hier zur Abwechslung mal nicht kitschig und sentimental, sondern authentisch und irgendwie notwendig zum Überleben. Zur Abwechslung sieht man auch, dass Regiearbeit relevant sein kann. Debra Granik nimmt sich Zeit an Stellen, an denen man es nicht unbedingt erwartet und hier hätte ich den Oscar oder zumindest eine Nominierung besser verstanden als für „The King’s speech“, der im Großen und Ganzen inszeniert ist wie ein guter Fernsehfilm. Winter’s Bone ist meiner Meinung nach, was Regie betrifft, Schauspiel und Drehbuch ungewöhnlicher, mutiger und tiefer als der Siegerfilm.

Das Motto im Friedrichsstadtpalast wäre gewesen: „Zu schön, um wahr zu sein“. Winter’s Bone ist tatsächlich das Gegenteil davon und mir kommt es in eigenen sentimentalen Anwandlungen so vor, dass das „Zu wahr, um schön zu sein“ mir irgendwie besser gefällt. (Ich weiß, billiges Wortspiel, aber ich lass es mal so, wann wird einem sowas schon dermaßen auf dem Silbertablett serviert…)

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