Skip to content

Böse Körper 2

April 15, 2011

Ich habe mich dann doch dagegen entschieden eine ausführliche Abhandlung über den Körper im Horrorfilm zu schreiben, weil das irgendwie nicht hierher gehört, insofern hier nur ein paar Eindrücke und Gedanken zu dem Stück.

In einem Interview zum Thema sagt Christoph Winkler, dass es in „böse Körper“ um eine Auseinandersetzung mit „dem Bösen“ geht und darum, wie das Böse in unterschiedlichen Medien, vor allem im Film repräsentiert wird.

Der Film, der an dem Abend ausführlich behandelt wird, ist Taxi Driver. Dabei konzentriert man sich auf die berühmte Spiegelszene, in der Travis Bickle (de Niro), sein neues (böses) Ich erschafft und erstmal in der Theorie ausprobiert. Im Film der Moment, an dem die zerstörerische Idee endgültig vom Körper des Protagonisten Besitz ergreift.

Hier wird versucht, aus den Gesten, die de Niro vor dem Spiegel macht, eine Choreographie zu entwickeln. Das funktioniert nicht besonders gut, vielleicht, weil man sich nicht weit genug von den Ursprungsbewegungen entfernt, sondern sie mehr oder weniger nur nachgespielt werden, vielleicht weil das was folgt (die Modifikationen, die Travis Bickle danach an seinem Körper vornimmt etc.) fehlt. Ein Erkenntnisgewinn entsteht dabei, zumindest für mich, nicht.

Wenn man die Entwicklung von Travis Bickle im Film zu Ende sieht, werden da klarere Antworten gegeben. Die letzte Geste, die de Niro nach dem Showdown macht, ist, dass er sich eine imaginäre Waffe an die Schläfe hält und abdrückt. Die Selbstzerstörung als das, was dem Bösen bleibt, wenn es sein gestecktes Ziel erreicht hat, ähnlich wie in der Exorzist, wo das einzige Ziel des Bösen darin besteht, den Körper, den es besetzt hat und damit sich selbst, zu zerstören.

Das Verhältnis des Bösen zum lebenden Körper scheint also durchaus ambivalent zu sein, weil das Böse zunächst mal körperfeindlich ist. Wie reagiert also der Körper, wenn er vom Bösen befallen wird? Zunächst mal scheint er sich dagegen zu wehren und in „Böse Körper“ sieht man dann auch, wie die Tänzer sich häufig verkrampfen und winden und schreiend auf den Boden werfen. Dabei ist der Körper selbst nicht böse, er reagiert nur auf etwas, das seinen Ursprung woanders hat. Der von sich aus „böse“ Körper im Film ist in der Regel nicht menschlich, ist mutiert, künstlich, monströs oder bereits tot (wie in Zombie- oder Vampirfilmen).

Gruselig wird das „Böse“ im Film eigentlich dann, wenn es unsichtbar bleibt, wenn der Körper sich nicht dagegen wehrt. Es gibt an dem Abend einen kurzen Moment, der dieses Unheimliche sehr gut zeigt (oder eben nicht zeigt), als einer der Tänzer ins Publikum schaut und sagt: „Now I hate you, like this“ und völlig entspannt stehen bleibt. Vorher hat er andere Handlungen beschrieben und dazu jedes Mal eine Bewegung getanzt. Jetzt, beim Hass, gibt es keine Bewegung mehr, das ganze ist ein innerer Zustand, verborgen hinter der Maske der Normalität. Vermutlich ist das der stärkste Moment des Abends. Tatsächlich hat man als Zuschauer keinen blassen Schimmer, ob der Tänzer an diesem Punkt tatsächlich das Gefühl „Hass“ aktiviert hat, aber es stellt sich nichtsdestotrotz ein gewisses Unbehagen ein.

Die Normalität, unter der der Hass unsichtbar kocht, wirkt of genug bedrohlicher als monsterartige Mutationen. Wenn man in die Filmgeschichte geht, wird das wohl am deutlichsten in Invasion of the body snatchers, wo die Leute, wenn sie vom Bösen gelebt werden, tatsächlich genauso aussehen wie vorher auch. Das Böse verändert hier  den Körper in keiner sichtbaren Weise, sondern etwas anderes ist zerstört (Die Außerirdischen, die die Erde übernehmen wollen, zerstören erst den Ursprungskörper und fertigen eine Art böses Duplikat an. Das interessante an diesem bösen Duplikat ist, dass es sich von seinem Ursprungskörper eben nicht unterscheidet, man sieht es im Blick, am fehlenden Mitgefühl, sonst nicht). Die nicht vom Bösen Infizierten müssen vor allem erstmal das Böse im anderen erkennen, um sich davor schützen zu können. Das gleiche Motiv wurde in Stepford Wives behandelt, wo die Frauen durch Roboter ersetzt werden. Das Problem für „Böse Körper“ ist, dass sich das unsichtbare Böse nicht tanzen lässt. Oder doch? Ich finde die Frage nicht uninteressant, ob ein Tänzer das gleiche anders tanzt, wenn er an etwas positives oder an etwas negatives denkt. Kann man sehen, ob ein Tänzer beim Tanzen liebt oder hasst? Will man das wissen?

Ich vermute, dass man es sehen kann und dass das der Grund dafür ist, weshalb im klassischen Ballett so viel gelächelt wird. Im Handlungsballett schützt die Rolle den Tänzer davor, dass etwas sichtbar wird, was nicht sichtbar werden soll.

In Black Swan quält der Choreograph Tänzerin Nina (Natalie Portman), weil er will, dass sie eben keine Rolle spielt, sondern dass das Böse echt ist und einmal gespürt und losgelassen, bei Bedarf aktiviert werden kann. Im Film wird die Figur davon zerstört, aber im Tanz kann das Böse unter Umständen, einmal bewusst geworden, eigentlich eine guten und positiven Ausdruck finden. Es hört dann aber auf, böse zu sein.

Will man das Böse in seiner unerlösten Form im Tanz zeigen, dann kommt es oft zu einer Verwechslung des Bösen mit dem Hässlichen.  Die hässliche Bewegung ist aber keinesfalls eine „böse“ Bewegung. Da war „La Esmeralda“ weiter, wo Quasimodo sich auf eine hässliche Art bewegt, aber eben keine böse Figur ist. Es ist auch keinesfalls so, dass „das Böse“ notwendig hässliche Bewegungen generiert. Christopher Walken bewegt sich in God’s Army auf höchst elegante Weise und das macht die Figur nur umso böser, das gleiche gilt für Christopher Lee als Dracula etc. Das Böse zeigt sich letztlich im Verhalten gegenüber anderen Menschen. So gibt es hier in der Vorstellung auch gelegentlich aggressive Gesten gegenüber dem Publikum oder von einem Tänzer zum anderen, aber das bleibt dann doch sehr banal.

Vielleicht ist das Problem auch, dass das Phänomen des „Bösen“ irgendwie in zu vielen Masken auftritt. Letztlich spürt wahrscheinlich jeder Mensch in Momenten, dass es eine Energie in ihm gibt, die sich nicht notwendig über gute Taten ausdrücken will, jeder hat ein paar Dämonen in sich, gegen die er ankämpft. Die Aufgabe ist letztlich, dafür einen befreiten und unschädlichen Ausdruck zu finden.

An den Punkt, was man mit dieser Energie machen kann, außer sie zu unterdrücken oder in Gewalt gegen andere umzusetzen, kommt „Böse Körper“ nicht wirklich, dazu muss man dann Kazuo Ohno lesen (z.B. Kazuo Ohno’s world, mit Workshopnotitzen) oder sich den Film über Anna Halprin anschauen. Ein bisschen habe ich bei „Böse Körper“ den Verdacht, dass der Probenprozess interessanter war als das, was dann auf der Bühne zu sehen ist und vielleicht wäre es gut gewesen, mehr davon zu zeigen. Warum werden bestimmte Bewegungen als „böse“ empfunden und andere nicht? Was ist das Kriterium dafür eine Bewegung als Beispiel für einen „bösen Körper“ auf die Bühne zu bringen, welche Bewegungsmöglichkeiten wurden verworfen? Das hätte mich schon interessiert. So bleibe ich dann doch ein wenig ratlos zurück, aber das muss ja nicht schlecht sein.

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. Herr Klamm permalink
    April 15, 2011 6:37 pm

    Interessant dazu vielleicht auch Lars von Triers Antichrist, in dem das Böse die nackte, ursprüngliche Natur ist, auf die der Mensch (der Körper) durch einen radikalen Ausnahmezustand (in dem Fall die Trauer um ein Kind) zurückgeworfen wird. Das Böse ist also schon immer existent und wird durch einen Vorfall entfesselt. Sichtbar wird das Böse durch unangemessene Handlungen gegenüber sich selbst und seiner Umwelt. Das Böse wird also im Kontext und als Reaktion erzählt. Wie wohl in allen Erzählungen. Das Böse an sich ist schwer zu erzählen. Ein einsamer Zombie (Vampir, Alien) ohne unschuldige, gute Menschenfamilie hat ja kaum Möglichkeiten böse zu sein. Das Böse gibt es also nur, wo es das Gute gibt. Und vice versa. Für den Tanz müsste das heißen: Keine böse Choreographie ohne gute.

    • April 16, 2011 7:19 am

      Ich nehme auch an, dass das böse nur im Kontext existieren kann. Interessanterweise bezieht sich das, was du schreibst, ein bisschen auf Passagen, die ich in den Betrachtungen zu „böse Körper“ geschrieben, aber nicht gepostet hatte, in denen es darum geht, was z.B. die Zombies in den Romero Filmen machen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben und es keinen Menschen mehr gibt, den sie angreifen können. Leben sie friedlich in einer Zombie Kommune (und hören damit auf böse zu sein) oder wendet sich das Böse dann gegen sich selbst, wie in der Exorzist oder wie in der Geste von Robert de Niro am Ende von Taxi Driver angedeutet. Verhält sich das Böse also wie ein Virus, dessen Überlebenstrieb, wenn erfolgreich letztlich zur Selbstzerstörung führt, weil keine Wirtskörper überleben oder hat es irgendein Ziel? Taxi Driver halte ich derweil für ein eher unglückliches Beispiel in dem Stück, weil der Film eine moralische Wertung nicht vornimmt und Robert de Niros Figur da ja am Ende auch als Held gefeiert wird, der die junge Prostituierte (Jodie Foster) gerettet hat. Das ist da alles sehr komplex, während Antichrist ja etwas einfacher gestrickt ist, weil Lars von Trier, so kommt es mir jedenfalls vor, ganz gerne Ambivalenzen eliminiert. Das Erzählen des Bösen im Tanz finde ich auch schwierig. Plane gerade noch, etwas zur „bösen“ oder besser „bedrohlichen“ Bewegung zu posten, mal sehen, ob das zu irgendwas interessantem führt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: