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Böse Körper 3 & 4

April 16, 2011

Um das Thema erstmal abzuschließen hier noch ein paar Gedanken zur „Bösen Bewegung“ und zum „Bösen Tanz“, ausgehend von Böse Körper. Links mach ich später.

Die böse Bewegung

Was Tanz vielleicht zeigen kann, ist, was mit einem Körper passiert, wenn die unerlöste negative Energie die Kontrolle übernimmt. Die Antwort, die in „Böse Körper“ gegeben wird, ist ein bisschen offensichtlich. Der Körper sieht so aus wie Jack Nicholson in Shining oder wie ein Zombie oder eine böse Hexe.

An diesem Punkt verabschiedet sich die Vorstellung eigentlich vom Thema des Bösen und wendet sich dem Thema des Hässlichen zu, dabei scheint es so zu sein, dass „hässlich“ hier mit „böse“ gleichgeschaltet wird, was ein Irrtum ist. Die hässliche Bewegung ist keinesfalls eine „böse“ Bewegung. Da war „La Esmeralda“ weiter, wo Quasimodo sich auf eine hässliche Art bewegt, aber eben keine böse Figur ist. Es ist auch keinesfalls so, dass „das Böse“ notwendig hässliche Bewegungen generiert. Christopher Walken bewegt sich in „God’s Army“ auf höchst elegante Weise und das macht die Figur nur umso böser, das gleiche gilt für Christopher Lee als Dracula etc. Das Böse zeigt sich letztlich im Verhalten gegenüber anderen Menschen. So gibt es hier in der Vorstellung auch gelegentlich aggressive Gesten gegenüber dem Publikum oder von einem Tänzer zum anderen, aber das bleibt dann doch sehr banal.

Worum es in „Böse Körper“ sichtbar geht, ist demnach nicht, die Natur des Bösen zu erkunden, sondern vielmehr, sich damit zu befassen, wie das Böse in Filmen gemeinhin bewegungstechnisch repräsentiert wird. Welche Bewegung empfindet ein Zuschauer als böse oder bedrohlich, welche nicht?

Ich vermute, man könnte eine These aufstellen, wonach eine schöne Bewegung bestimmte Attribute betont, die allgemein als harmonisch angesehen werden. Harmonie im und durch den Körper ist deshalb nötig, weil es von den meisten Gliedmaßen eine gerade Anzahl gibt, zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße, zwei Hände. Diese im Körper angelegte Dualität gilt es im Gleichgewicht zu halten, was nicht so leicht ist, denn natürlicherweise überwiegt bei allen Menschen eine Seite, man ist Rechtshänder oder Linkshänder, beim Fußballspielen kann man mit einem Bein meistens besser schießen als mit dem anderen. In der Welt findet sich die Dualität in einfachen Gegensatzpaaren wieder, von denen die offensichtlichsten männlich – weiblich und konstruktiv – destruktiv (um die moralische Wertung von gut – böse zu umgehen) sind. Das „Schöne“ befasst sich nun damit, ein Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen herzustellen.

Klassisches Ballett wird deshalb als schön empfunden, weil es da vor allem um Gleichgewicht, Balance und Harmonie geht, exemplarisch im Spitzentanz zu sehen, wo die Tänzerin einen guten Gleichgewichtssinn braucht und ihre „natürliche Achse“ finden muss (was das genau ist, kann ich nicht sagen, weil ich meine noch nicht gefunden habe). Die natürliche Achse scheint jedenfalls die Mitte zu sein, in der dieses Gleichgewicht im Körper gefunden werden kann, der Punkt der Ruhe, an dem sich die Gegensatzpaare nicht das Leben zur Hölle machen, weil alles seinen Platz hat.

Man kann nun dem klassischen Ballett vorwerfen, verlogen oder weltfremd zu sein, weil wir die Welt im allgemeinen nicht als übermäßig harmonisch erleben, aber nichtsdestotrotz bildet klassisches Ballett an dem Punkt ein Ideal von Harmonie ab und zwar unabhängig von der Geschichte, die erzählt wird (auch der schwarze Schwan bedient in seinem Bewegungsrepertoire dieses Ideal und der Tänzer selbst muss die „Achse“ tatsächlich gefunden haben, sonst kann er das alles nicht tanzen).

Klassisches Ballett hat auf manchen Zuschauer deshalb eine beruhigende Wirkung. „Böse Körper“ beruhigt nicht. Als Zuschauer fühlt man sich leicht unwohl, manchmal kommt es einem so vor, dass sich die grimmassierenden Tänzer ein bisschen zu sehr von ihrer hässlichen Seite zeigen, die Unruhe ist ein hervorstechendes Merkmal des Abends, abwehrendes Lachen die Grundreaktion des Publikums. Warum? Weil man sich Bewegungen annähert, die unharmonisch sind, aus dem Gleichgewicht geraten. Dafür allerdings eher Bewegungsbeispiele aus dem schauspielerischen Bereich zu nehmen ist eine zumindest kuriose Wahl, weil Schauspieler eben einen anderen Bewegungsapparat haben als Tänzer.

Ich erinnere mich dunkel, irgendwo ein Interview mit Anthony Hopkins über Schweigen der Lämmer gelesen zu haben, in dem er darüber sprach, dass er wert darauf gelegt hat, in seiner Rolle nicht zu blinzeln. Das schien für ihn ein wesentliches Merkmal der Figur zu sein, die er zu spielen hatte und für derartige Subtilitäten ist in „böse Körper“ kein Raum, schon allein deshalb nicht, weil das „Böse“ im Film sich fast immer über entsprechende Taten vorstellt und es dann für den Schauspieler reizvoll ist, in der Körpersprache eben das Kontrastprogramm zu fahren.

Während Anthony Hopkins in Schweigen der Lämmer seinen Körper versucht, bis ins letzte zu kontrollieren, lässt sich im Tanz das „Böse“ eher über den unkontrollierten Körper zeigen. Beispiele dafür finden sich dann eher im Werwolf Film oder in Filmen wie Silent Hill, wo die Monster tatsächlich von Tänzern gespielt werden und die Bewegungen von Roberto Campanella choreografiert wurden.

Der „böse Körper“ ist da vor allem ein verwundeter, dysfunktionialer, gequälter Körper. Die Bewegungen wirken unausgewogen, die Körper haben Schlagseite, sie laufen nicht auf den Fußsohlen, sondern auf den Seiten der Füße, Bewegungen wirken abgehackt, unkontrolliert, verschiedene Körperteile scheinen außer Funktion gesetzt. Entweder die Monster sehen nichts oder sie können die Arme nicht bewegen etc. Das Handycap scheint prinzipiell Bewegungen zu erzeugen, die bedrohlich oder unheimlich wirken. Die verlorene Balance lässt sich mit einem mutierten Körper nicht mehr herstellen, manchmal rebelliert ein Teil des Körpers gegen den Rest, wie in „Evil dead“, wo der Protagonist von seiner eigenen Hand angegriffen wird.

Der Körper ist außer Kontrolle geraten. Der Besitzer des Körpers muss sich in irgendeiner Form damit auseinander setzen und versuchen, sich wieder in Einklang mit der Welt zu bringen, die Harmonie wieder herzustellen. Wenn der Körper dazu nicht mehr in der Lage ist, sucht man andere Wege, man zieht sich zurück, beginnt zu malen, zu schreiben, zu singen oder in einer anderen Form künstlerisch tätig zu werden, oder man wird Mystiker und sucht in der Abgeschiedenheit nach einer Harmonie, die außerhalb des Körpers liegt, oder die alles, auch den mutierten, rebellierenden Körper, einschließt oder eben man wählt den anderen Weg und versucht den Körper oder die Welt zu zerstören.

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in „Böse Körper“ Beispiele aus dem Kino gewählt werden, weil das Kino tendenziell wie in „Silent hill“ besser in der Lage ist, so etwas darzustellen.

Der böse Tanz

Tanz hat, meiner Meinung nach, einen völlig anderen Bezug zum Bösen und einen, der wesentlich beunruhigender ist, als ein humpelnder Körper oder ein grimmassierendes Gesicht.

Im klassischen Ballett wäre ja die böse Figur par excellence tatsächlich Odile aus Schwanensee. Die Bewegungen von Odile in der Choreographie von Petipa, sind nicht hässlich, aber sie sind eben exzessiv. Die 32 Fouettés en tournant sind für die Ballerina eine Herausforderung, gleichzeitig ist aber gerade eine gedrehte Bewegung eine, die den Körper in einen rauschhaften Zustand versetzt, in dem alles möglich ist und der letztlich der dämonischen Besessenheit in „der Exorzist“ ähnelt. Für die Kirche war Tanz lange Zeit aus diesem Grund verboten, weil der Exzess des Tanzes der „Sünde“ Tür und Tor öffnet.

Am deutlichsten wird das wohl in dem Märchen „die roten Schuhe“ von Hans Christian Andersen“, der ja selbst eine gewisse Affinität zum Tanz hatte und selbst Balletttänzer war (wenn auch kein sonderlich erfolgreicher). In die roten Schuhe geht es um das Mädchen Karen, das, statt bei ihrer kranken Ziehmutter zu bleiben, lieber zum Tanzen geht und dafür die unheimlichen roten Schuhe anzieht. Als sie zu tanzen beginnt, merkt sie schnell, dass die Schuhe von ihrem Tanz Besitz ergreifen und sie kann mit dem Tanz nicht mehr aufhören, tagelang. Sie kann auch die Schuhe nicht mehr ausziehen, weil sie mit ihren Füßen verwachsen sind. So tanzt sie schließlich zum Haus des Scharfrichters tanzt, der ihr auf ihren Wunsch hin die Füße mitsamt Schuhen abhackt und ihr Holzbeine schnitzt. Im Glauben, damit sei die Sache erledigt, will Karen in die Kirche, um allen zu zeigen, dass sie gebüßg hat, aber die roten Schuhe tanzen ihr über den Weg und erinnern sie an ihr „Vergehen“, so dass ihr nichts weiter bleibt, als in ihr Kämmerlein zu gehen, wo sie dann ihre Sünden ehrlich bereut und erlöst wird. Erstaunlich, dass Andersen, als Tanzfreund, so einen Text schreibt, aber nun gut.

Tanz als Besessenheit hat eine sehr viel längere Tradition als der Bühnentanz. Man findet diese Elemente in Kriegstänzen archaischer Kulturen, ebenso ist der Tanz für einen Schamanen das Mittel der Wahl, gern in Kombination mit Drogen, wenn es darum geht, auf eine andere Realitätsebene zu gelangen. Dabei ist die rauschhafte Qualität des Tanzes das, was ihm Zutritt zu diesen anderen Wirklichkeiten verschafft, wo er dann mit Geistern kommunizieren, verlorene Seelen zurück holen oder was auch immer machen kann.

Im Bühnentanz fand diese alte Form des Tanzes wohl ihren ersten Ausdruck tatsächlich in „Le sacre du printemps“, wo es um ein archaisches Opferritual geht, das getanzt wird. Konsequenterweise wird sacre nicht im Bewegungsrepertoire des klassischen Ballets getanzt. Die Streckungen und Dehnungen im klassischen Ballett streben in der Tendenz nach etwas höherem, nach dem Guten, das früher und zum Teil noch heute eher im Himmel verortet wurde als auf der Erde. Daher auch der Spitzentanz, man will so weit nach oben, wie es nur geht. Sacre ist, vermutlich schon in der Ursprungschoreographie von Nijinski, geerdeter und ahnt zur Zeit seiner Uraufführung bereits den ersten Weltkrieg voraus.

Der bedrohliche Rausch des Tanzes wurde erst später gebändigt und für den Bühnentanz nutzbar gemacht. Die Entwicklung begann vermutlich mit dem deutschen Ausdruckstanz, als es nicht mehr darum ging, ein relativ abstraktes Ideal abzubilden, wie im klassischen Ballett, sondern einen authentischen Ausdruck, der „Seele“ des Tänzers zu finden. Dazu kann man nahezu alle workshop Notitzen von Kazuo Ohno zitieren, dabei wiederholt sich gelegentlich in Variationen der Satz: „The soul is the prime mover in dance.“ Was die Seele ist und wie sie ihren Ausdruck im Tanz findet, wird dabei eingehend untersucht – die Antwort ist im wesentlichen: Die Seele ist alles. Das Konzept der „Seele“ des Tänzers, die sich im Tanz ausdrückt, löst im Grunde das Konzept von „gut“ und „böse“, „schön“ und „hässlich“ ab. Für Kazuo Ohno gibt es im Tanz kein gut und kein Böse, alles soll und muss ausgedrückt werden durch den Tanz. Das Böse ist eigentlich der verborgene Rest, das, was der Tänzer sich nicht auszudrücken traut, was also verdrängt, abgespalten wird. Gelingt es, das „Böse“ gewissermaßen durch den Tanz in einen produktiven Ausdruck zu überführen, scheint das eine äußerst gesunde Sache zu sein. Kazuo Ohno wurde immerhin 103 Jahre alt und hat bis zum Ende seines Lebens getanzt.

Das andere, mir bekannte, Beispiel, wäre dann Anna Halprin. In „Breath made visible“ ist zu sehen, wie Anna Halprin auf ihre Krebserkrankung reagiert, nämlich, indem sie zunächst ihren Tumor tanzt, als etwas Böses, das sich in ihr ausbreitet und dann, nachdem sie dem Bösen so einen anderen Ausdruck gegeben hat, sich als integrierte Person ebenfalls tänzerisch ausdrückt. Tanz funktioniert hier, indem die Tür zum Bösen, Zerstörerischen geöffnet wird, als eine Art Exorzismus, bei dem aber am Ende Frieden mit dem Dämon geschlossen wird und er als Teil des eigenen Ich angenommen wird.

Anna Halprin selbst hat daraus eine Heilungsmethode entwickelt, die wohl im wesentlichen darauf basiert, dass der Kranke ein eigenes, individuelles „Heilungsritual“ entwickelt. Der Kreis zum schamanistischen Tanz schließt sich damit.

Ich werde hier sicherlich nicht zu einer abschließenden Beurteilung der Thematik kommen. Zum einen kann es sein, dass Tanz als Ausdruck das böse ausschließt, zum anderen kann es genauso sein, dass der Tänzer, wie beim Kriegstanz, sich gewissermaßen enthemmt, um so in der Lage zu sein, ohne Skrupel seinen zerstörerischen Aufgaben als Krieger nachzukommen. An dem Punkt könnte man sagen, dass Tanz „böse“ sein kann. Aber letztlich ist die Frage die, welche Absicht der Tänzer verfolgt, mit welchen Teilaspekten der Seele sich das „Ich“ identifiziert und je nachdem wird der Tanz dann genutzt und der Körper ist an dem Punkt das Werkzeug des Tanzes, nicht mehr und nicht weniger. Ich vermute, dass die Energie, mit der Anna Halprin und Kazuo Ohno arbeiten, indem sie sie integrieren und dann in kreative Energie verwandeln, die gleiche Energie ist, die der Krieger in seinem Kriegstanz aktiviert, um dann loszuziehen und seinen Feinden den Garaus zu machen.

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