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Staatsballett Berlin – Schneewittchen

April 24, 2011

Die Workshopsaison hat ihren Tribut gefordert, ich hatte mich vor der Schneewittchen Vorstellung kurz hingelegt und hätte beinahe die Vorstellung verschlafen. So kam ich zehn Minuten zu spät, Anfang verpasst. Wenn man zu spät kommt ist es in der deutschen Oper so, dass es ein Klingelzeichen gibt, das einem signalisiert, dass man rein kann. Jemand vom Personal schließt dann hektisch den Raum auf und man muss sich durch die Dunkelheit kämpfen, den anderen Zuschauern auf die Füße treten, auf auf dem Boden liegenden Taschen rumtrampeln, Gehhilfen umwerfen, sich möglichst dezent entschuldigen und man kann nur hoffen, dass man jetzt die Leute auf der Bühne nicht irritiert hat. Das war das einzige mal, dass ich mir gewünscht habe, ich hätte einen Platz am Rand. Werde mir das Ganze wohl noch mal anschauen, um dann etwas mehr darüber sagen zu können. Nach meiner Erfahrung sind Anfänge wichtig.

Bei Oz war das Gute, dass ich vorher fast nichts darüber wusste, außer dass es eben eine Ballettversion von Wizard of Oz ist, und dann war ich tatsächlich überrascht.

Bei Schneewittchen wusste ich vorher wahrscheinlich ein bisschen zu viel und ich kenne auch ein paar andere Sachen von Herrn Preljocaj, nicht übermäßig viel, aber genug, um die choreographischen Elemente wiederzuerkennen. Preljocaj mag, unterstelle ich mal, ronde de jambes, sprünge, die oft mit entspanntem Oberkörper ausgeführt werden, was diesen „Ring“ Effekt hat (gemeint ist der japanische Horrorfilm). Battements mag er wohl weniger, da gibt es oft eine gewissen französische Zurückhaltung in der Beinarbeit, was ich tendenziell gut finde. Interessanter ist, was die Tänzer mit den Armen machen, aber um das zu untersuchen, ist „Le parc“ ergiebiger, glaube ich.

Wie dem auch sei, Elisa Carrillo Cabrera (ich habe keine Lust, alle zu verlinken, man findet die Tänzer auf der Seite vom Staatsballett Berlin unter „Ensemble“) ist Schneewittchen und hat einige sehr schöne Pas de deux mit Leonard Jakovina und ein ziemlich wüstes mit Elena Pris. Sie trägt den ganzen Abend ein recht freizügiges weißes Kleidchen, das einen gelegentlich von der eigentlichen tänzerischen Performance ablenkt, aber ich bin eigentlich zu müde, um mich jetzt auch noch auf den Sexappeal der Tänzerinnen einzulassen. Also Tanz:

Die Bewegungsformen sind recht vielgestaltig, es gibt ein Pas de deux mit Jakovina, wo sie als totes Schneewittchen ohne Körperspannung über die Bühne bewegt wird, so was mag ich ja immer. Ja, so ähnlich wie die Vogelscheuche in Oz, aber passiver, Arbeit mit Schwerkraft usw. (das hab ich jetzt in der Workshopsaison gelernt).

Eine ähnliche Szene gibt es in „Le Parc“, wo Isabelle Guerin (in der DVD Version, die ich kenne) schlafwandelnd ähnlich agiert (mit geschlossenen Augen). Die geschlossenen Augen sind das eigentlich wichtige, in Le Parc ist das recht beeindruckend, weil Frau Guerin ihren männlichen Gehilfen natürlich vertrauen muss und die männlichen Mittänzer ihre volle Aufmerksamkeit auf sie richten müssen, damit sie ihnen nicht hinfällt. Es ist ja ein interessantes Phänomen im Theater, dass sich Konzentration auf der Bühne auf den Zuschauer überträgt. Alle auf der Bühne schauen Isabelle Guerin an und man selbst kommt nicht auf die Idee, woanders hinzuschauen. Die Augen der Tänzer sind dann wie Kameras, die den Blick des Zuschauers lenken. In Schneewittchen ist das ein bisschen anders, weil ein pas de deux (Tanz zu zweit). Außerdem kann Isabelle Guerin, da schlafwandelnd, ein paar Sachen machen, sich festhalten – laufen, fallen, ist also durchaus aktiv, während Elisa Carrillo Cabrera, da in der Szene komatös, völlig passiv sein muss. Eigentlich ist es mehr Jakovinas Szene, eine Trauerszene, schön und da der Körper mit dem er sich auseinandersetzt in seiner Wahrnehmung tot ist, ist er weniger rücksichtsvoll als die männlichen Tänzer in „Le Parc“, mehr wie ein Hund, der die geliebte Bezugsperson immer wieder mit der Schnauze anstößt, in der Hoffnung, dass da vielleicht doch noch Leben ist. Es ist schön, dass, anders als im Märchentext, es dieses Pas de deux ist, das Schneewittchen wieder zum Leben erweckt, als der Prinz die Hoffnung schon verloren hat.

Bei der Armarbeit ist mir aufgefallen, dass in einem der Pas de deux überraschenderweise relativ viele stechende Bewegungen mit den Armen gemacht werden. Überraschend ist das deshalb, weil ich derartige Bewegungen erstmal mit einem aggressiven Impuls verbinden würde und sie hier in einem romantischen Kontext genutzt werden. Darüber kann man jetzt recht ausführlich philosophieren, es gibt ja einen Zusammenhang zwischen Romantik und Aggression und der wird hier mal eben so nebenbei eingebaut, ohne den Finger drauf zu legen (Preljocaj ist nicht immer übermäßig subtil in der Wahl der Mittel, hier aber schon).

In irgendeiner Kritik habe ich vorher gelesen, dass die heimliche Hauptfigur die Stiefmutter ist. Darüber kann man sich streiten. Schneewittchen hat deutlich mehr zu tanzen, und ich finde nicht unbedingt, dass die choreographischen Ideen, die Preljocaj der Stiefmutter gegeben hat besser sind als die für Schneewittchen.

Was aber in jedem Fall stimmt, ist, dass die Stiefmutter die interessantere Figur ist. Elena Pris macht das so, dass sie die Stiefmutter am Anfang entspannt unterkühlt gibt, die zwar raumgreifend auftritt, sich aber nicht sonderlich anstrengen muss, um die anderen einzuschüchtern. Sie tritt außerdem zu dramatischer Musik und Blitzen auf, so dass es tatsächlich nicht unbedingt nötig ist, das zu doppeln und die Bühne hat sie in dem Moment eh in Besitz genommen. Das funktioniert gut, weil so die Apfelszene (das Pas de deux mit Frau Cabrera), in der sie Schneewittchen den vergifteten Apfel in den Mund stopft, unvermittelt aggressiv und direkt ist. Die Stiefmutter ist auch die Figur, deren Kleidung sich am deutlichsten verändert und das geht in diesem Fall mit einer charakterlichen Veränderung einher (von überlegener Arroganz zu überzogener Aggression und schließlich Verzweiflung, als sie aufgeflogen ist). Am Anfang tanzt sie in High Heels, was tänzerisch sicherlich einschränkend wirkt, aber erstmal einiges her macht. Elena Pris ist ja so schon eine recht beeindruckende Erscheinung, aber mit High Heels und Ledercorsage muss sie dann gar nicht mehr viel tun, um irgendwie angsteinflößend zu sein, die Tatsache, dass das auch irgendwie sexy ist, verstärkt den Eindruck eher.

Ich kenne die Knopsche Version der Rolle nicht, von dem was ich bislang von Elena Pris und Beatrice Knop gesehen habe, würde ich spekulieren, dass Elena Pris das zurückhaltender tanzt als Beatrice Knop. Kann aber sein, dass ich mich da irre. Die Elena Pris Version funktioniert auf jeden Fall und Frau Pris schafft es irgendwie, dass die Stiefmutter mit zunehmender Dauer des Stücks, verletzlicher wirkt und sie einem am Ende ein bisschen leid tut, was mir gut gefällt. Es gibt für die Stiefmutter, glaube ich, eine Reihe von Möglichkeiten, wie man das anlegen könnte, humorig, glamourös, mit Lust am Bösen, trotzig, was auch immer. Elena Pris macht das ein bisschen verzweifelt, gebrochen, was eine recht interessante Variante ist.

Eine andere Subtilität von Herrn Preljocaj (man findet davon ein paar, wenn man ein bisschen Zeit zum Nachdenken hat, was sehr für das Stück spricht): Für die Stiefmutter gibt es eigentlich einen Schlüsselmoment in dem Stück. Nachdem ihre Lakaien an den Versuchen Schneewittchen ins Jenseits zu befördern gescheitert sind, muss die Stiefmutter die Sache wohl oder übel selbst in die Hand nehmen. Nach der entsprechenden Spiegelszene entledigt sie sich ihres Stiefmutterornats und zieht sich um. Die Inszenierung folgt dabei dem Märchen, die Stiefmutter tritt Schneewittchen in der Verkleidung einer alten Frau gegenüber und die Apfelszene folgt.

Mir geht es um die Szene, in der sie sich umzieht. Das Stiefmutterkostüm ist wenig zurückhaltend wie das Kostüm einer Teufelin gestaltet, die Kopfbedeckung ist eine Art schwarze Krone, der Rock eine Art Batcape mit Feuerrand, die Höllenassoziation ist ziemlich deutlich. Wenn die Stiefmutter vor den Spiegel tritt, hat sie immer dieses Kostüm an. Der Spiegel gibt einer Frau im Teufelskostüm Auskunft darüber, ob es jemanden gibt, der hübscher ist als sie.

In der Umkleideszene sieht man die Stiefmutter das erste mal, wie sie ohne dieses Kostüm aussieht. Der Effekt, der entsteht, ist, zumindest für mich, verblüffend. Das Zeigen der Haare wird ziemlich klar inszeniert; was dadurch passiert, ist bei Elena Pris wahrscheinlich deutlicher als bei Beatrice Knop, einfach bedingt durch die Tatsache, dass Beatrice Knop dunkle Haare hat. Die Haare von Elena Pris sind lang und blond und man versteht plötzlich, dass dem gesamten Mordkomplott ein Irrtum zu Grunde liegt. Der Spiegel irrt sich, weil er die Stiefmutter nie wirklich gesehen hat. Der Moment in dem man die Haare sieht, wirkt seltsam entblößend, als sei die Tänzerin plötzlich nackt.

Die psychologischen Implikationen führen jetzt wahrscheinlich zu weit (Lacan, Spiegelphase usw. – man kann aber wohl davon ausgehen, dass Herr Preljocaj sich dieser Implikationen bewusst war). Was klar wird ist, dass die Stiefmutter vor allem das Problem hat, dass sie sich gespiegelt nicht als das sieht, was sie eigentlich ist und sich auch nicht so sehen will. Schneewittchen ist an dem Punkt schöner, weil sie sich selbst so angenommen hat, wie sie ist, oder in diesem Punkt nie Zweifel hatte, was ein Privileg der Jugend ist, während die Stiefmutter sich selbst verleugnet. Ihr Problem ist, dass sie sich nicht so annehmen will wie sie ist und lieber eine andere wäre, sie glaubt, dass Schneewittchen hübscher ist als sie, der Spiegel hat davon eigentlich keine Ahnung, weil die Stiefmutter sich ihm im Grunde nur als eine böse Version von Schneewittchen zeigt, als etwas, das sie gerne wäre, aber eben nicht ist, eine Lüge. Natürlich ist die Verkleidung gegenüber dem Original im Nachteil.

Was der Spiegel zu der unkostümierten Frau sagen würde, erfahren wir nicht.

Jedenfalls ist es so, dass sie, als sie ihre Haare zeigt für einen Moment ziemlich schön ist und sich die „Wer ist die Schönste im ganzen Land“ in eine Geschmacksfrage auflösen würde, wenn der Spiegel ihre wahre Gestalt kennen würde.

Ich vermute, dass diese Interpretation auch in der Knopschen Version möglich ist, bei Elena Pris drängt sich das für mich, wegen der blonden Haare, ein bisschen auf. Wenn die Lesart in der Inszenierung beabsichtigt ist, finde ich das ziemlich genial, wenn sie nicht beabsichtigt ist, finde ich die Tatsache, dass es möglich ist, das so zu sehen, schon gut genug, es gibt da genug Spielräume, die alle möglichen Assoziationen auslösen und für mich besteht ja die eigentliche Kunst einer Choreographie darin, für unterschiedliche Lesarten der Zuschauer offen zu sein, ohne dabei beliebig zu werden. Bei Schneewittchen klappt das ziemlich gut.

Die Apfelszene ist für mich die stärkste Szene des Abends (über den Anfang kann ich natürlich nichts sagen), aber meine Lieblingsszene ist eigentlich die, in der die Jäger die Hirschkuh erlegen. Ich weiß nicht, wie die Tänzerin heißt, die die Hirschkuh tanzt, weil ich zu spät gekommen bin und deshalb den Besetzungszettel nicht habe, aber das ist irgendwie sehr nett, in stakkato zerhackte Ballettschritte (und mit Schritte meine ich: Schritte, Armarbeit, Kopf und Körperbewegungen und Blick), die tatsächlich den Eindruck von harmloser Versunkenheit erzeugen (in Kombination mit der Musik) und gleichzeitig ist das irgendwie witzig. Ich bin da vielleicht seltsam, aber so was kann ich mir stundenlang anschauen, vielleicht aus einem analytischen Interesse heraus, weil man die Schritte und Bewegungen, in ihre Einzelteile zerlegt, sehr genau sehen kann, während ich bei der üblichen halsbrecherischen Geschwindigkeit, mit der Balletttänzer die Sachen tanzen, manchmal Schwierigkeiten habe, zu folgen.

Soviel erstmal dazu. Es gibt noch relativ viel zu sagen, zum einen zu Herrn Preljocaj, der ja ein „Big Player“ im zeitgenössischen Tanz ist und es wird interessant sein, genauer zu untersuchen, welche Abstufungen es da gibt. Preljocaj ist beispielsweise völlig anders als Christoph Winkler, ein bisschen konservativer, dem Zuschauergeschmack eher entsprechend, während Christoph Winkler Tanz mit Sprechperformance kombiniert, was momentan eher in der freien Szene möglich zu sein scheint und auch nicht auf eine Guckkastenbühne passen würde, weil die vierte Wand sehr viel dünner ist und sein muss. Gleichzeitig ist es auch nicht korrekt, Preljocaj zu unterstellen, dass er einen Publikumsgeschmack bedient, dazu ist er doch zu ambitioniert und stolpert dann manchmal über die eigene Ambition. In Schneewittchen passiert ihm das nicht und wer das noch nicht gesehen hat, sollte hingehen.

Insofern Notitzen für mich:

Untersuchung von Christoph Winklers „Taking Steps“ im Vergleich zu She She Pop „Testament“ und Show Case Beat le mot „Räuber Hotzenplotz“, in Bezug auf Performancehaltung und Sichtbarmachen von Arbeitsprozessen.

Vergleich von Preljocajs „and then a thousand years of peace“ und Nadja Saidakovas „Egopoint“ mit der Zielrichtung zu zeigen, warum man manchmal, wenn man weniger will, mehr erreicht (ich halte Saidakovas Stück für sehr viel besser). Der Vergleich drängt sich ein bisschen auf, weil beide Stücke Technomusic mit klassisch ausgebildeten Tänzern umsetzen. Preljacajs Stück hat ein bisschen das gleiche Problem wie Christoph Winklers „böse Körper“ – ich vermute, der Probenprozess war interessanter als das, was auf der Bühne zu sehen ist.

Le Parc nochmal genauer anschauen in Bezug auf die Differenz Oberkörper/Beinarbeit. Im klassischen Ballett wird das ja oft gedoppelt: Die eleganten Beinbewegungen werden ergänzt durch den gestreckten Oberkörper und klassische Port de bras Arbeit, in Le Parc ist das deutlich anders und das markiert dann möglicherweise eine Schnittstelle von klassischem Ballett und modern dance (vereinfacht gesagt: die Beinarbeit ist klassich, der Oberkörper modern – das stimmt natürlich nicht ganz, weil Preljocaj in den Arbeiten die ich kenne beispielsweise auf Spitzentanz verzichtet und eher in normalen Schuhen oder barfuß getanzt wird)

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