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Staatsballett Berlin – Oz – the wonderful wizard

April 28, 2011

Ach, das ist jetzt auch schon wieder ganz schön lange her, aber irgendwann muss ich etwas dazu sagen, auch wenn Oz ein Stück ist, das ganz gut auskommt, ohne dass ich meinen Senf dazu gebe. Manchmal ist es ja bei guten Sachen blöd, vorher etwas darüber zu wissen und es ist besser sich stattdessen überraschen zu lassen.

Also, the wizard of Oz, im Jahre 1900 geschrieben von Lyman Frank Baum und ein Kinderbuchklassiker, den ich nie gelesen habe. Bei der Lecture Demonstration des Staatsballets erzählt Alessandra Pasquali die hübsche Anekdote, dass der Name „Oz“ entstanden ist, weil Herr Baum, als er über einen Namen für das Land, in das es Protagonistin Dorothy verschlägt (die bekanntermaßen in Kansas ansässig ist) nachgrübelte, auf seine Zettelkästen schaute und der letzte Kasten beschriftet war mit O-Z. Muss ihm irgendwie gefallen hat und so kam der Name zu Stande. Wenn er stattdessen auf den letzten Band der „International Encyclopedia of Dance“ geschaut hätte (die heute bei mir angekommen ist! Jippieh!“), würde das Buch „The wizard of Strazuri“ heißen, was eigentlich auch nicht schlecht klingt.

Ich für meinen Teil habe nicht nur das Buch nicht gelesen, ich habe auch den berühmten Film mit Judy Garland nie gesehen, obwohl ich natürlich „Over the rainbow“ kenne und die Sätze: „I have a feeling, we’re not in Kansas anymore. We must be over the rainbow.“ mit denen jedes Konzert der Gruppe „Rainbow“ angefangen hat, gefolgt von einer sehr kurzen Instrumentalversion von „Over the Rainbow“, wobei es sicherlich auch lustig gewesen wäre, wenn Ronnie James Dio mal das Lied gesungen hätte.

Wie dem auch sei, ich habe trotzdem eine gewisse Beziehung zu „The wizard of Oz“, weil das tatsächlich das erste Stück ist, das ich im Theater gesehen habe. Das muss das Staatstheater Kassel gewesen sein, ich war wohl sieben oder acht und woran ich mich vor allem erinnere ist, dass ich das Schloss des Zauberers toll fand, weil aus Smaragd, total grün und obwohl eigentlich blau meine Lieblingsfarbe war, war es ein tolles Grün. Wie ich beim Staatsballett merke, habe ich auch vieles vom Plot noch einigermaßen im Kopf, sobald ich daran erinnert werde, kommt so ein „Ah, richtig, so war das“ Moment.

Giorgio Madia, der Choreograph und Macher des Stückes am Staatsballett macht nicht den Fehler, die Musik aus dem Film zu nehmen. Stattdessen Schostakovich, was auch recht schmissig ist. Einer der Komponisten, mit denen ich mich nie besonders befasst habe, aber wenn man dann die Musik hört, kennt man doch eine ganze Menge.

Giorgio Madia macht genauso wenig den Fehler so zu tun, als würde es den Film nicht geben. Tatsächlich beginnt das Stück mit auf eine Leinwand projezierten Credits. „Staatsballett Berlin presents: Oz – the wonderful wizard“. Das ist schon mal sehr hübsch und schließt sich ein bisschen an ein Thema an, das ich ja schon interessant finde, nämlich, was Theater eigentlich dem Kino (und neuerdings Computerspielen) entgegenzusetzen hat.

Nun könnte der Beginn des Stückes zu dem Schluss verleiten, Madias Antwort auf diese Frage sei: wir tun einfach so, als ob wir Kino wären; tatsächlich ist das aber nicht so. Wie vieles an dem Abend sind die Anfangscredit ein ironischer Verweis auf den Film.  Tatsächlich ist Oz ein ziemlich selbstbewusster Theaterabend. Die Haltung ist eher: wir müssen dem Kino nichts entgegen setzen, das hier ist Theater, Ballett, es ist nicht nötig, zu beweisen, dass das eine Berechtigung neben Kino und Computerspiel hat, weil sich das von selbst zeigen wird.

Diese Haltung ist in der Tendenz richtig – das ist mir vor allem in Ballettaufführungen aufgefallen – weil es einfach ein himmelweiter Unterschied ist, ob man das live sieht oder auf Video.

Für Oz ist diese Frage also von vornherein geklärt oder gar nicht zu stellen. Stattdessen bedient sich Madia munter bei dem, was ihm Kino und Computereffekte so bieten können, um den Abend möglichst unterhaltsam zu gestalten.

Das zeigt sich allerdings erst im Verlauf. Der Anfang kommt noch recht behäbig daher. Eine idyllische Familienszene, pantomimisches Spiel, was ja nicht unbedingt meins ist, aber irgendwie nicht unwitzig, weil ein bisschen absurd und eher eine Pantomimenpersiflage als ernst gemeint. Dann tanzt Polina Semionova ein hübsches, verspieltes Solo, der Sturm kommt, mit interessanten Projektionseffekten und dann geht es eigentlich los.

Auftritt Nadja Saidakova.

Bei Gelegenheit werde ich mehr über die Dame schreiben. Aus dem Fanalter bin ich ja raus, wäre ich es nicht, wäre ich wahrscheinlich Nadja Saidakova Fan.

Frau Saidakova ist an dem Abend die gute Fee und die einzige, die die Spitzenschuhe anzieht. Das hübsche an Oz ist, dass auch das eher eine Parodie ist, eine Pose, eine Show, die die gute Fee abzieht, es gehört zum Feenauftritt dazu, wobei immer klar ist, dass die Fee erstmal vor allem die Rolle der guten Fee spielt und wenn sie von Dorothy (die sie offenbar für ein wenig beschränkt hält) genervt ist, verlässt sie gelegentlich die Spitze und wird unhöflich, was als Ausstieg aus der Rolle, die die Fee (nicht Nadja Saidakova) spielt, ziemlich gut funktioniert und witzig ist. Gute Fee zu sein ist nun mal ein anstrengender Job und manchmal, wenn man es mit einer dusseligen Klientel zu tun hat, geht das dann eben nicht mehr und man hört auf auf Spitze zu laufen, wie es sonst die Art guter Feen ist.

Dorothy hat jetzt jedenfalls die Schuhe der bösen Fee, die sie mit ihrem Haus platt gemacht hat. Bei World of Warcraft nennt sich das „loot“ und normalerweise kann man sehen, welche Kräfte einem die Sachen, die man lootet, verleihen. Bei den Schuhen ist das nicht ganz so und die gute Fee vergisst, ihr zu sagen, wozu die Dinger eigentlich gut sind.

Ich will mich nicht zu lange mit der Beschreibung des Plots aufhalten, Dorothy will wieder nach Hause, weiß aber nicht wie, deshalb beschließt sie den Zauberer von Oz aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin trifft sie drei Gefährten, die Vogelscheuche ohne Hirn, den Blechmann ohne Herz und den Löwen ohne Mut und damit schlägt die Stunde der Demisolotänzer.

Ich habe mich ja schon darüber geäußert, was die Schwierigkeit ist, zeitgenössischen Tanz zu beschreiben, wenn man sich nicht in reine Poesie flüchten will.

Bei Oz ist das alles sehr schön klar: Jeder der drei jetzt auftretenden Demisolotänzer bekommt einen eigenen Tanzstil und das funktioniert perfekt. Natürlich tun die Kostüme auch etwas dazu, aber bei der Lecture Demonstration konnte man sehen, dass das auch ohne Kostüme ganz vorzüglich funktioniert. Federico Spallitta als Vogelscheuche tanzt das ganze als knochenlosen Körper. Erinnert mich irgendwie an den Butoh Workshop, mit dem ich ins praktische Tanzgeschehen eingestiegen bin (your body is of water. Feel your waterbody. Melt into the ground!). Breakdanceartig und Polina Semionova ist mehr oder weniger die Impulsgeberin, die ihn in die unmöglichsten Verrenkungen befördert und gelegentlich selbst mitmacht.

Artur Lill als Blechmann bekommt einen gewissermaßen militärisch, steifen Tanzstil, das hat dann lustigerweise recht viel mit etwas reduziertem klassischem Tanz zu tun. Vladislav Marinov als Löwe schließlich tritt in artistischem Musicalstyle auf und hat ziemlich schnell die Sympathien des Publikums auf seiner Seite. Irgendwie fühlt sich ja jeder so ein bisschen wie ein feiger Löwe (und jemand mit drei Löweplaneten wie ich sowieso).

Eine Weile spielt Giorgio Madia mit den verschiedenen Tanzstilen und den damit verbundenen unterschiedlichen Arten der Fortbewegung.

Umbaupausen werden in der Regel überbrückt, indem in einer eher primitiven Computergraphik (die Charaktere als verschiedenfarbige Punkte), gezeigt wird, welchen Weg die Protagonisten zurück legen (und sogar dabei gelingt es noch, Witze zu machen). Das funktioniert wahrscheinlich besser, als wenn man versuchen würde, die Charaktere irgendwie „realistisch“ darzustellen (Realismus wird eh überschätzt), Pacman funktioniert genauso gut, vielleicht sogar besser, als ein Computerspiel mit neuester ultrarealistischer Graphik und sogar World of Warcraft hat diese Momente, dass, z.B. bei Schiffrouten einfach durch eine gestrichelte Linie der Weg gezeigt wird (was Spezialisten verrät, dass ich in meiner aktiven Zeit Allianzspieler war, weil die Horde, soweit ich weiß, per Luftschiff reist – über Tanz in World of Warcraft muss ich bei Gelegenheit etwas schreiben, denn von allen Fähigkeiten, die die kleinen Computerfiguren haben ist eine der beliebtesten – ja, genau – das Tanzen.)

Den Weg der vier Freunde zum Wizard of Oz will ich nicht zu detailliert beschreiben. Dabei hat Iana Balova ihren Auftritt als gelbe Katze, durchaus furios und die Dame hat ja schon ohne Kostüm etwas katzenhaftes, also durchaus so etwas wie eine Idealbesetzung.

Ankunft im Refugium des Zauberers. Die Smaragdfarbe meiner Kindheit wird hier durch das Aufsetzen von grünen Brillen erreicht, was ich super finde.

Auftritt Vladimir Malakhov. Und das muss man dann doch sehen, um es zu glauben.

Ich bin versucht, zu sagen, dass eigentlich alle in dem Stück durch eine Zweitbesetzung aus dem Staatsballett gleichwertig zu ersetzen sind, außer Vladimir Malakhov, aber natürlich stimmt das nicht ganz. Einerseits ist Herr Malahhov natürlich, wie Frau Semionova oder Frau Saidakova, nie gleichwertig zu ersetzen, gleichzeitig glaube ich schon, dass Rainer Krenstetter das genauso witzig hinkriegen würde, sogar ohne sich übermäßig anstrengen zu müssen und die schönen Männer aus der „erste Solotänzer“ Reihe, würden das auch alle schaffen, wenn sie denn wie Malakhov an dem Abend den Mut haben, sich selbst hemmungslos auf die Schippe zu nehmen.

Jeder Auftritt von Malakhov in Oz ist jedenfalls großes Theater. Nicht unbedingt großes Ballett, aber großes Theater.

Das ist eine Falle, in die man rennen kann und in die ich ein bisschen gerannt bin: dass man sich von den großen Namen blenden lässt. Aber Semionova und Malakhov gewinnen an diesem Abend auf völlig unerwartete Weise, weil beide sich bedingungslos dem Stück unterordnen. Polina Semionova lässt sich bereitwillig von den Demi Solotänzern die Show stehlen und Malakhov… dazu sage ich nichts. Man muss das sehen!

Da die Stars hier bereitwillig in die zweite Reihe treten ist es vielleicht angebracht, etwas über die dritte Reihe zu sagen: Das Corps de Ballet. Wahrscheinlich das oft übersehene definierende Merkmal von klassischem Ballett.

Aaaalso: Über die Hierarchie in einer klassischen Ballettkompanie gibt es relativ viel zu sagen, in Berlin gibt es erste Solotänzer (Saidakova, Semionova, Malakhov im Oz-Fall), Solotänzer (Elisa Cabrera als wicked witch of the west) und Demi Solotänzer (Federico Spallitta als Vogelscheuche, Artur Lill als Blechmann, Vladislav Marinov als Löwe, Iana Balova als gelbe Katze) und außerdem das Corps de Ballet, das seine besten Momente in der Regel als Kollektiv hat. Die ersten Solotänzer sind die prestigeträchtigen Jobs, die Presse schreibt eben über Malakhov und Semionova und selten über das Corps de Ballet, dabei wäre es eigentlich interessant, sich auf die Suche nach dem besten Corps de Ballet zu machen, aber eigentlich redet man selten darüber: In Paris tanzt eben Aurelie Dupont, am Bolschoi Frau Zakharova, am Mariinsky Frau Vishneva, über die Corps de Ballet Arbeit an diesen Häusern weiß und erfährt man nichts und es gibt da, soweit ich weiß, auch keine Preise, die ein Corps de Ballet gewinnen kann. Es gibt die Primaballerina assoluta, aber nicht das Corps de Ballet assolutes (oder wie auch immer die Endung da sein muss). Jedenfalls ist es für die Zuschauer so: ein gutes Corps de Ballet kann einen Solotänzer, der einen schlechten Abend hat, auffangen (natürlich nicht ganz, aber ich lass das trotzdem mal so stehen, for the sake of the argument), der Solotänzer ein indisponiertes Corps de Ballet nicht, da kann er (meistens sie) noch so toll sein, man wird immer das Gefühl haben, dass etwas misslungen ist.

Ich habe nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten, aber ich glaube, dass das Corps de Ballet vom Staatsballett Berlin gut ist, wer sich davon überzeugen will, sei auf „La Esmeralda“ und „Schneewittchen“ verwiesen, wo man das in Reinkultur sehen kann. Bei Oz gibt es für das Corps auch einiges zu tun und die Sachen sind sehr viel anspruchsvoller als es aussieht, von Tanz in Puppen (ein Tänzer pro Zwergentanzpaar) bis synchrone Kopfbewegungen zu Videoprojektionen (ein Motiv, das dann später von Malakhov als Zauberer übernommen wird) über tanzende Lakaien, die als Möbelstücke für die wicked witch of the west (www) agieren müssen, aber das ist alles sehr verspielt und speziell, was natürlich auch den Reiz ausmacht.

Die Arbeit des Corps de Ballet wird jedenfalls oft als selbstverständlich hingenommen und irgendwie minderwertig betrachtet. Das kommt vermutlich daher, dass ein Solotänzer jederzeit eine Rolle im Corps Kollektiv übernehmen könnte, aber nicht unbedingt jeder Corps Tänzer den Solotänzer ersetzen kann. Aber das Corps funktioniert eben als Kollektiv und da geht es um andere Sachen, die aber im klassischen Ballett äußerst wichtig sind.

Das Corps ist zudem wahrscheinlich der älteste Teil der Ballettkompanie. Als klassisches Ballett entstanden ist, also zur Zeit Ludwig des 13. Und 14. muss man sich das wohl ungefähr so vorstellen: Ludwig der 14. als Primoballerino, der Rest: Corps de Ballet. Die Bewegung des Corps de Ballet ist zu der Zeit das Plié, auf deutsch: der Knicks (der Knicks wie ihn die Damen im 19. Jahrhundert ausführten ist im Grunde ein Plié in der vierten Position plus Senkung des Hauptes). Die Tiefe des Pliés bezeichnet letztlich den Abstand des Tänzers zum König. Ein „grand Plié“ wird also wohl vor allem eine Bewegung des niederen Adels und der Speichellecker gewesen sein. Mittlerweile sind wir darüber weit hinaus und das Corps de Ballet ist zu einer eigenen Größe im klassischen Ballett geworden. Und wenn das Corps de Ballet gut drauf ist, sieht man auf jeden Fall großes Ballett.

Nun gut, soviel dazu. Wahrscheinlich ist es angemessen, mit dem Corps de Ballet zu enden. In einer Kritik über Oz habe ich eine Bemerkung darüber gelesen, ob das Staatsballett nun buddhistisch wird, nach dem Motto: jeder Mensch ist, so wie er ist, perfekt. Naja, das ist nun mal die Botschaft des Buches und wenn ich Kinder hätte, hätte ich keinerlei Probleme, ihnen ein Buch vorzulesen, das genau diese Botschaft hat. Oz ist eigentlich ein Stück für ein junges Zielpublikum. Ab zehn steht im Programm, aber ich denke, dass auch jüngere Menschen damit etwas anfangen können. Es gibt einen etwas gruseligen Moment mit der WWW, aber ich hatte mit sieben kein Problem mit gruseligen Momenten und die kids von heute sind wahrscheinlich härter drauf als ich damals, also sollte man, meiner Meinung nach, nicht zu viel Scheu davor haben, auch mit jüngeren Kindern hinzugehen. Wenn die Augen der WWW als Videoprojektion erschienen halt kurz weggucken.

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