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Ballettvideos, die es nie geben wird: Margot Fonteyn tanzt The Revenge of Sleeping Beauty

Mai 1, 2011

Der Grund, weshalb Polina Semionova so berühmt ist, ist ja dieses Grönemeyer Video. (der Link führt zu einer HD Version, die oft geklickte findet man hier). Folgt man dem hübschen Büchlein „Polina“ von Gerhard Haase-Hindenberg, sollte ursprünglich Nadja Saidakova tanzen und hat auch die Choreographie gemacht. Allerdings zog sie sich vor dem Drehtermin eine leichte Verletzung zu, so dass Polina Semionova kurzfristig eingesprungen ist. Ganz lässt sich der Erfolg des Videos nicht erklären. An Grönemeyer liegt es nicht, weil EMI aus urheberrechtlichen Gründen auf youtube nur eine Instrumentalversion erlaubt und Herbert Grönemeyer ja nun auch eher ein deutsches Phänomen ist, was zum Teil daran liegt, dass die Texte doch irgendwie wichtig sind.

Auf youtube wurde das Video über dreieinhalb Millionen mal angeklickt und ich habe kein beliebteres Ballettvideo gefunden, abgesehen vom Trailer für Black Swan, wobei der Film ja mit Ballett nicht sooo viel zu tun hat.

Es gibt ein paar Ballettclips, die über zwei Millionen Klicks haben, aber die Semionova/Grönemeyer Kooperation scheint doch am Erfolgreichsten zu sein.

Man fragt sich dann natürlich, warum nicht mehr derartige Videos gemacht werden, schließlich hat Polina Semionova mit dem Video doch einige Leute für Ballett interessiert, die nicht allzu viel damit am Hut hatten.

Anlass für mich, eine kleine Reihe zu starten über Ballettvideos, die es nie geben wird. So habe ich auch eine Ausrede, innerhalb eines Tanzblogs über Musik zu schreiben.

Je berühmter die Ballerina, desto unbekannter der Song. Revenge of Sleeping Beauty kennen wahrscheinlich nicht so viele Leute, nicht mal i-tunes hat das Ding und auf youtube wurde der Song etwas über tausend mal angeklickt, dabei ist das ein ziemlich beeindruckendes Teil.

Die meisten Leute kennen das ein oder andere Lied von Lisa Dalbello, auch wenn sie keinen blassen Schimmer haben, dass es von ihr ist. „Irgendwie, irgendwo, irgendwann.“ von Nena hat die Dame zum Beispiel geschrieben.

Das, was sie sonst gemacht hat, ist eher auf der düsteren Seite der Pallette. Sting hat sich ja mal darüber beschwert, dass die meisten Leute „Every Breath you take“ für ein Liebeslied halten, während es in Wahrheit um eine krankhafte Besessenheit geht. Nun gut, liegt vielleicht daran, dass es wie ein Liebeslied klingt. Kann man machen, die Musik ironisiert da praktisch den Text. Wenn man aber nicht missverstanden werden will, ist der Dalbello Weg doch besser. Es wird wahrscheinlich niemand auf die Idee kommen, „Gonna get close to you“ (das Video ist allerdings eher wegen der achtziger Jahre Haarschnitte gruselig) oder „Target“ für romantische Lieder zu halten, weil da die Bedrohung in der Musik sehr deutlich wird und nicht nur im Text.

Die letztgenannten Songs sind aber noch recht zurückhaltend und dezent, die bedrohliche Atmosphäre entsteht über recht subtile musikalische Mittel wie Vertauschen von Snare und Base drum und ähnliches. Bei The revenge of Sleeping Beauty ist für derartige Subtilitäten kein Platz. Revenge of Sleeping Beauty ist der letzte Song auf Lisa Dalbellos letzter Platte „whore“ und die aggressive Energie, die in den berühmteren Songs wie „Gonna geht close to you“ noch zurückgehalten wurde, tritt da ziemlich ungebremst auf. Dalbello schreit sich die Seele aus dem Leib, Tommy Lee, ja, der Ex-Mann von Pam Anderson, trommelt, der Bass wummert ziemlich dominant, dazu schwanken Streicher durch den Song, Gitarren treten zunächst eher im Hintergrund auf, um ein bisschen Lärm zu erzeugen, der sich später steigert und in konvulsivischen Feedbackächzern und metalartiger Riffarbeit endet.

Wie also ist Dame Margot Fonteyn auf die Idee gekommen, ausgerechnet zu diesem Song ein Musikvideo zu machen?

Zum einen wird ihr natürlich der Titel gefallen haben. „Sleeping Beauty“ war ja durchaus so etwas wie eine Paraderolle von ihr und für Rache gab es auch jede Menge Gründe.

Meine Informationsquelle zu Margot Fonteyn ist vor allem der Film „Margot“ von Tony Palmer, eine Dokumentation, in der man all das erfährt, was man nie über Margot Fonteyn wissen wollte. Dornröschen, mag ein bisschen ihr Lebensthema gewesen sein, allerdings war das Warten auf den Traumprinzen zumindest privat nicht sonderlich erfolgreich. Beruflich tauchte irgendwann, als sie 40 war und sich eigentlich langsam zur Ruhe setzen wollte, Rudolf Nurejew auf. Über dessen sexuelle Orientierung klärt uns hier Franz Beckenbauer auf, trotzdem suggeriert der Film, das zwischen den beiden (also Fonteyn und Nurejew, nicht Beckenbauer und Nurejew) was lief und Fonteyn eine Fehlgeburt hatte. Der Vater, so legt der Film nahe, wäre dann Nurejew gewesen. Ein bisschen ist Fonteyns Leben wie eine Telenovela ohne Happy end. Als sie sich mit ihrem Mann treffen wollte, um Scheidungsformalitäten zu besprechen, wurde er von einem Südamerikaner, mit dessen Frau er wohl ein Techtelmechtel hatte, über den Haufen geschossen und war seitdem vom Hals abwärts gelähmt.

Ein klassischer Plottwist, der es Lady Fonteyn verunmöglichte,  sich von dem Mann zu trennen und es ist erstaunlich, dass der Kerl es trotzdem geschafft hat, mit seiner Pflegerin fremd zu gehen. Wie das genau vonstatten gegangen sein soll, verrät der Film glücklicherweise nicht, es ist aber wohl ziemlich gut dokumentiert, dass es so war.

Und in der ganzen Zeit hat die Frau getanzt, getanzt, getanzt, getanzt, bis sie sechzig war oder so. Klassisches Ballett. Die jüngeren Tänzerinnen waren darüber nicht immer glücklich, weil Fonteyn die Rolle der Primaballerina assoluta so lange besetzt hielt, dass, als sie sich endlich zur Ruhe gesetzt hatte, die Folgegeneration schon aus dem Alter raus war, in dem man normalerweise im Ballett Karriere macht. Bis sechzig tanzt eigentlich kein Mensch, zumindest nicht die schwierigen Rollen im Ballett, es sei denn er oder sie ist völlig besessen von irgendwas und körperlicher Schmerz tritt hinter der Besessenheit zurück, denn dass sie Schmerzen gehabt haben muss, ist klar. Es gibt Leute, die entsetzt waren, als sie ihre Füße gesehen haben.

Geholfen hat es Margot Fonteyn nicht, oder nicht genug. Vielleicht waren es auch einfach die falschen Sachen, die sie getanzt hat.

Das ist ihr vielleicht aufgegangen, als sie Revenge of Sleeping Beauty gehört hat (der Song ist erst vier Jahre nach ihrem Tod erschienen, aber das muss in diesem Zusammenhang natürlich ignoriert werden). Lady Fonteyn hatte kein sehr glückliches Händchen, was die Auswahl ihrer Männer angeht, der erste war ein Säufer, viel älter als sie und als der sie verlassen hatte, war ihr Herz gebrochen, wie man so schön sagt. Irgendwie muss das raus und sich um einen invaliden Ehemann kümmern und Rinder züchten war nicht die Lösung.

Also, warum nicht ein Video zu einem obskuren Rocksong drehen, den kein Mensch kennt?

Das Video beginnt mit einem Verweis auf die erste Textzeile des Songs (behind the veil…), indem wir ein paar apricot farbene Gaze Vorhänge die durch einen Lufthauch leicht bewegt werden durchschreiten (das ganze atmet ein bisschen den Geist der 80er Jahre). Dahinter steht – nein, nicht das Bett. Das Bett steht ziemlich weit hinten im sich öffnenden Raum und es ist auch kein Himmelbett, wie man sich das bei Dornröschen vorstellt, sondern eher ein Krankenhausbett. Aber das erste, was wir sehen, ist Margot Fonteyn, die in der Dornröschen Attitüde auf Spitze statuesk im Zentrum steht. Als die Drums einsetzen folgt ein kurzer Schnitt nach draußen, ein Prinz – nicht Rudolf Nurejew, sondern irgendwer, jung, gutaussehend – kommt auf einem weißen Hengst in Sichtweite des Schlosses. Er hält kurz inne und macht ein entschlossenes Gesicht, als er das Schloss sieht, das zu seiner Überraschung nicht von dornigen Rosen umwachsen ist. Er lächelt dann. Die Prinzessin zu befreien, wird leichter als er dachte.

Als der wackere Prinz sich wieder in Bewegung setzt, zurück zu Margot Fonteyn, die immer noch bewegungslos da steht, aber es scheint, als hätten ihre Haare das Nahen des Retters bemerkt. Vorher waren sie zu einem Knoten nach hinten gebunden, jetzt lösen sie sich und fallen auf die linke, der Kamera zugewandten Seite. Sie erwacht, verliert die Balance und knickt im Oberkörper zur Seite.

In einer ungeschickt anmutenden Bewegung kann sie sich noch mit dem Bein abfangen, aber es ist deutlich, dass ihr die Bewegung schwer fällt, schließlich stand sie hundert Jahre lang in der Attitüde und ihre Gelenke und Muskeln sind keine anderen Bewegungen mehr gewöhnt.

Entsprechend vorsichtig und ungelenk fallen ihre ersten Bewegungen aus. Sie versucht sich zu erinnern, wie das ging. Ein Demi-plié, ein frappé, ein rondes de jambes. Es klappt noch und langsam gewinnt sie mehr Sicherheit, fängt an zu tanzen, versucht sich an einer Arabesque penchée und sie kriegt das sogart hin. Mit der ersten Pirouette kommt sie langsam in Schwung und beginnt zur Musik passend klassisches Ballett zu tanzen, aber je mehr sie sich dreht und je schneller sie wird, desto deutlicher wird, dass sich der Tanz in eine andere Richtung entwickelt. Ihre Schuhe fangen an, sich aufzulösen, die Bänder reißen, die Sohlen brechen ab, so dass sie schließlich barfuß dasteht und mit jedem Ronde de jambes Blutspuren auf den Boden malt.

Sie sieht das und findet es irgendwie hübsch. Den Schmerz bemerkt sie nicht, vielleicht tut es auch nicht weh. Es ist ungewohnt für sie, barfuß zu tanzen, aber die Zeichnungen auf dem Boden steuern jetzt die Bewegungen und die Arme hält sie dabei unachtsam angewinkelt nach oben, wie um die Füße nicht zu stören, die sie jetzt in raumgreifenden Bewegungen und Sprüngen durch das Zimmer tragen.

An diesem Punkt sind ungefähr zwei Minuten vergangen und Lisa Dalbello hat zum ersten mal den Refrain gesungen.

Der Prinz nähert sich derweil auf seinem Pferd dem Schloss. Das Pferd scheut kurz, doch der Prinz bekommt es wieder unter Kontrolle.

Lady Fonteyn steht still, die Beine parallel, nicht nach außen gedreht, sie macht mit ihren Armen Bewegungen, als würde sie etwas in die Luft malen, einen Dämon vielleicht, der aus ihr rauswill oder in sie rein, oder sie zeichnet die Blutspuren auf dem Boden nach. Die Füße haben aufgehört zu bluten. Nach Minute drei hebt der Song für eine Minute ab mit den seltsamen Textzeilen: In every shadow there’s a deeper reason searching for a scream, in every nightsmare there’s a darker meaning waiting for a dream und so weiter und Margot Fonteyn fängt an, den Rest des Körpers den Armen folgen zu lassen. Mit Ballett hat das mittlerweile nichts mehr zu tun, es wirkt mehr wie ein Hexentanz, Walpurgisnacht im Dornröschenschloss. Die Augen, nicht mehr verträumt, sehen alles, auch den Prinzen, durch die Mauer, der vor dem Schloss auftaucht und sein Pferd zum Anhalten bringt. Margot Fonteyn hört kurz auf zu tanzen, in ihren Augen blitzt Hass auf, während sie Schwung holt und dann sich mit den Händen aubstützend zu Boden geht und vom Bein ausgehend eine Bogenbewegung mit dem Körper macht. Die Türen des Schlosses öffnen sich, zwei Dobermänner treten dem Prinzen entgegen.

Sie fängt wieder an zu tanzen, bewegt sich noch im Rhythmus der Musik und schnell dazwischengeschnitten sieht man den Kampf des Prinzen gegen die Hunde, den der Prinz gewinnt. Margot Fonteyn spürt das und muss andere Saiten aufziehen.

Minute vier, die Musik pausiert kurz, der Bass beginnt rumzuwummern, nimmt Anlauf, bevor es zum Finale geht. Margot Fonteyn hält sich nicht mehr an die Dramaturgie der Musik, als die Musik Anlauf nimmt, tanzt sie ungebremst weiter. Als die Musik wieder los legt, kauert sie sich hin und zieht Energie aus dem Boden. Man sieht das daran, dass aus den Blutspuren  blauer Dunst aufsteigt, wie sehr schlanke, amorphe Tänzerinnen, ein Corps de Ballet aus Luft, das sich im folgenden im Takt hin und herwiegt, während Margot Fonteyn die Erdgeister anruft, indem sie mit ihren Armen beginnend, dann mit dem ganzen Körper etwas Unsichtbares aus dem Fußboden zieht. Im Zimmer passiert nichts, aber als der Prinz das Schloss betreten will, brechen dornige Ranken aus dem Boden und greifen an. Der Prinz merkt dass er den bösen Zauberer, den er für die Tricks verantwortlich macht, unterschätzt hat. Er hat keinen blassen Schimmer, dass in Wahrheit Dornröschen selbst für die Dornenhecke verantwortlich ist. Er versucht, die Dornenranken mit dem Schwert zu durchbrechen, aber er hat keine Chance, die Dornen bohren sich in seinen Arm und er lässt das Schwert fallen. Margot Fonteyn tanzt frei, jetzt lächelnd. Der Prinz bleibt in der Hecke stecken. Der Song ist zu Ende. Margot Fonteyn geht zum Bett, ölt sich die Füße ein und bewegt ein bisschen die Zehen, dann legt sie sich hin und schläft glücklich lächelnd ein.

So, in diesem englischen Wikipediaartikel über Margot Fonteyn gibt es ein hübsches Zitat, das vielleicht erklärt, warum das Video so geworden ist, wie es geworden ist:

  • „Life offstage has sometimes been a wilderness of unpredictables in an unchoreographed world.“

Da hat sie natürlich recht.

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