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Tanzapartment c/o Huber & Christen – Frequenz 04/11

Mai 2, 2011

Der kleine Margot Fonteyn Exkurs diente mir ein bisschen dazu, durchzuatmen und die oben genannte Performance sich etwas setzen zu lassen. Über das tanzApartment kann man sich hier informieren. Laut Tanzraum Berlin wird das Ganze noch einige male aufgeführt, was auf der Galerie unter Berlin Seite zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vermerkt ist.

Das ganze findet statt in der „Galerie unter Berlin“ ein Kellergewölbe mit mehreren Räumen, an dem Abend werden drei davon bespielt.

Zunächst sind Stücke, bei denen es keine Sitzverteilung für die Zuschauer gibt, interessant, vor allem, wenn man vorher noch darauf aufmerksam gemacht wird, dass man sich im Grunde aufhalten darf, wo man will. Das Problem stellt sich vor allem im ersten Raum.

Im Raum verteilt stehen zwei Cellisten, am hinteren Ende des Raums ist eine Turnmatte aufgespannt, die im Raum schwebt und auf der Anna-Luise Recke tanzen wird. Theoretisch könnten sich die Zuschauer um einen der Cellisten gruppieren, aber das tun sie natürlich nicht. Als visueller Fokuspunkt wird erstmal die schwebende Turnmatte angenommen, die ab jetzt praktisch die Bühne ist und wo der Tanz stattfindet. Die Entscheidung des Publikums ist natürlich vernünftig, schließlich kann man die Musik auch wahrnehmen, ohne die Musiker zu sehen und das ist in der Regel die Art, wie wir Musik wahrnehmen, nur hörend, während man Tanz normalerweise sehen will, was an dem Abend später noch zum Thema wird.

Dem Programmheft kann man entnehmen, dass sich der Abend inhaltlich an dem Orpheus/Eurydike Mythos orientiert. Ich weiß das, als ich das ganze sehe und höre, nicht, weil es mir in der Galerie unter Berlin tendenziell zu dunkel ist, um das Heft zu lesen und ich es ja eigentlich auch gut finde, völlig unvoreingenommen in einen Abend zu gehen.

Im Nachhinein erschließt sich der Zusammenhang aber recht deutlich. Die Geschichte – Eurydike ist gestorben und in der Unterwelt, Orpheus macht sich auf, sie zu befreien, was ihm fast gelingt, wenn er sich am Ende auf dem Weg nach oben nicht umdrehen würde, was dazu führt, dass Eurydike für immer in der Unterwelt verschwindet – wird nicht nacherzählt, aber wenn man will, kann man die schwebende Turnmatte im ersten Raum noch als Oberwelt deuten, den zweiten Raum, bei dem die Bühne eine flache Wasserfläche ist als Übergang (Styx) und den dritten als Unterwelt, in dem die Tänzerin nur noch gespiegelt, wenn man so will als Erinnerung, sichtbar ist – außer für die neugierigen Zuschauen, die sich hinter den Spiegel begeben, und sich damit gewissermaßen ebenfalls Eintritt in die Unterwelt verschaffen. Zu denen gehöre ich allerdings nicht.

Im mythischen Zusammenhang identifiziere ich die Tänzerin eigentlich automatisch mit Eurydike.

Der Tanz auf der schwebenden Turnmatte ist vor allem interessant, weil die Konstruktion das Tanzen nicht unbedingt erleichtert, da die Matte wie eine Schaukel schwingt, was Anna-Luise Recke auch gelegentlich benutzt. Ansonsten hat man es mit zeitgenössischem Tanz zu tun, der aber formal recht geschlossen wirkt, mit einem überschaubaren Bewegungsrepertoire, das aber eben nicht das Bewegungsrepertoire des klassischen Tanzes ist. Es ist schwer zu sagen, ob das improvisiert oder choreographiert ist. Der Ablauf ist sicher vorgegeben: wie fängt das Ganze an, wie hört es auf, wie schafft man also eine Geschlossenheit. Ansonsten ist es denkbar, dass die Tänzerin spontan auf die Musik reagiert, das kann man als Zuschauer eigentlich nicht beurteilen. Für mich wirkt es so, dass sie in einer eigenen Welt ist. Kommunikation mit den Zuschauern wird vermieden, der Blick ist meistens gesenkt, nach innen gerichtet, auch dann, wenn sie am Ende die Turnmatte verlässt und sich den Weg durch die Zuschauer in den nächsten Raum bahnt.

Das ist insofern interessant, weil durch diese Haltung gewissermaßen die vierte Wand auch ohne klassische Bühnenaufteilung aufrecht erhalten wird. Es ist klar, dass die Tänzerin nicht „wie der Zuschauer“ ist. Identifikationsfläche wird nicht geboten, stattdessen etwas Unberührbares.

Der Nachteil dieser Haltung ist eine gewisse Humorlosigkeit und Kunstwilligkeit, die man mögen kann, aber nicht muss. Letztlich entscheidet sich das dann an der Frage, ob man einen Punkt findet, an dem man einen Zugang findet. Die Musik ist zu sperrig, um das ohne weiteres anzubieten, der Tanz wirkt auch nicht so, als ginge es darum, unbedingt gefallen zu wollen. Aber das ganze passt ganz gut zu den Räumen und gelegentlich mutet das so an, als wäre man Zeuge eines entrückten Traums. Ich brauche auch nicht unbedingt Ironie und Humor in einer Aufführung. Mittlerweile ist es ja schon ungewöhnlich, wenn man mal etwas sieht, das sich einfach ohne wenn und aber ernst nimmt. Ich habe nichts gegen Ironie, im Gegenteil, aber es ist auch ganz schön, wenn die Performer sich nicht von dem was sie machen per Humor distanzieren.

Im ersten Raum findet trotz in der Luft hängendem Tanzboden im Grunde das Bodenständigste am Abend statt, dem Euridyke Weg folgend geht es in Raum Nummer zwei. Als ich rein komme, bin ich zuerst verblüfft und weiche unwillkürlich zurück, weil ich das Gefühl habe, an einem Abgrund zu stehen, was sich als optische Täuschung erweist. Tatsächlich wird der Großteil des Raumes durch eine Wasserfläche bedeckt, die Zuschauer werden diesmal ziemlich klar auf eine Seite des Raums verwiesen. Der Effekt, den ich beim Eintreten gesehen habe, war ein Lichteffekt, durch den sich das Mauerwerk des Gewölbes sehr klar im Wasser gespiegelt hat, so dass der Eindruck entsteht, als ginge es nach unten in ein weiteres Gewölbe.

Später dreht sich der Effekt um, das Wasser wird angestrahlt und reflektiert sich in schönen, hypnotischen Lichteffekten an der Decke. Anna-Luise Recke ist nach der Tanzperformance in Raum zwei ziemlich durchnässt und verlässt diesmal den Raum ohne Zuschauer, oder sie verlässt ihn nur halb, weil sie als Schatten an der Wand bleibt (Videoprojektion) und sich bewegt zum live-Schatten einer Cellospielerin (Veronika Otto).

Da die Tänzerin im Wasser ist, vergrößert sich die Distanz zum Publikum etwas, gelegentlich bekommt man den ein oder anderen Wasserspritzer aber, aber das wirkt nicht unbedingt wie ein beabsichtigter Effekt, sondern eher ein notwendiges Übel, das aus der Bewegung durch das Wasser resultiert. Die Bewegung wird dabei nicht abgebremst, um zu verhindern, dass das Publikum etwas abbekommt, sondern so ausgeführt, wie es in dem Moment der Tänzerin notwendig erscheint (manchmal kommt es einem eher so vor, als sei das Nassspritzen des Publikums Absicht…). Die Stofflichkeit, die im ersten Akt noch sehr klar war, verwischt langsam, am deutlichsten dargestellt als Bassspieler Henry Mex hinter der Wasserfläche mit einem Geigenbogen (oder Bassbogen, ich weiß nicht ob es da einen Unterschied gibt), in der Luft zu spielen scheint und man muss recht genau hinschauen, um zu erkennen, dass von der Wand zu einer auf dem Boden stehenden Box tatsächlich Basssaiten (ich glaube drei) gespannt sind, die in der Tat bespielt werden (anfangs wirkte das eher wie eine Pantomime zu einem Stück vom Band, ist es aber nicht, die Musik ist live).

Wenn man das Wasser als Styxmetapher annimmt, wäre Raum Nummer drei die Unterwelt und sinnigerweise hat man hier keinen direkten Blick auf die Tanzperformance. Der Raum ist durch einen Spiegel unterteilt, die Tänzerin befindet sich dahinter. Davor der Flötist, der im ersten Moment der einzige Performer im Raum zu sein scheint. Aber irgendwas bewegt sich und wenn man den Blick etwas nach oben wendet, sieht man auch was: die Tanzperformance findet in einer Art Zerrspiegel statt, der hinten im Raum hängt. Zerrspiegel ist nicht das richtige Wort. Die Konstruktion muss ungefähr so sein, dass die Rückwand des großen Spiegels ebenfalls verspiegelt ist und man die meiste Zeit über den oberen Spiegel die Spiegelung der Spiegelung sieht, was einen irgendwie verwaschenen und manchmal gesplitterten Eindruck macht. Je nachdem wo die Tänzerin sich bewegt, wird das Bild, das im oberen Spiegel erscheint manchmal schärfer (da nicht mehr durch den zweiten Spiegel vermittelt). Der Effekt, der entsteht ist schön, weil sich der dramaturgische Zusammenhang so allmählich erschließt und es freut mich ja immer, wenn etwas eine gewisse dramaturgische oder formale Geschlossenheit hat (was oft das Gleiche ist). Während am Anfang die Tänzerin die Distanz über ein Insichgekehrtsein noch selbst herstellen muss, hilft ihr im zweiten Teil das Wasser und im dritten ist sie eigentlich nur noch eine Fata Morgana. Zwischendurch entfernen sich auch die Musiker und der Sound kommt aus einem anderen Raum. Als Zuschauer ist man jetzt allein, mit dem Spiegelbild einer Tänzerin und entfernter Musik. Im Mythos wahrscheinlich der Moment, in dem Orpheus stirbt und wieder in die Unterwelt kann, wenn auch als Schatten. Als die Musiker zurückkommen, gehen sie ebenfalls hinter den Spiegel und leisten Eurydike in ihrem Schattendasein Gesellschaft. Der Untertitel des Abends ist: „Ein Entschwinden in drei Akten“ und das passt sehr gut. Der arme Orpheus.

(um noch die Beteiligten zu erwähnen, die nicht erwähnt wurden: Vanessa Huber-Christen Choreographie, Raumgestaltung und Videoinstallation, Lorenz Huber Raumgestaltung und Flöte, das kann man aber auf der Webseite genauer nachlesen).

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