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Christoph Winkler – Taking Steps – Authentisch auf der Bühne (?) Teil 1

Mai 5, 2011

Habe mir gerade ein Kindle Buchlesegerät gekauft, eigentlich hauptsächlich, um die Sachen für die Arbeit papierlos lesen zu können und weil ich eine Balanchine Biografie haben wollte, die es nur als e-book gab, aber seitdem bin ich völlig besessen von dem Ding. Vermute ja, dass es in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr so viele Bücher auf Papier geben wird, weil das Leseempfinden tatsächlich einem Buch sehr ähnlich ist. Aber nichtsdestotrotz hier die ersten Anmerkungen zu Christoph Winklers Taking Steps als Einführung in das große Thema: Authentizität und Theater und Tanz.

Also: drei Tänzer: Martin Hansen, Luke Garwood, Christine Joy Ritter. Alle drei kommen am Anfang auf die Bühne, gehen auf das Publikum zu und stellen sich in einer Art Bewerbungspitch vor, das heißt sie beschreiben ihre besonderen Fähigkeiten und Qualitifkationen als Tänzer und Performer, wobei sie fleißig bemüht sind, sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Sie benutzen ihre echten Namen und es ist möglich, dass die Beschreibungen ihrer Fähigkeiten auch ihren tatsächlichen besonderen Qualifikationen entsprechen, das ist allerdings eher Spekulation. Das interessante bei Taking Steps ist, dass sich hier Tanztheater mit einer Performancehaltung trifft, die nicht neu, aber immer noch interessant ist und es auch noch eine Weile bleiben wird. Die Performancehaltung ist, dass man gut seinen eigenen Namen auf der Bühne benutzen kann und trotzdem eine Rolle spielt. Selbst wenn die Rolle exakt der Privatperson, die die Rolle spielt, entspricht, den gleichen Namen hat, die gleiche Lebensgeschichte, den gleichen Beruf, die gleichen Gewohnheiten usw., haben wir es, da auf der Bühne, trotzdem mit einer Rolle zu tun.

Was ich daran mag ist, dass dadurch auf sehr effektive Weise eine Analogie zur sogenannten Wirklichkeit aufgemacht wird. Die etwas abgedroschene These dazu ist, dass jeder im „normalen Leben“ letztlich eine Performance abliefert, in der er oder sie so gut es geht versucht, die Person darzustellen, von der er glaubt: das bin ich.

Wie mittlerweile ja nicht nur die Buddhisten sondern auch die Neurologen wissen, ist das alles eine Illusion und insofern ist der Performer auf der Bühne dem Zuschauer hier einen Schritt voraus, weil er weiß, dass er auf der Bühne eine ausgedachte Person darstellt, auch wenn diese ausgedachte Person in jeder Beziehung, der Person, die er außerhalb der Bühne darstellt, entspricht.

Das bietet eine Menge Freiheiten und der Performer kann anfangen, mit dieser Person, mit der Rolle, zu spielen, kann das, was er im Privatleben ist, als Ausgangspunkt nehmen, um sich andere Eigenschaften anzudichten, um seine Lebensgeschichte zu variieren, Qualifikationen für sich in Anspruch zu nehmen, die er nicht hat, körperliche Eigenschaften zu erfinden, die nicht seine Eigenschaften sind, kurz gesagt, er hat die Möglichkeit, andere Versionen von sich selbst zu entwickeln.

In anderen Kreisen nennt man das dann Method Acting, aber das schöne an der beschriebenen Performancehaltung ist: keine der Versionen, die man von sich entwirft, kann einen Anspruch darauf erheben, so etwas wie eine vollständige Wahrheit zu repräsentieren.

Es geht nicht so sehr, um ein: „so ist es“, sondern eher um ein: „es könnte so sein, aber genauso gut anders“, um ein „so ist es im Moment“ oder ein: „das Stück ist interessanter, wenn ich jetzt mal das bin“. Als plastisches Beispiel kann natürlich ein Mann auf der Bühne und im Leben von sich behaupten, eine Frau zu sein. Ich war im Studium in einem Feminismusseminar, in dem das die paar anwesenden Männer (bis auf zwei) bereitwillig und stolz getan haben, was ein wenig… bizarr war und vermutlich einer berechtigten Kastrationsangst entsprungen ist. Nichtsdestotrotz hatten die Männer, die da ihre weibliche Seite entdeckt hatten, durchaus gute Argumente und das einzige Gegenargument war dann die Anatomie, die man aber als Zufall, mit dem man nichts zu tun hat, vernachlässigen kann.

Umgekehrt funktioniert das natürlich genauso, wie man am Beispiel Maggie Thatcher sehen kann.

Aber um Männer und Frauen geht es hier erstmal nicht, sondern um das Offenlegen von Identitätsfiktionen. Angefangen hat das ganze wohl mit der Suche nach einem „authentischen“ Ausdruck auf der Bühne. Der naheliegende Ansatz ist ja zu sagen, dass man auf der Bühne keine Rolle mehr spielt, sondern „man selbst“ ist. Nur: probiert man das aus, stellt man fest, dass es nicht stimmt. Man ist nicht „man selbst“ man ist nur jemand, der so tut, als ob er er selbst ist, was erst dann wirklich auffällt, wenn man das vor Publikum macht. Das Lässige daran ist, dass das auch ohne Publikum und außerhalb der Bühne so ist.

Den „authentischen Ausdruck“ gibt es nicht (weil es kein authentisches Ich gibt, würden die Buddhisten und die Neurologen sagen).

Soviel zum Sprechtheater. Nun haben wir es aber bei Taking Steps außerdem mit Tanz zu tun, was natürlich alles noch komplizierter macht. Die These dazu wäre, dass, wenn das „ich“ oder was auch immer wir dafür halten, nicht authentisch ist, der Körper das Gegenstück ist. Es gibt ja viele Abhandlungen über „authentic movement“. Über Bewegungen wird in dem Zusammenhang gesondert zu reden sein, aber der Körper selbst, als Manifestation, als Teil der Welt und Mittel, mit der Welt in Kontakt zu treten, ist – wenn man die Vorstellungen und Wertungen, mit denen man ihn belegt, mal vergisst – immer authentisch, also echt. Aber ich will mich nicht zu lange auseimern, sondern das dann in Teil 2 weiter auswalzen, weil ich sowieso immer zu lang schreibe.

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