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She She Pop – Testament Authentisch auf der Bühne (?) Teil 2

Mai 6, 2011

Anlässlich des Theatertreffens Teil 2 des Authentizitätproblems: Ein paar Anmerkungen zu „Testament“, worin She She Pop mit ihren Vätern versuchen, „King Lear“ zu inszenieren.

In dem Fall sind es drei Väter. Und an diesem Punkt bin ich versucht, ein paar Dinge zu sagen, die irgendwie stimmen und gleichzeitig falsch sind. Erstens bin ich versucht zu sagen, dass die Väter tatsächlich die echten Väter sind und keine Schauspieler, die so tun, als seien sie die Väter. Das stimmt einerseits, andererseits ist die Performance tatsächlich durchinszeniert, das heißt, die Väter können durchaus unterschiedliche Rollen übernehmen, ebenso die Kinder. Nichtsdestotrotz entspringt aber alles, was auf der Bühne passiert dem Verhältnis, das eben diese Väter zu ihren Kindern haben, die aus irgendeinem Grund beschlossen haben, in der freien Theaterszene ihr Leben zu bestreiten (was nicht unbedingt Begeisterungsstürme bei den Vätern auslöst). Ist der tatsächliche verwandtschaftliche Bezug bedeutsam? Ja. Mit Schauspielern würde das ganze nicht die Bohne funktionieren.

Trotzdem spielen die Väter eine Rolle, die Rolle ist mehr oder weniger identisch mit der Rolle, die sie im echten Leben spielen, genauso wie die Performer unter echten Namen auftreten und in dem Fall vor allem Kinder sind, aber sowohl die Väter als auch die Kinder spielen eine Rolle und wissen das auch. Die Rollenverteilung gibt hier tatsächlich sowohl den Menschen auf der Bühne (als auch dem Publikum) eine gewisse Sicherheit, dass das ganze nicht völlig außer Kontrolle geraten wird, ebenso hilft King Lear als Struktur.

Was an dem Abend gelingt, ist, das ganze an Punkte zu führen, die tatsächlich schmerzhaft sind, ohne jemals eine gewisse Geschmacksgrenze zu überschreiten (zumindest sehe ich das so, aber Geschmacksgrenzen sind natürlich individuell unterschiedlich).

Wenn ich mich richtig erinnere, beginnt das Ganze nach dem Einmarsch der Väter und einer kurzen Vorstellung, wie man diese zu behandeln hat, mit einer Besprechung der Performer darüber, was es nun heißt, die eigenen Väter zu inszenieren und dass man erstmal die Machtverhältnisse klar machen muss: der Abend ist ein Abend der Performancegruppe und sie wollen sich nicht von den Vätern diktieren lassen, wie der Lear dann auszusehen hat. Die Konfliktlinien sind abgesteckt und es ist schon hübsch, dass es keine Scheu davor gibt, die Väter auf der Bühne hören zu lassen, wie hinter ihrem Rücken über sie gesprochen wird.

Das ganze ist ein Machtkampf und die Frage, wer gewinnt, wird an dem Abend beantwortet – letztlich durch den Applaus der Zuschauer. Um es vorweg zu nehmen: die Väter gewinnen haushoch, einfach schon, weil man teils fassungslos, teils ehrfürchtig anschaut, was die alles mitmachen und man sich unwillkürlich fragt, ob man so etwas mit dem eigenen Vater auch machen könnte. Die Antwort wird oft „nein“ sein und so kommt man zu dem Schluss, dass die auftretenden Väter einfach verdammt cool sind.

Nun gut, im Dienste einer überschaubaren Länge meines Geschreibsels, muss ich nicht den ganzen Abend nacherzählen. Es gibt eine Sequenz in der Fanny Halmburger beschreibt, wie sie in der Zukunft ihren dementen, bettlegrigen Vater palliativ betreut, füttert, wäscht etc., während eben dieser Vater mit brüchiger Stimme Whitney Houstons „I will always love you“ singt. Ich weiß nicht, wie man im Theater etwas hinbekommen kann, das stärker ist als das. Beim Theatertreffen kann man sich das Ganze noch mal anschauen.

Mir geht es ja eigentlich um die Performerhaltung, um die Frage, inwieweit hier die „Wirklichkeit“ gewissermaßen die Bühne in Besitz nimmt. Der Wirklichkeitsaspekt ist hier natürlich ein ungreifbarer, der durch die Tatsache entsteht, dass die Väter „echt“ sind – es gibt eine spürbare und tiefe emotionale Verbindung, die eben mit Schauspielern nicht herstellbar wäre. Die Töchter/der Sohn sind deshalb auf eine interessante Art rücksichtsvoll, weil sie den Vätern und sich selbst mit Lear eine Struktur geben, an der sie sich abarbeiten können. Im Grunde ist das eine freundliche Einladung, einfach alles zur Sprache zu bringen, was mal zur Sprache gebracht werden muss. Man sieht im Grunde live, wie die Generationen ihre Konflikte offen austragen und es entsteht der Eindruck, dass so etwas wie eine Hyperrealität entsteht, weil auf der Bühne etwas passiert, was im wirklichen Leben wohl wesentlich seltener, möglicherweise gar nicht passiert, nämlich dass sich die Generationen ohne Rücksicht auf Verluste miteinander auseinandersetzen.

Die Bühne hilft gewissermaßen dem wirklichen Leben nach, auch wenn sich die Väter gelegentlich dagegen wehren und der Meinung sind, dass man bestimmte Sachen nicht in der Öffentlichkeit besprechen sollte. Aber da sie mitmachen, ist implizit klar, dass sie am Ende einverstanden waren mit allem, was auf der Bühne passiert und da kommt ein gegenseitiger Respekt zum Ausdruck, der sehr schön ist, wie überhaupt trotz aller Streitereien und trotz des Nicht-Verstehens unter allem eine Zärtlichkeit und Zuneigung liegt, die stärker ist als die Konflikte, die es gibt.

Das zeigt sich dann an dem Abend tatsächlich oft im Gesang: Something stupid, der Song, den Frank Sinatra mit seiner Tochter Nancy gesungen hat, wird mehrmals geboten und da, wo es scheinbar aufhört zu privat zu sein ist die Performance dann am intimsten und privatesten. Das Echte entsteht eher durch das Ungesagte, das Gesungene und Getanzte und es ist fühlbar, auch für den Zuschauer und auch für den Zuschauer letztlich privat.

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