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Cie. Toula Limnaios – Reading Tosca

Mai 7, 2011

Einer der Orte an denen ich vorher noch nie war: die Halle Tanzbühne in der Eberswalder Straße, anscheinend ein ehemaliges Polizeirevier und jetzt Proben und Aufführungsort von Cie. Toula Limnaios. Alles ein wenig kleiner und bescheidener als das Radialsystem, draußen stehen ein paar Tische und Bänke rum, im Garten hinter dem Gebäude hat jemand Kerzen aufgestellt, warum, weiß ich nicht, es ist aber hübsch.

Vor der Aufführung von Reading Tosca, lese ich das neue Heftchen von Tanzraum Berlin über Taking Steps natürlich, diesmal aber in Bezug auf die prekäre finanzielle Situation von Tänzern in der freien Szene. Nun gut, um Taking Steps wird es wieder in Authentisch auf der Bühne Teil 3 gehen, jetzt erstmal Reading Tosca.

Toula Limnaios ist der Name der Choreographin und Gründerin der Kompanie. Der Truppe eilt ein ziemlich guter Ruf vorraus, eine hohe Erwartungshaltung ist nicht immer vor Vorteil, wie man seit „Inception“ weiß, aber in diesem Fall werde ich nicht enttäuscht. Im Gegenteil, in meinen heimlichen Top Ten der Tanzaufführungen, die ich in den letzten sechs Monaten gesehen habe, schafft es „Reading Tosca“ locker unter die Top drei.

Es scheint mir immer mehr so zu sein, dass die freie Szene in Berlin doch sehr agil ist. Mag sein, dass die ökonomische Situation von Tänzern erbärmlich ist, der künstlerische Output ist jedenfalls imponierend und alles was man als Publikum machen kann ist dann eigentlich nur: fleißig klatschen.

Ich bin auf den Abend schlecht vorbereitet, eigentlich hätte ich mir vorher mal Tosca anschauen müssen oder zumindest eine Inhaltsangabe durchlesen. Zu Oper finde ich keinen rechten Zugang und so bin ich erleichtert, dass die Musik in „Reading Tosca“ zwar Tosca ist, aber ziemlich zerhackt, manche Passagen klingen rückwärts gespielt, andere werden gesampelt und wiederholt. Mit gefälliger Oper hat das alles wenig zu tun, was für mich erstmal eine große Erleichterung ist.

Es gibt drei männliche und vier weibliche Tänzer. Die Choreographie nachzuerzählen ist wenig reizvoll, aber hier haben wir es mit einem dieser schönen Beispiele zu tun, wo sich, auch ohne dass ich Tosca kenne und ohne dass die Mittel des Handlungsballetts wie Pantomime, eingesetzt werden, eine Geschichte erzählt, mit den Mitteln des Tanzes und einigen schönen Theatereinfällen.

Das ganze fängt gemächlich an, aber im Laufe des Abends sieht man ziemlich beeindruckende Dinge auf der Bühne. Mit der Zeit entwickeln sich die Beziehungen der Tänzer untereinander, wobei es eine ziemliche Opposition von Männern und Frauen gibt, ein Bösewicht ist auszumachen, eine Hauptfigur, ohne dass allzu sehr der Finger darauf gelegt wird. Mal gewinnt der eine, mal die andere. Ich rufe dann ja immer gern: Contact Impro, Contact Impro, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob das so zutreffend ist und ob es nicht besser wäre zu sagen, dass es sich um ziemlich brutale Pas de deux handelt, die oft einen recht deutlichen und klaren dramaturgischen Aufbau haben. Ein paar Minuten lang wird eine Frau, am Hals, an den Beinen über die Bühne bewegt und am Ende schleudert sie dann den Mann in einem gekonnten Judo Wurf auf die Bühnenbretter. Improvisiert ist das erstmal nicht.

Das ist oft recht intensiv, manchmal lustig, die Mittel sind vielseitig, ja Pina Bausch Einflüsse kann man ausmachen, aber wo nicht? Ich freue mich ja immer, wenn ich ein paar Sachen sehe, die ich aus meinen Modern Dance Workshoperfahrungen kenne. Es gibt Phasen in dem Stück, die stark an Kung Fu Choreographien erinnern, Schläge werden ausgeführt, die Füße geflext.

Alles ist aufgeteilt in relativ klare Sequenzen, die sich in der Intensität steigern, manchmal aus sich beschleunigenden Wiederholungen entstehen, bis die Tänzer nicht mehr können. Konditionell und in der Konzentration ist das auf einem recht hohen Energielevel. Eine Tänzerin zieht sich eine Vorrichtung über die Arme und Schultern, an der sechs Gläser befestigt sind: eins an jeder Schulter, eins an jedem Ellenbogen, eins an jeder Hand. In einem befindet sich Rotwein und wenn sie mit dem Tanz dann fertig ist, hat sie es tatsächlich geschafft, den Rotwein in jedes der Gläser wenigstens einmal komplett umzufüllen. Dass sie dabei etwas verschüttet, kann ich nicht erkennen.

Gelegentlich begibt sich einer in eine Art rotes Kleid mit langer Schleppe, am Ende des Abends wird die Schleppe ausgebreitet und bedeckt die ganze Bühne. Ein Meer aus Blut wäre die erste Interpretation die sich aufdrängt. In der Mitte schlüpft eine Tänzerin in das Kleid und die anderen Tänzer bewegen das ganze, so dass der Eindruck eines Sturms entsteht, der ein rotes Meer bewegt.

Das Schlussbild ist dann so ähnlich wie bei Black Swan, wenn Natalie Portman auf diesem Podest steht und dann zur Seite springt, nur besser (und das Stück ist vor Black Swan entstanden). Wenn man am Ende tänzerisch den Tod der Hauptfigur zeigen will, dann so und ohne Turnmatte, die den Sturz abfängt.

Ziemlich beeindruckend, ziemlich gut. An einem Abend kann man unmöglich alles mitbekommen, was auf der Bühne passiert. Das Stück läuft noch ein paar Tage und wenn ich Zeit habe, werde ich wohl noch das ein oder andere mal in die U2 steigen und es mir anschauen.

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