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Tanz lesen: Apollo’s Angels von Jennifer Homans

Mai 17, 2011

Also eine Buchrezension. Habe mich nach der Arbeit in die Badewanne gelegt und endlich Apollo’s Angels. A History of Ballet von Jennifer Homans zu Ende gelesen. Das Buch ist ziemlich dick und extrem informativ. Das Ganze beginnt im wesentlichen am Hofe von Ludwig dem 13. geht dann über Frankreich nach Dänemark, nach Russland, zurück nach Frankreich, nach England und dann nach Amerika, um da dann mit Balanchine zu enden.

Apollos Angels war das erste Buch, das ich über Ballett gelesen habe und ich bin ganz froh, dass ich dazu recht lange gebraucht habe und Gelegenheit hatte, mir währenddessen noch ein paar andere Informationsquellen zu erschließen.

Das Buch hält sich im wesentlichen an einen chronologischen Aufbau. Am Anfang ist es entsprechend unproblematisch, weil die Quellenlage überschaubar ist und es wahrscheinlich eine gewisse Einigkeit darüber gibt, wer eine gewisse Bedeutung hat und wer nicht. Homans trifft allerdings da schon eine Auswahl, wen sie ausgiebig würdigt und wer nur am Rande erwähnt wird: Marie Taglioni wird lang abgehandelt und es gibt hübsche Informationen, wie die, dass die Frau wohl nicht wirklich auf Spitze getanzt hat sondern auf einer extremen Halbspitze, was sich an ihren Ballettschuhen nachweisen lässt. Ich mag so was ja, weil man das auf Parties gut Leuten erzählen kann, die sich nicht die Bohne dafür interessieren. Fanny Elssler wird am Rande erwähnt, fällt aber Homans offensichtlicher Abneigung gegen Popstars zum Opfer, die dann in einer relativ konsequenten Herablassung gegen die Nurejew/Fonteyn Sache weiter geführt wird.

Problematisch wird das Buch, je näher Homans sich der Gegenwart annähert. Mir war ja nicht ganz klar, dass sowohl in Amerika als auch in Russland Ballett anscheinend als Waffe im kalten Krieg benutzt wurde, und letztlich konzentriert sich Homans mehr oder weniger darauf und führt den Krieg noch ein bisschen weiter. Ihre Sympathien liegen dabei deutlich auf amerikanischer Seite, wenn das ganze auch ambivalent eingefärbt ist, Balanchine, war Russe, der sich einen französischen Namen zugelegt hat und dann in Amerika richtig berühmt wurde. Eine einfache Amerika vs. Sowjetunion Aufstellung wird da schwer.

Entwicklungen in Westeuropa und in Asien nach dem zweiten Weltkrieg werden im Großen und Ganzen ignoriert oder als Holzwege markiert. Ich schätze, ziemlich viele Leute in Europa und Asien würden das anders sehen. Mein erster Verdacht war, dass sie das deshalb ignoriert hat, weil sie sich auf klassisches Ballett konzentrieren wollte. Dann ist es aber unklar, warum nicht einmal angedeutet wird, dass Herr Nurejew an der Pariser Oper doch irgendwie relevante Ballettarbeit verrichtet hat. Cranko, Neumeier und Forsythe werde zumindest erwähnt (dankenswerterweise mit dem Hinweis, dass alle drei nach Deutschland gekommen sind, weil sie sich im zu der Zeit noch ganz gut subventionierten Stadttheater gut entfalten konnten). Mit Tanztheater und derartigem Schnickschnack hat die Frau wenig am Hut, was okay ist, wenn man eine Ballettgeschichte schreiben will. Pina Bausch ist relevanter Tanz aber eben nicht unbedingt relevantes Ballett und Butoh muss sie dann in dem Zusammenhang auch nicht interessieren, Herr Limon, Martha Graham etc. fallen ebenfalls dem Schneidetisch zum Opfer.

Also Amerika, New York, Balanchine. Es ist mir eigentlich sympathisch, dass Jennifer Homans keinen Hehl daraus macht, dass sie eine bestimmte Art von Ballett mag und andere Formen für geschmacklosen Nonsens hält, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich ihr da immer folge. Am Ende kommt sie jedenfalls zu der Behauptung, dass das Ballett letztlich mit Balanchine gestorben ist und danach nichts relevantes mehr passiert ist. Ballett, so ihr Schlusswort, liegt in den letzten Zuckungen, bevor es in näherer Zukunft endgültig sterben wird.

Man kann wohl davon ausgehen, dass sie das auch sagt, um zu provozieren (sobald man anfängt, sich damit zu befassen, stellt man doch fest, dass es ziemlich viele Leute gibt, die Ballett irgendwie toll finden) aber prinzipiell stimme ich ihr zu, wenn sie sagt, dass die dauernde Reproduktion alter Choreographien die ganze Sache nicht wirklich weiter bringt. Gleichzeitig bin ich aber auch der Meinung, dass man den heutigen Tanzschaffenden zugestehen muss, dass sie ein bisschen um einen eigenen Ausdruck ringen müssen und dabei kann es sinnig sein, sich auf das Alte zu besinnen, als Teil der Suche, Erinnerungsarbeit, wenn man so will, um einen Ausgangspunkt zu bestimmen. Balanchine, dessen Hauptleistung irgendwie darin bestand, auf Plot im Ballett zu verzichten, hat letztlich damit den Schritt gemacht, der ziemlich offensichtlich anstand, nämlich das ganze in reine Form zu überführen, ohne schauspielerische Verzierungen, reiner Tanz, die Choreographie und die Bewegung als einziges Ausdrucksmittel, mit der üblichen Weigerung, sich in irgendeiner Form interpretierend oder erklärend zum Geschehen auf der Bühne zu äußern, womit die Aufführung mehr oder weniger zur Privatsache des Zuschauers wird.

Der Ansatz ist mir sympathisch, aber was danach noch kommen kann, ist tatsächlich nicht ganz so offensichtlich. Entweder man sucht nach neuen Bewegungsformen, dann hat man es nicht mehr mit klassischem Ballett zu tun, Variationen in der Musikauswahl scheinen irgendwie anzustehen (Ballett zu Techno, Ballett zu Grönemeyer u.ä.).

Was stimmt ist, dass sich wohl im Moment schlecht ausmachen lässt, was Ballett eigentlich will, außer museal Klassiker zu reproduzieren, Aufführungen für eine elitäre Special Interest Gruppe zu machen oder Galas für ein Eiskunstlaufpublikum. Was Homans vermisst ist nicht ganz klar, entweder eine balanchineske Lichtgestalt oder so etwas wie einen massenwirksamen Trend oder beides. Ich persönlich finde es auch interessant, wenn Leute nach einem eigenen Ausdruck suchen, wenn an der Relevanz der überlieferten Ausdrucksform gezweifelt wird und so ein hübsches Spannungsfeld entsteht zwischen der überlieferten Tradition und den Versuchen, etwas Neues zu machen, ohne dabei aufzuhören, Ballett zu sein und ich würde sogar behaupten, dass dabei gelegentlich ziemlich interessante Sachen rauskommen.

Aber ich befasse mich auch noch nicht so furchtbar lange damit, insofern bin ich noch nicht frustriert von sich wiederholenden Schwanenseechoreographien, während Homans am Ende von einer gewissen Bitterkeit, wenn nicht Verzweiflung angesichts der von ihr wahrgenommenen Stagnation der letzten zwanzig Jahre übermannt wird. Vielleicht sucht sie auch nur an der falschen Stelle.

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