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Staatsballett Berlin – Onegin

Mai 21, 2011

Also, meine These, dass man die pantomischen Passagen im klassischen Ballett gewissermaßen als Teil des Tanzes zu sehen hat, ist, glaube ich, falsch. Es scheint schon so zu sein, dass das Mittel vor allem benutzt wird, um Inhalt zu transportieren, von dem der Choreograph glaubt, dass die Mittel des Tanzes dafür nicht ausreichen.

Das klingt polemisch, ist aber nicht unbedingt so gemeint. Historisch gesehen, ist die Pantomime schon sehr lange Bestandteil von klassischem Ballett und natürlich ist es so, dass Inhalte dadurch klarer werden, so ähnlich wie ein Song über den Text eine gewisse inhaltliche Stoßrichtung bekommt, die sich allein über die Musik nur selten herstellen lässt. Was Ballett betrifft, scheint es mir ein bisschen unfair, dabei nach dem zu suchen, was man gemeinhin als „gutes Schauspiel“ bezeichnen würde, aus dem einfachen Grund, dass dem Tänzer das Hauptmittel des Schauspielers fehlt: die Stimme. Wenn man das Schauspielerische also beurteilen wollen würde, dann müsste man eher Kriterien anwenden, die für Stummfilmschauspieler maßgeblich wären. Was diese Kriterien sind, ist dabei mit der Zeit verloren gegangen. Was vor hundert Jahren als eine besonders tiefe emotionale Performance im Stummfilm betrachtet wurde, wirkt heute doch oft etwas überzogen.

Ich beginne mit diesem kurzen Exkurs, weil in Onegin das Pantomimische eine gewissen Rolle spielt, wenn auch keine übermäßig dominante. Ich habe mir die Aufführung aber, zumindest am Anfang, ein bisschen unter diesem Gesichtspunkt angeschaut. Aber besonders ergiebig ist das nicht. Nadja Saidakova hatte als Tatjana zwar eine Szene, in der sie vor allem zu spielen hatte und weniger zu tanzen, aber ansonsten wird da sehr, sehr viel getanzt. Die Aufführung ist nicht so lang, wie es scheint, zweieinhalb Stunden steht im Programm, aber da sind zwei Pausen enthalten. Die reine Aufführung wäre für den Zuschauer auch gut mit einer Pause konzentriert durchzuhalten, ich vermute aber, für die Tänzer nicht unbedingt.

Also John Cranko. Ich muss gestehen, dass ich lange Zeit gedacht habe, John Cranko wäre ein Eiskunstläufer. Ich weiß nicht warum. Der Name klingt ein bisschen so. Aber tatsächlich war der Mann nie etwas anderes als Tänzer und Choreograph. Im Programmheft erfährt man des weiteren in einem kleinen Text, in dem der Kerl über den grünen Klee gelobt wird, dass er außerdem Säufer war und besoffen seine besten Ideen hatte. Hmpf. Ich gehöre ja zu den Leuten, die es für keine besondere Leistung halten, wenn jemand alkoholabhängig ist und an dieses Gerede von „er hatte betrunken seine besten Ideen“ glaube ich keine Sekunde. Wie dem auch sei, der Text ist trotzdem nicht so schlecht und manchmal erfreue ich mich heimlich an diesen Lobeshymnen, aber dann eben heimlich. Das Programmheft hat bessere Momente, wenn Vladimir Malkhov über Pushkin und Onegin redet und man erfährt, wie die Musikzusammenstellung zu Stande kam. Es handelt sich nicht um Tschaikowskys Oper, sondern um andere Musik von Tschaikowsky, vor allem Klavierstücke, die für Orchester umgearbeitet wurden. Ich persönlich finde Tschaikowsky weder besonders gut, noch besonders schlecht. Als Kind mochte ich die „Nussknacker“ Suite. Schwanensee hat gute Momente, die einem auch dann gefallen, wenn man eigentlich lieber Heavy Metal hört.

Aber zum Tanz. Im Cranko Lobartikel im Programmheft wird eine gewisse Gegnerschaft zu Balanchine aufgemacht und die gewagte These aufgestellt, Balanchine hätte sich nicht getraut, Handlungsballette zu machen (was, nach meinem Informationsstand nicht stimmt). Das Balanchinethema mal außen vor, ist das Grundproblem natürlich richtig, dass es nicht so viele gute Choreographen in der Nachkriegszeit gab, die ganz klassische Handlungsballette mit den Mitteln des klassischen Handlungsballetts gemacht haben. Das ist ein bisschen schade, weil eben die alten Petipawerke leider verfälscht sind (und zum Teil, wie bei La Esmeralda mit voller Absicht in der verfälschten Form aufgeführt werden) und man an Onegin sehen kann, dass es etwas wert ist, wenn man es mit einer Choreographie „aus einem Guss“ zu tun hat. Das ist alles sehr stimmig und geschmackssicher gemacht.

Es gibt massenhaft spektakuläre Momente, aber die werden nicht herausgestellt. Die Gefahr, zur Nummernrevue oder zum Ballettzirkus zu werden besteht in keinem Moment und trotzdem wird getanzt, dass der Bühnenboden glüht.

Über die Qualitäten von Nadja Saidakova und Iana Salenko muss ich mich ja nicht weiter auslassen. An diesem Abend ist für mich aber der (nicht einmal heimliche) Star Mikhail Kaniskin, was auch daran liegt, dass ich diese Onegin Figur ganz interessant finde, über zwei Drittel des Abends tanzt Kaniskin Onegin als rücksichtslosen Unsympathen – anders geht das nicht, weil die Choreographie ist, wie sie ist und dabei ein Battement gelegentlich auch stark in Richtung Arschtritt gegenüber dem Konkurrenten beim Buhlen um eine Frau geht. Das sind die Momente, wo das Schauspielerische tatsächlich Spaß macht – er tanzt mit Iana Salenko als Olga und macht dann das Battement (ich glaube, es ist ein petit Battement, hab aber keine Lust, das jetzt nachzurecherchieren) mit einem schadenfrohen Blick zum mit dem Rücken zu ihm stehenden Nebenbuhler. Dabei hat er an und für sich kein Interesse daran, die Girls wirklich zu bekommen, sondern eher daran, allen zu zeigen, dass er sie haben könnte, wenn er Bock drauf hätte.

Am Ende hat er besagten Nebenbuhler in einem Duell getötet und steht allein da. Das Leiden am Ende, weil er Tatjana nicht haben kann, glaube ich nicht, aber alles was davor kommt stimmt, auch die Verzweiflung darüber, ein Duell austragen zu müssen – böse war das alles eigentlich nicht gemeint. Meine Lieblingsszene ist eine Traumsequenz (jep, es gibt zwei Traumsequenzen), in der er von den Corps de Ballet girls umtanzt wird und sich nicht so recht für eine entscheiden kann – oder keine sich für ihn, wie man’s nimmt.

Ansonsten gibt es Pas de deux ohne Ende, Nadja Saidakova arbeitet an dem Abend hart für ihr Geld.

Das ganze Stück ist insgesamt sehr altmodisch, Bühnenbild und Kostüme sind im wesentlichen an die historische Epoche angelehnt, in denen sich die Handlung abspielt. Ich habe damit kein Problem, auch wenn mir weniger altmodische Tanzveranstaltungen irgendwie näher sind. Das Konservative ist aber gerade das Interessante, es wird gar nicht erst versucht, „zeitgemäß“ zu sein. Bisweilen gibt es Albernheiten, die nicht unbedingt mein Geschmack sind (comic relief Figuren in einer Partyszene), aber das Altmodische verstärken. Ein Vergleich mit „La Esmeralda“ wäre interessant. Die Balanchine/Cranko Vergleichung, die das Programmheft aufmacht hinkt ein bisschen. Von Onegin ausgehend, war Cranko Nostalgiker, Balanchine war das, glaube ich, nicht so sehr, oder auf andere Art (um genaueres dazu sagen zu können, muss ich mir mal meine diversen Balanchine DVDs anschauen. Ehrlich gesagt, ist das einzige, was ich von Balanchine gesehen habe, die „Ziegfeld follies“, das ist lange her und ich bin nicht sicher, ob der Film repräsentativ für Balanchines Werk ist).

Ich ringe derweil immer noch darum, herauszufinden, was der Reiz dabei ist, eine Geschichte mit den Mitteln des klassischen Balletts zu erzählen. Es gibt einen Reiz, soviel steht fest, vielleicht wird die abstrakte Form durch einen klaren Inhalt, eine „Story“ geerdet, genau kann ich das im Moment nicht sagen.  Irgendwann muss man da mal was anderes machen als dauernd diese Liebesgeschichten. Eigentlich ist Onegin ein Anfang, nur hat bisher noch niemand richtig den Ball aufgenommen. Cranko hätte das ganze wahrscheinlich noch ein bisschen weiter getrieben, wenn er nicht so jung verstorben wäre. Naja, mal sehen, vielleicht ist doch was dran, dass es mehr Mut braucht, eine Geschichte so zu erzählen als nur Befindlichkeiten oder abstrakte Inhalte zu verhandeln.

Jedenfalls habe ich etwas seltsames gemacht und mir noch eine Karte für Onegin besorgt, diesmal in der Semionova Version. Nicht, weil ich Nadja Saidakova nicht gut fand (ich finde Nadja Saidakova ja grundsätzlich und immer gut), sondern weil ich irgendwann doch mal sehen will, ob Frau Semionova wirklich so gut tanzen kann, wie alle behaupten und Onegin ist da eine ziemlich gute Gelegenheit. Außerdem habe ich irgendwo gelesen, dass das ihre Lieblingsrolle ist.

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