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Sound/Space/Body Version 2

Mai 30, 2011

Hm, das Staatsballett beschert mir dann doch manchmal Schrecksekunden, wie mit der Blognachricht „Onegin in anderer Besetzung“, woraufhin ich erstmal dachte, dass Polina Semionova etwas anderes zu tun hat und nicht auftritt – hat sie aber nicht, es ist die Besetzung, mit der ich gerechnet habe, die dritte, die ich sehen werden, also alles beim Alten. Puh.

Ansonsten sollte ich noch nachtragen, dass ich gestern noch einmal zu Sound/Space/Body gegangen bin, einerseits, weil ich das Gefühl hatte, dass es da noch ein paar Dinge zu verstehen gab, andererseits, weil eine kleine Tanzscout Einführung zur Performance stattfand – die Diskussion mit den Neurologen viel diesmal weg, was glaube ich, dem Abend nicht geschadet hat. Ich habe mit Tanzscout Einführungen unterschiedliche Erfahrungen gemacht, diese war sehr gut. Die Rollen wurden kurz vertauscht, das heißt, die Zuschauer, die die Einführung mitmachten, bewegten sich für eine halbe Stunde mit geschlossenen Augen durch die Klanginstallation und die Tänzer schauen zu. Danach wurde mit Louise Wagner ein wenig geredet.

Hier wird dann die Neurowissenschaft tatsächlich interessant, weil es da die Annahme gibt, dass die Tatsache, dass die Tänzer zugeschaut haben, deren Performance am Abend verändern wird und zwar auf einer unbewussten Ebene. Das wird nachvollziehbarer, wenn man bedenkt, dass man manchmal, wenn man beispielsweise aus dem Kino kommt und einen Western gesehen hat, plötzlich westernmäßiger läuft (ohne es zu wollen). Als ich eine Weile Tomb Raider gespielt habe, hatte ich gelegentlich das Bedürfnis, schneller zu laufen und die Straße mit einer Flugrolle zu überqueren. Da sind wir dann wieder bei dem: wenn jemand eine Bewegung sieht, ist der gleiche Bereich im Gehirn aktiv, wie bei dem, der sich bewegt.

Die dadurch bedingten Veränderungen in der Performance sind natürlich höchst subtil – jeder Performer bringt ja, wie jeder Zuschauer immer sich selbst und seinen aktuellen Zustand und den bisherigen Tagesverlauf mit – und an dem Abend ist es eben Teil des Zustands der Performer, dass sie vorher andere Leute in der Installation beobachet haben, wie die Teilnehmer der Einführungsveranstaltung die Erfahrung mitbringen, vorher in der Installation gewesen und gesehen worden zu sein. Mich überrascht dann auch eher, dass sich vieles ähnelt. Louise Wagner beeinflusst die Struktur des Abends, indem sie die Klänge in der Installation von Bernhard Leitner steuert und dabei je nach ihrem Empfinden verändert. Sie arbeitet dabei in der Regel mit vier verschiedenen Sounds und hat ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wann es an der Zeit ist, etwas zu verändern, so dass das ganze weder zu schnell noch zu langsam wird. Zudem haben sich im Laufe des Probenprozesses, (der anfing wie unsere Einführung, nämlich die Tänzer hielten sich zu Beginn mit geschlossenen Augen in der Installation auf, um sich den akkustischen Raum zu erschließen), gewisse choreographische Elemente aus der Improvisation herausgebildet, die dann schon, wenn auch frei, als strukturgebende Maßnahmen benutzt werden und an beiden Abenden benutzt wurden.

Die Zuschauer können es interessanterweise sehr gut ab, einfach Leuten zuzuschauen, die sich zu Geräuschen bewegen. Das einfache Beobachten einer sich verändernden Struktur hat tatsächlich einen ganz eigenen Reiz und die Tänzer selbst ziehen sich verhältnismäßig häufig in die Zuschauerplätze zurück (es ist nicht bestuhlt, das heißt, die Zuschauer sitzen auf dem Boden um die Installation herum), und beobachten nur. Das Beobachten selbst ist ein durchaus wichtiger Teil der Performance, was für mich gerade interessant ist, weil ich noch ein bisschen Klarheit darüber gewinnen möchte, wie ich die Onegin Aufführungen einzuordnen habe. Es ist denkbar, dass der Unterschied nicht so krass war wie ich dachte, dass ich also am ersten Abend überrascht war, dass Onegin doch sehr deutlich als zynischer, arroganter Mistkerl gezeichnet wurde und diesen Aspekt deshalb verstärkt wahrgenommen habe, das heißt ich hätte dann die Zwischentöne von Mikhail Kaniskin ignoriert. Es kann dann sein, dass ich am zweiten Abend erwartet habe, einen zynischen, arroganten Mistkerl zu sehen und hätte dann aus einem: „naja, ganz so extrem ist es auch nicht“ ein: „es ist etwas völlig anderes“ gemacht.

Ganz glaube ich das nicht, ich bin schon ziemlich sicher, dass es deutliche Unterschiede in der Haltung von Mikhail Kaniskin und Dmitry Semionov zur Figur  gab und vielleicht war meine eigenen Zuschauerhaltung nicht so schlecht, weil mir dadurch die Unterschiede stärker aufgefallen sind.

Wie dem auch sei, wie sehe ich wann, und was außerhalb des Bühnengeschehens (also in mir und z.B. im Programmheft) beeinflusst meine Wahrnehmung dabei, wird gerade zu einer interessanten Frage, die ja auch meine Wahrnehmung der Welt im allgemeinen betrifft.

Jedenfalls wird der dritte Onegin Abend darüber so oder so ein wenig Aufschluss geben. Natürlich habe ich, was Polina Semionova betrifft, eine recht hohe Erwartungshaltung, ich bin darüber nicht besonders glücklich, weil ich lieber etwas offener in die Veranstaltung gehen würde, aber es ist nun mal so und ich kann es nicht wirklich ändern. Zu Sound/Space/Body werde ich wohl bei Gelegenheit zurück kommen, weil das ganze in Form eines Büchleins dokumentiert wurde, das ich aber noch nicht gelesen habe.

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