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Onegin 3: Semionova/Dudek Version

Juni 1, 2011

Soderle, jetzt also die dritte Version. Zunächst bin ich ziemlich froh, dass Polina Semionova, deren Namen ich versucht bin, demnächst nur noch in Großbuchstaben zu schreiben, so freundlich ist, hohe Erwartungshaltungen zu erfüllen. Und ich bin jetzt in der doofen Situation, dass ich eine Ballerina Lobeshymne schreiben muss. Vorher muss ich aber natürlich ein paar Worte zu der Interpretation der Onegin Version durch Wieslaw Dudek sagen. Nach der durchaus witzigen und unterhaltsamen Variante von Mikhail Kaniskin und der menschlicheren und freundlicheren von Dmitry Semionov fügt Dudek dem Reigen eine dritte Variante hinzu und gibt Onegin als Narzisten und zwar von der ersten bis zur letzten Minute. Das hat nicht den Witz von Kaniskin und nicht die Wärme von Semionov, aber es funktioniert erstaunlich gut, vielleicht sogar am besten von allen Möglichkeiten, auch wenn die Figur dadurch nicht gerade sympathisch rüberkommt. Er liebt Tatjana nicht, weder am Anfang noch am Ende, es geht ihm nur und ausschließlich um sich selbst. Kann man machen und bringt viele Vorteile, vor allem, was die Anlage der Tatjana Figur betrifft, auf die ich dann unten eingehe. Dadurch, dass er seine Figur so anlegt, hat POLINA SEMIONOVA (einmal wollte ich das doch machen), freie Bahn, ihr Ding durchzuziehen und am Ende überraschenderweise zu einer Aussage zu kommen, die so ziemlich das Gegenteil der beiden vorher gesehenen Varianten ist.

Es ist auffällig, dass in den unterschiedlichen Varianten von Onegin unterschiedliche Passagen in Erinnerung bleiben – das heißt in den verschiedenen Fassungen sind die Szenen unterschiedlich stark sichtbar. Das Hochzeits Pas de deux mit Ibrahim Önal habe ich tatsächlich in der Semionova Variante zum ersten mal als tatsächlich emotional berührend und besonders erlebt. Ibrahim Önal hat die Rolle auch mit Beatrice Knop getanzt, aber da habe ich das nicht so gesehen.

Ich meine mich sogar zu erinnern, dass es in anderen Fassungen Blicke von Tatjana zu Onegin gab, der in der Szene primär leidender Beobachter ist. Polina Semionova ignoriert Onegin in der Szene konsequent. Das Pas de deux hat eine gewisse Zartheit, die tatsächlich den Schluss nahelegt, dass Fürst Gremin (Önal) mehr ist als nur eine schlechte zweite Wahl. Ich komme tatsächlich nicht auf die Idee, dass Tatjana (Semionova) vielleicht hätte glücklicher sein können, wenn Onegin sie am Anfang erhört hätte. Es ist die richtige Entscheidung, dass sie Fürst Gremin geheiratet hat. Sie ist glücklicher mit ihm und es ist die „erwachsene“ Wahl. Die Fürst Gremin Figur gewinnt dadurch stark an Profil.

Weil die Beziehung mit Gremin plötzlich sehr viel präsenter ist, verändert sich das letzte Pas de deux zwischen Tatjana und Onegin entscheidend. Hat man in den vorherigen Varianten noch wenigstens ein bisschen gehofft, dass sie vielleicht doch Onegin erhören könnte, weil er irgendwie cooler ist, dann fällt diese Lesart hier weg. Dudeks Onegin ist nicht cooler, er ist eigentlich ein ziemlich erbärmliches Würstchen. Polina Semionova spielt es auch so, dass sie sich tatsächlich am Ende nicht nach ihm sehnt – sie hat Angst. Sie hat Angst, dass sie, wenn Onegin in die Trickkiste greift und seine Verführungskünste auspackt (das heißt: wenn er mit ihr tanzt), schwach werden könnte. Dieser Aspekt ist auch bei Nadja Saidakova und bei Beatrice Knop vorhanden, aber nicht so klar (und die Klarheit ist hier dann auch der Darstellung von Wieslaw Dudek geschuldet). Dadurch dass das letzte Pas de deux frei ist von dem Wunsch nach Erfüllung einer unmöglichen (und unheilvollen) Liebe, wird das, was in der Choreographie passiert, erheblich stimmiger. Die Geste am Ende, wenn Tatjana allein auf der Bühne steht, die Fäuste geballt nach unten gerichtet und das Gesicht nach oben, war in den beiden ersten Varianten eine Geste der Verzweiflung, der zurückgehaltenen Leidenschaft, der Bitterkeit darüber, das „kleine Glück“ (Fürst Gremin) dem großen (Onegin) vorgezogen zu haben. Bei Polina Semionova ist es eine Geste der Stärke und des Triumphs. Onegin ist nicht das große Glück, er ist ein Blender und sie hat widerstanden. Es ist dann erstaunlich, dass Polina Semionova die jüngste der drei Tatjana Tänzerinnen ist, weil ihre Interpretation tatsächlich die emanzipierteste ist und die, die am weitesten weg ist von möglichen Telenovelaträumen. Anders als bei den anderen beiden ist sie kein Opfer, weil sie nichts verliert, sondern gewinnt. Die Semionova Version ist, wenn man so will, die einzige, die ein Happy End hat. In den anderen beiden habe ich eine unglückliche Liebesgeschichte gesehen, hier die Geschichte einer Emanzipation. Der Unterschied ist tatsächlich erheblich und ich muss gestehen, dass ich ein bisschen verblüfft darüber bin, drei Aufführungen der gleichen Choreographie gesehen zu haben, die jeweils in ihrer Aussage ziemlich weit auseinander gingen.

Entsprechend muss ich einen vorher geäußerten Standpunkt revidieren, nämlich den, dass es nicht reizvoll ist, verschiedenen Tänzerinnen in der gleichen Rolle zu sehen und zu vergleichen. Tatsächlich ist das äußerst aufschlussreich. Es lässt sich dabei leider nicht vermeiden, dass man im Endeffekt eine Art Wertung vornimmt – Nadja Saidakova und Beatrice Knop könnte man gut vergleichen ohne das, weil sie in der Performance nah beeinander liegen. Man könnte da schön sehen, wo bestimmte Unterschiede in der Darstellung und im Tanz liegen und wie sich das auf das Gesamterlebnis des Abends auswirkt. Polina Semionova dagegen zu stellen ist ein bisschen unfair – sie ist mehr als zehn Jahre jünger als die beiden anderen und, was das tänzerische betrifft, ähm, naja… besser, zumindest in „Onegin“.

Die Kriterien dafür, was „besser“ bedeutet, sind für mich vor allem, eine größere Präzision in den Bewegungen, ein weicherer Fluss in den Übergängen und eine größere Sichtbarkeit der Bewegungen insgesamt.

Das mit der Sichtbarkeit ist so eine Sache. Mir kommt es im Vergleich so vor, dass natürlich alle drei Tänzerinnen wissen, wann sie wie welche Bewegung machen, bei Polina Semionova hatte ich aber den Eindruck, dass sie auch jederzeit weiß, warum sie eine Bewegung macht. Jeder Schritt ist motiviert, man könnte das letzte Pas de deux daraufhin untersuchen, warum sie wann auf Spitze steht und warum an anderer Stelle nicht. Das hat da tatsächlich eine Bedeutung. Die Bedeutung ist natürlich in der Choreographie angelegt, aber bei Polina Semionova sieht man sie auch. Ich habe keine Ahnung, ob so etwas mit demjenigen, der die Choreographie mit den Tänzern einstudiert abgesprochen ist oder ob sie das für sich macht. Da alle drei Versionen sehr unterschiedlich sind, würde ich annehmen, dass die Bedeutung der Schritte und Schrittfolgen letztlich von den Tänzern festgelegt wird. Das ist aber auch ein bisschen eine Frage der Konzentration, während der Aufführung, glaube ich. Also: konzentriere ich mich während des Tanzens auf die Bedeutung dessen was ich mache? Jedenfalls verstehe ich jetzt etwas besser, was Polina Semionova meint, wenn sie sagt, dass Tanzen im Kopf stattfindet. (ein Thema, das mich außerhalb des Onegin Kontextes noch beschäftigen wird)

Es ist auch so, dass die Semionova Version nicht unbedingt mit den anderen beiden Onegins funktionieren würde. Mit Mikhail Kaniskin vielleicht schon, aber Dmitry Semionov tanzt seinen Onegin eigentlich so, dass Polina Semionova ihre emanzipatorische Lesart der Geschichte nicht so erfolgreich hinbekommen würde (gut, die beiden werden das eh nie miteinander tanzen, insofern werden wir es nicht erfahren). Da müsste dann einer von beiden zurück stecken. Das ist schön an dem Stück, dass es Teamwork ist, es ist eigentlich nicht möglich, die Tatjana oder Onegin Figur isoliert zu betrachten.

Was ich noch sagen sollte ist, dass Frau Semionova im Schauspielerischen sehr geschmackssicher ist. Sie spielt das alles deutlich, aber nicht überdeutlich, sondern mit einer gewissen Grazie, was auch immer das heißen mag.

Ich würde ja gern auch ein bisschen rumnörgeln, aber eigentlich sehe ich nicht so recht, was man hätte besser machen können, zumindest wenn es um Onegin/Tatjana geht. Das ist da doch am sinnigsten umgesetzt, mit allen Vor und Nachteilen. Dass Onegin so unsympathisch gezeichnet wurde, hat mich am Anfang, da die Semionov Variation noch nachklang, ein bisschen enttäuscht, bis ich gemerkt habe, dass das auf etwas völlig anderes hinausläuft als in den beiden anderen Versionen.

Mit Onegin werde ich mich noch ein wenig weiter befassen, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Fassungen zu vergleichen. Mir ist schon klar, dass das unfair gegenüber der Saidakova/Kaniskin Variante ist, weil ich da am wenigsten auf Details achten konnte, aber ein paar Sachen sind mir doch als auffällig in Erinnerung geblieben. Natürlich sind auch noch drei verschiedene Olgas abzuarbeiten, drei verschiedene Lenskis und das Corps de Ballet.

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