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Praxis: Skinner Releasing Technique

Juni 5, 2011

Wenn man sich im Kursangebot der Berliner Tanzszene umschaut, dann stößt man bei der Beschreibung von Modern Dance Klassen immer wieder auf Begriffe wie „Release Technik“. Die Idee, die ich damit verbinde oder verbunden habe, ist, dass derartige Techniken eher mit Muskelentspannung zu tun haben. Wahrscheinlich ist das auch so. Skinner Releasing Technique hat aber vom Eindruck nach fünf Workshop Tagen damit nicht so viel gemein. Um also genauer herauszufinden, was es mit dieser Technik auf sich hat, habe ich einen Kurs in Skinner Releasing Technique bei Lily Kiara im Rahmen der Tanztage Potsdam belegt.

Wie ich die Sache sehe, ist SRT eine Möglichkeit, so etwas wie „Präsenz“ im Tanz und auf der Bühne zu erzeugen. Natürlich geht es auch darum, die Beweglichkeit zu erhöhen, der Vorgang ist aber eher mental und Beweglichkeit ist nicht wirklich das Ziel sondern eher eine mögliche Nebenwirkung.

Dabei erlebt man erstmal einige Überraschungen. Wenn man, wie ich, ein bisschen Yoga gemacht hat oder zu Unizeiten ein bissen Karate, dann ist man es beispielsweise gewohnt, bestimmte Bewegungen mit dem Atem zu synchronisieren. Bei SRT passiert das Gegenteil. Man lernt, den Atem von den Bewegungen abzukoppeln. Die Idee dabei ist, dass man nicht die Energie des Atems braucht, um eine Bewegung auszuführen. Der Atem geht möglichst gleichmäßig, während man tanzt, die Technik ist tatsächlich sehr schwierig, wenn man beispielsweise einen Sprung ausführt, ist es nahezu unmöglich, dass der Atem davon nicht in irgendeiner Form beeinflusst wird. Bei anderen Bewegungen neigt man möglicherweise dazu, nicht zu atmen oder im Rhythmus der Bewegung. Bei SRT bleibt der Atem unabhängig von dem, was der Rest des Körpers macht. Man vollzieht, wenn man das durchziehen will, ein permanentes Multitasking. Der Effekt, der zunächst ganz unmittelbar und klar erzeugt wird, ist, dass die eigene Konzentration davon dermaßen beansprucht wird, dass man beispielsweise keine Kapazitäten mehr hat, sich Gedanken darüber zu machen, ob die Bewegung, die man ausführt, gut aussieht oder ob man sich gerade zum Idioten macht – eine Sorge, die ich sonst in jedem Tanzworkshop zu haben pflege (wenn ich sie auch mit jedem Workshop etwas mehr ablege).

Die Atemgeschichte ist derweil nicht unbedingt der Hauptpunkt bei der Technik und es ist auch nicht das, was man die ganze Zeit übt. Wenn man will, kann man natürlich versuchen, das zu perfektionieren und kommt so über kurz oder lang zu einer ausgezeichneten Kondition, ohne in irgendeiner Form das Lungenvolumen oder das Cardiosystem ausbilden zu müssen. Für Raucher also eine sehr nützliche Technik.

Der Hauptpunkt bei SRT ist derweil eher das arbeiten mit Visualisierungen. Ich benutze hier mal die Terminologie, die ich von Meditationstechniken kenne. Die „Technik“ beginnt im Workshop so, dass die Workshopteilnehmer in möglichst entspannter Haltung am Boden liegen. Interessant zu bemerken, dass eine entspannte Haltung in der Regel auf dem Rücken liegend bedeutet.

Was folgt, ist eine geführte Meditation, die dazu führt, dass man sich beispielsweise vorstellt, dass die Knochen des Körpers eine schwammartige Konsistenz haben, die Beine Farnwedel unter Wasser ähneln oder etwas anderes. Derartige Assoziationen scheinen den Körper besser über die Brust zu erreichen – über das Herzzentrum oder das Sonnengeflecht, wenn man etwas übrig hat für Chakren und dergleichen. Insofern bietet es sich an, auf dem Rücken zu liegen und die Vorderseite des Körpers empfänglich zu halten.

An den unterschiedlichen Workshoptagen wird mit unterschiedlichen Bildern gearbeitet und es ist erstaunlich zu sehen, dass die Bilder notwendig unterschiedliche Bewegungen erzeugen.

Es ist ebenfalls erstaunlich zu sehen, dass man sofort den Fokus verliert, wenn man die Bilder verliert, aufhört, sie in der Vorstellung zu halten. Es ist nicht möglich, in der Technik zu betrügen. Klassisches Ballett kann man tanzen und dabei daran denken, was man nach der Vorstellung essen will – das wird kein sehr gutes Ballett sein, weil der Zuschauer merkt, wenn ein Tänzer nicht bei der Sache ist – und bei der Sache sein heißt: bei der Bewegung sein, bei dem, was die Bewegung erzeugt, beim Grund der Bewegung, bei der Motivation – es ist aber möglich. Wenn man bei SRT ans Essen denkt oder daran, ob die Bewegung gerade gut aussieht, merkt man sofort, dass man gerade aufhört, die Technik auszuführen. Die Technik besteht darin, den mentalen Bildern zu folgen, wenn man nur so tut, als würde man den Bildern folgen wird alles schal und unecht. Ein Zuschauer würde es wahrscheinlich bemerken. Als derjenige, der sich bewegt, merke ich es sofort und nutze die falsche Bewegung als Ausgangspunkt, um zurück zur Technik zu kommen.

Das ganze ist mehr eine Konzentrationsübung, ein Experiment, der Versuch, herauszufinden, was der Körper machen kann, wenn man ihn einer Vorstellung überlässt. Man bemerkt, dass man innerhalb der Vorstellung, innerhalb der Beschränkung sehr viel mehr machen kann, als man denkt.

Für mich fing der „Tanz“ (das Wort passt tatsächlich sehr gut, aber es ist nicht unbedingt das, was man sich gemeinhin darunter vorstellt), meistens damit an, dass ich versucht habe herauszufinden, wie die Bilder meine Hand oder meinen Fuß bewegen würden. Davon ausgehend entwickeln sich Möglichkeiten. Der Arm bewegt sich mit oder das Bein, die Hüfte, der Oberkörper, der Kopf kommt meistens erst am Ende. In der Regel brauche ich mehr oder weniger die ganze Zeit, die zur Verfügung steht, um herauszufinden, wie ich, den Bildern folgend, aufstehen kann. Wenn ich ausnahmsweise früh dran bin, eröffnen sich neue Möglichkeit im Stehen. Das ganze ist eine Forschungsarbeit. Im Grunde kommuniziert man die ganze Zeit mit seinen Knochen.

Was stattfindet ist also ein Dialog mit dem eigenen Körper. Lily Kiara, die den Workshop leitet, bietet Bilder an, die eigene Vorstellungskraft nimmt sie an (sonst sollte man so einen Workshop nicht machen) und bietet sie dem Körper als Angebot an, sich zu bewegen, auf eine neue Art und der Körper macht dann manchmal Dinge, die man vorher nicht für möglich gehalten hat. Andere Dinge, von denen man gern hätte, dass er sie macht, versucht er und scheitert. Aber das Scheitern ist Teil des Prozesses und heißt nur: man muss einen anderen Weg finden. Die wahrgenommene Dualität „Ich und mein Körper“ (als voneinander getrennte Einheiten) wird nicht aufgehoben, aber wenigstens ist eine freundliche Zusammenarbeit möglich.

Das ganze fällt bei mir auf fruchtbaren Boden, weil ich, einem Hinweis eines Arbeitskollegen folgend, angefangen habe, Feldenkrais Stunden zu nehmen. Es geht dabei um etwas ähnliches, nämlich dem Körper Raum zu geben, dem Körper zu erlauben, Dinge zu tun, Bewegungen zu machen, den Knochen zu erlauben, sich aufzurichten, ohne sie über mehr oder weniger bewusste Muskelarbeit in eine Form zu pressen und damit sich selbst, ein bisschen mehr Freiheit zu lassen.

Bei Sound Space Body ging es darum, dass man sich Freiheit erarbeiten muss, Lily Kiara sagt dazu, dass Loslassen harte Arbeit ist. Wie beim Feldenkrais wird dabei auf der Wortebene eher mit Erlaubnissen als mit Anweisungen gearbeitet. „Allowing the pelvis to drop“ zum Beispiel. Das Gerundium ist bei SRT Teil des Konzepts. Es läuft eben nicht so, dass man Erlaubnis erteilt wie einen Befehl, der dann ausgeführt wird, sondern es ist eher ein vorsichtiges Herumtasten: wie viel Spannung brauche ich in bestimmten Körperregionen und wo kann ich ein bisschen nachgeben. Ein Prozess, wenn man so will.

SRT ist an dem Punkt etwas völlig anderes, als klassisches Ballett, weil es nicht darum geht, dem Körper eine Form anzutrainieren, zu der er eigentlich nicht gebaut ist. Es gefällt mir bei klassischem Ballett trotzdem zu sehen, wie weit ich mit meinen Bedingungen komme, als Herausforderung und um zu trainieren, mit Frustration umzugehen. Am letzten Tag des Workshops gehe ich am Abend noch zum Ballettunterricht, um zu sehen, wie sich das jetzt anfühlt. Es fühlt sich komisch an. Nicht falsch, aber es ist etwas anderes und ich mache andere Sachen. Vorher habe ich der Armarbeit und den Blicken keine Bedeutung beigemessen, weil ich erstmal versucht habe, die Beinarbeit auf die Reihe zu kriegen. Diesmal merke ich, dass ich beim Port de bras das Bedürfnis habe, den Armen mit meinem Blick zu folgen, einfach um zu sehen, was sie machen.

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