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Zero Visibility Corp. – (im)possible

Juni 5, 2011

Nach der Workshopzeit nehme ich am Samstag Abend noch einmal den beschwerlichen Weg nach Potsdam auf mich. Nachdem ich eine viertel Stunde auf die Tram gewartet habe und zehn Minuten lang auf dem Gelände nach dem Aufführungsort für zwei Solostücke gesucht habe, mir die Solo Stücke angeschaut, einen Flyer für ein kleine Performance nächste Woche in Berlin bekommen und eine Holunderbionade (überschätzt) getrunken habe, mache ich mich auf den Weg zur Hauptbühne, den ich zur Abwechslung auf dem Wegweiser für das Gelände relativ gut finde. Mir wurde versichert, dass ich die Aufführung schaffe, obwohl die Solos etwas länger gingen als ursprünglich anvisiert.

Die Plätze sind nummeriert und anders als im Schillertheater, wo ein Platz in der ersten Reihe eigentlich ideal ist, bin ich ganz froh in der zweiten Reihe zu sitzen, weil ich es nicht mag, wenn die Performer mir auf zehn Zentimeter auf die Pelle rücken.

Zu dem Zeitpunkt leide ich ein wenig unter dem, was man wohl gemeinhin als „System Overload“ bezeichnen könnte, das heißt, richtig aufnahmefähig bin ich nicht mehr.

Die Zero Visibility Corp. ist, wenn man den Informationen im Internet glauben darf, eine der führenden Tanzkompanien Norwegens. Was man auf jeden Fall sagen kann ist, dass das ganze recht beeindruckend getanzt ist, mitunter mit akrobatischen Einschlägen.

Das Problem ist ein bisschen, dass ich eigentlich nichts Neues sehe. Wahrscheinlich müsste ich mir von der Truppe noch mehr Stücke anschauen, um tatsächlich etwas irgendwie aufschlussreiches dazu sagen zu können.

Die Clips, die man auf der Webseite sehen kann sind vielversprechend, allerdings ist die gesamte Performance ein bisschen schwächer als die Kurzversion als Videoclip. Das Problem liegt für mich vor allem darin, dass die Performance seltsam richtungslos ist. Manchmal ist das das Problem bei modernen Sachen – entweder man entwickelt einen eigenen Film dazu oder nicht und im letzteren Fall kann das Ganze ein bisschen anstrengend werden.

Ich bin allerdings unsicher, ob es tatsächlich an meiner irgendwie müden Zuschauerhaltung liegt oder nicht doch auch ein bisschen an dem Stück, dass ich keinen rechten Zugang finde und das Geschehen auf der Bühne meine Aufmerksamkeit nicht über die gesamte Zeit binden kann. Auf der Bühne befinden sich fünf Tänzer, drei Frauen, zwei Männer. Beziehungen untereinander werden manchmal angedeutet, manchmal ausgewalzt und dazu könnte man etwas sagen. Vielleicht geht es um Männer und Frauen, wie so oft.

Was man sehen kann, sind wieder recht harte Pas de deux, mit Hebefiguren, die am Hals oder zwischen den Beinen ansetzen. Also wieder Liebe und Macht. Venus Pluto. Hm. Schön und gut. In der Regel verstehe ich da nach fünf Minuten, was der Punkt ist, die Tänze gehen aber oft länger und beginnen nach einer gewissen Zeit etwas ziellos herumzumäandern. Es passiert dann nichts wirklich Neues mehr und ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke, dass das für die Tänzer bei den Temperaturen in der Halle ziemlich anstrengend sein muss. Manchmal kommt es mir so vor, dass ein bisschen zuviel gemacht wird, was einem nach einem Workshop, in dem es darum ging, Bewegungen möglichst klar zu halten und keine überflüssigen Verzierungen zu machen, wahrscheinlich stärker auffällt als sonst. Natürlich hat das Ziellose selbst einen gewissen Reiz. Wenn es richtig gut läuft, kann man sich da auch als Zuschauer in eine Art meditativen Rausch hineinbegeben. Ich merke, dass der Effekt bei mir ganz am Ende tatsächlich kurz eintritt und dann wäre es interessant gewesen zu verfolgen, was mit mir passiert wäre, wenn das ganze noch eine Stunde länger gedauert hätte. Zwanzig Minuten kürzer wäre auch gegangen, so bleibt der Abend ein bisschen zwischen meditativer Leere und ansatzweiser Beziehungsanalyse stecken.

Das Bühnenbild konzentriert sich am Anfang des Abends auf den Bereich rechts hinten. Es besteht aus einer Art rotem Vorhang, vor dem relativ hoch mehrere Glühlampen hängen, auf dem Boden liegt eine ascheartige Substanz, von der noch mehr in einem Pappkarton ist, am Ende ist alles, auf der Bühne verteilt. Ich weigere mich ja, bei Asche an „Vergänglichkeit“ zu denken, weil mir das ein bisschen zu einfach ist, obwohl man mit dem Ansatz vermutlich ein Stück weit käme.

„Tanz auf dem Vulkan“ vielleicht eher. Hm, auch platt. Die Asche scheint jedenfalls irgendwie wichtig zu sein. Sie wird auf der Bühne hin und hergetragen, man bewirft sich damit, steckt den Kopf hinein, wälzt sich darin. Die Vergänglichkeitsmetapher würde einen dann zu Interpretationen wie: man trägt die Vergangenheit immer mit sich herum und will sie eigentlich auch nicht los werden, führen. Naja.

Vielleicht ist es auch nicht richtig, das interpretieren zu wollen. Aber für einen „Es ist was es ist“ Ansatz scheint mir vieles zu sehr mit möglicher Bedeutung aufgeladen. Darauf hat Sound/Space/Body zum Beispiel verzichtet und dadurch war ein freieres Sehen (und Hören) leichter. Hier ist es so, dass vieles auf der Bühne, einen mit einem „Interpretier mich!“ Blick anschaut und vielleicht habe ich dazu auch nach Onegin keine rechte Lust (wo nichts nach Interpretation schreit, aber vielleicht gerade deshalb interpretierbar wird).

Der Titel (im)possible verweist derweil auf etwas anderes. Auf der Website wird darauf hingewiesen, dass sich da auch „I’m possible“ drin versteckt. Stimmt, aber um herauszufinden, was das mit dem auf der Bühne gezeigten zu tun hat, muss ich jetzt doch noch mal ein wenig nachdenken.

Das Wortspiel an sich scheint auf eine versteckte Identität zu zielen, auf so etwas wie ein „wahres“ oder zumindest anderes Ich als das, das man durch die Welt schleppt. Kann sein, dass im Allgemeinen eine andere Ichversion für viele unmöglich ist oder für unmöglich gehalten wird. Ein Transformationsthema also. Die Transformation die auf der Bühne zu sehen ist, ist eine zu mehr Bewegung hin. Nein, stimmt nicht.

Vielleicht liegt natürlich gerade da die Falle des Wortspiels und der Abend demonstriert eher die Unmöglichkeit erfolgreicher Ichtransformation hin zu einem etwas vollständigerem Bild.

Aber das ist dann natürlich eine irgendwie deprimierende Aussage. Und vielleicht klappt es nicht, hier vom Titel auszugehen. Die Unmöglichkeit von Beziehungen sehe ich eher dargestellt, das Gefangensein entweder in Einsamkeit oder in Beziehungen, die am Ende dann doch schmerzhaft werden oder nicht zustande kommen.

Mein Verdacht ist aber, dass eine mögliche Aussage des Stücks theoretisch bleibt und am Ende der Abend an etwas anderem krankt, nämlich daran, sich nicht so recht zwischen „reinem Tanz“ und „Tanztheater“ entscheiden zu können.

Nichtsdestotrotz gibt es ausreichend Gutes zu sehen und wenn die Zero Visibility Corp. noch mal in der Nähe auftritt, werde ich sicher hingehen. Was man auf jeden Fall zu sehen bekommt ist relativ beeindruckender moderner/postmoderner Tanz. Aber bei (im)possible scheint es ein bisschen so, dass das volle Potential, das in Momenten aufblitzt, nicht ganz ausgeschöpft wird.

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