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Christoph Winkler – Baader

Juni 17, 2011

Christoph Winkler befasst sich weiter mit dem Phänomen des „bösen Körpers“ und bei Baader meiner Meinung nach wesentlich erfolgreicher als bei „Böse Körper“. Im Oktober wird es wohl noch ein drittes Werk zum Thema geben, worauf ich schon ziemlich gespannt bin.

„Böse Körper“ war im Grunde eine Art brainstorming, ein Thema wurde angerissen und Ideen schwirrten durch den Raum, dabei gab es jede Menge Interessantes und jede Menge Probleme.

Baader ist im Grunde keine Fortsetzung des Themas, sondern eher eine Vertiefung. Zunächst erweist es sich als großer Vorteil, dass Baader ein Solostück, getanzt von Martin Hansen, ist. Bei „Böse Körper“ war das Problem, dass letztlich die Anwesenheit mehrer Tänzer den Blick auf das wesentliche, nämlich die „böse Bewegung“ an sich, verstellt hat. Sobald mehrere Tänzer auf der Bühne stehen und es um das „Böse“ geht, geht es sofort um Täter/Opfer Beziehungen, um das Böse im Kontext.

Es entsteht sofort eine Geschichte und sei sie noch so klein, der Fokus geht von der Bewegung an sich weg zum Kontext, das Böse als Schattenseite des Guten oder umgekehrt.

Dadurch, dass nur Martin Hansen auf der Bühne steht, fällt dieser Kontext weg. Es geht um einen Körper, der nicht interagiert, zumindest nicht direkt auf der Bühne.

Natürlich gibt es einen historischen Kontext, der durch das Leben von Andreas Baader gesteckt wird. Ich muss gestehen, dass ich mich damit nicht wirklich gut auskenne. Für mich ist die RAF mehr oder weniger eine Kindheitserinnerung. Andreas Baader kenne ich von Fahndungsplakaten und davon, dass die RAF gelegentlich Baader/Meinhof Bande genannt wurde. An diesem Abend wird dieser Kontext vor allem durch Fotos von Andreas Baader am Anfang hergestellt, dann durch geschriebenen Text über die Stadtguerilla und O-Ton von Andreas Baader von den Stammheim Prozessen.

Bei Wikipedia findet man ein paar Hinweise darauf, woher Christoph Winkler und Martin Hansen das Bewegungsrepertoire nehmen, das gezeigt wird, aber der Reihe nach.

Man kann den Abend auf mehrere Arten beschreiben.

Zunächst gibt es eine sehr klare Struktur. Von der Bewegung ausgehend, beginnt es sparsam, wird dann aggressiver, um am Ende wieder in der Bewegungslosigkeit zu verebben.

Genauer gesagt sieht das ungefähr so aus: Während die Fotos von Baader auf Bildschirmen zu sehen sind, beginnt Martin Hansen mit kleinen Bewegungen, die sich dann in eine Choreographie vor allem der Arme, Hände und des Torsos entwickeln. Die Füße kommen am Ende dazu.  Das ganze wirkt ein wenig so, wie ein Körper, der erwacht. Die Wiederholung der Bewegungen in Variation hat hier genau den Effekt, den ich bei manch anderen Produktionen vermisse, nämlich eine klare Entwicklung hin zu einem Zustand, den man am ehesten als Bewegungsexzess beschreiben könnte. Ein Ich bildet sich raus, die Bewegung konstituiert allmählich so etwas wie eine Bühnenfigur und hat gleichzeitig die schamanistisch rauschhafte Qualität, die ich mit so etwas wie dem „Bösen“ im Tanz am ehesten in Zusammenhang bringen würde. Etwas wird beschworen oder zum Leben erweckt. Unklar, ob das ein Mensch ist oder nur eine bestimmte Qualität, ein bestimmter Irrtum, der dann über Gewaltexzesse zum Tod in einer Zelle in Stammheim führt.

Nachdem diese „erweckung“, „Geburt“ oder wie auch immer man es nennen will, passiert ist, konkretisieren sich die Bewegungen im zweiten Teil des Solos. Dabei gibt es vor allem zwei Ausgangsgesten, eine anbiedernd, pubertär, die andere, sofort darauf folgend, abwehrend aggressiv. Aus diesen Gesten entsteht dann die Choreographie indem die Gesten, ähnlich wie ein musikalisches Thema, durchgeführt und variiert werden, das heißt beschleunigt, erweitert, größer oder kleiner gemacht, bis die Energie sich soweit manifestiert hat, dass daraus neue Bewegungen entstehen. Die Bewegungen selbst, der Tanz ist dabei ziemlich spezifisch in seiner Aussage und behält das anbiedernde und das aggressive als Grundthema bei. Es wird aber mit zunehmender Dauer des Tanzes spürbarer, die Ausgangsbewegungen an sich verschwinden immer mehr, werden manchmal noch angedeutet, aber die Idee, die dahinter steckt wird klarer. Was dadurch entsteht ist einerseits eine Art Essenz der dargestellten Energie/Emotion oder wie auch immer man das nennen will und gleichzeitig eine ziemlich gute Charakterisierung von Andreas Baader. Das Sich-Steigern der Bewegung, die zunehmende Intensität zeigt dabei einerseits Charaktereigenschaften, erzählt aber auch die Geschichte einer Radikalisierung. Hat das Bewegungsmuster einmal Fahrt aufgenommen, lässt es sich nur noch durch totale Erschöpfung stoppen.

Der dritte Teil funktioniert ähnlich, um das genauer zu beschreiben, muss ich mich aber wohl doch noch ein bisschen schlau machen, was Andreas Baader betrifft. Die Energie hat jetzt eher etwas hippiemäßig, cooles, bekifftes.

Der letzte Teil  befasst sich dann mit Stammheim. Martin Hansen ist dazu bis auf seine Unterhose nackt, was notwendig ist, weil die Bewegung hier vom Atem ausgeht und um das genau sehen zu können, ist es gut, wenn man die Bewegung des Atems beispielsweise an der Bewegung der Bauchdecke nachvollziehen kann. Die Arten des Atmes, schnell, langsam, panisch, erstickend, bestimmt dabei die Bewegung des restlichen Körpers, die Arme, die Beine, der Kopf, der Blick folgt dem Atem. Manchmal setzt der Atem aus und dann stoppt die Bewegung, um dann umso verzweifelter wieder einzusetzen. Das ganze hat eine gute Intensität und man spürt irgendwie, dass es jetzt auch für den Protagonisten des Abends, Andreas Baader, dem Ende entgegen geht.

Für mich ergibt der Ansatz, aus bestimmten, klaren Gesten und der entsprechenden Mimik eine Choreographie zu entwicken an dem Abend sehr viel Sinn. Mein Wissen über Andreas Baader war vorher sehr bruchstückhaft und nach der knappen Stunde, die das Stück dauert, kommt es mir tatsächlich so vor, als hätte ich etwas gelernt oder verstanden, was auf eine andere Art, z.B. durch lesen oder Schauen von Videomaterial über Baader, nicht so unmittelbar zu verstehen ist.

Martin Hansen tanzt das ganze ausgesprochen souverän. Ich bin ja spätestens seit Polina Semionova in Onegin ein Freund der präzisen Bewegung. Es ist bei Baader schwer zu sagen, was da genau durchchoreographiert und was improvisiert ist. Es ist auch nicht so wichtig, weil die Exaktheit der Bewegung so oder so da ist. Es gibt da keine sinnlosen Arm oder Handbewegungen, Blicke, Schritte selbst das scheinbar unkontrollierte unterliegen einem übergeordneten Prinzip, das letztlich die Strutur gibt und das am Anfang von jedem Teil des Stückes klar vorgestellt wird.

Der Abend bietet für mich auf Anhieb drei Lesarten, die gleichzeitig passieren: erstens der intellektuelle Kontext, der abseits des Tanzes durch Fotos, Texte und Tondokumente hergestellt wird. Der Tanz an sich leistet zwei Dinge gleichzeitig: einerseits eine Charakterisierung Baader und die Erzählung der Biographie.

Beeindruckend ist für mich die Ökonomie der Mittel, das alles läuft sehr auf das wesentliche beschränkt ab, kein unnötiger Firlefanz, keine Versuche, das Publikum zu beeindrucken, keine Anbiederung, sondern eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Stück tritt im Grunde sehr bescheiden auf, auch der Veranstaltungsort – das Ballhaus Ost – ist jetzt nicht gerade übermäßig glamourös, aber gerade deshalb ziemlich passend. Irgendwie ist es gut, ein Stück zu sehen, dass sich ernsthaf und ziemlich tiefgehend mit einem bestimmten Thema beschäftigt. Das Thema selbst – Andreas Baader – ist natürlich brisant und umso überraschender ist es dann, dass das ganze ohne moralische Wertung in die eine oder andere Richtung auskommt. Es geht nicht so sehr um ein politisches Statement, sondern mehr darum, einen bestimmten Menschen durch Bewegungen zu verstehen. Das erstaunliche daran ist, dass diese Herangehensweise einerseits eben spezifisch ist, aber gleichzeitig kennt man die Zustände, die durch die Bewegungen beschrieben werden auch von sich selbst und da bekommt das Ganze dann tatsächlich auf eine gute Art eine gesellschaftliche Relevanz. Es kommt mir tatsächlich sehr erhellend vor, diesen Teil der Geschichte mal nicht über den gesellschaftlichen Kontext verstehen zu wollen – was sofort eine entweder klassenkämpferische oder law and ordermäßige Tendenz mit sich bringt, sondern indem man versucht, über äußerliche Gesten in den Protagonisten hineinzukriechen und die innere Motivation, das Leiden und die Neurosen, aber eben auch das Normale daran, das jeder von sich und anderen kennt, sichtbar zu machen.

Nun gut, Christoph Winkler hat irgendwie ein Talent dafür, Sachen zu machen, die ich ausgesprochen interessant finde. Mal sehen, was im Oktober passiert. 🙂

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