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Schneewittchen revisited

Juni 18, 2011

Ach ja, vielleicht hätte ich die Spielzeit lieber mit der Semionova/Dudek Version von Onegin ausklingen lassen sollen. Mir war schon vorher klar, dass Schneewittchen da nicht rankommt. Gleichzeitig dachte ich, dass ich vielleicht beim zweiten mal Feinheiten in der Choreographie sehen würde, die mir vorher entgangen waren, aber ich habe den Verdacht, dass es in der Choreographie nicht sonderlich viele Feinheiten gibt.

Nun gut, was soll’s:

Abgesehen vom Kaisers gegenüber, der guten U-Bahnanbindung und der Möglichkeit, draußen am Springbrunnen zu sitzen, konnte ich leider keine weiteren Vorteile der Deutschen Oper ausmachen. Das Gebäude ist immer noch eine Katastrophe und alles ist besser als dieses grauenhafte, vor sich hingammelnde 60er Jahre Schrankwand Furnier im Zuschauerraum. Gleichzeitig fühle ich mich in einem gammeligen Gebäude irgendwie nicht nur unwohl. Wenn das alles auch noch diesen Glamour der komischen Oper hätte, müsste ich mir womöglich doch noch irgendwann einen Anzug kaufen, um mich nicht fehl am Platze zu fühlen.

Wie dem auch sei. Schneewittchen. Durch Onegin habe ich ja gelernt, dass es durchaus gewinnbringend sein kann, sich ein Ballett mehrmals anzuschauen und ich habe meine Skrupel vor Ballerinavergleichen, wenn auch widerwillig, abgelegt.

Also das gleich am Anfang: Es ist schon so, dass Beatrice Knop die Stiefmutter mit mehr Lust am Bösen tanzt. Dadurch hat der Auftritt vor allem am Anfang mehr Power, das etwas Verweifelte und Gebrochene, das Elena Pris in meiner Wahrnehmung der Rolle gegeben hat, ist aber trotzdem ein bisschen mehr mein Geschmack und die Apfelszene ist in der Pris Version eine deutlichere Eskalation zu dem, was vorher passiert ist und dadurch stärker. Die Bösartigkeit, mit der Beatrice Knop die Stiefmutter gibt hat natürlich auch einen gewissen Spaßfaktor und entspricht der Figur im Märchen mehr. Die Unterschiede sind auch nicht sehr groß, also bei weitem nicht so groß wie in den Oneginversionen. Die Nuancen, die die beiden Performances voneinander unterscheiden, können hier durchaus an meiner Zuschauerverfassung am jeweiligen Abend liegen. Elena Pris war in meiner Wahrnehmung ein bisschen menschlicher, während Beatrice Knop das ungebrochen Böse ziemlich gut kann und beides hat seinen Reiz. Das kleine Solo am Schluss, bei dem die Stiefmutter sich in glühenden Schuhen zu Tode tanzt scheint improvisiert zu sein (?), es kommt mir zumindest so vor, dass Elena Pris und Beatrice Knop da unterschiedliche Sachen getanzt haben. Kann aber sein, dass es mir nur so vor kommt. Elena Pris kam mir unkontrollierter vor, was dem, was der Tanz bedeutet – die Stiefmutter versucht irgendwie diese Schuhe loszuwerden, mehr entspricht. Aber wie gesagt, Beatrice Knop tanzt das ganze auch durchaus furios und die Stiefmutter ist auch in der zweiten Version die interessanteste Figur, auch wenn sie nicht sooo viel Screentime hat (oder besser Stagetime).

Davon abgesehen, muss ich leider sagen, dass es nicht übermäßig interessant ist, sich Schneewittchen zweimal anzuschauen. Während ich bei Onegin eigentlich mit jeder Aufführung mehr Details gesehen habe, die das Gesamtbild stimmiger gemacht haben und ich allmählich dahinter gekommen bin, warum die Choreographie so gut ist, ist es bei Schneewittchen eher so, dass ein paar Sachen, die beim ersten mal gut waren, mir beim zweiten mal irgendwie leer vorkamen. Onegin hab ich mir ohne Probleme dreimal anschauen können und ich habe mich keine Minute gelangweilt, Schneewittchen hat beim zweiten Sehen deutliche Längen.

Die preljocajschen Bewegungen, die eckigen, stoßenden Armbewegungen, die stakkatohafte Beinarbeit, sind zwar anders als klassisches Ballett, aber es erschließt sich mir nicht ganz, was der Gewinn der Andersartigkeit ist.

Preljocaj variiert im Grunde vor allem die Bewegungen des klassischen Balletts, aber eigentlich ist Schneewittchen ziemlich konservativ und zeitweise ein bisschen Effekthascherei. Konservativ ist das ganze im Aufbau. Man hat die üblichen Corps de Ballet Szenen, Pas de deux, kleinere Solopassagen, alles im munteren Wechsel, um das ganze in Bewegung zu halten. Die Suche nach einem Bräutigam am Anfang, gibt es, glaube ich, auch in anderen Balletten, oft als Corps de Ballet Passage und so ist das dann auch hier und es zieht sich ein bisschen. Das ist nicht die Schuld der Tänzer, sondern eher der Choreographie.

Natürlich gibt es ein paar Ausnahmen. Das Reanimations Pas de deux am Ende finde ich auch beim zweiten Sehen ziemlich zwingend, die Apfelszene auch. Was die Spiegelszene betrifft bleibe ich mal bei meiner Interpretation. Ich gebe aber zu, dass meine ausführliche Beschäftigung mit der Spiegelszene und den Haaren von Elena Pris nach dem ersten Sehen auch dem geschuldet war, dass der Rest nicht so viel hergibt.

Der oft gelobte Auftritt der Zwerge, die kopfüber an Seilen an einer Felswand hängend tanzen, ist zwar durchaus nett, aber… naja, es geht halt um den Effekt. Das Ganze bleibt seltsam flach. Zumindest für mich. Mag sein, dass da andere Leute unglaublich tiefe Erkenntnisse rausziehen, aber für mich sind es einfach nur Tänzer, die an Seilen hängend Kunststücke machen. Das ist beim ersten mal sehen ganz unterhaltsam. Aber beim zweiten mal erschließt sich da nichts Neues.

Bei Onegin gibt es auch Corps de Ballet Stellen, die vor allem dekorativ sind, aber es sind nicht so viele und da hat das durchaus einen entspannenden Effekt, während sich hier die Passagen, in denen irgendwie getanzt wird, doch häufen.

Die Stiefmutterszenen sind auch in der zweiten Version der eigentliche Lichtblick, die sind kurz und prägnant, die Bewegungen der Stiefmutter zeigen die Figur und Beatrice Knop tanzt das mit einer gewissen Intensität, die dem Rest der Choreographie über weite Strecken abgeht. Die Schneewittchen/Prinz Pas de deux sind schön und erzählen auch ganz hübsch eine Liebesgeschichte. Mein Hauptproblem sind, glaube ich, tatsächlich die Corps de Ballet Füllsel dazwischen, die eben schön anzuschauen sind, bei denen sonst aber nicht viel passiert.

Aber ich will nicht zu viel nörgeln. Im Grunde hat es sich dann doch gelohnt, dass ich mir Schneewittchen noch mal angesehen habe. Einerseits wurde dadurch noch ein bisschen klarer, wie gut Onegin ist, andererseits ist es ja durchaus interessant festzustellen, dass es bestimmte Teile bei Schneewittchen gibt, die mir irgendwie belanglos erscheinen. Ich muss auch gestehen, dass ich die Mahler Musik nicht besonders mag. Bei Onegin hatte ich mich ja spätestens beim dritten mal mit Tschaikowsky angefreundet, aber Mahler… böse gesagt hat das dann doch gelegentlich eine gewisse Nähe zu volkstümlicher Blasmusik. Nichts gegen Mahler, ich war mal vor langer Zeit bei einem Liederabend, der sehr schön war, aber hier wird das mit der Zeit ein bisschen anstrengend.

Ach, jetzt nörgel ich doch wieder…

Kann auch sein, dass das Kontrastprogramm zu Baader am Abend vorher einfach ein bisschen extrem war und ich dann bei Schneewittchen nicht besonders offen war.

Das Staatsballett hat jedenfalls noch ein paar Aufführungen, für mich ist die Spielzeit erstmal abgeschlossen. Ich bin ja erst im Januar eingestiegen und bin gespannt auf den September, wenn es wieder los geht und ich mir endlich Schwanensee live anschauen kann. Bei Gelegenheit ist es für mich wahrscheinlich ganz aufschlussreich, die Blogeinträge noch mal zu lesen und zu sehen, wie sich meine Wortmeldungen im Laufe der Zeit entwickelt haben. Nächste Spielzeit wird wahrscheinlich ein erneuter Besuch von La Esmeralda ganz interessant sein, weil das das erste Stück war, über das ich etwas geschrieben habe. Mal sehen, wie ich es dann sehe. Ich hoffe natürlich, dass ich schon ein bisschen dazu gelernt habe.

Eine abschließende Zusammenschau von Onegin steht noch aus. Mal sehen, wann ich dazu komme. Anstonsten hoffe ich, dass die Staatsballettler alle gesund aus dem Urlaub zurück kommen und ich in der Zwischenzeit herausfinde, wo man dieses ominöse Tanzticket erwerben kann, mit dem man wohl 20% Ermäßigung auf alle Eintrittskarten des Staatsballetts bekommt.

Die freie Szene hat natürlich keine Sommerpause. Tanz im August steht an, also Lalala Human Steps, dann Spielzeit Europa mit DV8, Zwei Opern von Sasha Waltz (würg, Opern, aber was tut man nicht alles… und die Fotos von Matsukaze sehen ziemlich cool aus) und das Alvin Ailey Dance Theater kommt nach Berlin, was schon allein aus historischen Gründen interessant sein dürfte, ach ja und eine Premiere von Cie. Toula Limnaios, kurz gesagt, eine Menge Zeugs, das in der Spielzeitpause des Staatsballetts stattfindet.

Andere Großereignisse werfen natürlich ebenfalls ihre Schatten voraus. Vor allem die lang erwartete Veröffentlichung des letzten Teils von George R.R. Martins „A song of Ice and Fire“ am 12. Juli. Anscheinend 1400 Seiten lang. HBO hat sich ja des Stoffes angenommen, Morgen (ups heute) läuft der letzte Teil von A game of thrones, mal sehen, wann man das in Europa sehen kann… und ich hab noch ein paar andere Videos zu besprechen, Frederick Wisemans Ballet und La danse unter anderem. Aber ein bisschen arbeiten muss ich auch. Also weiß ich noch nicht genau, wann ich die Zeit finde, darüber etwas zu schreiben.

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