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Nico and the Navigatos – Cantatanz

Juni 25, 2011

Kirchen sind ja interessante Räume, zumindest, wenn es einigermaßen alte Kirchen sind. Die Zionskirche wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut, ist also nicht sooo alt, aber natürlich dem traditionellen Pomp von Kirchenbauten verpflichtet und also ein interessanter Raum. Es gibt ja keinen praktischen Grund, weshalb der Innenraum einer Kirche so hoch sein muss. Gottesdienste könnte man auch gut in drei Meter hohen Räumen abhalten, allerdings würde da natürlich etwas fehlen. Was fehlt, wäre dann der Raum nach oben, der sich eröffnet, sobald man eine Kirche betritt und meine private Arbeitsthese dazu ist, dass der leere Raum über den Gemeindemitgliedern Gott repräsentiert, mehr als ein Kreuz o.ä.

Nun gut, so originell ist die These nicht und ich bin mit Sicherheit nicht der erste, der sie aufstellt, aber sei’s drum. Das Coole an Kirchen ist die Höhe.

Nichtsdestotrotz halte ich mich eher selten in Kirchen auf. Anlass am Freitag war eine Aufführung von Nico and the navigators, also frei übersetzt Nico und die Steuermänner oder so, Titel der Aufführung Cantatanz. Das Wort Canta hat dabei vermutlich etwas mit Gesang zu tun, wie in „Kantate“ und Tanz nun gut, Tanz eben.

Die Musik, die gespielt und gesungen wird, ist vor allem Bach, was ich ja erstmal gut finde und für eine Kirche auch passend.

Mir kommt es allerdings ein bisschen so vor, dass der Sound, vor allem, wenn mehrere Instrumente bedient werden durch den Hall ein bisschen verwäscht, aber vielleicht ist man mittlerweile da auch zu Dolby Digital geprägt.

Der Gesang wird von Terry Wey beigesteuert, seines Zeichens Countertenor, was ja eine durchaus faszinierende Gesangsform ist, die so etwas hübsch mittelalterliches hat und an Kastraten, Inquisitionsfolterkeller und apokalyptische Horrorfilme denken lässt. Bach hat ja so was, seltsamerweise. Die Musik ist einerseits sehr schön und erzählt von Erlösung und göttlicher Harmonie, gleichzeitig schwingt irgendwie immer das mit, wovon erlöst werden soll, das Elend der irdischen Existenz, die ja zu der Zeit, ohne Heizung, elektrischen Strom, Internet und Fernsehen, in der Tat kein Zuckerschlecken war.

Für den Tanz ist Yui Kawaguchi zuständig und darum geht es mir natürlich eigentlich.

Also, Yui Kawaguchi ist, wie der Name schon ahnen lässt, Japanerin, nach meinen Informationen schon eine Weile in Deutschland, wo sie als freie Tänzerin arbeitet. Dass sie Japanerin ist, hat eine gewissen Relevanz, wenn es um ihre Art zu tanzen geht.

Das Erstaunliche an Yui Kawaguchi ist, dass sie mühelos und manchmal ohne erkennbare Übergänge von einem Tanzstil zum nächsten wechselt, von Steptanz zu ballettösen Formen, Formen, die der japanischen Tradition entlehnt sind und pantomimischen Passagen.

Das Gesicht spielt ja im europäisch geprägten Tanz eine eher untergeordnete Rolle, das Lächeln der Tänzerinnen im Ballett dient eigentlich nicht so sehr dazu, etwas auszudrücken, sondern eher dazu, etwas zu verbergen, nämlich die Anstrengung und den Schmerz, der durch den Tanz entsteht. An sich ist das Gesicht aber nicht wirklich ein wesentliches Ausdrucksmittel des europäischen Tanzes und das gilt sowohl für das klassische Ballett als auch für die moderneren Spielarten.

Die letzten Wochen war ich ja einmal die Woche bei einem kleinen Workshop über indischen Tanz und war doch überrascht, dass wir da gesondert geübt haben, die Augen zu bewegen oder das Kinn. Bei den Tanzbewegungen, die da gemacht werden gehört ein spezifischer Gesichtsausdruck automatisch dazu. Der soll für den Zuschauer eine Emotion repräsentieren, er ist aber, anders als beim Method Acting, nicht von der Emotion erzeugt, sondern umgekehrt. Sehr kontrollierte Bewegungen der Muskeln des Gesichts schaffen einen bestimmten Ausdruck, dessen emotionale Ladung dann vom Zuschauer kommt. Das ist nicht sonderlich persönlich, weil die Emotionen und die damit verbundenen Gesichtsausdrücke, mehr oder weniger archetypisch sind, also kollektiv verstanden werden. Auch wenn bestimmte Gesten und mimische Zeichen in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliches bedeuten, sind Weinen und Lachen dann doch Reflexe, die in der Regel nach ähnlichen Bedingungen funktionieren.

Auf der Bühne sieht das dann so aus: Ein in die Breite gezogener Mund, zusammengekniffene Augen und eine sinkende Bewegung des Körpers, suggerieren so etwas wie Verzweiflung und Trauer und Yui Kawaguchi macht einfach diese Bewegungen und stellt sie wieder ab, um dann etwas ganz anderes zu machen, die Emotion wird kurz in den Raum geworfen und dann wieder verlassen.

Das Gesicht ist mehr oder weniger eine bewegliche Maske, die bei Bedarf verändert wird, um das Gewünschte zu zeigen.

Na gut, ich gebe zu, dass das europäische Pendant dazu die Pantomime ist, wo ja das Gesicht oft auch weiß angemalt ist, um dieses Maskenhafte zu betonen. Was ich gruselig an Pantomime finde, ist vermutlich gerade, dass das Prinzip des Gesichts als Maske offengelegt wird. Seien wir ehrlich, die meisten Leute verfahren nach dem gleichen Prinzip, sobald sie versuchen, sich etwas nicht anmerken zu lassen, jeder Diplomat wird gelernt haben, sein Gesicht zu kontrollieren, ebenso jeder Schauspieler, der sein Handwerk versteht und jeder Nachrichtensprecher und Showmaster im Fernsehen. Der Unterschied ist eigentlich nur, dass der Pantomime nicht so tut, als sei sein Gesicht etwas anderes als Maske.

Das Maskenthema ist allerdings dermaßen weitreichend, dass ich es kaum hier so einfach abhandeln kann. Ich versuche mehr oder weniger, mich dem Tanz von Yui Kawaguchi ein bisschen anzunähern. Was sie macht kommt mir ziemlich komplex vor und um das genauer zu verstehen, wird mir über kurz oder lang nichts anderes übrig bleiben als bestimmte europäische und außereuropäische theatrale Traditionen ins Feld zu führen.

Wenn man das, was Yui Kawaguchi mit ihrem Gesicht anstellt, mit dem vergleicht, was Martin Hansen (der, nebenbei bemerkt, an dem Abend auch auftritt, wenn auch nur in einer kleinen Rolle, die im Programmheft mit „Statist“ bezeichnet wird) bei Baader gemacht hat, dann habe ich den Eindruck, dass Yui Kawaguchi das Mittel anders benutzt. Das Wort dafür muss ich suchen. Virtuos trifft es irgendwie, hat aber bestimmte Implikationen, die mir nicht gefallen. Die Arbeit mit dem Gesicht ist jedenfalls deutlicher ausgeprägt. Bei Baader war es so, dass Martin Hansen gelegentlich eben nicht (oder nicht sichtbar) mit dem Gesicht gearbeitet hat, was im modernen europäischen Tanz, glaube ich, eher die Regel ist. Man lässt das Gesicht entspannt, konzentriert sich auf den Rest des Körpers. Bei Yui Kawaguchi habe ich den Eindruck, dass sie jederzeit genau weiß, was ihr Gesicht macht und das völlig kontrolliert. Das trifft bei ihr auch auf jeden anderen Teil des Körpers zu, aber da die Arbeit mit dem Gesicht beim Tanz oft nicht sonderlich beachtet wird, fällt mir das am meisten auf.

Um das genauer zu verstehen, wird es wohl sinnvoll sein, dass ich mich ein bisschen eingehender mit asiatischen Tanzformen befasse (indisch, japanisch, chinesisch) und dazu muss ich erst ein bisschen lesen, weil das ja ein weites Feld ist. Japan hat Kabuki, No und Kyogen (wobei Kyogen wohl so eine Art Comedy Form von No ist) und seit dem 20. Jahrhundert noch Butoh. Meine Vermutung wäre, dass Yui Kawaguchi sich da vor allem bei der Kyogen Form bedient, aber das wäre noch zu belegen. Dass sie außerdem die westlichen Formen beherrscht macht das Ganze natürlich sehr reich und interessant und führt dann am Ende zu einem ziemlich individuellen Ausdruck. Aber nun gut, es gibt ja in Berlin immer wieder die Gelegenheit sie zu sehen und beim nächsten mal kann ich vielleicht schon ein bisschen mehr dazu sagen.

Nun gut, der Rest des Abends ist auch nicht so leicht zu beschreiben und ähnlich eklektisch wie der Tanz von Yui Kawaguchi. Über Musik will ich nicht so viel schreiben, die Nachteile des Halls in der Kirche habe ich schon erwähnt, sobald die Einzelinstrumente zum Tragen kommen stört das allerdings nicht mehr. Musik gibt es an dem Abend die ganze Zeit, gelegentlich als Solostücke, gelegentlich als Gruppenstücke, mal mit, mal ohne Gesang. Auf der Bühne sind Kirchbänke aufgebaut, die als veärnderbare Bühnenelemente benutzt, aufgestellt werden. Thematisch hat das alles viel mit Mittelalter und der Diesseits/Jenseits Dualität zu tun. Es gibt Schauspiel oder zumindest Interaktion, vor allem zwischen Yui Kawaguchi und Terry Wey, aber auch die Musiker (Mayumi Hirasaki, Eugene Michelangeli und Jakob David Rattinger) werden in das Spiel einbezogen. Es ergibt sich nich unbedingt eine geschlossene Handlung, eher so etwas wie ein relativ vielgestaltiges Bild, das offen genug für Assoziationen des Zuschauers bleibt, so dass man nach Herzenslust seine eigenen Mittelalterbilder da reinlegen kann, von „Der Name der Rose“ bis „Herr der Ringe“ oder „Game of thrones“ (gut, mein Mittelalterbild ist dann doch ein bisschen Fantasy geprägt. Es wird eben mit Schwertern gekämpft und draußen vor der Tür steht der schwarze Tod oder eine Armee von Orcs). Cantatanz nimmt sich nicht zu ernst. Die musikalischen und tänzerischen Darbietungen sind auf hohem Niveau, aber irgendwie bleibt das alles recht entspannt und spielerisch, was tatsächlich sehr angenehm ist.

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