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Cie Toula Limnaios – Every single day

Juli 29, 2011

Also wieder Cie Toula Limnaios, diesmal mit einer Premiere. Das Thema ist Sisyphos und ich habe zumindest versucht, mich etwas besser vorzubereiten als beim letzten Mal und meine alten Kenntnisse über Sisyphos ein bisschen aufgefrischt, was für das Verständnis des Stückes dann aber ohne Belang ist. Nichtsdestotrotz hilft der Sisyphos Hinweis ein bisschen, aber Toula Limnaios bezieht sich weniger auf den antiken Mythos als auf den Camus Text, in dem Sisyphos ein bisschen zum existentialistischen Role Model hochgejazzt wird, die Argumentationslinien des Textes habe ich gerade nicht parat, auch die sind für das Verständnis des Stückes vermutlich irrelevant.

Wenn man von Sisyphos spricht, spricht man meistens vom toten Sisyphos, der im griechischen Totenreich für ein paar Vergehen, die unter die Kategorie „Hybris“ fallen dadurch bestraft wurde, dass er ein tägliches Workout zu absolvieren hatte, das darin bestand, einen Felsbrocken einen Berg hinaufzurollen. Implizit gibt es die Annahme, dass seine Strafe beendet wäre, wenn er es einmal schaffen würde, den Felsen bis ganz nach oben zu bugsieren, allerdings bleibt ihm das versagt.

Es ist ja bei diesen griechischen Höllenqualen interessant zu sehen, dass sie nicht selten darin bestehen, dem Gequälten das Ende seiner Sehnsüchte und Leiden vor Augen zu führen und ihn dieses Ziel nicht erreichen zu lassen. Der Camus Text über Sisyphos endet ja bekanntlich mit dem zum Bonmot gewordenen Satz „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Keine Ahnung, ob das tatsächlich so sein muss, es hängt wahrscheinlich von Sisyphos’ Haltung zu seiner Aufgabe ab. Eine Hippiehaltung wie „Der Weg ist das Ziel“ könnte hilfreich sein. Die Theorie hat eine gewisse Nähe zu diesem Zen-Satz, nach dem man das Wesen des Universums in jeder Handlung und jedem Ding finden kann, wenn der Gegenstand der Betrachtung oder Betätigung sinnlos ist, dann ist das eher hilfreich als hinderlich.

Nun ist es irgendwie kurios, ausgerechnet Sisyphos zum Thema eines Tanzstückes zu machen. Die Natur von Sisyphos Arbeit ist ja zunächst die Frustration und Langeweile eines sich immer wiederholenden Vorgangs.

Es ist naheliegend, für ein Stück mit dem Thema eine zirkuläre Struktur zu wählen und so ist es dann auch mehr oder weniger. Das Stück endet ungefähr so, wie es angefangen hat. „Ungefähr“ heißt, es endet nicht genauso. Ein Weg wurde zurück gelegt, eine Arbeit verrichtet und dadurch hat sich etwas verändert. Eine Tänzerin, die in einer Art gesichtslosen Maske angefangen hat, zeigt am Ende ihr Gesicht, vermutlich lässt sich das so lesen, dass so etwas wie eine Identität entstanden ist.

Das Bild von der „Sisyphosarbeit“ ist ja schon mit der Vorstellung verbunden, dass man eine schwere, mühsame Arbeit zu verrichten hat, die letztlich an kein Ziel führt, sondern nur den Status Quo aufrecht erhält. Interessanterweise findet sich das so im Stück nicht. Natürlich gibt es sich wiederholende Bewegungsabläufe, die in andere sich wiederholende Bewegungsabläufe übergehen, aber irgendwie ist vieles seltsam vergnüglich. Vielleicht bin ich das nur. Die Bühne ist mit Erde bedeckt und die Tänzer verbringen einen guten Teil des Abends damit, mit dieser Erde zu arbeiten, sich darin zu wälzen oder damit zu bewerfen, Sandburgen zu bauen und zu zerstören, sich selbst und andere einzubuddeln, sich in Erdhügel zu schmeißen und ähnliches. Bei mir gehen sofort Assoziationen los, die eher etwas mit Spiel als mit harter Arbeit zu tun haben, liegt vielleicht daran, dass ich als Kind Spaß daran hatte, mich im Dreck zu wälzen. Der Vegnügliche Aspekt entwickelt sich aber erst allmählich im Verlauf des Abends. Das Anfangsbild ist, dass ein Tänzer mit einer Schaufel die vom Haupthügel fallende Erde wieder hochschippt. Der Abend fängt also mit einem mehr oder weniger deutlichen Bild für die Sisyphosarbeit an und entwickelt sich im Laufe der Zeit zu etwas anderem hin. Vielleicht wirklich zu dem von Camus beschworenen „glücklichen Menschen“.

Was sich zum Ende verändert hat ist, dass der Erdhügel von der hinteren linken Ecke der Bühne in die vordere rechte Ecke transportiert wurde, vier Tänzer liegen bewegungslos im Hügel, eine fünfte bringt weiter Erde dazu. Die Tänzerin, die am Anfang des Abends gesichtslos war, strebt jetzt einem unsichtbaren Ziel entgegen und wird dabei von einem andere Tänzer recht entschieden zurück gehalten. Es ist nicht sicher, ob er das tut, um sie zu quälen oder ob er ihr damit einen Gefallen tut, sie daran erinnert, dass das Erreichen des Ziels nicht der Punkt ist, sondern dass es eher darum geht, das was vorher passiert auszukosten und zu erforschen.

Tänzerisch ist der Abend, verglichen mit „Reading Tosca“ weniger spektakulär, reduzierter, will weniger beeindrucken. Mir kommt das als Zuschauer ja eher entgegen und es spricht auch nicht gegen die Choreographie, man kann ein bisschen genauer hinschauen, ohne gleich an anderer Stelle eine Menge zu verpassen. Dadurch stellt sich bei mir eine gewisse Ruhe ein. Was Cie Toula Limnaios wirklich gut können, sind Bewegungsabläufe synchron laufen zu lassen und dann brechen Tänzer aus der Synchronizität aus, machen etwas anderes, können aber immer wieder in die Form der anderen einsteigen. Mein Blick als Zuschauer ist eigentlich ziemlich frei. Es gibt gelegentlich Aktionen auf der Bühne, die ziemlich klar den Blick auf sich ziehen, aber die meiste Zeit kann man sich mehr oder weniger aussuchen, womit man sich beschäftigt, weil in der Regel zwei bis drei unterschiedliche Elemente gleichzeitig ablaufen. Mein Verdacht ist, dass man, je nachdem, wohin man schaut, das gleiche in einer anderen Version sieht, nicht weil die Bewegungen gleich wären, sondern weil das Thema gleich ist und mit unterschiedlichen Bewegungsabläufen etwas ähnliches anders erzählt wird. Aber um das genauer sagen zu können, müsste ich noch mal hin.

Die Pas de deux Varianten finde ich immer noch recht beeindruckend, sie sind hier kleiner als bei „Reading Tosca“, es geht nicht wirklich um Beziehungen. Wenn man Sisyphos als Theaterstück oder Film machen würde, dann wäre das ja ein Einpersonen Stück. Ein Mann und seine Welt als Meditation. In „Every single day“ habe ich dann eher den Verdacht, dass die Tänzer, sobald sie in Beziehung miteinander treten, eher Sisyphos und die Welt repräsentieren, also sie behindern sich gegenseitig, halten sich davon ab, an ein mögliches Ziel zu kommen, lenken sich ab, ergänzen sich, arbeiten zusammen usw.

Wenn man so will ist ja die Geschichte von Sisyphos und seinem Felsen auch eine Art Liebesgeschichte und eine ziemlich perfide dazu.

Über die Erde als Hauptspielelement auf der Bühne müsste natürlich noch geredet werden, einerseits ist es eben kein Sand, sondern lockere Erde, wenn mich nicht alles täuscht, die das Aussehen der Tänzer auch dergestalt beeinflusst, dass sie sich danach am besten erstmal unter die Dusche stellen. Das Erdelement ist in seiner esoterischen Bedeutung hier wohl am ehesten noch in seinem Aspekt als „weltliche Arbeit“ zu verstehen, dass sich die Tänzer dann entsprechend damit befassen und das meistens auf eine Art, dass ich denke, „das macht bestimmt Spaß“, unterstützt die These in der Tendenz. Das Ergebnis ist aber keins, dass auf der Erdebene erreicht wird, sondern hat eher etwas damit zu tun, dass man sich über die weltliche Tätigkeit selbst ein bisschen mehr findet, so selbstvergessen die Tätigkeiten auch manchmal erscheinen.

Es manifestiert sich nicht wirklich etwas, die Form verändert sich und wird sich weiter verändern, wie die Tänzer in einem Teil Erdhäufchen formen, deren einziger Sinn darin besteht, dass sie sich hineinstellen können, das meine ich mit dem irgendwie lustvollen Aspekt sinnloser Tätigkeit. Als Kind war das Sandburg kaputt machen ja auch meistens lustiger als das Aufbauen derselben, man hatte aber eine Erfahrung gemacht, die irgendwie was mit Arbeit und Vergänglichkeit zu tun hatte. Das war ja damals schon wie diese buddhistischen Sandmandalas, die in mühsamer Arbeit mit buntem Sand gemalt und, sobald sie fertig sind, wieder zerstört werden. So ist nun mal die Welt und wenn man so will erlebt Sisyphos das ja jeden Tag. Und so schließt sich dann für mich der Kreis zu Matsukaze, weil es auf der Ebene wieder um Loslassen und Vergänglichkeit geht. Natürlich frage ich mich ein bisschen, ob ich im Moment das Thema in das, was ich mir anschaue, reintrage oder ob es gerade in den Sachen, die mich interessieren an mich herangetragen wird… Every single day hat mir jedenfalls gefallen. Nicht ganz so ausgefuchst wie „Reading Tosca“, in der Dynamik etwas gleichförmiger, aber das passt natürlich zum Thema und ist nach dem ersten Sehen eine stimmige und konsequente Auseinandersetzung mit dem Sisyphoskomplex und durchaus überraschend und erhellend.

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