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Nightmare before Valentine – Mind the Gap 5

Juli 31, 2011

Das Wetter ist eigentlich so, dass sich kein normaler Mensch freiwillig aus dem Haus begibt und so kostet es mich eine gewisse Überwindung, meine müden Knochen nach Friedrichshain zur Theaterkapelle zu schleppen. Die Theaterkapelle ist tatsächlich eine Kapelle, mit angrenzendem Friedhof, der sogar noch in Betrieb ist. Ich komme etwa eine Stunde vor Vorstellungsbeginn an, weil ich eine Karte hab reservieren lassen und eine Stunde vorher so die Abholzeit ist, die meistens einigermaßen verlässlich ist. Diesmal bin ich viel zu früh. Ein paar Gothleute, in blutverschmiertem Vampirornat und einer in noch blutverschmierterer Priestertracht packen gerade im Regen rauchend ihr Bündel und fahren irgendwo hin, keine Ahnung, ob die einen Film gedreht haben oder eine Art Performance veranstaltet haben, jedenfalls bin ich ganz froh, dass sie mit der Aufführung, zu der ich eigentlich will, nichts zu tun haben. Man ist ja nicht immer in der Stimmung für theatrale Grand Guignol Veranstaltungen.

Wie dem auch sei, irgendwie geht die Stunde rum und ich betrete mit ein paar anderen Zuschauern den Kapellenraum, viel mehr als dreißig, vierzig Leute passen nicht rein, der Tanzraum ist auch überschaubar und mit drei Tänzerinnen gut gefüllt.

Der Abend beginnt mit einem Stück namens „VIP“, dem auf dem Programmzettel ein kleines Zitat aus den Tagebüchern von Nijinski vorangestellt ist, eine Lektüre, der man sich nur in einem psychisch stabilen Zustand nähern sollte. Was ich in den Tagebüchern von VN gelesen habe, liest sich so, als habe Nijinski auf dem Weg zur Erleuchtung vorher die Linkskurve in den Wahnsinn genommen und so ist dann auch das Zitat (und ich glaube, alles in den Tagebüchern): „Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin alles. Ich bin das Leben.“

Das Stück selbst, nun ja, ehrlich gesagt legt das einem eine Gender Lesart sehr ans Herz. Sei es durch die obsessive Beschäftigung mit einer leeren roten Handtasche, einen kleinen von Tonband eingespielten Zweizeiler, der vermutlich aus einem Pornofilm stammt u.ä., vermutlich würde man das Stück durch die Gender oder Sex-Brille ganz gut beschreiben können. Dabei bleibt das aber erstaunlich geschmackvoll. Die Kombination von Tanz, Performance und Pop, die sich „Nightmare before Valentine“ auf die Fahnen geschrieben haben, sehe ich ein bisschen, thematisch ist VIP aber noch zu schwammig. „Noch“ weil das Stück wohl ein Work in Progress ist und noch nicht ganz fertig. Die Entscheidung, etwas über die allgemein verbreitete Sexbesessenheit der Gesellschaft zu erzählen, wurde nicht ganz getroffen, aber Nijinski’s „Ich bin Gott“ ist noch weiter weg. Trotzdem gelingt es ziemlich gut, eine Konzentration herzustellen.

Ähnlich wie bei Toula Limnaios wird viel mit sich wiederholenden Bewegungsabläufen gearbeitet, mit Momenten der Stille, Tanz ohne Musik, Atemgeräuschen, gelegentlich gesprochener Sprache (durch ein erfreulich leises Megaphon). Die Form funktioniert ziemlich gut, ich kann aber nicht so genau sagen wie und warum. Jedenfalls stellt sich schnell eine gewisse Konzentration her, gutes Timing beim Wechsel von kleinen und größeren Bewegungen. Manchmal, am Anfang, wirkt das noch ein bisschen gewollt. „Gewollt“ ist wieder so ein komisches Wort, so ähnlich wie zu sagen, die Bewegungen sind nicht immer zwingend. Vielleicht finde ich es nur ein bisschen zu einfach, Kontrollverlust durch unkontrollierte Bewegungen auszudrücken, bei „Baader“, als Gegenbeispiel, hat sich dieses spezielle Thema irgendwie notwendiger und tänzerischer entwickelt. Am Ende finde ich’s aber trotzdem gut und bin gespannt, was noch draus wird, auch wenn mir im jetzigen Zustand des Stücks noch nicht ganz klar ist, worauf es hinausläuft.

Dann gibt es eine kleine Pause, in der sich die meisten Zuschauer in den Katakomben der Kapelle versammeln und redend oder schweigend auf den zweiten Teil des Abends warten.

Zweiter Teil – Lost Anni

Der zweite Teil heißt „Lost Anni“ und ist ein Solo von Andriana Seecker. Solo stimmt nicht ganz, weil ein junger Mann vom Bühnenrand aus Geräusche und Gesang zur Musik vom Band beisteuert, was irgendwie gut kommt. Es hilft bei Solos ja ungemein, wenn auf der Bühne jemand ist, der nicht direkt ins Geschehen eingreift, das ganze aber aufmerksam beobachtet. Das ist generell ein gutes Mittel, hier ist es aber sehr schön, dass jemand dabei ist, der das, was Andriana Seecker macht, freundlich begleitet, weil es dann doch ans Eingemachte geht.

Abgesehen von dem jungen Mann ist noch eine Puppe anwesend, die die Kleider der Großmutter von Andriana Seecker trägt. Die Puppe kann auch selbst als Kleidung benutzt werden, das heißt, man kann in sie hineinschlüpfen, so wie bei Bibo und Samson in der Sesamstraße.

Im Programmzettel ist zu lesen, dass es sich bei dem Stück um eine Auseinandersetzung mit dem Tod der Großmutter handelt. Ich habe davor ein bisschen Angst, weil so was ja gelegentlich peinlich werden kann, da man als Zuschauer unter Umständen gezwungen wird, sich mit Sachen auseinanderzusetzen, die einen eigentlich nichts angehen. Es spricht sehr für das Stück, dass das nicht passiert, sondern es sehr gut klappt, das Thema „Abschiednehmen“ „Loslassen“ in seiner für alle gültigen Bedeutung zu behandeln.

Damit bildet „Lost Anni“ für mich erstmal den Abschluss einer kleinen Trilogie, in die ich eher unfreiwillig geraten bin, in der es um eben dieses „Loslassen“ geht. Es freut mich irgendwie, dass jedes der drei Stücke, also „Matsukaze“, „Every single day“ und „Lost Anni“ einen etwas anderen Schwerpunkt gesetzt hat.

Lost Anni ist in der Tendenz das direkteste und klarste der drei Stücke, vermutlich, weil es sich am konkretesten mit dem Verlust eines bestimmten Menschen befasst. Dass dieser Mensch durch die Kleidung eben irgendwie auch anwesend ist, gibt eine Menge Spielfläche mit äußerst aufschlussreichen Ergebnissen. Ähnlich wie die Wand aus Fäden bei Matsukaze ermöglicht die Puppe es, Vorgänge, für die normalerweise große theatrale Gesten gewählt werden, zu versachlichen und einfach und klar darzustellen, ohne dass dazu ausgeprägtes Mienenspiel, Sprache und Geschrei bemüht werden müssen.

Die Kleidung oder Puppe der Großmutter wird auf der Bühne sofort ein Symbol, ein Geist, wenn man so will (wodurch für mich der Bezug zu Matsukaze wieder da ist). Bei Trauerfällen ist es ja so, dass der Verstorbene die Trauernden in gewisser Weise besetzt hält. Die Aufmerksamkeit ist zu einem großen Teil auf den verlorenen Menschen gerichtet, als könnte es durch exzessive gedankliche Beschäftigung gelingen, den Verlust ungeschehen zu machen oder zumindest die hinterlassene Leere aufzufüllen.

Bei Lost Anni sieht das so aus, dass Andriana Seecker sich am Anfang eben in der Kleidung der Großmutter auf sehr reduzierte Art bewegt, im Grunde die Bewegungen der alten und sich dem Tod nähernden Großmutter imitiert oder, wenn man es ein bisschen gespenstischer will, von den Bewegungen besessen ist, von der Trauer um die Großmutter niedergedrückt und gedämpft im Ausdruck. Das Mittel ist dabei verblüffend einfach und sinnig, denn der Loslassprozess, die Trauerarbeit, wird jetzt gezeigt, indem Andriana Seecker die Puppe auszieht und zunächst nicht mehr als Kleidung, die sie selbst unkenntlich macht, benutzt, sondern eben als Puppe, mit der sie jetzt interagieren kann, da die Puppe getrennt von ihr ist und nicht mehr sie selbst.

Dann wird die Puppe auf einen Stuhl gesetzt und Andriana Seecker fängt allein an zu tanzen. Die die Großmutter repräsentierende Puppe schaut zu. Der Tanz folgt dabei letztlich einer Art Dramaturgie der Befreiung, das heißt die Bewegungen werden mit der Zeit größer und lebendiger. Das Schöne daran ist, dass die befreite Bewegung nicht völlig losgelöst von der Großmutter ist, die Großmutter ist ja noch da, einerseits als Puppe, anderseits sind Videoprojektionen von den Probenarbeiten (glaube ich) zu sehen, das heißt der Prozess, der zur am Ende befreiten Bewegung geführt hat, ist in der Bewegung bzw. der Performance noch enthalten.

Das Kluge an „Lost Anni“ ist, dass Loslassen eben nicht bedeutet, eine Erfahrung zu vergessen und einfach weiter zu machen wie bisher, sondern dass die Erfahrung bleibt und losgelassen wird, indem sie integrierter Teil des Selbst wird und als eine Art Hintergrundrauschen mitschwingt (im Stück durch die Musik und durch die Videoprojektionen). Loslassen ist dann eher eine Form der Akzeptanz oder des Annehmens. Im besten Fall ist das am Ende nichts mehr, was einen niederdrückt, deprimiert und verbittert, sondern eher reicher macht. Das ist natürlich eine idealistische Vorstellung, aber eben das Beste was am Ende einer „Trauerarbeit“ stehen kann. Das Selbst ist komplexer und reifer geworden, darin ähnelt Lost Anni dann „Every single day“.

Ich habe das jetzt in Bezug auf den Tod der Großmutter beschrieben, weil das erstmal der naheliegende Ansatz ist. Man kann das Stück aber genauso gut als Loslösung von elterlichen oder sonstigen Prägungen sehen, das nennt man dann wohl erwachsen werden. Der Prozess ist tatsächlich der gleiche. In der Tanzsprache heißt das: die eigene Bewegung finden, für Autoren: die eigene Sprache, für Eltern: die eigene Art, ihre Kinder zu erziehen, für andere: die eigene Art, Beziehungen zu führen, Geld zu verdienen oder sonst was. Das alles findet eigentlich immer als Ablösungsprozess von fremden Mustern statt: entweder durch eine Entscheidung, weil die Muster, die man sich angeeignet hat,  einem nicht gut tun, oder eben gezwungenermaßen in Trauerarbeit, nach dem Tod eines geliebten Menschen, dem Auseinandergehen einer Beziehung oder anderen Verlusterfahrungen. Da geht es dann ja immer um die Frage: Da ich das jetzt nicht mehr habe – was bin ich eigentlich?

Das Gute am Tanz ist, dass über diese Frage nicht großartige debattiert werden muss. Andriana Seecker kann das dann einfach zeigen und das ist ziemlich gut, direkt und ehrlich. Von den drei Produktionen in meiner kleinen Loslasstrilogie ist „Lost Anni“ sicherlich die kleinste und bescheidenste, das Stück hat nicht die große Geste von Matsukaze (und sicher nicht das Budget) und nicht den philosophischen Überbau von „Every single day“, sondern geht vom Persönlichen aus und kommt darüber zu einer eigenen und für alle gültigen Aussage. Letztlich wird bei „Lost Anni“ gezeigt, wie das „Loslassen“ in der Praxis tatsächlich funktioniert, weil das Stück selbst das Loslassen ist. Dadurch erübrigt sich langes Philosophieren eigentlich. „Matsukaze“ ist zu dem Punkt nicht gekommen, „Every single day“ schon eher, aber bei „Lost Anni“ war das dann doch mit Abstand am Klarsten. Und es ist ein schönes Beispiel dafür, wie man mit unschönen, aber unvermeidlichen Erfahrungen auf eine gute Art umgehen und daran wachsen kann.

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