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Tanz im August: Lucinda Childs – Dance

August 13, 2011

Eine Ballettstunde endet in der Regel mit einem sogenannten Adagio, was im wesentlichen eine meistens relativ unanstrengende Bewegungsfolge in der Mitte des Raumes ist. Vor dem Adagio gibt es die von mir persönlich gefürchteten „Diagonalen“. Die Diagonale heißt Diagonale, weil man sich dabei irgendwie balletesk in der Diagonalen durch den Raum bewegt. Während das Adagio eigentlich immer langsam ist, ist die Diagonale ziemlich schnell. Meistens ist die Diagonale dazu da, Sprünge oder Drehungen zu üben. Die Diagonale heute Vormittag war: gesprungenes Chassé, Schritt, Grand jetté. Beim zweiten mal hab ich das sogar einigermaßen hinbekommen. Na gut, ein Chassé klappt meistens einigermaßen, auch wenn ich das mit den gestreckten Füßen manchmal vergesse oder Angst habe, dass ich nicht hoch genug hüpfe und mir dann die Zehen breche. Grand jetté kann ich nicht. Dabei macht man ja im großen und ganzen einen Spagat (ein Bein hinten, eins vorn) in der Luft, allerdings hab ich heute zumindest etwas hinbekommen, was von wohlwollenden Balletttänzern als eine Art archaische Vorform eines grand jetté betrachtet werden könnte und dabei sogar irgendwie unfreiwillig eine einigermaßen passende Armbewegung dazu gemacht.

Was hat das mit Lucinda Childs‚ „Dance“ zu tun? Nun, „Dance“ besteht tatsächlich ausschließlich aus Diagonalen oder dem Bewegungsmodell, das der Diagonalen zugrunde liegt. Natürlich viel komplizierter, das heißt es gibt Richtungsänderungen, manchmal ist die Diagonale eine halbe Diagonale, die dann wieder zurück geht etc. aber es sind schnelle Bewegungen, Sprünge, Drehungen, Drehungen, Drehungen. Normalerweise dauert die Diagonale im Ballettunterricht nicht länger als zehn bis fünfzehn Minuten. „Dance“ dauert eine gute Stunde und es beruhigt mich irgendwie, dass auch die Profitänzer nach ungefähr einer halben bis dreiviertel Stunde völlig durchgeschwitzt sind.

Es ist ziemlich abgefahren, sich das anzuschauen und ich merke, wie ich als Zuschauer gewissermaßen von den Bewegungen irgendwie besessen werde, was vermutlich mit meiner Haltung aus dem Ballettunterricht zusammen hängt. Ich kann einen bestimmten Sprung zwanzig mal sehen und denke dann: okay, ich hab’s noch nicht kapiert, noch mal, bitte. Bei „Dance“ gibt es diesen seltsamen Sprung, der mit einem „kleinen“ Grand battement nach vorn anfängt, also eine Bewegung des gestreckten Beins nach vorn auf eine Höhe von etwas weniger als neunzig Grad, gleichzeitig springt der Tänzer, dreht den Oberkörper und das Sprungbein um hundertachtzig Grad, so dass das gestreckte Bein plötzlich hinten ist in einer Art gesprungenen Arabesque. Das mit den zwanzig mal war kein Witz, ich nehme an, der Sprung wurde an dem Abend häufiger gemacht, aber wie er genau funktioniert hab ich irgendwie immer noch nicht kapiert. Muss das bei Gelegenheit mal ausprobieren.

Das Coole bei Dance ist, dass die Bewegungen, wie Lucinda Childs im anschließenden Publikumsgespräch noch mal sagt, relativ simpel sind, im wesentlichen aus dem klassischen Ballett kommen und insofern der Abend für Ballettschüler auf eine andere Art interessant ist als für andere Leute. Die Diagonale zeichnet sich nicht unbedingt dadurch aus, dass die Bewegungen selbst unglaublich schwierig sind, aber durch die Schrittfolgen, Kombinationen von Drehungen und Sprüngen, kann man eine Diagonale wahnsinnig kompliziert machen und genau das passiert bei „Dance“. Eigentlich habe ich am meisten Ehrfurcht vor den Schrittfolgen, zwischen den eigentlichen Ballettfiguren die hier sehr exakt ausgeführt werden. Tatsächlich habe ich bislang noch kein Stück gesehen, bei dem die Synchronität der Tänzer ähnlich exakt war.

Frau Childs berichtet im anschließenden Zuschauergespräch, dass, als das Stück 1979 uraufgeführt wurde, die Reaktionen gespalten waren. Entweder fanden es die Leute super oder meinten, dass die Tänzer irgendwie rumhüpfen und das eigentlich jeder kann. Das ist natürlich ein krasser Irrtum. Im Programmheft wird dann auch ein Tänzer zitiert, der meint, dass das Stück ziemlich respekteinflößend ist, weil das Ganze, wenn man einen Fehler macht zusammenbricht. Das stimmt, glaube ich, nicht ganz, aber Fehler fallen in der Choreographie notwendig auf.

Nun gut, die seltsamen Reaktionen 1979 mag man damit erklären, dass das eine andere Zeit war. Die Musik von Philipp Glass war in ihrem repetitiven Charakter noch neu, aber wenn man eine Idee davon bekommen will, wie „Dance“ aussieht, kann man entweder bei youtube schauen oder sich die Musik von Philip Glass anhören, denn der Tanz sieht genauso aus, wie die Musik ist.

Was als möglicher Kritikpunkt stimmt ist, dass „Dance“ keine Geschichte erzählt. Insofern taucht die Frage auf, ob eine Aussage nur über eine Geschichte entstehen kann oder ein Thema, das außerhalb des Tanzes liegt oder ob nicht auch der Tanz selbst die Aussage sein kann (wie bei manchen Gedichten ja auch die Aussage in der Sprache selbst liegt, die sich einem offensichtlichen „Sinn“ in Form einer irgendwie erzieherischen Aussage verweigert). Und man kommt darüber ziemlich schnell zu so Fragen wie, was Tanz eigentlich und an sich ist.

Als ich mir Dance angeschaut habe, kamen eigentlich zwei Gedanken, erstens, dass es ewig gedauert haben muss, bis die Tänzer die Bewegungsabläufe drauf hatten (was, wenn man Lucinda Childs glauben kann, wohl nicht ganz falsch ist), zweitens, dass das ganze, wenn es einmal gekonnt wird, ziemlichen Spaß machen muss (was auch bestätigt wurde). Das ganze wirkt so, dass die Tänzer da mit der Zeit auf einen Trip kommen und über die Bewegung gewissermaßen in einen anderen Existenzzustand kommen, auf eine höhere Realitätsebene, wenn man so will, was vermutlich Raver, die Nächte durchtanzen, nachvollziehen können, hier kommt nur das apollinische Moment, die genaue Form dazu, was dazu führt, dass der Zuschauer auf denselben Trip gerät. Die Musik tut natürlich das ihre dazu.

Das ganze entfaltet ziemlich schnell eine gewissermaßen hypnotische Wirkung und man will eigentlich nicht, dass das aufhört. Durch die permanente Wiederholung der Bewegungen und Bewegungsmuster, die sich fast unmerklich verändern, wird die Bewegung selbst zum Inhalt. Eigentlich ist das das, was ich mir immer unter Tanz vorgestellt habe, reine Bewegung im Raum. Durch den Verzicht auf eine Geschichte, geht es eher darum, die Bewegung selbst zu verstehen, wie die Musik läuft alles in einer ähnlichen Dynamik, die Abweichungen wirken dann umso stärker, es gibt Bewegungen, die, obwohl in der gleichen Zählart langsamer wirken als andere, manche Bewegungen eignen sich dazu, Strecke zu machen und wirken dadurch schnell, andere verharren am Ort oder drehen die Bewegungsrichtung um. Ich weiß nicht, wie viele verschiedene Varianten von Drehungen an dem Abend gezeigt werden. Die normalen Drehungen, Drehungen auf einem Bein, gesprungene Drehungen, Drehungen im Plié, Drehungen mit Coup de pied, interessanterweise, keine echten Pirouette – ich habe zumindest keine bemerkt, möglicherweise weil eine Pirouette dazu neigt, den Fluss zu unterbrechen und um Fluss geht es eigentlich den ganzen Abend.

Der ominöse Fluss ist die Gesamtdynamik, die den seltsamen Sog ausmacht, den das Stück an sich hat. Weiß gar nicht, womit man das vergleichen könnte. In eine Waschmaschine schauen? Regentropfen zuschauen, die am Fenster irgendwelche Linien machen, sich verbinden, wieder auseinandergehen mal schneller, mal langsamer am Glas entlangrutschen? Der I-tunes Visualiser?

Jedenfalls hat das ganze eine gewisse psychedelische Wirkung und man kommt seltsam erfrischt und gut gelaunt aus dem Theater und das noch zu einem sehr hübschen Wassermannvollmond, der irgendwie passt.

Dabei belasse ich es mal, obwohl es noch viel mehr dazu zu sagen gäbe, unter anderem war Dance anno 1979 seiner Zeit weit voraus, weil das Stück bereits mit Film kombiniert wurde (35 mm, mittlerweile eine digitalisierte Version des Originalmaterials), wobei der Film eine Filmversion der Choreographie war und ist, was aber eine völlig andere Ebene aufmacht, die ich hier mal aussparen will.

Dance besteht aus drei Teilen. Der erste und dritte Teil sind Ensemblestücke, auf die ich mich hauptsächlich bezogen habe. Der Mittelteil ist ein ziemlich beeindruckendes Solo, bei dem man gewissermaßen die Technik isoliert betrachten kann, was ziemlich interessant ist. Lucinda Childs sagt ja, es gäbe kein „Lucinda Childs Bewegungsrepertoire“, weil die Bewegungen im wesentlichen aus dem klassischen Ballett kommen. Das stimmt zwar, aber es ist doch trotzdem eine besondere Art, mit den Bewegungen des klassischen Balletts umzugehen. Die Bewegungen sind sehr viel entspannter, Überdehnungen und akrobatische Kabinettstückchen sucht man vergebens und werden von mir auch nicht sonderlich vermisst. Es geht mehr um Genauigkeit, Dynamik und darum, die Bewegungen des klassischen Balletts soweit es geht „natürlich“ erscheinen zu lassen. Insofern werde ich darauf wahrscheinlich zurück kommen, wenn es sich ergibt, dass ich wieder über klassisches Ballett schreibe, was der Fall sein wird, sobald die Staatsballett Spielzeit wieder anfängt (La Péri steht an und – jippieh! – Schwanensee).

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