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Tanz im August: Hiroaki Umeda Repulsion & Isolation / Anna Nguyen Yonder Woman

August 20, 2011

Hiroaki Umeda: Repulsion & Isolation

Es ist wieder Samstag, den Ballettunterricht habe ich heute geschwänzt, aber nichtsdestotrotz muss ich langsam mal meinen Senf zu den beiden TIA (Tanz im August) Aufführungen abgeben, die ich gesehen habe und bei der Gelegenheit gleich mal schauen, wie das mit dem Bilderhochladen funktioniert – nehme mal an, dass man die Pressefotos auf der TIA Webseite benutzen darf.

Irgendwie begegnet mir in der letzten Zeit Hip Hop oder Street Dance recht häufig.

Die International Encyclopedia of Dance behandelt Hip Hop unter dem Begriff Break Dancing. Die Enzyklopädie ist von 1998 und schließt den Artikel mit der Bemerkung, dass Break Dancing mehr oder weniger verschwunden ist. 2011 kann man wohl das Gegenteil behaupten, nur dass das jetzt eben nur noch selten Break Dancing genannt wird, sondern Hip Hop oder Street Dance. Natürlich hat sich die Form weiter entwickelt und die Entwicklung scheint nach meiner Einschätzung noch nicht abgeschlossen.

Wie dem auch sei.

Hiroaki Umeda ist ein Tänzer und Choreograph aus Tokio, der, wenn man dem Programmzettel glauben kann, eine eigene Form von Tanz entwickelt hat. Wie diese Form aussieht, weiß ich nicht, obwohl es möglich ist, anhand der beiden gezeigten „Stücke“ Repulsion und Isolation begründete Vermutungen darüber anzustellen.

Im Programmheft steht, dass seine Form im Wesentlichen auf Entspannung beruht, das heißt, man hat es mit fließenden oder schwingenden Bewegungen zu tun, Absinken oder Aufrichtungen des Körpers, Fallen und ähnliches.

Ziel von Repulsion und Isolation ist es, die Bewegungsprinzipien, die Umeda für sich entwickelt hat, mit anderen Tanzstilen zu kombinieren, um so die eigene Technik zu überprüfen. Klingt sehr theoretisch, ist es auch, aber das kommt mir ja tendenziell entgegen.

Bei „Repulsion“ sieht man dann Bewegungsabläufe, die von drei Hip Hop Tänzern gezeigt werden. Das funktioniert ziemlich gut, das heißt, es entsteht so etwas wie eine geschlossene Form, die Bewegungen, die Umeda einbringt, und die Hip Hop Tanzbewegungen widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich ganz gut. Das Prinzip der „Repulsion“, hm, wie übersetzt man das, Rückstoß oder Abstoßung vielleicht, wird gelegentlich sichtbar, ist aber, glaube ich, auch so im Hip Hop Tanz nicht unbekannt. Im wesentlichen funktioniert das wohl so, dass es einen Bewegungsimpuls irgendwo im Körper (oder, hier nicht gezeigt: außerhalb des Körpers) gibt und man dem Impuls dann entweder erlaubt, sich im Körper ungebremst fortzusetzen, oder ihn abblockt, bzw. einen weiteren Impuls dagegen setzt und damit die Bewegungsrichtung umkehrt, ablenkt oder die Bewegung komplett stoppt. Das Ganze dauert ungefähr eine halbe Stunde, danach hat man im großen und ganzen kapiert, worum es geht, gelegentlich gibt es ganz witzige Elemente. Die Geräusche („Musik“ trifft es hier nicht ganz), die dazu laufen, vollziehen im wesentlichen die Bewegungen nach oder erinnern die Tänzer daran, was sie jetzt zu tun haben. Punkte, an denen die Bewegung abstoppt, sind im Sound ziemlich klar gesetzt.

Bei „Isolation“ wird das gleiche Prinzip mit drei Balletttänzerinnen durchgeführt, mit einem völlig anderen Effekt. Umeda sagt, dass das Ballett von seiner eigenen Bewegungssprache sehr weit entfernt ist, dass es aber einen Berührungspunkt im Prinzip der Isolation gibt. Isolation heißt, dass man bestrebt ist, Körperteile einzeln zu bewegen, das heißt, die Bewegung zu isolieren. Übliche Isolationen sind Armbewegungen ohne Schulter, Schulter ohne Nacken, Unterschenkel ohne Hüfte, Hüfte ohne Oberkörper und so weiter. Zu behaupten, dass die Isolation ein besonders hervorstechendes Merkmal von klassischem Ballett ist, kommt mir etwas gewagt vor. Natürlich gibt es das da irgendwie in manchen Bewegungen, aber wenn man mich bitten würde, klassisches Ballett zu beschreiben, würde das Wort „Isolation“ wohl nicht fallen.

Entsprechend merkt man dann auch, dass sich die Formen Umeda und klassisches Ballett mehr oder weniger bekämpfen. Die armen Ballerinen stehen am Anfang in einer Standardballettposition auf der Bühne und wenn die Umedabewegungen dazu kommen (durch das Entspannen einer Schulter z.B.) wird die Ballettform sofort und nachhaltig zerstört. Die Umedabewegungen sind dabei eher wie eine Infektion, zwei Formen bekämpfen sich und wenn die eine dominiert, verschwindet die andere. Gelegentlich sind beide Formen im einzelnen Körper präsent und dann haben wir es mit Bewegungen zu tun, die in ihrer Ästhetik an Silent Hill erinnern. Die Ballettform zielt ja auf so etwas wie Harmonie, Symmetrie, Gleichgewicht und die Form, die sich entwickelt hat, ist bei weitem nicht so offen wie Hip Hop. Es ist sehr schwierig, neue, andersartige Bewegungsformen zu integrieren, ohne die Prinzipien des klassischen Balletts aufzugeben. Insofern ist „Isolation“ im Grunde ein Konflikt von zwei sich gegenseitig ausschließenden Bewegungsformen. Ein Hip Hopper, der einen Körperteil entspannt, macht einfach einen bestimmten Move, ein Balletttänzer, der plötzlich die Hüfte loslässt und schwingen lässt, wirkt dagegen wie ein Balletttänzer, der die Kontrolle verloren hat und die Kontrolle verlieren ist etwas, was im klassischen Ballett nicht passiert, selbst eine Pirouette oder ein Sprung im Ballett ist in hohem Maße kontrolliert. Nutzbar ist die Kombination Umeda/Ballett natürlich trotzdem, nämlich dann, wenn man auf der Bühne eben genau dieses Bild von Kontrollverlust und/oder verlorengegangener Balance zeigen will.

Umeda derweil will in „Repulsion“ und „Isolation“ nichts, außer zu demonstrieren, wie bestimmte Bewegungsmuster kombiniert aussehen. Das ist recht akademisch. Ich finde das prinzipiell interessant, aber naja, es ist nicht unbedingt eine richtiges „Stück“.

Anne Nguyen und Valentine Nagata-Ramos: Yonder Woman

Nicht ganz so extrem ist das bei „Yonder Woman“ von Anne Nguyen. Die junge Dame kommt vom Hip Hop Tanz, Yonder Woman ist ein Duett mit Valentina Nagata-Ramos, ebenfalls Hip Hopperin.

Was Yonder Woman leistet, ist, dass man eine gewisse Ahnung davon bekommt, wie Hip Hop Tanz als Bühnendisziplin funktionieren könnte. Das Stück an sich wirkt dabei eher wie ein Versuch, ein Rumprobieren und ist, ähnlich wie Umedas Versuche, nicht wirklich ein dramaturgisch überzeugendes Ereignis, sondern eher eine Annäherung an eine mögliche Form von Bühnentanz ausgehend von Hip Hop und hier dezent mit Contact Impro Elementen kombiniert.

Das Ding mit Hip Hop ist folgendes: Ziel von Hip Hop im historischen Kontext war und ist, den Zuschauer mit spektakulären Moves zu beeindrucken. Hip Hop Battles gibt es immer noch oder wieder, früher fand das auf der Straße statt, als Wettkampf unterschiedlicher Gangs, die um ihre Gang T-Shirts (oder andere Insignien) getanzt haben. Elemente davon finden sich auch in Yonder Woman, allein durch die Tatsache, dass zwei Menschen auf der Bühne sind, und das sich gegenseitig übertrumpfen wollen scheint gelegentlich durch.

Die theatrale Form des Battles ist insofern für Hip Hop durchaus passend und Anne Nguyen und Valentine Nagata-Ramos haben beide schon diverse Battles gewonnen. Die Frage ist: Kann man mit Hip Hop Bewegungen auch etwas anderes machen?

Natürlich kann man, aber bislang habe ich das noch nicht wirklich überzeugend gesehen. In neueren Tanzfilmen kann man gelegentlich Choreographien sehen, die mit Hip Hop Elementen arbeiten, ohne Battlecharakter, aber als Bühnenereignis durchaus überzeugend und oft mit klassischem Ballett kombiniert. Anne Nguyen testet verhältnismäßig zaghaft andere Wege aus. Ist Hip Hop choreographierbar? Wenn ja, was lässt sich damit besser erzählen, als mit anderen Formen? Inwiefern lässt sich der Wettbewerbscharakter von Hip Hop in einer Bühnenaufführung nutzen? Inwiefern ist es möglich den Wettbewerbscharakter von Hip Hop zu eliminieren, ohne die Form zu zerstören? Richtig beantwortet werden die Fragen an dem Abend nicht, aber sie werden zumindest gestellt.

Was die Form betrifft, so scheint es sich um eine Art umgekehrtes klassisches Ballett zu handeln. Es gibt Pirouetten, nur heißen sie hier headspin und werden auf dem Kopf ausgeführt. Während im klassischen Ballett versucht wird, den Bodenkontakt im Spitzentanz auf den kleinstmöglichen Punkt zu reduzieren, wälzen sich Nguyen und Ramos ausgiebig auf dem Boden und laufen bevorzugt auf allen vieren.

Da lässt sich durchaus ein interessantes Bewegungsrepertoire aufbauen und damit müsste man eigentlich gut arbeiten können. Vielleicht kann man damit neue Genres, wie Horror, Science Fiction oder Actionformate für den Bühnentanz erschließen. Wer weiß? Yonder Woman ist zumindest ein Anfang, ein bisschen zaghaft, aber immerhin.

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