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TIA: Guilherme Botelho/Alias – Sideways rain

August 21, 2011

Mein Lieblingsprojekt von Guilherme Botelho heißt „0,5 Promille“ und läuft folgendermaßen ab: Sieben Tänzer, ein DJ und eine Kellnerin sind auf der Bühne. Die Tänzer sitzen und beginnen den Abend damit, dass sie ein Glas Rotwein (0,1 l) relativ schnell trinken. Nachdem das geschehen ist, tanzt der erste Tänzer, wobei der Tanz immer mit einem Passé beginnt, als eine Art Balancetest. Nachdem der erste Tänzer seinen Tanz getanzt hat, rückt er seinen Stuhl nach hinten, die restlichen sechs trinken wieder je ein Glas Rotwein usw., bis der letzte Tänzer, nach sieben Glas Rotwein endlich sein Solo tanzen kann. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Tanzsoli mit zunehmendem Alkoholgenuss nicht unbedingt schlechter werden.

Das Stück kann man in voller Länge (30 minuten) und guter Qualität hier sehen.

Bei Tanz im August zeigt Guilherme Botelho „Sideways Rain“, das weniger lustig ist. Das Prinzip von Sideways Rain ähnelt „Dance“ von Lucinda Childs insofern, dass wieder nur Diagonalen gezeigt werden. Diesmal allerdings ausschließlich von links nach rechts. Laut Programmzettel passiert dabei folgendes: „von einem Durchlauf zum nächsten zeichnen sich zugleich die Conditio Humana, die Evolution des Menschen und die Wandlungen des Universums ab.“ Das ist natürlich eine ganze Menge.

Dem ersten hermetischen Gesetz „wie oben, so unten“ folgend, ist prinzipiell sowieso alles eine Metapher für das Universum und das Universum eine Metapher für alles, aber eigentlich geht es bei Sideways Rain, wie der Titel vermuten lässt, einfach nur darum, die Bewegung von Regentropfen, die auf einer Oberfläche nach unten rollen, darzustellen. Natürlich in die Horizontale versetzt. Das gelingt recht gut und ist zuweilen auch hübsch anzuschauen. In seinen besten Momenten entwickelt das Stück einen gewissen hypnotischen Zug, wenn auch nicht so intensiv wie „Dance“, schon allein deshalb nicht, weil die sich ständig wiederholende links-rechts Bewegung auf Dauer etwas anstrengend ist. Bisweilen passieren überraschende Sachen, wenn zum Beispiel plötzlich die eher banalen Bewegungen wie Rollen, Robben, Laufen, von einer relativ komplizierten und ziemlich genau synchron gezeigten Choreographie abgelöst werden. Die Choreographie wird dabei mit der gleichen Selbstverständlichkeit gezeigt wie vorher das Laufen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, aber für einen kurzen Moment denkt man, dass jetzt etwas Neues passieren wird. Später gibt es einen anderen Moment, als ein Tänzer stehen bleibt und die sich von links nach rechts bewegenden Mittänzer aufhält und kurz deren Bewegungsablauf ändert – er berührt dabei nur einen Mittänzer, ändert aber den Bewegungsablauf von allen, die auf der Bühne sind, die die Bewegungen des Aufgehaltenen zeitgleich und ohne Partner imitieren. Das sind ziemlich gute Ideen und da macht Sideways Rain tatsächlich Spaß und hat ein paar Überraschungen parat. Man kann bei den einfacheren Bewegungsmustern ganz gut sehen, wie die Bewegung genau abläuft oder man macht den Blick ein bisschen auf und schaut sich die Gesamtbewegung auf der Bühne an und lässt sie wirken.

Ansonsten, Universum hin oder her, bin ich nicht sicher, ob es nicht ein bisschen wenig ist, gewissermaßen eine Idee über ungefähr eine Stunde eher sparsam zu variieren. Natürlich sagt das etwas über das menschliche Leben aus, zumindest dann, wenn man eine eher nihilistische Auffassung davon hat, wie: man geht immer den gleichen Weg, manchmal denkt man, es passiert etwas Aufregendes, aber tatsächlich ist es letztlich egal, weil man so oder so nur den Weg von der Geburt zum Tod zurücklegt, nur eben auf unterschiedliche, mal mehr, mal weniger originelle Weise. Trost findet man dabei primär in der Ästhetik, das heißt, auch wenn das alles zu nichts führt, sieht es doch ganz gut aus und hat einen schönen Rhythmus. Diese Sichtweise ist natürlich möglich und es spricht auch vieles dafür, dass es so ist. Die Beschreibung: man wird geboren, ärgert sich ein paar Jahre lang rum, dass es nicht so läuft, wie man’s gern hätte und stirbt, ist wohl eine gute Kurzfassung vieler tatsächlicher Lebensläufe. Der Ansatz selbst scheint mir aber ein wenig depressiv. Mir ist es da irgendwie lieber, einfach einen Tanz zu sehen, der von Regentropfen inspiriert ist, denn auf der Ebene funktioniert „Sideways Rain“ sehr gut.

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