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Tanz im August: Meg Stuart – Violet

August 25, 2011

Gelegentlich verhilft einem die eigene Ignoranz ja zu erstaunlichen Theatererlebnissen. Ich war am Aufführungstag eher schlecht gelaunt und hatte keine übermäßig große Lust zu Meg Stuarts Violet zu gehen, es gibt ja solche Tage, an denen man keine Lust auf gepflegten Kunstgenuss hat. Im Internet hatte ich nicht besonders viel über Violet gefunden und das, was ich gefunden hatte, war nicht besonders aufschlussreich. Da ging es dann eher darum, wie man Violet im Kontext zum restlichen Werk zu sehen hat etc. etc. Ich für meinen Teil habe keinen blassen Schimmer von Meg Stuarts früherem Schaffen und kann diesen Bezug deshalb nicht herstellen.

Violet ist derweil ziemlich erstaunlich.

Was man, denke ich, erstmal sagen kann ist: Meg Stuart ist es ziemlich wurscht, was das Publikum von Violet hält. Es ist eigentlich kein Stück, das für das Publikum gemacht ist, eher eins, bei dem die Tänzer sich ein kathartisches Erlebnis verschaffen können. Gelegentlich wirkt das wie die Abschlusspräsentation nach einem fünftägigen „Lass einfach alles raus“ Workshop. Das spricht keinesfalls gegen das Stück, es heißt zunächst nur, dass die Tänzer oder Performer sehr bei sich sind. Es geht nicht darum, etwas richtig oder besonders schön zu machen, es geht nicht darum, das Publikum mit tollen Bewegungen zu beeindrucken oder zu gefallen.

Wenn man reinkommt bekommt man erstmal zwei Oropax in die Hände gedrückt, was für mich erstmal ein Ausdruck dafür ist, dass da nicht übermäßig viel Rücksicht genommen wird. Anscheinend wird es also laut, das finde ich gut.

Auf der Bühne steht links ein Computer und ein Schlagzeug, da in der Nähe muss eine E-Gitarre rumliegen, weil Musiker Brendon Dougherty später kurz eine in der Hand haben wird.

Das Stück fängt aber leise an, Fünf Tänzer in Freizeitklamotten und Turnschuhen stehen still auf der Bühne und fangen langsam an, kleine Bewegungen zu machen. Mit der Zeit kommt die Musik dazu und von da an folgt der Abend im wesentlichen einer recht herkömmlichen Eskalationsdramaturgie. Das heißt, es wird lauter und härter, die Bewegungen werden größer, nach einer halben Stunde oder so fängt der Dougherty an, ein cozy powellmäßiges Schlagzeugsolo in den Saal zu hämmern und die Tänzer hüpfen durch die Gegend, wälzen sich auf dem Boden, schreien und rennen als wären sie auf Speed bei einem Scooter Konzert, nur dass die Musik weniger melodiös ist. Spätestens an diesem Punkt bin ich als Zuschauer ausgesprochen entspannt und gleichzeitig fassungslos über die Kompromisslosigkeit mit der der akkustische und tänzerische Lärm durchgezogen wird. Gerade das ist an Violet ziemlich gut: die Eskalation wird weit geführt, der Exzess auf der Bühne ist weitgehend ungebremst, Jimmy Hendrix würde jetzt seine Gitarre anzünden.

Enden würde das eigentlich damit, dass die Tänzer vor Erschöpfung zusammenbrechen. Eher überraschend, dass das an diesem Abend, da sich eine drückende Hitze auf die Stadt gesenkt hat, nicht passiert. Die Shirts und Hosen der Tänzer sind am Ende völlig durchgeschwitzt und auch Dougherty wirkt so, als hätte er gearbeitet.

Der Exzess, die impulsive Lass alles raus Bewegung wird sehr nachdrücklich gezeigt. Irgendwann wirkt da nichts mehr geformt, man hat den Bereich der Kunst verlassen und ist komplett in der schamanistischen kathartischen Tanzform angekommen, wo den Tänzern alles – und vor allem das Publikum – egal ist. Und das macht tatsächlich etwas mit einem, so dass einem irgendwie unbeabsichtigt etwas gegeben wird, vielleicht die Erlaubnis, kein guter Zuschauer sein zu müssen, sondern sich einfach dem Irrsinn auf der Bühne überlassen zu dürfen.

Das Ganze endet damit, dass die Tänzer wieder in ruhigere Bewegungen übergehen, es gibt eine hübsche kurze Sequenz, in der alle Tänzer in einem Menschenbündel über den Boden rollen. Dann gibt es zum Abschluss rotierende Bewegungen mit dem Oberkörper, um wieder ein bisschen runterzukommen.

Komischerweise macht das durchaus Spaß. Der Umstand, dass das Stück auf Inhalt verzichtet und sich nur an eine lose Struktur hält, dass man eigentlich nicht mal besonders guten Tanz zu sehen bekommt, sondern nur Leute, die sich bis zur Erschöpfung verausgaben, ist für mich an diesem Abend überraschenderweise eine Erleichterung.

Als ich mich von meiner üblichen Zuschauerhaltung verabschiede, genau auf die Bewegungen zu achten und zu verstehen, was die da eigentlich machen, als ich aufhöre, so etwas wie Sinn und Bedeutung finden zu wollen, fühle ich mich plötzlich pudelwohl. Ich fände es nicht so gut, wenn jede Aufführung so wäre und hoffe, dass das Staatsballett sich von der Meg Stuart Haltung zu Tanz fern hält, aber dass es das auch gibt, ist gut und war für mich an dem Abend genau das Richtige.

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2 Kommentare leave one →
  1. August 26, 2011 10:12 am

    cozy powell? 😉

    • August 26, 2011 2:58 pm

      Ich verbinde damit: antreibend und laut. Cozy Powell war ja ein guter, vielleicht sogar sehr guter Drummer, aber die leisen Töne waren nicht unbedingt seine Spezialität.

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