Skip to content

Tanz im August: La la la Human Steps – Deux histoires d’amour tragique resp. New Work

September 9, 2011

Die Sache mit Lalala Human Steps ist nicht so einfach und jetzt schon zwei Wochen her, also höchste Zeit, dass ich etwas dazu schreibe. Schon allein aus historischen Gründen. Zum 25 Jubiläum von LHS gab es eine Doppel DVD mit der Verfilmung von „Amelia“ und ein paar Auszügen aus früheren Werken. Hier also erstmal die historischen Fakten, wie sie sich für mich nach Durchsicht der Doppel DVD ergeben:

Also: Lalala Human Steps wurden 1980 von Eduoard Lock gegründet, irgendwo in Kanada und so sahen die Beteiligten in den Anfangsjahren auch aus – sehr newwavig. In den 90ern waren LHS, daran erinnere ich mich noch dunkel, eine ziemlich große Nummer. Da ich mich damals nicht für Tanz interessiert habe, kann ich nicht genau sagen, warum. Auf der DVD sind einige Aufnahmen aus der Zeit zu sehen. Die Art zu tanzen ist ziemlich spektakulär. Zwei Tänzer liegen nebeneinander auf dem Boden, dann schraubt sich einer nach oben und springt in einer Art liegenden Schraube über den anderen (der sogenannte „barrel jump“, den LHS wohl erfunden haben) und ähnliches, alles extrem schnell. Mit Ballett hat das nicht so viel zu tun, ein bisschen akrobatischer Modern Dance, sehr stylish und trotz der spektakulären Bewegungen irgendwie cool. Schon damals wurden die Bewegungen, so unmöglich sie auch waren, anscheinend mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ausgeführt, als gäbe es eigentlich keine andere Art zu tanzen. Man bemerkt da ein gewisses Understatement, das den Bewegungen eigentlich entgegenläuft und das dazu führte, dass das ganze nicht in Zirkus ausartet und Leute wie David Bowie und Frank Zappa daran interessiert waren, mit der Truppe zusammen zu arbeiten.

Der DVD Chronologie folgend scheint Amelia (2002) eine deutliche Hinwendung zum Ballett zu sein, das meiste wird auf Spitze getanzt, zum Teil auch von den Männern. Die Verfilmung von Amelia ist wahrscheinlich einer der wenigen tatsächlich eigenständigen Ballettfilme. Es gibt nur das Stück, aber eben als Film und nicht als Abfilmung einer Aufführung. Die Fotos von Amelia legen nahe, dass das Stück in der Liveversion ein bisschen so aussah wie „New Work“ oder „Deux histoires d’amour tragique“ (irgendwie sind beide Titel für das neue Werk im Umlauf).

In der Filmversion von Amelia wird in einer Art Würfel mit Parkettboden und abgerundeten Seiten getanzt, was dann manchmal den Effekt einer Halfpipe beim Snowboarden hat. Auf der Bühne hatte man es wohl eher mit einer klassischen Guckkastenbühne zu tun.

„New Work“ knüpft also da irgendwie an, obwohl es zwischendurch noch ein anderes Stück gab, das ich aber weder auf DVD noch live kenne.

1995 gab es das Stück „2“. Auf der DVD ist davon relativ viel zu sehen, die Aufnahmen zeigen im Split Screen Louise Lecavalier in einer jungen und einer alten Version. Es gibt Interaktion zwischen den beiden Versionen. Der eigentliche Tanzteil ist eher gering und läuft unter dem Motto „Erinnerung“. Der größte Teil des Split Screen Videos besteht aus alltäglichen Tätigkeiten wie Essen und Schlafen.

Das scheint dann außer Amelia der andere Einfluss zu sein, weil es bei „New Work“ genau solche Split Screen Videos auch gibt, in dem Fall als zwei Leinwände, auf die die junge und die alte Frau projeziert werden (bin nicht sicher, ob die alte Frau eine gemorphte Version der jungen ist, mal nachschauen, jedenfalls sieht man hier dann auch die leider nur virtuell anwesende Diana Vishneva).

Irgendetwas scheint Edouard Lock an diesen Alltagsbewegungen zu interessieren, obwohl es sich dabei eigentlich um einen ziemlichen Kontrast zum gezeigten Tanz handelt. Der Kontrast verändert aber die Wahrnehmung des Bühnengeschehens erheblich. Die Alltagsbewegungen (bei New Work noch reduzierter als bei „2“, weil die Damen im Video tatsächlich nichts machen außer scheinbar zufällige Gesten und Veränderungen der Mimik) erscheinen dadurch ebenfalls als eine Art Tanz, codierte Bewegungen, die tatsächlich Bedeutung transportieren. Zwischen den beiden Damen auf den Videos findet eine Kommunikation statt, auch wenn man nicht genau weiß, worum es dabei eigentlich geht. Irgendwie ist das auch nicht so wichtig, wichtig erscheint mir, dass die Bewegung als Kommunikationsmittel mehr oder weniger Thema des Abends zu sein scheint.

In den Videos bei „New Work“ ist dabei die alltägliche nonverbale Kommunikation zu sehen und mir kommt es so vor, dass die Choreographie, die an dem Abend gezeigt wird, eigentlich nur eine gesteigerte Sonderform dieser Art zu kommunizieren ist – die Bewegungen sind alles andere als alltäglich, aber die Funktion der Bewegung ist die gleiche. Die Tänzer wirken ein bisschen wie Wesen aus einer anderen Welt, in der es keine Sprache gibt, nur den Körper. Die Beinarbeit, die im wesentlichen aus dem Vokabular des klassischen Balletts besteht wird ergänzt durch Armbewegungen, die gelegentlich eher an Tierbewegungen angelehnt scheinen. Jedenfalls hatte ich irgendwie den Eindruck, dass die Männer etwas Vogelhaftes und die Damen etwas Katzenhaftes hatten. Bei den Männern liegt das natürlich auch an den Anzügen, die bei den ultraschnellen Drehungen lustig im Fahrtwind flattern, aber die Armarbeit ist da weit ausholend, die gegenläufige Auf- und Abwärtsbewegung der gestreckten Arme, die schon etwas länger zum Bewegungsrepertoire von LHS gehört.

Die Damen dagegen führen ziemlich schnelle Armbewegungen aus, die vor allem in der Nähe des Kopfes stattfinden. Schon länger zum Repertoire gehört dabei eine Bewegung mit der Hand über den geöffneten Mund und von da aus über den eigenen Körper oder den Körper des Tanzpartners. Sowas könnte auch in einem Prince Video aus den 80ern passieren und ist natürlich erstmal ziemlich lässig, weil: einerseits eindeutig sexuell konotiert (auch wenn ich eben eher das Bild von sich putzenden Katzen hatte), dabei obszön genug um sich von den eher vornehmen Bewegungen des klassischen Balletts zu unterscheiden, andererseits in der animalischen Qualität eben nicht geschmacklos, sondern irgendwie stylish. Wie die das hinkriegen weiß ich nicht, aber auch in den Videoaufnahmen älterer Werke gibt es dieses Entlangschrammen an der Grenze zur Geschmacklosigkeit, ohne die Grenze jemals zu überschreiten, zumindest nicht in meiner Wahrnehmung.

Das seltsame an LHS ist, dass die tänzerische Leistung zwangsläufig beeindruckt, es aber gleichzeitig so scheint, als sei das an keiner Stelle unbedingt beabsichtigt. Die Geschwindigkeit, die lässig in den Raum geworfenen Grand Battements und halsbrecherischen Drehungen sind nicht in erster Linie dazu da, um allen zu zeigen, wie super die Tänzer ihr Handwerk beherrschen, sondern gehören irgendwie eben zu dieser seltsamen Sprache, die zu entziffern eigentlich die Hauptaufgabe des Zuschauers sein könnte, wenn sie denn an einem Abend entzifferbar wäre.

Vor ein paar Tagen saß ich in der S-Bahn neben zwei älteren taubstummen Damen, die ein äußerst angeregtes Gespräch in Gebärdensprache führten. Ich habe natürlich nichts davon verstanden, aber irgendwie ist es doch faszinierend, da zuzuschauen. Rasend schnell ausgeführte Bewegungen mit den Händen und Armen, gelegentlich unterfüttert durch ein auch für mich zu verstehendes Mienenspiel.

So ähnlich ist es, sich LHS anzuschauen. Die Bewegungen wirken halsbrecherisch und virtuos, aber für die Tänzer scheint das auf der Bühne die Art zu sein, wie sie sich nun mal unterhalten und dass der Zuschauer das beeindruckend findet, ist mehr oder weniger seine Privatsache. Gelegentlich versteht man etwas, aber meistens befinden sich die Tänzer in ihrem eigenen Gespräch und man kann da teil haben, wie man sich ja auch an einer Sprache erfreuen kann, die man nicht beherrscht, (ich könnte ja stundenlang diesen afrikanischen Klicklautsprachen zuhören oder mir Gespräche in Khmer anhören.)

„New Work“ oder „Deux histoires…“ bezieht sich ja (vor allem in der Musik) auf Glucks Orpheus und Euridyke und Purcells Dido und Aeneas. Die Aufführung ist weit davon entfernt Handlungsballett zu sein, trotzdem vermute ich, dass beide Geschichten erzählt wurden, nur dass die Tänzer sie sich gegenseitig erzählt haben oder für sich in ihrer Sprache nachgespielt. Dass man als Zuschauer die Sprache nur punktuell versteht muss man akzeptieren und einfach zuzuschauen ist dann auch ohne Geschichte unterhaltsam genug, vielleicht sogar besser als wenn man alles kapieren würde (auch wenn ich die Musik nicht so gern mochte, aber, naja, ich nörgele ja immer über die Musik, es sei denn es ist Philip Glass oder Gorecki).

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: