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Maya Lipsker: Magic Valley

September 11, 2011

Das dock11. Schauplatz des ersten Tanzworkshops, den ich jemals besucht habe (Butoh) und momentan Aufführungsort für „Magic Valley“ von Maya Lipsker und Roy Carroll. Nächste Woche habe ich in Planung da den ein oder anderen Tanzkurs zu besuchen, insofern ist der Fußweg dahin für mich von praktischem Nutzen, einfach um zu sehen, wie lange er unter idealen Witterungsbedingungen dauert – 20 Minuten, etwas kürzer als gedacht und so bin ich ganz froh, dass ich mich vorher mit Agrippina Waganovas „Grundlagen des klassischen Tanzes“ bewaffnet habe, so dass ich vorher in einer Kneipe noch die Gelegenheit habe, meine Ballettbegriffe ein bisschen zu vertiefen (en dehors und en dedans…).

Die Grundlage des klassischen Balletts ist ja nach meinem Dafürhalten vor allem die Beinarbeit – das ist zumindest meine Erfahrung in den Anfängerklassen, wo man gelegentlich dazu angehalten wird, den Arm einfach in die Hüfte zu stemmen, bis man die Beinarbeit einigermaßen draufhat. Die Beine sind mithin das eigentlich spektakuläre und auffällige im klassischem Ballett und bei vielen anderen Tanzformen auch.

Bei „Magic Valley“ sind die Beine für den ästhetisch-künstlerischen Gehalt weitgehend irrelevant und haben eher funktionale Aufgaben, ermöglichen bestimmte Formen der Fortbewegung, der eigentliche Tanz findet eher mit den Händen und… ähm, den Haaren statt.

Aus zoologischer Sicht ist ja der aufrechte Gang eine menschliche Spezialität, zumindest im Säugetierreich, wenn man so will ist das klassische Ballett, das das Aufrechte und die langen, beweglichen Beine überbetont eine Darstellung der hervorstechenden Attribute des menschlichen Körpers und gemahnt gelegentlich an die Utopie einer Zivilisation, in der Menschen vollständig aufgerichtet und erleuchtet durch die Gegend schweben.

In Magic Valley ist diese Utopie schon als Prämisse gescheitert. Das Setting ist eine postapokalyptische Welt, ich nehme an, dass ein Großteil der Menschheit vernichtet ist und Roy Carroll als Kapuzenmensch und verrückter Wissenschaftler versucht, wieder Menschen zu erschaffen, in dem Fall zwei weibliche Exemplare – Maya Lipsker und Sandra Lolax.

Okay, das habe ich mir gerade ausgedacht. Eine andere Variation wäre: die Menschheit wurde in einer unbekannten Katastrophe vernichtet, ein paar mutierte Exemplare sind übrig geblieben, dabei scheint Roy Carroll von der Katastrophe am wenigsten betroffen zu sein, da er einen Schutzanzug (Kapuzenjacke) trägt. Er kümmert sich um zwei Überlebende, die weniger Glück hatten – ML & SL.

Auch das ist ausgedacht, aber das Setting ist im wesentlichen in der Art. Relativ klassische Science Fiction und Fantasy. Welche Geschichte man sich dazu konkret aussucht bleibt einem selbst überlassen. Ich mag ja Science Fiction und Fantasy sehr gern, im Tanzbereich ist „Magic Valley“ bislang die überzeugendste Umsetzung von einem Science Fiction Thema, die ich bislang gesehen habe, das Bewegungsrepertoire, das Maya Lipsker nutzt, eignet sich hervorragend für das Genre.

Man kann aber ganz darauf verzichten, in Magic Valley eine Geschichte sehen zu wollen und sich eher den Blick eines Verhaltensforschers zulegen. Dann würde man einfach zwei seltsame Wesen unbekannten Ursprungs studieren, sehen wie sie sich bewegen, wie sie kommunizieren (da ähnelt das dann La la la Human Steps, auch wenn das Bewegungsrepertoire völlig anders ist). Manchmal vermeint man so etwas wie Angst zu erkennen oder Mitgefühl, manchmal Aggression, die sich bis zum gegenseitigen Zerfleischen steigert, die Grenzen sind fließend und gelegentlich glaubt man, ein freundliches Verhalten zu sehen, das in Wahrheit Aggression ist und umgekehrt. Es ist grundsätzlich möglich, dass das, was wie blutrünstige Aggression aussieht, tatsächlich nur ein bizarres Spiel ist, an dem die beiden Wesen grundsätzlich erstmal Spaß haben. Auf Eindeutigkeit weitgehend zu verzichten ist eine der Hauptqualitäten von „Magic Valley“ und man kann dann lernen, dass nicht eindeutig sein und beliebig sein, zwei grundverschiedene Dinge sind. Beliebig ist Magic Valley an keinem Punkt, es wird einem aber auch keine spezifische Lesart aufgedrängt.

Dramaturgisch hat man es wieder mit einer Eskalationsdramaturgie zu tun, was im zeitgenössischen Tanz recht beliebt zu sein scheint und dagegen ist auch nichts zu sagen. Anders als bei Meg Stuart zielt die Veranstaltung aber nicht auf eine Überwältigung des Zuschauers, vielmehr scheint es ein bisschen so, als würden die beiden Wesen auf der Bühne allmählich erwachen und dann ihren normalen, wenig erbaulichen täglichen Verrichtungen nachgehen, die dann notwendig etwas mehr Aktion erfordern. Zunächst fangen die beiden Tänzerinnen mit seeeeehr langsamen Bewegungen an, das erinnert ein wenig an Faultiere, die sich ja auch mit atemberaubender Langsamkeit bewegen. Die Gesichter sind dabei hinter den Haaren verborgen, so dass der Eindruck der Fremdartigkeit verstärkt wird. Je nachdem wie man seine Wahrnehmung justiert, kann man entweder annehmen, dass es sich um verstörte Menschen handelt oder eben um Mutationen oder Wesen, die eher einer Fantasywelt entstammen und die Haare dazu nutzen, um nachts das Gesicht zu bedecken und sich so vor störenden Umwelteinflüssen zu schützen. Beim Aufwachen bleiben die Haare dann erstmal so. In den ersten zwanzig Minuten passiert nicht viel mehr als dass eine Strecke zurückgelegt wird und die beiden Tänzerinnen schließlich aufrecht stehen. Auf dem Weg treffen sie sich gelegentlich, rollen übereinander oder versuchen, sich gegenseitig hochzuziehen.

Ich bin nicht sicher, wann genau die Bewegungen mit den Händen anfangen, jedenfalls beginnt das mit einem Zittern in den Händen und Armen, das, wenn ich es zu Hause ausprobiere, vermutlich durch eine extreme Anspannung der Muskeln erzeugt wird und dadurch sehr plötzlich gestoppt werden kann. Die kleinen, plötzlich und überraschend abgestoppten Bewegungen sind eines der Hauptmerkmale der Bewegungssprache in der Performance. Mich erinnert das an Geckos oder andere Vertreter der Lurche und Echsen, wo man zum Teil auch sehr plötzliche Bewegungen beobachten kann, die so schnell sind, dass man sie kaum wahrnimmt und dann ebenso schnell wieder aufhören, dabei nicht auspendeln sondern sofort und vehement in völligen Stillstand übergehen. Der Effekt ist dabei, dass die Bewegung zunächst wie ein ausprobieren wirkt, aber eben auch etwas bedrohliches hat, die Langsamkeit, das Putzige, das das langsame Vorwärtskommen auszeichnet, kann tatsächlich auch eine Falle sein, weil es nicht bedeutet, dass Geschwindigkeit nicht möglich wäre. Die vor dem Gesicht hängenden Haare können ein Mittel sein, um sich vor der Umwelt zu schützen oder eben Tarnung, um gegebenenfalls einen Feind oder ein Beutetier zu überwältigen.

Sobald die beiden Tänzerinnen aufrecht stehen, befasst Maya Lipsker sich mit der Haaren von Sandra Lolax. Haare sind ja ein komplexes Thema. Ein Körperteil, der irgendwie relativ viel damit zu tun hat, ob jemand attraktiv gefunden wird oder nicht, gleichzeitig aber natürlich besonders, weil Haare und Finger/Zehennägel die Körperteile sind, die keinen Gefühlssinn haben, also an und für sich reine Schutzfunktion sind. In „Magic Valley“ scheint es mir so, dass die Haare eher wie ein Sinnesorgan behandelt werden, dessen Funktion unbekannt ist, möglicherweise so etwas wie die Fühler bei manchen Tieren. Im menschlichen Körper ist es ja auch so, dass die Haare durchaus in der Lage sind, Empfindungen an die Haut (oder z.B. den Gehörsinn) weiterzuleiten. Hier wirken sie aber lebendiger, fast wie ein eigenständiges Wesen, das zuerst freundlich behandelt und dann ziemlich durch die Mangel gedreht wird.

Danach werden die schnellen Bewegungen häufiger und dringlicher. Die rätselhaften Wesen sind wach. In der Mitte des Raumes steht ein Lautsprecher, mit irgendeiner Pampe gefüllt (Nahrung?), an den Sandra Lolax zu kommen versucht, wobei der Körper nicht mitspielt. Die Bewegung findet, wie die meisten Bewegungen in Magic Valley, am Boden statt und dieses „man versucht etwas zu erreichen, kommt aber nicht so richtig hin“ als Bewegungsmuster ist ja ziemlich häufig, hier aber irgendwie vom Bewegungsablauf her überraschend, es passiert eben nicht so, wie man denkt, sondern eleganter, überraschender, origineller. Ich bin ein bisschen überfordert damit, das genauer zu beschreiben, ich glaube, es läuft folgendermaßen: Normalerweise würde man, um dieses „ein Ziel nicht erreichen“ darzustellen, eine zielgerichtete Bewegung machen, man kommt damit aber nicht vorwärts, der Bewegungsimpuls wird durch eine gegenläufige Bewegung verhindert – wie wenn man versucht eine Rolltreppe in die falsche Richtung zu benutzen oder wie auf einem Laufband, oder eine unsichtbare Kraft wirkt dagegen – d.h. wenn ich auf ein Ziel hinkrieche, zieht etwas an meinem Bein und sorgt so dafür, dass ich nicht vorwärtskomme. In Magic Valley wird die Bewegung gestoppt, indem ein Bewegungsimpuls aus einer anderen Richtung kommt, von der Seite, was als Bild tatsächlich völlig anders wirkt, überraschender und origineller, eben nicht so, wie man es erwartet.

Tatsächlich scheint es in den Bewegungen eine gewisse, verborgene Logik zu geben, das wirkt alles sehr geschlossen und stimmig. Die Beziehung der Tänzerinnen zueinander ist ziemlich komplex. Einmal stehen beide zitternd voreinander, halten sich fest und drücken einander. Sobald das Drücken passiert, hört das Zittern und heftige Atmen (mit Angst assoziiert) auf. Einerseits ist das ein Bild für Trost und Mitgefühl, aber das Atmen hört eben auch auf und wenn das Drücken noch ein bisschen länger ginge, würde es sehr schnell in ein Ersticken umschlagen. Insofern sind viele Bewegungen eben ambivalent und vieldeutig, was das Erleben für den Zuschauer reicher macht. Man weiß nie so genau, woran man eigentlich ist. Oder fast nie. Gegen Ende gibt es noch die Kannibalismusszene, in denen die beiden sich gegenseitig zerhacken und ausweiden. Das habe ich weiter oben schon angedeutet. Die Bewegungen des Zerhackens und Zerlegens des anderen Körpers wird dabei einige Zentimeter über dem Körper des anderen ausgeführt, dazu das erste und einzige Mal ein Text vom Band, in dem es um Schmerz und Verwundungen geht, vielleicht das einzige mal an dem Abend, da das Bühnengeschehen eindeutig wird. Aber eben nicht ganz, weil die Tatsache, dass beide abwechselnd die Täter bzw. Opferrolle einnehmen und danach noch ein bisschen weitertanzen, dann wieder darauf hindeutet, dass gerade doch nicht ganz das passiert ist, was man dachte, das Comichafte daran ist ja vermutlich beabsichtigt und eröffnet so eine etwas spielerische Lesart.

Am Ende werden beide von auf dem Boden liegenden Gebilden aus Stoff und Haaren bedeckt, wie von einer neuen Haut oder einem Kokon und bewegen sich im halbdunkel irgendwie amorph noch ein bisschen umher, ob sie wieder schlafen und sich am nächsten Tag alles genauso wiederholt oder ob sie in einen amöbenhaften Zustand hineinmutiert sind, bleibt offen. Dann endet die Musik von Roy Carroll, die den ganzen Abend über gut und unaufdringlich das Bühnengeschehen begleitet und kommentiert hat und ich hab mal wieder was gesehen, worüber ich Lust habe zu schreiben und bin ausgesprochen zufrieden.

Magic Valley ist sowohl thematisch als auch ästhetisch eine ziemlich gelungene Performance, mit einer gehörigen Portion Eigenständigkeit, wonach ich bei Tanz im August manchmal vergeblich gesucht habe. Da hatte man es doch oft mit Aufführungen zu tun, die mehr ein Suchen waren, hier ist die Suche dann doch schon sehr viel weiter, die Bewegungssprache originell, dabei zielgerichtet im Erzeugen einer sehr spezifischen Atmosphäre, zu der man sich fast zwangsläufig seine eigene Geschichte sucht, was ziemlich Spaß macht. Und häufig ist das ganze erstaunlich witzig und anrührend zugleich.

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