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Merce Cunningham Dance Company – Legacy Tour

September 23, 2011

Merce Cunningham Dance Company – nearly 90

Erstmal die Fakten. Die Merce Cunningham Dance Company wurde 1953 von, ja, Merce Cunningham gegründet. Merce Cunningham war Teil eines illustren Künstlerkreises und hat vor allem mit John Cage, aber auch mit Robert Rauschenberg, Andy Warhol und anderen zusammengearbeitet, amerikanische Avantgarde eben.

2009 ist Merce Cunningham verstorben und es gibt eine vieldiskutierte testamentarische Verfügung, nach der sich die Tanzgruppe zwei Jahre nach seinem Tod auflösen soll. Ob die Choreographien von anderen Tanzgruppen danach noch weiter gezeigt werden dürfen, weiß ich nicht, irgendwo habe ich gelesen, nein, aber in den meisten Artikeln zum Thema wird das nicht weiter behandelt. Die Merce Cunningham Company wird jedenfalls Silvester 2011 in New York ihre letzte Vorstellung geben, Ticketpreis: 10 Dollar. Kunst für alle. Meine These ist, dass Merce Cunningham verhindern wollte, dass die Company so etwas wie die Nachlassverwaltung seines Werkes wird, was letztlich das Entstehen von etwas Neuem und die persönliche und künstlerische Weiterentwicklung der Tänzer verhindert. Kann sein, dass er das seinen Tänzern nicht antun wollte, die Stücke sind ja auch auf Video wohl gut dokumentiert und für die Öffentlichkeit zugänglich.

Es gibt massenhaft Zeitungsartikel und Literatur über Merce Cunningham (und John Cage, der meistens die Musik beigesteuert hat), mir kommt es aber, wie so oft, so vor, dass es für eine Aufführung sinnig ist, alles, was man weiß zu vergessen und zu versuchen, einfach zu sehen, was da ist. Das ist natürlich leicht gesagt, vor allem, wenn jemand derart prominent ist wie Herr Cunningham.

Nichtsdestotrotz bietet einem Kritik ja manchmal auch einen guten Ansatzpunkt, um von irgendwo loszumarschieren, wenn man eine Aufführung beschreiben will.

Natürlich wurde die Arbeit von Cunningham/Cage angefeindet, in Amerika mehr als in Europa. Anscheinend war dabei der Umgang mit Musik häufiger Kritikpunkt als der Tanz selbst. Die Musik wurde oft als Lärm empfunden, der scheinbar fehlende Zusammenhang zwischen Musik und Tanz bemängelt. Bei nearly 902 ist es jedenfalls so, dass es einen deutlichen Zusammenhang von Musik und Tanz gibt, aber nicht unbedingt so, wie man es gewöhnt ist. Die Musik ist in diesem Fall von John Paul Jones (ja, dem Led Zeppelin Bassisten) und Takehisa Kosugi, das ist mal recht harmonisch, mal ziemlich schrill, Bassläufe und elektronische Klänge, manchmal tragen die Tänzer selbst zur Musik bei, in Tap Dance artigen Einlagen, wo einfach durch das Stampfen der Füße während der Tanzbewegungen ein zusätzlicher Rhythmus hinzugefügt wird, was eine hübsche Kameradschaft zwischen Musik und Tanz erzeugt. Das mag einen Hinweis darauf geben, dass es hier tatsächlich eine größere Einheit von Musik und Tanz gibt als in anderen Fällen, wo die Musik für die Tänzer vor allem den Zählrhythmus vorgibt und Einsätze markiert und ansonsten vor allem irgendwie hübsch, dramatisch, traurig etc. sein soll.

Hier scheint es so, dass auf der visuellen Ebene mehr oder weniger eine zusätzliche Ebene in die Musik eingezogen wird, ein zusätzliches Instrument, wenn man so will, das die Musik mal kontrastiert, mal doppelt, eine weitere Melodie einfügt. Manchmal gibt es die gleichen Tanzbewegungen zu unterschiedlichen Bewegungen in der Musik. Ich fände es ja schön, wenn irgendwann mal jemand einfach eine Choreographie mehrmals hintereinander zu unterschiedlicher Musikbegleitung aufführen würde (vermutlich gibt es so was, ich hab’s dann aber nicht gesehen), einfach um den Zusammenhang von Musik und Tanz besser verständlich zu machen und das kommt dem dann schon manchmal recht nah.

Die Basis der Bewegungen ist im Großen und Ganzen klassisches Ballett. Spitzenschuhe gibt es nicht und der generelle Ausführungsmodus ist etwas entspannter. Es ist ja im klassischen Ballett dann doch eher unschön, wenn Fehler gemacht werden, Balancen nicht gut gehalten werden und ähnliches, deshalb trainieren die Tänzer das dann auch exzessiv. Bei Cunningham ist die mühelose Ausführung nicht der Punkt, eher scheint es darum zu gehen, einfach eine bestimmte Bewegungsabfolge zu zeigen, wie eine Demonstration.

Es dauert eine Weile, bis ich eine Vorstellung davon bekomme, was die eigentliche Struktur des Abends ist. Am Anfang kommt es mir so vor, dass ich ein relativ normales Tanzstück sehe, das einen konventionellen dramaturgischen Aufbau (Anfang – Mitte – Ende) hat, vieles deutet darauf hin. Im Tanz gibt es Abwechslung, mal tanzen zwei Leute, mal schauen ein paar zu, mal gibt es synchrone Bewegungen des gesamten Ensembles, mal Soloteile, es ist also nicht völlig absurd zu denken, dass man es mit einer irgendwie erzählerischen Struktur zu tun hat. Es stellt sich aber relativ schnell raus, dass das eher meine Sehgewohnheiten sind, die ich auf das, was auf der Bühne gezeigt wird automatisch anwende. Das Gehirn zieht sich ja schon gern auf Gewohntes zurück, sucht das Bekannte. Da die Bewegungen jetzt nicht so bizarr und außergewöhnlich sind, wiegt man sich zunächst in Sicherheit, bei mir ist das so: nach einer halben Stunde wird mir langweilig, danach passiert irgendwas, was ich nicht genau durchschaue. Vielleicht hat es was mit der Musik zu tun, die plötzlich aus dem Zuschauerraum kommt. Erst denkt man, irgendein Zuschauer hätte angefangen zu randalieren, dann kriegt man mit, dass die Lautsprecherverteilung anders geworden ist und dadurch entsteht der Effekt, dass man mit den Tänzern tatsächlich in einem Raum ist, die vierte Wand hat zumindest Risse bekommen.

Das eigentlich Interessante passiert aber durch die Langeweile. Es dauert wahrscheinlich so eine viertel Stunde, bis mir klar wird, dass die Frage, die irgendwie in meinem Hinterstübchen anklopft: worauf läuft das eigentlich hinaus, die falsche Frage ist. Tatsächlich läuft es auf nichts hinaus. Es gibt kein Ziel in der Performance. Das kann für manche Performances eine Katastrophe sein, es wird beliebig und nichtssagend, aber an diesem Abend entsteht dadurch tatsächlich – und das ist ziemlich erstaunlich – eine andere dramaturgische Struktur. Das Ganze ist kein linearer Weg, vielmehr scheint es so, als wären die verschiedenen Tanzfiguren, die im Laufe des Abends gezeigt werden, verschiedene Schichten, die zwar zeitlich aufeinander folgen, tatsächlich aber nicht hintereinander aufgereiht werden, sondern übereinander gelegt. Es entsteht nicht so sehr ein Erzählbogen, sondern eher eine Fläche (der Titel legt das ja auch nahe, da 902 eine Fläche beschreibt). Besser kann ich es leider nicht ausdrücken. Das war jedenfalls der Eindruck, den ich hatte und – ähnlich wie bei Meg Stuart, als sich mein Kopf von seiner üblichen Rezeptionshaltung verabschiedet hatte – ist der Effekt auf mich als Zuschauer eine Befreiung, als würden neue Bereiche des Gehirns aufgeschlossen.

Das Ganze wird ausgesprochen entspannend und es kommt mir so vor, dass es für die Tänzer ähnlich ist. Es passiert nicht so oft, dass Tänzer auf der Bühne tatsächlich lachen oder spontan lächeln, hier passiert es aber mal, nicht als faux pas, sondern als etwas, das erlaubt ist, weil die eigentliche Idee, mit den Bewegungen mehrere Schichten eines Tanzes zu malen, nichts damit zu tun hat, wie die Stimmung der Tänzer ist. Dabei ist das ganze erstaunlich wenig intellektuell.

Das war, muss ich gestehen, vorher meine Angst, dass ein Merce Cunningham Abend eine eher theoretische Angelegenheit wäre, die man mit mehr Gewinn anschauen kann, wenn man das entsprechende Theorierüstzeug hat, aber tatsächlich stellt sich der Effekt von allein her, zumindest bei mir und es scheint mir so, dass die berüchtigte Theorie letztlich nur ein mal mehr, mal weniger erfolgreicher Versuch ist, etwas zu beschreiben, was nicht über den Verstand wirkt, sondern die Wahrnehmung selbst beeinflusst und den Verstand zwingt, andere Wege zu gehen. Es gibt eben keine Handlung, keinen Inhalt, den man gedanklich verfolgen und verstehen könnte, es gibt „nur“ etwas zu sehen und das, was es zu sehen gibt, ist ein ziemlich ausgefuchstes bewusstseinerweiterndes Experiment. Natürlich kann man sich auch die ganze Zeit langweilen, aber bei mir ist das nicht passiert und von den Zuschauerreaktionen her zu urteilen bei den meisten anderen Leuten auch nicht.

Nearly 902 ist da eine ziemlich erstaunliche Veranstaltung und ein schöner Abschied für die Merce Cunningham Dance Company. Ich bin jedenfalls froh, dass ich das noch sehen durfte, bevor die Company sich auflösen wird.

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