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Staatsballett Berlin – Caravaggio

Oktober 16, 2011

So, endlich hat meine Staatsballetsaison begonnen. Mit Caravaggio von Mauro Bigonzetti, um genau zu sein, was für mich sinnig war, weil Caravaggio das erste Stück war, das ich am Staatsballett gesehen habe. Ende Dezember letztes Jahr, in anderer Besetzung als jetzt und von einem ziemlich schlechten Platz aus, also höchste Zeit, dass ich mir das Werk mal in anständiger Form zu Gemüte geführt habe.

Ich will nichts gegen die Besetzung von letztem Jahr sagen, aber es hat auch wenig Sinn, sich einzureden, es würde keinen Unterschied machen, ob auf der Bühne Vladimir Malakhov, Polina Semionova, Nadja Saidakova, Beatrice Knop, Dinu Tamazlacaru (vielleicht muss ich den Namen irgendwann auch nicht mehr Buchstaben für Buchstaben abtippen), Marian Walter, Elisa Carrillo Cabrera, Michael Banzhaf und Leonard Jakovina stehen oder eben… naja, weniger beeindruckende Leute. Weniger beeindruckend ist natürlich relativ. Bei der Vorstellung letztes Jahr haben Elena Pris und Michael Banzhaf den Semionova/Malakhov Part getanzt. Die beiden sind natürlich sehr gute Tänzer, waren aber, nach meiner Einschätzung, nicht ganz so gut aufeinander eingestimmt wie ihre Kollegen. Aber das ist lange her und die Zuschauer waren an dem Abend auch nicht besonders gut drauf. Irgendwie hatten sich da, glaube ich, Tänzer und Zuschauer gegenseitig runtergezogen.

All diese Probleme gab es jetzt nicht. Auffallend ist, dass Caravaggio, ähnlich wie Schneewittchen erstaunlich ballettesk ist. Vielleicht kommt es dazu, sobald ein Choreograph mit einer Truppe wie dem Staatsballett arbeitet (wobei Schneewittchen nicht fürs Staatsballett entwickelt wurde, und ich halte Caravaggio für tänzerisch anspruchsvoller und generell trifft der Abend eher meinen Geschmack). Mit ballettesk meine ich nicht so sehr die Bewegungssprache, sondern die dramaturgische Struktur. Klassisches Ballett ist für mich dramaturgisch vor allem bestimmt durch den Wechsel bestimmter, relativ festgelegter Formen, die da wären: Solopassagen, Pas de deux (trois, quatre etc.) und Corps de Ballet. Corps de Ballet Teile sind dabei eine Kunst für sich, die nicht alle Choreographen beherrschen. Meine Arbeitsthese ist dabei, dass Petipa da mal wieder ein guter Maßstab ist, aber um das besser untermauern zu können, muss ich da noch ein paar Sachen sehen.

In einem Ballett gibt es in der Regel jedenfalls einen ziemlich regelmäßigen Wechsel der verschiedenen Formen (im zeitgenössischen Tanz ist das eher nicht der Fall). Bei Caravaggio ändert sich das nach der Pause und das Stück wird dann auch strukturell etwas freier. Die Corps de Ballet Teile bei Caravaggio sind recht kurz gehalten und ganz witzig (Balletthumor ist nicht immer mein Humor, aber das funktioniert trotzdem okay, mit den zwei „lustigen Gestalten“, die das Corps ein bisschen durcheinander bringen und Stimmung machen, bei Onegin gibt es so ähnliche Kniffe).

Dem ersten Teil, vor der Pause, fehlt durch den Wechsel der Formen aber eine gewisse Konzentration, die tatsächlich großen Momente sind schon hier die Pas de deux, Malakhov/Semionova und Saidakova/Jakovina. Im zweiten Teil kommt das Stück aber dann mehr zu sich.

In der Pause können sich die Corps de Ballet Tänzer ein Bier aufmachen und haben Feierabend, denn danach ist Solisten Time. Die Solisten fungieren jetzt eher wie ein Ensemble einer (extrem gut ausgebildeten) zeitgenössischen Tanzkompanie, das heißt, die Hierarchien spielen keine Rolle mehr.

Ich werde irgendwann noch mal auf Caravaggio zurück kommen und das genauer betrachten. Für heute will ich mich dann mal drauf konzentrieren, etwas über die Tänzer zu sagen.

Erstmal allgemein: Die Spielzeitpause ist ja die Zeit der freien Szene und ich schätze es sehr, dass die freie Szene in Berlin so agil ist. Sowas wie „Magic Valley“, „Baader“ oder auch „Lost Anni“ kann das Staatsballett nicht leisten und soll es auch nicht, genauso wenig wie die freie Szene das kann, was das Staatsballett kann. Das ist natürlich ein bisschen banal, nichtsdestotrotz ist es so, dass ich es manchmal in der Spielzeitpause vermisst habe, einfach mal gut getanztes Ballett zu sehen (lalala Human Steps ist ja schön und gut, aber tänzerisch gab es auch da Unsauberkeiten, vielleicht bedingt durch die Abwesenheit von Diana Vishneva, die sich das Staatsballett so eher selten leistet). Ich mag ja irgendwie beides, die gelegentlichen Geistesblitze der freien Szene und die Aufführungen, bei denen dann tatsächlich klassischer Tanz, der weltenweit von den eigenen tänzerischen Möglichkeiten entfernt ist, im Mittelpunkt steht. Insofern ist es irgendwie eine Erleichterung, das mal wieder zu sehen und ich bemerke auch, dass man als regelmäßiger Zuschauer eine gewisse Bindung an das Haus und Ensemble verspürt.

Nun haben wir es hier dann auch mit einer ziemlich prominenten Besetzung zu tun, also der Reihe nach, die Einzelkritik, wie wir sie von Fußballspielen kennen.

Vladimir Malakhov: na gut, schon wird es kompliziert. Der Mann ist ja älter als ich und es ist irgendwie beruhigend zu sehen, dass er mit zunehmendem Alter auch ein kleines Bäuchlein bekommt, auch wenn er noch weit davon entfernt ist, sich in den illustren Kreis der dicken Tänzer einreihen zu können.

Worüber ich nicht berichtet habe, ist, dass es vor kurzem eine kleine Retrospektive des Frühwerkes von Anna Therese de Keersmakers am HAU gab. Darüber lässt sich viel sagen, aber worauf ich gerade hinaus will ist, dass Frau de Keersmakers tatsächlich noch bei jedem der Stücke selbst mitgetanzt hat. Die Dame ist Jahrgang 1960 und es ist immer schön zu sehen, dass auch ältere Menschen noch Freude am Tanz haben können und bei Licht besehen das auch nicht schlechter machen als ihre zwanzig Jahre jüngeren Kollegen und Kolleginnen. Anna Therese de Keersmakers war auf der Bühne trotzdem eine seltsame und interessante Erscheinung. Es ist schon so, dass die jüngeren Tänzer körperlich oft die Bewegungen mit größerer Kraft ausgeführt haben, dem setzte sie dafür eine gewisse Abgeklärtheit und Lässigkeit entgegen, das Wissen, wo es sinnig ist, Kraft zu investieren und wo das weniger wichtig ist. Im Fußball hat man das ja auch gern, dass in einer Mannschaft ein älterer Spieler ist, der seine fehlende Kondition durch Erfahrung und gutes Stellungsspiel wettmacht und der Mannschaft dafür was anderes gibt.

Anders gesagt: bei Vladimir Malakhov kommt es mir so vor, dass seine bloße Anwesenheit dazu führt, dass die anderen besser tanzen. Der Mann ist als Tänzer eine Legende, aber wenn man sich so umhört, gibt es eine gewisse Einigkeit, dass die Zeit, in der er besser war als alle anderen, vorbei ist und ich bedauere es sehr, dass ich von dieser Zeit nichts mitbekommen habe. Im Ballettunterricht ist er gelegentlich ein Referenzpunkt („Malakhov macht das so – wir können das aber nicht und machen es deshalb anders“). Jetzt ist es so, dass es mir bisweilen schon so erscheint, dass die jüngeren männlichen Kollegen z.B. eine bessere Beweglichkeit im Oberkörper haben oder ihm da wenigstens nicht unterlegen sind. Er hat natürlich eine gewisse Bühnenpräsenz (wie Anne Therese de Keersmakers auch) und strahlt Sicherheit aus, ich glaube aber irgendwie nicht, dass aus ihm das männliche Pendant zu Sylvie Guillem wird, die irgendwie noch mit Mitte vierzig auftritt und alle rasten vor Begeisterung (vermutlich zu recht) aus.

Wie auch immer, es kommt mir so vor, dass er sich irgendwann die Frage stellen muss, was er noch wie lange tatsächlich auf der Bühne tanzen kann und will (so Sachen wie „Oz“ sind natürlich immer drin und er profitiert da auch von der Legende Malakhov). In meiner kurzen Karriere als Tanzzuschauer ist er jedenfalls in seiner Rolle als Intendant wichtiger als als Ausnahmetänzer – aber eine Äußerung wie „Malakhov tanzt“ ist dann doch oft gleichbedeutend mit: „ es kann also nicht schlecht sein“.

Bei Caravaggio ist Malakhov der Fokuspunkt, es ist nicht denkbar, ihn da so einfach zu ersetzen. Bei der Aufführung, die ich letztes Jahr gesehen habe, hat Michael Banzhaf sich daran versucht – nicht der schlechteste – und hat es nicht geschafft. Irgendwie habe ich als Zuschauer ein berechtigtes Vertrauen darin, dass das, was Malakhov auf der Bühne macht, Hand und Fuß hat. Es gibt da keine Zufälle, die Bewegungen sind genau und Unkonzentriertheiten kommen nicht vor. Der Mann liebt es zu tanzen und auf der Bühne zu stehen und das sieht man auch. Die Jüngeren rücken natürlich nach, aber der „Erfahrungseffekt“ zieht und nicht zu knapp. Die besten Zeiten hat er vielleicht hinter sich, aber es gibt immer noch nicht so viele, die es wirklich besser machen.

Also, als nächstes Polina Semionova. Es gibt ja niemanden, der einigermaßen bei Verstand ist, der Polina Semionova nicht mag. Ich muss gestehen, dass ich kurz irritiert war, als sie das erste mal an dem Abend auftauchte und dachte, ob sie im Urlaub eine Fastenkur gemacht hat. Ich nehme an, sie versucht ihr Gewicht gering zu halten, aus Rücksicht auf ihre männlichen Partner, weil sie ja, anders als andere Ballerinen, z.B. Iana Salenko, die natürlicherweise klein und zierlich ist, eine stattliche Frau ist, groß und nicht eben „knabenhaft“ (was bei Balletttänzerinnen die häufigere Körperform ist). Kurz gesagt, was die Sexyness angeht, würden ihr zwei, drei Kilo mehr ganz gut tun, aber das ist natürlich Geschmackssache. Das wird eh alles egal, sobald die Frau drei Schritte getanzt hat. Tatsächlich ist es wohl so, dass Frau Semionova, wie man so schön sagt, „austrainiert“ ist, das heißt jeder Muskel ist aktiv, definiert und arbeitsbereit, wodurch die Fettverbrennung natürlich auf Hochtouren läuft. Da muss ich auch irgendwann hinkommen…

Ich habe ja bei Onegin schon viel über ihre tänzerischen Qualitäten gesagt und bei Caravaggio ist es nicht anders. Es gibt da für sie nicht so viel zu interpretieren wie bei Onegin, aber was sie nun mal einfach drauf hat, ist das, was ich, in Ermangelung eines passenderen Begriffs, die Sichtbarkeit der Bewegung nenne. Alles ist da so genau und präzise gesetzt, dass der Tanz irgendwie sehr klar wird. Ein bisschen ist es so, als würden alle anderen in einer Nebelwand tanzen und Polina Semionova daneben in einem klaren Herbstlicht – das ist natürlich übertrieben, aber es geht in die Richtung. Ich war nicht sicher, ob sich das beim Modern Ballet in Caravaggio genauso zeigen würde wie in Onegin – das ist aber so. Dazu kommt die unglaubliche Beweglichkeit und ich muss bei Gelegenheit mal nachschauen, wie dieser Muskel oben am Oberschenkel heißt (der mir nach meiner ersten Ballettstunde eine Woche lang wehtat, weil ich ihn vorher noch nie benutzt hatte), der da recht prominent zu Tage tritt. Hat vermutlich was mit der Auswärtsrotation zu tun (hat er nicht, siehe unten).

Was soll ich sonst zu ihrem Tanz sagen? Besser geht es nicht. Ich spare mir mögliche poetische Ausuferungen für Schwanensee Anfang Dezember auf (und ich gebe zu, dass ich mich wirklich gefreut habe, als ich vor einer Stunde gesehen habe, dass sie das tanzen wird. Und ich habe einen Platz in der ersten Reihe! Jippieh!). Bei ihrem Pas de deux mit Malakhov im zweiten Teil hatte ich Tränen in den Augen (ich!). Nicht weil mich das inhaltlich so aufgewühlt hätte, sondern weil es einfach unglaublich gut getanzt war.

Nadja Saidakova: gut, da hatte ich schon vor der Pause Tränen in den Augen. Pas de deux mit Michael Banzhaf. Nadja Saidakova wurde ja im Branchenblatt „Tanz“ zweimal als „Tänzerin des Jahren 2010“ genannt (als einziges Staatsballettmitglied) wegen „Herrmann Schmermann“ bei der Ballettgala für Japan (was diese Spielzeit dann auch in den Spielplan des Staatsballetts aufgenommen wird).

Immer schön, wenn man nicht der einzige ist, der da was Besonderes sieht. Das ist so eine Sache, Polina Semionova und Nadja Saidakova. Meine These ist, dass Nadja Saidakova dann doch die heimliche Königin des Modern Ballet ist. Es ist völlig sinnlos, dabei über technische Qualitäten zu reden, es gibt da etwas Unsagbares, wenn sie so was tanzt, dem muss ich mich dann sprachlich erstmal annähern. An diesem Abend kam sie jedenfalls gut gelaunt auf die Bühne gestürmt und hatte einfach Bock zu tanzen, um es salopp auszudrücken. In klassischen Rollen zieht sie gegenüber Polina Semionova den Kürzeren, aber bei den modernen Sachen… Das ist dann irgendwie ihrs, das Ganze ist extrem souverän und abgeklärt, gleichzeitig irgendwie, hm, ergriffen, nein, das ist das falsche Wort. Ergriffen ist eher der Zuschauer, sie ist… na egal, muss man sehen, dann versteht man das schon. Das hat nichts mit Ballettverständnis oder Tanzverständnis zu tun, sondern es gibt da eine Qualität, die sich ganz unmittelbar überträgt, der Blick wird fokussiert und es gibt dann nichts anderes mehr als Nadja Saidakova, die tanzt. Wie sie das macht, weiß ich nicht, aber es passiert.

Beatrice Knop: Von den drei Protagonistinnen kommt mir Beatrice Knop ja immer als die Bodenständigste vor. Das ist natürlich ein ziemlich doofes Wort, um eine Ballerina zu beschreiben. Ihr Pas de deux mit Leonard Jakovina ist großes Kino (ich glaube, es war Leonard Jakovina, wenn nicht auch egal, weil er sich, wie viele gute männliche Tanzpartner, im pas de deux unsichtbar gemacht hat und man eh nur Augen für die Dame hatte). Seltsamerweise ist Beatrice Knop die der drei bis jetzt genannten Tänzerinnen, bei der alles am leichtesten aussieht, gleichzeitig bricht gelegentlich dieses Aggressive aus ihr raus, im Tanz heißt das, genau phrasierte Bewegungen, wahrscheinlich würde sie auch Bruchtests beim Karate gut hinbekommen, weil plötzlich hinter einer Handbewegung eine Kraft ist, die man so nicht unbedingt vorhergesehen hat. Es ist schwer, zu beschreiben, wie Beatrice Knop ist und ich verstricke mich ja schon fleißig in sich widersprechende Adjektive.

Mag sein, dass ich da mit Onegin am weitesten komme, weil die drei genannten ja die drei „Tatianas“ waren, die ich in Onegin gesehen habe. Da gibt es ja im letzten Pas de deux eine halsbrecherische Drehung, also: Onegin hält Tatjana und sie springt gewissermaßen aus seinen Armen nach oben, dreht sich einmal um die eigene Achse und landet dann an den Achseln hängend auf seinen ausgestreckten Armen. Nadja Saidakova ist da mit einer gewissen Verve reingesprungen, Polina Semionova, hat das genauer gemacht als die anderen, aber weniger energisch als Saidakova und Beatrice Knop hatte da eine gewisse Zurückhaltung und es ist möglich, dass diese Zurückhaltung genau richtig war für das, was die Bewegung sollte.

Vielleicht ist das das, was sie von den beiden anderen unterscheidet. Eine gewisse Bescheidenheit, die natürlich dadurch möglich wird, dass sie, wenn sie will und es nötig findet, jederzeit explodieren kann und das dann auch tut. In dem Pas de deux in Caravaggio passieren dann so Sachen wie: Sie wird gehalten mit dem Kopf nach unten, fummelt sich dann irgendwie aus dieser prekären Situation heraus, so dass sie am Ende scheinbar mühelos in einer perfekten vierten Position auf dem Boden steht. Und das wirkt alles so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt: wie sonst sollte man am Ende auf dem Boden stehen?

Elisa Carrillo Cabrera: Taucht nur im ersten Akt auf, eine nicht ganz so prominente Rolle, aber als frischgebackene Primaballerina muss ich sie natürlich auch ein bisschen unter die Lupe nehmen. Ich habe ja die Arbeitsthese, dass die Beförderung zur ersten Solotänzerin automatisch eine gewisse Aura mit sich bringt, bin aber nicht sicher, ob die von den Zuschauern verliehen wird oder ob die Tänzer selbst das auch so empfinden. Elisa CC ist jedenfalls immer wenn sie auf der Bühne steht eine auffällige Erscheinung, auch schon vor der Beförderung. Liegt vielleicht daran, dass sie sehr hübsch ist, aber eigentlich glaube ich nicht, dass das der Punkt ist. Da ist mehr der Eindruck, dass sie Spaß bei dem hat, was sie macht. Es gibt da eine gewisse Lebendigkeit, die nach meinem Dafürhalten bei Caravaggio besser zur Geltung kommt als bei Schneewittchen.

Leonard Jakovina: Nun gut, ich muss da immer checken, ob er nun Solotänzer ist oder erster Solotänzer („nur“ Solotänzer), dass ich das checken muss, sagt eigentlich schon genug. Brillantes Pas de deux mit Beatrice Knop und dann natürlich mein Lieblingsmoment des Abends.

Der hat was mit der Musik zu tun. Die Musik ist eine Zusammenstellung verschiedener Werke von Claudia Monteverdi. Seltsamerweise mag ich Monteverdi (obwohl ich Oper, die der Mann erfunden hat, nicht so gern mag). Es gibt da ja diese Toccata am Anfang von „Orfeo“. Eigentlich eine Art Fanfare, die „Hier kommt der König“ Musik. Schon als Musik großartig, wie aus einem Ritterfilm. Und der Jakovina Moment ist dann eben auch ein Triumph der Choreographie von Mauro Bigonzetti. Wenn ich ein Talent zum Choreographieren hätte, dann würde ich wohl genau das wollen, was Jakovina da tanzt. Ein kurzes Solo, bei dem er wie ein Derwisch über die Bühne fegt, gleichzeitig hat das alles noch diese seltsam renaissancehafte Eckigkeit und Strenge, da stimmt alles und Jakovina besetzt die Bühne ohne Probleme und füllt sie allein aus (Malakhov liegt da mehr oder weniger als Requisit auf dem Boden). Eine krasse Interpretation des Solos wäre zu sagen, dass er da Malakhov (resp. Caravaggio) abschlachtet, auch wenn der Gnadenstoß Frau Semionova vorbehalten ist (es gibt da sogar eine gewisse Nähe zu Maya Lipskers Magic Valley, weil die Grundidee ähnlich ist, auch wenn die Ausführung sich unterscheidet, wenn auch nicht so sehr, wie man vielleicht denken würde). Die Pas de deux, die man vorher gesehen hat, sind bezaubernd, berührend, perfekt getanzt, beeindruckend, aber bei dem kurzen Solo passiert etwas anderes, etwas, das weder vorher noch nachher noch mal passiert, nämlich dass jemand, gewissermaßen „losgelassen“ wird. Das entspricht der Musik, in der eben auch etwas anderes passiert, wo plötzlich diese eher aufwühlende Heavy Metal Stimmung aufkommt und Jakovina ist in dem Moment mehr ein Rockstar als ein Balletttänzer und das ist ziemlich lässig. Ich könnte mir das stundenlang anschauen, es dauert nur eineinhalb Minuten, aber die haben es in sich.

Da ich schon bei der Musik bin: das Orchester war tatsächlich ein bisschen schlechter drauf als vor einem Jahr. Die Brass Section schwimmt am Anfang etwas, im Laufe des Abends pendelt sich das dann aber ein und es tut der Toccata ganz gut, dass sie etwas langsamer gespielt wird, als üblich.

Nun gut, nach der Vorstellung habe ich beschlossen, mir das Ganze in der Besetzung noch mal anzuschauen. Mir ist schon klar, dass eine „Tänzer XY hat das und das gemacht“ Beschreibung dem Abend nicht gerecht wird, nichtsdestotrotz musste das jetzt erstmal sein und der Text ist mal wieder länger geworden als beabsichtigt. Jedenfalls hat man eher selten so ein Staraufgebot wie bei Caravaggio (und die Stars werden zu recht aufgeboten, weil das, was getanzt wird, doch recht anspruchsvoll ist); sollte man sich nicht entgehen lassen.

PS.: Bei dem Muskel handelt es sich um den tensor fasciae latae (Spanner der Oberschenkelbinde, auf deutsch, was auch nicht viel mehr sagt). Sein Job ist natürlich nicht die Auswärtsrotation, sondern die Beugung im Hüftgelenk. Er setzt gemeinsam mit dem Sartorius (Schneidermuskel) an der Hüftpfanne an und reicht dann per Sehnenverbindung bis zum Unterschenkel (an der Außenseite, der Schneidermuskel verläuft innen). Nach dem Ballettunterricht spürt man den, weil er neben dem (tiefer liegenden) Iliopsoas die Hauptarbeit macht, wenn man das Bein aus dem Hüftgelenk bewegt. Die Rotation des Beins ist dabei interessanterweise eher eine Innenrotation. Wenn man sich gerade hinstellt und ein Bein zur Seite anhebt, dann betätigt man diesen Muskel.

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