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Caravaggio zweiter Versuch

Oktober 22, 2011

Gelegentlich schaue ich ja nach einem Vorstellungstermin nach, was eigentlich die Presse so dazu geäußert hat. Die Regel ist: eher wenig. Bei Caravaggio derweil gibt es verhältnismäßig viel und ich war doch etwas verblüfft, wie unterschiedlich die Reaktionen waren.

Es überwiegen die kritischen Stimmen, die gelegentlich von einem Skandal sprechen, das ganze inhaltsleer finden, kitschig, zu schön, mal gar nichts damit anfangen können. Es gibt kaum etwas, an der Aufführung, das nicht in irgendeiner Kritik in Grund und Boden gestampft wird und die Reaktion ist bei einem doch irgendwie ganz gefälligen Stück recht überraschend.

Der Kitsch Vorwurf ist natürlich seltsam, weil Ballett Kitsch vorzuwerfen ungefähr so ist, als würde man sich beim Motörhead Konzert darüber beschweren, dass es laut ist.

Kitsch ist ja eh ein schwieriger Begriff und während auch in den Kritiken immer wieder darauf rekuriert wird, wie genial und großartig Caravaggio, der Maler, ist, kann man mit dem gleichen Recht sagen (und ich neige da ein bisschen zu), dass die Bilder von Caravaggio Kitsch sind. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit schlecht oder uninteresant. Nach meiner Definition ist Kitsch einfach eine Oberfläche, die erstmal eine sinnliche Überladung mitbringt, so dass man das, was unter der Oberfläche liegt, nicht so ohne weiteres sieht. Echter Kitsch wäre etwas, bei dem unter einer glamourösen Oberfläche tatsächlich nichts liegt. So etwas gibt es in der Welt eigentlich nicht, weil man in alles Bedeutung hineinprojezieren kann.

Gelegentlich wird der Derek Jarman Film angeführt, als eine bessere Art mit dem Thema Caravaggio umzugehen. Da legt man dann die Latte ziemlich hoch, aber auch da kann man in Zweifel ziehen, in wieweit sich der Zugang wirklich unterscheidet. Den Derek Jarman Film kann man auf sehr viele unterschiedliche Arten lesen und wie gut oder schlecht er ist hängt fast ausschließlich davon ab, was der Zuschauer darin zu sehen vermag. Der Film ist offen genug, um da sehr viel zuzulassen. Ich würde mich da mal soweit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass der schmale Grad zwischen Offenheit und Beliebigkeit durchaus ein Kriterium dafür ist, ob „Kunst“ interessant ist oder nicht.

Das Stück ist ziemlich offen, beliebig ist es nicht. Mich wird das wohl noch eine Weile beschäftigen und weil das Ganze nicht so einfach ist und vermutlich etwas zu tun hat mit dramaturgischer Struktur, Genrezuordnung und ähnlichem spare ich mir das für später auf, wenn ich das Stück noch etwas besser kenne.

Nebenbei: Nicht alle Kritiken waren verheerend, einige waren auch sehr angetan, im Ausland gab es auch Stimmen, die sagten, dass Berlin mit Caravaggio bei den weltbesten Ballettkompanien angekommen sei, zum Teil anhand der DVD, die nun wirklich nicht so dolle ist.

Ich habe mich nach den Verrissen, natürlich gefragt, ob ich selbst möglicherweise zu einem unkritischen Fanboy mutiert bin, der, sobald Polina Semionova und/oder Nadja Saidakova auf einer Bühne auftauchen, leuchtende Augen bekommt und es noch toll fände, wenn die beiden den Ententanz aufführen würden. Derweil glaube ich nicht, dass es so weit schon gekommen ist.

Wie dem auch sei. Das Stück selbst ist beim zweiten mal schauen besser als beim ersten mal, was ich ja für eine Qualität halte. Es gibt, zugegebenermaßen ein paar Momente, die ich gelegentlich etwas peinlich finde, aber das ist fast immer im Ballett der Fall.

In meinem letzten Bericht habe ich ja ein persönliches Tabu gebrochen und über die körperliche Konstitution der Tänzer geschrieben, darauf habe ich heute ein bisschen geachtet, in der Befürchtung, ich müsste das vielleicht streichen, aber ich lass es mal so stehen. Was Polina Semionova betrifft, vermute ich, dass mein „residual Polina Semionova Image“ sich einfach etwas von der tatsächlichen Polina Semionova unterscheidet und sie eigentlich schon immer schlanker ist als ich sie im Kopf habe. (hm, ich erklär’s lieber. Bezug auf: „Residual self image“ das Bild, das man von sich selbst hat, wenn man an sich denkt oder wenn man träumt – siehe Matrix 1. Teil. Ich wiege da zum Beispiel zehn Kilo weniger und rauche nicht. Entsprechend ist mein „Residual Polina Semionova Image“ das Bild das ich im Kopf habe, wenn ich „Polina Semionova“ denke.)

Zurücknehmen würde ich, dass jüngere Tänzer Malakhov was die Beweglichkeit im Oberkörper angeht überlegen sind. Da hab ich auch drauf geachtet, die Beobachtung beim ersten mal war schlichtweg falsch.

Ich habe beim zweiten Mal bemerkt, dass sich mein Wahrnehmungsfokus etwas verschiebt. Das hat zum einen damit zu tun, dass ich diesmal mehr links saß, was tendenziell bei Caravaggio besser ist, die meisten Pas de deux finden links (vom Zsuchauer gesehen) statt. Mir sind die Solopassagen von Malakhov mehr im Gedächtnis geblieben und das war das erste mal (außer in Oz), dass ich ihn gesehen habe und wirklich gut fand. Aufgefallen ist mir auch, dass ich mein Oz Urteil, dass er ein ganz guter Kommödiant ist, weil er keine Angst hat, albern zu wirken, bestätigt sehe und richtig gut finde ich es dann, wenn er in gespielt angetrunkenem Zustand anfängt zu tanzen. Warum? Hauptsächlich, weil er da die Ballettspannung ein bisschen ablegt und mit einer größeren Lockerheit tanzt, wodurch das ganze weniger feierlich, aber dafür kraft- und schwungvoller wird.

In einem Interview habe ich gelesen, dass für ihn die modernen Bewegungen schon ungewohnt sind. Er macht das natürlich alles sehr gut, aber tatsächlich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie gute freie Tänzer, für die beispielsweise release Geschichten ihr tägliches Brot sind. Aber heute dachte ich tatsächlich, dass da noch was geht und Malakhov als Tänzer noch nicht am Ende seines Wegs angekommen ist. Vielleicht wird man es noch erleben, dass er seine antrainierten Ballettgewohnheiten, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen sind, ablegt und darunter kann dann was ziemlich Interessantes zum Vorschein kommen.

Es gibt ein paar Momente bei Caravaggio , die ich immer noch herausragend finde. Das Pas de deux von Nadja Saidakova und Michael Banzhaf ist eigentlich der einsame Höhepunkt im ersten Teil (mit den Auftritten von Elisa CC als Lichtblicke – und die Malakhovsolos wachsen mir langsam ans Herz, mal sehen was draus wird). Nadja Saidakova hatte einen kurzen menschlichen Moment, als sie bei einer Drehung, die sie wohl unterschätzt hatte, ins Straucheln geriet (und ich weiß nicht, ob sie selbst oder jemand im Publikum „ups“ sagte, ich hab’s jedenfalls gedacht), das tat aber der Qualität des Pas de deux keinen Abbruch. Sie macht die Bewegungen eben mit einer schönen Konzentration, gute Phrasierung (ja, klingt doof. Die Phrasierung: im Grunde die Spannungskurve einer Bewegung, eine Bewegung hat einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende und je nachdem wie man das setzt, erzielt man einen unterschiedlichen Effekt und Nadja Saidakova macht das in der Regel ideal). Ihr Lächeln wirkt leider manchmal etwas zu viel. Bei „Herrmann Schmermann“ oder „Sonnett 18“ hatte sie das so nicht – nein, ich nörgele jetzt nicht an Nadja Saidakova rum, um zu beweisen, dass ich nicht alles, was sie macht, super finde, das sind Kleinigkeiten, die nicht so sehr ins Gewicht fallen, aber irgendwie ist es mir aufgefallen.

Der zweite Teil feuert dann natürlich gleich mehrere Höhepunkte nacheinander ab. Erst ein Pas de deux von Jakovina und Malakhov, dann der Auftritt von Polina Semionova, der mehr ein Solo ist als ein Pas de deux. Das hat es ziemlich in sich. Gelegentlich erinnert es mehr an eine Karate Kata als an klassischen Tanz und das steht ihr irgendwie gut. Das ist schon sehr stark und konzentriert. Polina Semionova war heute für mich etwas weniger dominant als am vorherigen Abend, was entweder an ihrer Tagesform oder an meiner Wahrnehmung liegt (die ja auch nicht jeden Abend gleich ist – trotzdem, die „größere Sichtbarkeit“ war weniger da und ich glaube ja, dass das nicht nur der „Oh Gott, es ist Polina Semionova“ Effekt ist, sondern ein reales Phänomen, das mit ihrer Konzentration zu tun hat, die möglicherweise heute geringer war).

Das Pas de deux von Beatrice Knop und Leonard Jakovina gefällt mir zunehmend besser. Das ist so ein Ding, dessen Qualitäten irgendwie offensichtlich sind, das aber besser wird, je mehr Details man wahrnehmen kann.

Was ich nicht so gern mag ist diese Passage, in der eine Dame vom Corps de Ballet mit einem Spiegel dazu kommt, auf dem ein Kreuz mit Kunstblut gemalt ist und Malakhov dann mit der von Polina Semionova geführten Hand die übrigen, auf der Bühne anwesenden gewissermaßen mit einer Bewegung „tötet“ und mit Kunstblut beschmiert. Nun gut, mag sein, dass das ein Verweis auf die doch gern recht splatterartigen Caravaggio Bilder ist, möglicherweise auch ein Verweis auf den Film, wo das Licht für die Gemäldemodelle oft per Spiegel erzeugt wird (was vermutlich tatsächlich so war – im Film gibt es derweil elektrisches Licht, Jarman ist da nicht so plump historisch korrekt und benutzt was er will, wann er will und wie er will), aber ich finde das Blut unnötig und das Ganze übermäßig theatral. Gut ist dann wieder, wenn die „Ermordeten“ sich dann gewissermaßen zombiefiziert wieder in das Pas de six einreihen, das hat einen gewissen Witz, aber naja, bin nicht sicher, ob mein Sinn für Humor da repräsentativ ist.

Nun gut, der Jakovina Moment am Ende. Nachdem ich darüber doch recht ausführlich berichtet habe, habe ich dem diesmal natürlich etwas nervös entgegengesehen, in der Befürchtung, dass das Ganze vielleicht doch nicht so lässig ist, wie ich dachte. Ist es aber, wobei man dazu sagen muss, dass ich so Machopathos gern mag. Dabei beginnt das Solo hier mit einer Art Schlagzeugmarsch, wenn dann die tatsächliche Toccata einsetzt, steht Jakovina zum Teil bewegungslos auf der Bühne und wartet. Dass ein Tänzer einfach nur dasteht und gewissermaßen innerlich vibriert finde ich nun für einen Ballettabend tatsächlich ganz hübsch und das funktioniert gut. Das Dastehen ist im Grunde die Vorbereitung für die nachfolgenden Angriffe auf den am Boden liegenden Malakhov, Aggression, die sich unter der Oberfläche aufbaut, nach diesen irgendwie beeindruckenden Schritten – nicht das technisch schwierigste, was man an dem Abend sehen kann, aber verdammt effektiv.

Dann noch Polina Semionova und Malakhov am Ende. Polina Semionova stirbt da irgendwie vor Malakhov, das hatte ich vergessen. Über die möglichen Interpretationen werde ich später etwas sagen. Die Semionova/Malakhov Verbindung ist derweil überliefert. Malakhov ist meistens Caravaggio und Semionova „das Licht“. Das bezieht sich einerseits auf das Licht auf den Gemälden, andererseits ist das natürlich recht esoterisch, ein Synonym für die Seele, die Lebenskraft, deshalb der nahezu gleichzeitige Tod, erst die Seele, dann der Körper, was, glaube ich, an und für sich was man so hört die falsche Reihenfolge ist, hier natürlich insofern sinnig, weil das „Licht“ etwas außerhalb von Malakhov/Caravaggio ist, etwas das nicht direkt er ist, aber trotzdem in einer Art symbiotischen Verbindung steht. Wenn das Licht weg ist, stirbt er, wie Hemingway, als er nicht mehr schreiben konnte. Aber in die Diskussion will ich jetzt eigentlich (noch) nicht einsteigen (möglich auch: der Malakhov Semionova Schluss spielt de facto bereits nach dem physischen Tod, der in der Jakovina Toccata Nummer eigentlich schon recht deutlich stattfindet, wenn Jakovina Malakhov am Ende tatsächlich das Leben im wahrsten Sinne des Wortes „auspustet“, aber so gesehen, wird er das erste mal von Beatrice Knop im ersten Teil gemeuchelt – er stirbt recht oft in der Aufführung, die Knop Passage ist aber vermutlich das, was man in Drehbuchdeutsch „Foreshadowing“ nennt – tragische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus). Derweil ist es so, dass man, wenn man nicht weiß, dass PS „das Licht“ sein soll, keine Möglichkeit hat, das zu verstehen.

Jedenfalls verstehe ich, was das Stück betrifft, nach dem zweiten Mal schauen die Kritikpunkte noch weniger als beim ersten mal.

Nun gut, bevor ich anfange, mich selbst zu langweilen, höre ich erstmal auf. Caravaggio ist leider oder glücklicherweise für mich noch nicht ganz erschlossen. Die Thesen, die ich vor der zweiten Aufführung über Struktur, Dramaturgie und ähnliches hatte, haben sich im großen und ganzen als falsch erwiesen, also breite ich sie gar nicht erst aus. Beim zweiten mal wirkt das Ganze stringenter als beim ersten mal, handlungsorientierter, ich hatte eigentlich das Gegenteil erwartet.

Ach ja, die Blechbläser in der Ouvertüre wirkten wieder ein bisschen konfus (was ist das eigentlich? Eine Tuba, die da diese schnellen Läufe macht?), vielleicht soll das so sein.

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