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Staatsballett Berlin – Peer Gynt

November 20, 2011

Na gut, von der Idee, hier Texte auf Englisch zu veröffentlichen habe ich mich erstmal wieder verabschiedet. Das hat ja so keinen Zweck. Nicht, dass das grundsätzlich eine schlechte Idee wäre, aber das Ganze hat doch irgendwie den süßlichen Modergeruch von Hybris an sich, dafür wurden bei den alten Griechen Leute an Felsen geschmiedet, in Spinnen verwandelt und weiß der Henker was noch alles, insofern bleibt es jetzt erstmal so wie es ist, klein, handlich, ohne Fotos, ohne Videos, ohne Umfragen, ohne Preisausschreiben, nur meine Auslassungen über irgendwas.

Der geneigte Leser mag ahnen: Ich komme gerade aus Peer Gynt von Heinz Spörli am Staatsballett, ein Stück, in dem es – genau – um Hybris geht und ich bin noch nicht ganz sicher, ob es sich dabei um völligen Mist oder einen Geniestreich handelt. Möglicherweise ist beides zutreffend.

Ich fang mal mit dem ganzen Zeug an, das mir an dem Abend nicht gefällt. Das Hauptproblem habe ich damit, dass das Ganze ein bisschen zum „zu viel“ neigt und dabei nichts richtig ist. Die Musik ist von Grieg und die Gassenhauer daraus kennt jeder aus irgendwelchen „Best of Klassik“ Kompilationen. Grieg reicht aber nicht, sondern es müssen noch zwei zeitgenössische Komponisten her, die auch Material beisteuern, das ein bisschen rausfällt. Die Handlung von Peer Gynt führt die Hauptperson an lustige Orte, wie das Reich des Bergkönigs und irgendwelche arabischen Wüstensettings, das Ganze sieht ziemlich gut aus und man könnte daraus ein hübsches Handlungsballett machen. Handlungsballett reicht aber nicht, sondern man will gern auch noch die dollen Texte von Ibsen haben, also wird Peer Gynt (Malakhov) von Peer Gynt 2 (Sebastian Hülk) begleitet, der gelegentlich die Texte spricht. Nun ist es lobenswert, einen kompetenten Schauspieler mit den Texten zu betrauen und Hülk macht das ziemlich gut. Er ist als Schauspieler auch souverän im Umgang mit dem eigenen Körper, so dass nicht so sehr auffällt, dass er kein Tänzer ist. Ich bezweifle nur, dass man die Texte überhaupt braucht. Darüberhinaus werden gelegentlich Sänger auf die Bühne gebeten, die einige Stücke singen, wer das macht, muss sich dann eben dem Sasha Waltz Vergleich stellen. Wie werden die Sänger ins Bühnengeschehen eingebunden? Und da bleibt Spörli meilenweit hinter Sasha Waltz zurück.

Was dann ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist der eigentliche Tanz. Die interessanten Leistungen an dem Abend finden im pantomimischen Bereich statt, bei Malakhov und Nadja Saidakova und das haben beide gut im Griff. Beatrice Knop hat die besten Klamotten an, hat aber tänzerisch einen ruhigen Abend, genauso, oder noch schlimmer, Polina Semionova, die mal wieder gnadenlos unterfordert ist und deshalb verständlicherweise ein bisschen unterspannt wirkt.

Der einzige, der tänzerisch macht, was er am besten kann, ist Dinu Tamazlacaru, der als Bergkönig einmal mehr seine Sprungkraft unter Beweis stellt, ein bisschen warte ich ja darauf, dass er mal was anderes macht, gleichzeitig ist diese Sprunggewalt natürlich eine beeindruckende Qualität und da macht ihm niemand so schnell etwas vor. Die Rolle des Bergkönigs an sich ist ein bisschen comichaft angelegt, der Gute kratzt sich die ganze Zeit und man versteht nicht so ganz, wie er eine zauberhafte Tochter wie Beatrice Knop hinbekommen hat, aber wenn er tanzt, tanzt er kraftvoll und entschieden (und mehr als die anderen).

Gut sind die Corps de Ballet Teile, die Passagen, in denen die Damen und Herren am Anfang klassisch synchron arbeiten, ebenso wie die lustige Irrenhauspassage (in der Wieslaw Dudek als Doktor Begriffenfeldt, ähm, nichts macht – und der Mann ist eigentlich erster Solotänzer).

Das ist alles schön und gut und da wird eine Menge Spektakel aufgefahren, aber ich würde mir wirklich wünschen, dass die Ballerinas und Ballerinos vom Staatsballett was zu Tanzen kriegen. Muss ja nichts zeitgenössisches sein, meinetwegen auch Dornröschen oder Giselle oder was es alles an ollen Kamellen gibt. Vielleicht ist auch die Presse schuld, die die Uraufführung der letzten Jahre, bei der tatsächlich exzessiv und virtuos getanzt wurde – nämlich Caravaggio, irgendwie doof fand (und das Gegenstück – Symphonie of sorrowful songs, wo die Tanzerei auch ein bisschen kurz kommt, super).

Nun gut, vielleicht ist Peer Gynt auch als Geschenk ans Corps de ballet gemeint, aber die Solotänzer versauern derweil irgendwie. In einer Zeitungskritik stand, dass Malakhov sich die Stücke möglicherweise danach aussucht, dass er eine Hauptrolle darin hat, in der es nicht viel zu tanzen gibt. Das will ich ihm nicht unterstellen, aber ich verstehe leider, wie jemand nach Peer Gynt auf die Idee kommen kann.

Davon abgesehen – ja, die Hybris. Ich habe ja schon angedeutet, dass der Abend den Eindruck macht, Spörli sei irgendwie nichts genug gewesen, weder die Grieg Musik, noch der Tanz, noch die Handlung von Peer Gynt und hat deshalb alles, was das Theater so zu bieten hat, auf die Bühne geworfen – vielleicht in der Hoffnung, eine Art Gesamtkunstwerk im wagnerschen Sinne zu machen, nur eben noch härter, weil mit Tanz und so (schönes Licht, nebenbei bemerkt). Für mich verliert der Abend dadurch seine Konzentration oder entwickelt sie erst gar nicht (bzw. nur in der Nadja Saidakow Alterungspantomime am Schluss und das ist etwas kleines, bescheidenes, wofür sie den ganzen Hokuspokus drumherum nicht braucht), aber das Hauptproblem ist das zu viel und nichts davon richtig.

Wenn ich am Anfang gesagt habe, dass das Ganze vielleicht doch ein Geniestreich ist, dann liegt das daran, dass ich tatsächlich aus dem Theater kam und wegen der Aufführung über meine eigene Hybris und die Hybris des Staatsballetts nachgedacht habe. Ich bin nicht sicher, ob Spörli wirklich eine größenwahnsinnige Inszenierung machen wollte, um so das Thema gewissermaßen auf der Metaebene zu behandeln, mir kommt es eher so vor, dass er einfach was Dolles zeigen wollte und dabei seiner eigenen Inszenierung auf den Leim gegangen ist. Und das ist dann wieder genial (wenn bei dieser Genialität auch das Genie dahinter fehlt).

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