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Hilary Hahn – Berliner Philharmonie, HR Sinfonieorchester

Dezember 7, 2011

Der Titel ist zugegebenermaßen irreführend, weil der größte Teil des Abends vom HR Sinfonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi absolviert wird, aber nun gut, ich bin da wegen der jungen Dame, auch wenn die Orchesterarbeit auch ohne sie durchaus bemerkenswert war.

Vorher muss ich noch anmerken, dass ich mich nicht darum drücke, etwas über Schwanensee am Staatsballett zu schreiben. Es ist nur so, dass ich nächste Woche noch mal hingehe und da man beim zweiten mal immer mehr sieht als beim ersten mal und ich ja nicht zu jeder Aufführung drei Texte schreiben muss, warte ich noch ein bisschen.

Also Hilary Hahn.

Was ich an Hilary Hahn schätze, weiß ich zur Abwechslung mal ziemlich genau: die technische Präzision. Während bei den meisten anderen Geigern, auch bei sehr, sehr guten, gelegentlich die Töne verwaschen oder weggespielt werden, hört man bei Hilary Hahn jede Note, das ist alles sehr genau und präzise gesetzt, ohne dass dabei irgendwelche Abstriche bei Tempo und Dynamik gemacht werden. Wenn ich mir Aufnahmen von Hilary Hahn anhöre habe ich in der Regel den Eindruck, dass das, was sie spielt, genau so gespielt werden muss und dass jeder Geiger, der von ihrer Version abweicht, eigentlich falsch spielt. So apodiktisch ist das sicher nicht richtig, aber nichtsdestotrotz habe ich ein gewisses Vertrauen in ihre Performance und wenn ich von einem Stück die Hilary Hahn Version höre, habe ich danach die Gewissheit, dass ich das Stück so genau kennen gelernt habe, wie man es eben als Zuhörer kennen lernen kann.

Bei der Liveperformance ist das nicht anders, das Neue daran ist für mich vor allem, dass ein Mensch das tatsächlich so spielen kann, CD-Aufnahmen haben ja immer etwas Virtuelles und sobald man merkt, dass da jemand das tatsächlich auf der Geige spielt, ist das irgendwie, naja, schockierend ist zu viel gesagt, aber man kann nicht umhin beeindruckt zu sein.

An dem Abend spielt sie das Violinkonzert von Mendelsohn, was ein gutes Mittel ist, um Tschaikowskys Schwanensee aus dem Kopf zu kriegen. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich dazu in der Stimmung bin. Das Violinkonzert ist ja sehr eingängig, opulent und zuhörerfreundlich (da gibt es eine gewisse Verwandtschaft zu Tschaikowsky) und eigentlich merke ich erst bei der ersten Zugabe (eine Bachsonate – ich habe nicht richtig mitgekriegt welche), was möglich gewesen wäre, aber dazu braucht man dann kein Orchester. Vielleicht erwische ich ja irgendwann einen Bachabend mit Hilary Hahn…

Die zweite Zugabe ist dann der Erlkönig, weil ein Zuschauer das wollte. Mein Verhältnis zum Erlkönig als Geigenversion ist ein bisschen ambivalent. Das Schubert Lied und das Goethe Gedicht sind ja eigentlich über jeden Zweifel erhaben. Das besondere an der Sologeigenversion ist aber vor allem, dass das wohl höllisch schwer zu spielen ist und der Effekt, der erzielt werden soll, nämlich dass das Publikum mit offenem Mund staunend zuhört und beeindruckt ist, tritt natürlich auch ein. Nun gut, es war ein Zuschauerwunsch und irgendwie habe ich das dann nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Was lässt sich sonst noch sagen? Nach der Pause hat das HR Orchester die sechste Sinfonie von einem gewissen Herrn Nielsen gespielt (die Programmhefte waren vergriffen!!! Insofern kann ich nicht mehr dazu sagen). Das Stück ist jedenfalls durchaus unterhaltsames Chaos und wird mit einem guten Schuss Humor vorgetragen. Hilary Hahn hat in der Pause angefangen Autogramme zu schreiben und als der Abend zu Ende ist, macht sie das immer noch.

Das Leben als Star muss anstrengend sein.

Da ich das erste mal in der Philharmonie war: das Gebäude hat eine ausgesprochen verwirrende Architektur. Die Zuschauerränge sind im Grunde wie in einem Amphitheater um das Orchester angeordnet, das also in der Mitte des Saales spielt. Ich weiß nicht genau, warum das so organisiert ist. An dem Abend sitze ich ungefähr über den Blechbläsern. Hilary Hahn steht also, während sie spielt, mit dem Rücken zu mir und da sie ein schulterfreies Kleid trägt fällt mir auf, dass man, wenn man Geige spielt offensichtlich ein äußerst bewegliches Schulterblatt auf der bogenführenden Seite braucht. Aber mal ehrlich: ideal ist diese Zuschauerperspektive nicht und auch wenn die Philharmonie eine gute Akkustik hat, hat es natürlich einen Grund, dass bei einem Orchester die lauten Instrumente hinten sind, nämlich, weil sie sonst die Geigen einfach mal platt machen. Wenn man hinter dem Orchester sitzt (oder an der Seite des Orchesters), passiert genau das und die Sologeige klingt entsprechend leise, während einem die Hörner laut ins Gesicht tönen. Das ist nicht übermäßig dramatisch, weil man immer noch alles hört, nur irgendwie nicht ideal ausgesteuert.

Ansonsten ist die Bestuhlung sehr gut, wie man es von neueren Gebäuden erwarten darf, vor einem sitzende Zuhörer versperren die Sicht nicht oder nur unwesentlich.

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4 Kommentare leave one →
  1. Dezember 8, 2011 11:52 am

    Ich war auch in diesem Konzert, danke für die schnelle Kritik, die jetzt schon wenige Stunden danach online ist.
    Zwei Kommentare.

    Von wo ich saß (5. Reihe) klang es nach einem Mitglied des Orchesters, der nach dem Erlkönig als Zugabe rief. Aber das wäre natürlich mega inkorrekt und daher war es wohl ein Zuschauer. Wenn es stimmt, dass sie ungeplant und unvorbereitet den Erlkönig als Zugabe gespielt hat, dann war das schon eine absolute Meisterleistung. Auf Youtube gibt es hierzu einige andere Versionen. Scheint ihre Paradezugabe zu sein, doch auf Tonträger gibt es sie wohl (noch) nicht…

    Die erste Zugabe (BACH), ist aus der g-moll Sonate, erster Satz BWV 1001.

    • Dezember 8, 2011 5:37 pm

      Vielen Dank für die Info. Auf youtube habe ich sie den Erlkönig auch schon mal spielen gesehen, ich nehme an, sie kann die meisten Stücke, die sie spielt auswendig, lustig, wenn tatsächlich ein Orchestermitglied die Zugabe wollte :-).

  2. Dezember 9, 2011 7:48 am

    Eine schöne Liebeserklärung an das Spiel einer wunderbaren Geigerin! 🙂

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