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Berliner Philharmoniker – Mahler: Das Lied von der Erde/Janacek: Das schlaue Füchslein 3 Akt (Verwandlung und Schlussszene)

Dezember 14, 2011

Nun gut, die Reihenfolge war eigentlich umgekehrt, aber ich nehme an, dass im Oevre der Berliner Philharmoniker „Das Lied von der Erde“ irgendwie bedeutender ist als die fragmentarische Aufführung der Janacek Oper.

Wie dem auch sei. Da ich es ja irgendwie anstrebe, nicht bei jeder Ballettaufführung darauf hinweisen zu müssen, dass ich von klassischer Musik nichts verstehe, habe ich beschlossen, ein bisschen daran zu arbeiten, diesen Makel zu beheben und deshalb wieder eine Bildungsreise zu den Berliner Philharmonikern unternommen.

Mein Platz ist Block A, Reihe 1, Platz 1, nicht weil ich besonderen Wert darauf gelegt hätte, diesen exklusiven Platz zu bekommen, sondern weil es der einzige war, der, als ich die Karte besorgt habe, noch frei war.

Diesmal sitze ich direkt vor den Kontrabässen und den zweiten Geigen, bereite mich also auf einen recht basslastigen Abend vor. Wie schon bei Hilary Hahn ist es auch hier so, dass man alles hören kann, das Ganze klingt aber so, wie wenn man an seiner Anlage zu Hause eben die Bässe bis zum Anschlag aufdreht, was für Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ genau das ist, was man tun sollte, meiner Meinung nach.

Aber erstmal Janacek. Ich muss sagen, dass ich Aufführungen von Werkfragmenten nicht übermäßig viel abgewinnen kann. Die Teile aus dem dritten Akt der Oper „Das schlaue Füchslein“, die ich nicht kenne, ergeben dann für sich genommen auch nicht allzu viel Sinn. Ich nutze die Gelegenheit, um mir einen Eindruck vom Sound zu verschaffen, denn irgendwie brauche ich auch mal einen Vergleichswert zum Orchester der deutschen Oper, bekanntermaßen nicht das beste Orchester der Welt, während es viele Leute gibt, die das von den Berliner Philharmonikern behaupten.

Unbedingt zwingend ist das für mich nicht. Natürlich ist das alles kompetent gespielt aber wahrscheinlich geht es doch auch darum, dass sich das Orchester ein bisschen warmspielt und die Sänger sich einsingen (auch wenn Gerald Finley bei Mahler nicht mehr dabei ist).

Von Janacek weiß ich aber nach der Aufführung nicht viel mehr als vorher auch und das war schon reichlich wenig. Die Sinfonietta ist mir ein Begriff, nicht weil Haruki Murakami, das Werk ziemlich oft in seinem letzten, irgendwie seltsamen Roman (1Q84) erwähnt, sondern weil Emerson, Lake & Palmer das Hauptmotiv auf ihrer ersten Platte verwurstet haben („Knife Edge“ Janacek mit ein bisschen Bach im Mittelteil).

Von Mahler weiß ich danach schon mehr und ich bin ganz froh, dass das seit diesem Mahlerliederabend von vor 25 Jahren (Thomas Quasthoff war das damals, da war er noch nicht so bekannt) mal wieder ein gutes Mahlererlebnis war.

Nun scheint „das Lied von der Erde“ nicht unbedingt das typische Mahler Werk zu sein (zumindest wenn es um die Orchesterwerke geht, die Kindertotenlieder gehen wohl auch in die Richtung), sobald man darüber etwas liest, ist sofort von „Todesahnung“ und ähnlichem die Rede. Darüber kann man geteilter Meinung sein, es stimmt sicher für den letzten Teil „Abschied“.

Genau genommen besteht „Das Lied von der Erde“ aus sechs Liedern durchaus unterschiedlicher Stimmung, die abwechselnd von Anne Sofie von Otter und Stuart Skelton vorgetragen werden. Gegen ein Orchester anzusingen stelle ich mir ja immer als undankbare Aufgabe für einen Sänger vor, auch wenn Vertreter dieser Zunft das in der Oper dauern machen müssen.

Dass das an diesem Abend gut klappt, liegt sicher auch daran, dass Simon Rattle bestrebt ist, die Lautstärke des Orchesters so zu regulieren, dass die Sänger gut zu hören sind (wie das für die Zuhörer ist, die im Rücken der Sänger sitzen, weiß ich allerdings nicht) und natürlich auch am Engagement der Sänger. Stuart Skelton legt sich mächtig ins Zeug und auch wenn es sich um eine konzertante Aufführung handelt, lässt er es sich nicht nehmen, den Inhalt der Lieder entsprechend zu verkörpern, was vermutlich auch für das überzeugende Singen hilft. Gelegentlich fürchtet man dann fast, dass er jeden Moment ins Publikum springt. Er bleibt an seinem Platz, aber die Performance ist auf einem hohen Energielevel und das macht Spaß.

Die Texte, die gesungen werden, stammen allesamt aus einer Gedichtsammlung namens „die chinesische Flöte“ aus dem 8. Jahrhundert. Die Musik folgt dem gelegentlich durch exotische Strecken mit fernöstlich angehauchten Melodiefolgen. Das war, glaube ich, eine Zeit lang in Mode, hier passt es aber gut und dass es sich nicht um eine rein romantische Marotte handelt (die ich, nebenbei bemerkt, ganz gern mag), liegt dann daran, dass die Texte eben auch aus diesem kulturellen Umfeld stammen und Mahler das recht dezent und geschmackvoll einsetzt.

Der Teil, um den es eigentlich geht, scheint dann aber doch der letzte zu sein „Der Abschied“, was allein eine halbe Stunde dauert und ich nehme an, daher kommt die Annahme, dass das alles etwas mit dem Tod zu tun hat. Hat es tatsächlich und bei „der Abschied“ auf allen Ebenen. Es ist tatsächlich so, dass die Musik von Zeit zu Zeit erstirbt, also leiser und langsamer wird und schließlich ganz verstummt, mir kommt es so vor, dass es eine Qualität der Aufführung ist, dass Simon Rattle (nehme mal an, für das Timing und Tempo ist dann doch der Dirigent verantwortlich) dem Stück genug Zeit zum Atmen lässt. Gutes Timing scheint dann etwas zu sein, was eine gute Aufführung klassischer Musik mit einer guten Choreographie gemein hat. Gelegentlich gibt es dramatische Bassakkorde, die dräuend aus dem Boden wummern. Wenn dann der Gesang einsetzt geschieht das ausgesprochen effektvoll und man muss Sofie von Otter hoch anrechnen, dass sie das alles doch sehr berührend singt, ohne dabei schmalzig zu werden. Am Schluss (textlich: ewig… ewig…) singt sie das letzte „ewig“ so leise, dass man es mehr ahnt als hört und das ist dann irgendwie wunderschön traurig und so genau mit dem Orchester abgestimmt, dass das doch erstaunt. (ich habe mir tatsächlich nach der Aufführung eine Tonaufnahme des Stückes angehört – nicht von den Berliner Philharmonikern – und die Aufnahme ist nicht schlecht, bleibt aber weit hinter der von Otter/Berliner Philharmoniker Version zurück).

Bei Mahler muss man auch sagen, dass das Orchester wirklich sehr gut klingt, da gehen manchmal Töne einfach von einer Instrumentengruppe auf die andere über, man merkt das, aber es ist so elegant, dass ich fasziniert zuhöre.

Als erster Eindruck scheint es mir eine Qualität des Orchesters und des Dirigats (hübsches Wort) von Simon Rattle zu sein, dass es eine große Achtsamkeit gibt, wann man wie laut und wie schnell zu spielen hat, die Arbeitsthese hier ist, dass man es Orchestern anmerkt, wie genau sie zuhören (oder mitlesen), was die anderen spielen und ich nehme an, man merkt dem Dirigenten auch an, ob er das, was gespielt wird, mag. Simon Rattle ist jedenfalls in der Lage, einen Ton auszukosten, auch dann wenn er nicht mehr zu hören ist, sondern nur noch als Erinnerung nachschwingt.

Na, die nicht eben kleine Investition für den Besuch hat sich jedenfalls gelohnt.

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