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Schwanensee FAQ

Dezember 17, 2011

Gut, dass ich’s mir noch mal angeschaut habe. Die Aufführung heute (16.12.2011) war, muss ich sagen, erheblich besser als die an Nikolaus, was vor allem daran liegt, dass Polina Semionova und Mikhail Kaniskin jetzt besser aufeinander eingespielt sind.

Vor allem Frau Semionovas Odette hat dadurch enorm gewonnen und ich habe jetzt erstmal eine sehr gute Referenzaufführung, mit der ich dann zukünftige Besetzungen u.ä. vergleichen kann.

Ich muss gestehen, dass ich noch nicht so recht weiß, wie ich das Schwanenseeproblem angehen soll, also erstmal ein FAQ, in dem ich für mich anhand der mir zugänglichen Literatur ein paar Fragen zu klären versuche, die sich mir gestellt haben.

FAQ Schwanensee

F: Wer ist Odette?

A: In dem aufschlussreichen Büchlein „Rote Schuhe für den sterbenden Schwan“ von Ralf Stabel, steht dazu ein Zitat aus dem Originallibretto, das kein Mensch verstehen kann. Demnach war Odette die Tochter einer guten Fee und eines Ritters. Die Mutter verstarb zügig und so hatte es Odette bald mit einer bösen Stiefmutter zu tun. Odettes Großvater hörte davon und holte sie zu sich. Über den Tod seiner Tochter weinte der alte Mann so sehr, dass aus den Tränen besagter Schwanensee entstand. Tagsüber lebt Odette mit ihren Freundinnen in Schwanengestalt, nachts spielt sie mit eben diesen Freundinnen in Menschengestalt am See. Sie hat in der Version absolut kein Problem damit, tagsüber ein Schwan zu sein, im Gegenteil „fröhlich durch die Luft“ fliegen macht ihr Spaß.

Das ist die Geschichte, die bei der Uraufführung 1877 relevant war. Für die Uraufführung der Petipa/Iwanow Version 1895 wurde der Plot ein bisschen geändert/vereinfacht. Da war Odette eine von Zauberer Rotbart verfluchte Prinzessin. Tagsüber ist sie ein Schwan und nur nachts ein Mensch. Der Fluch kann gebrochen werden, wenn ihr ein Mann ewige Liebe schwört, d.h. sie heiratet.

In der Bolschoi Version von 1957 (und wohl auch in der Aufführung von 1895) ist Odette immer in Schwanengestalt. Als Siegfried sie das erste mal sieht, will er sie erschießen, doch die Schwanenkönigin macht ihn darauf aufmerksam, dass es sich um eine verwunschene Prinzessin handelt. In dieser Version nimmt Odette erst ganz am Ende Menschengestalt an (Happy End, nachdem Siegfried Rotbart getötet hat – Plan B, nachdem das mit der ewigen Liebe nicht geklappt hat).

F: Wer ist Rotbart?

A: Böser Zauberer, der Mädchen gern in Schwäne verwandelt. Er tut das weil er böse ist. Eine weitere Motivation hat er nicht.

In der Bolschoi Version ist er selbst ein Vogelwesen; in der Version von Patrice Bart, die in Berlin zu sehen ist, ist er der Premierminister der Königin, die gleichzeitig die Mutter von Siegfried ist. Er handelt da auf Anweisung der Königin, die verhindern will, dass ihr Sohn sich in eine andere Frau verliebt, weil sie fürchtet, ihn dann zu verlieren.

F: Wer ist Siegfried?

A: Prinz, der heiraten soll, darauf keine Lust hat und sich in Odette verliebt, die er nachts in Menschengestalt (oder, je nach Version, als Schwan) trifft.

F: Wer ist Benno?

A: Kumpel von Siegfried, der in Siegfried verliebt ist – die Figur stammt so aus dem Originallibretto (mit den homosexuellen Konnotationen). In der Patrice Bart Version, die in Berlin gezeigt wird, verrät Benno der Königin aus Eifersucht oder Neid, dass Siegfried sich in Odette verliebt hat.

In den Fragmenten der Bolschoi Version von 1957 existiert die Figur Benno nicht oder nur in Gestalt des „Narren“. Gelegentlich ist er nur der Schildknappe oder Schwertträger von Siegfried.

F: Wer ist Odile?

A: In jeder Version eine Handlangerin von Rotbart, die dafür sorgen soll, dass Siegfried seinen Schwur, Odette ewig zu lieben, bricht.

F: Warum werden Odette und Odile von der gleichen Tänzerin getanzt?

A: Das ist nicht immer der Fall. Das erste mal hat das wohl Pierina Legnani in der Petipa/Iwanow Uraufführung 1895 gemacht. Wessen Idee das war, konnte ich nicht eruieren, möglicherweise Petipas, der Pierina Legnani für die größte Ballerina aller Zeiten hielt (sie war die erste, die den obskuren Ehrentitel: „Prima Ballerina Assoluta“ erhielt).

Es ist prinzipiell sinnvoll, dass Odile genauso aussieht wie Odette, damit Siegfried nicht wie eine treulose Tomate wirkt, der erst einer Frau ewige Treue schwört und sich dann gleich auf die nächste stürzt, die ihm über den Weg läuft. Es ist Teil von Rotbarts Plan, dass Siegfried glaubt, Odile sei Odette. Sie ist aber nicht die gleiche Person. Sinnvoll scheint mir die Annahme, dass sie von Rotbart mit einem Gestaltwandlungszauber belegt wurde, so dass sie Siegfried als Odette erscheinen kann, wenn auch in anderen Klamotten.

F: Warum wird Odile auch „schwarzer Schwan“ genannt?

A: Ehrlich gesagt: keine Ahnung. In einer Filmdokumentation erzählt Maja Plisetskaya dazu Folgendes (wenn ich mich richtig erinnere): eigentlich ist Odile eine böse Zauberin, dann kam aus Frankreich plötzlich die Mode, dass Odile ein schwarzer Schwan sei, was für Maja Plisetskaya vor allem die Konsequenz hatte, dass Odile dann anders getanzt werden musste. Besonders sinnig schien sie diese neue Odile allerdings nicht zu finden und genau betrachtet ergibt das auch nicht übermäßig viel Sinn, es klingt aber hübsch. In der Berliner Inszenierung ist Odile kein Schwan. In der Bolschoi Inszenierung von 1957 auch nicht.

F: Was hat die Königin gegen Odette?

A: In den meisten Schwanensee Versionen: nichts. Es ist ihr eigentlich total wurscht, wen der Sohn heiratet, solange er heiratet. Es ist eine Besonderheit der Berliner Version, dass die Königin so eine große Rolle spielt und eigentlich verhindern will, dass Siegfried sich verliebt (eine Zweckehe scheint für sie okay zu sein). Die Berliner Lesart versucht so, die Motivation der Figuren nachvollziehbarer zu machen. Man mag argumentieren, dass das Ganze ein Märchen ist und deshalb Motivationen wie: „er macht das, weil er böse ist“, ausreichen, gleichzeitig ist die Lesart aber nicht uninteressant und die Gefahr, dass das Archetypisch-Mythologische zugunsten einer küchenpsychologischen Erklärung geopfert wird, besteht nicht, weil die böse Mutter (meist im Märchen: Stiefmutter) eben auch eine mythologisch-archetypische Figur ist, die hier auch einen Bezug zum Originallibretto von 1877 hat, wo es eine böse Stiefmutter gibt (allerdings die von Odette).

F: Was ist ein „weißer Akt“?

A: Schwere Frage. Bevor ich Schwanensee gesehen habe, war ich der Meinung, dass ein „weißer Akt“ im Ballett ein Akt ist, in dem nur getanzt wird, ohne direkten Bezug zur Handlung. In Schwanensee gilt der 2. Akt als „weißer Akt“, das ist aber das Bild, in dem Siegfried Odette trifft. Das heißt, die für die Handlung wichtigste Begegnung überhaupt findet im „weißen Akt“ statt. Das kann nur zwei Dinge heißen: entweder, meine Definition von „weißer Akt“ ist falsch oder es gibt in Schwanensee keinen weißen Akt.

F: Wer hat Schwanensee denn nun choreographiert?

A: Einfache Frage. Die Choreographie aus der alles wächst, was heute unter „Schwanensee“ läuft, stammt von Marius Petipa und Lew Iwanow. Obwohl Petipa der Bekanntere von Beiden ist, kann man mit einem gewissen Recht behaupten, dass die typischen Schwanenseebilder von Iwanow stammen. Die Aufteilung ist wie folgt: Iwanow hat zuerst den heute zweiten Akt choreographiert. Der zweite Akt wurde einzeln 1894 uraufgeführt. Petipa und Iwanow haben dann bis 1895 ein komplettes Ballett draus gemacht, wobei Petipa Akt eins und drei choreographiert hat (die Bilder im Schloss), Iwanow Akt zwei und vier (die Bilder am See).

Eine Schwanenseechoreographie ist entweder der Versuch, die Ursprungschoreographie von Iwanow/Petipa zu rekonstruieren oder eine Aktualisierung derselben. Der zweite Akt bleibt dabei in der Regel unangetastet. Die Berliner Inszenierung ist eine Neubearbeitung von Patrice Bart. Es gibt zwei zusätzliche Bilder: die Solobilder der Königin. Im ersten passiert nicht viel, da wird Siegfried nur älter (das gleiche Motiv gibt es in Schneewittchen von Preljocaj am Anfang – da wird Schneewittchen älter) und es wird etabliert, dass er unter der Fuchtel seiner Mutter steht, das zweite neue Bild ist ein Solo der Königin, deutlich moderner choreographiert. Ich kann leider nicht genau aufschlüsseln, welche zusätzlichen Elemente Patrice Bart eingefügt hat, klar ist: die Pas de deux mit der Königin, aber sicher auch noch andere Teile (mutmaßlich recht viele Rotbart Tänze).

F: Und was ist mit der Aufführung von 1877?

A: Die Choreographie stammt von einem gewissen Julius Wenzel Reisinger und ist, so weit ich weiß, nicht erhalten. Die Musik ist die Tschaikowsky Musik, die später neu geordnet wurde (und immer wieder neu geordnet wird). Die Aufführung wurde in der Presse verrissen, laut „Rote Schuhe für den sterbenden Schwan“ hat man Reisinger vorgeworfen, die Choreographie zusammengeklaut zu haben, außer: „Der ‚Russische Tanz’ könnte von Reisinger sein, denn nur ein Deutscher kann diese Pirouetten, die Mme. Karpakowa gezwungenermaßen ausführte, russisch nennen.“ J Reisinger war zu der Zeit Leiter der Balletabteilung des Bolschoi. Schwanensee wurde anscheinend 41 mal aufgeführt, d.h. auch wenn die Presse das Stück nicht mochte, war es recht erfolgreich.

F: Wieso haben Iwanow und Petipa das Ganze dann noch mal choreographiert?

A: Mit ziemlicher Sicherheit wegen der Musik. Der zweite Akt wurde anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Tschaikowsky 1894 aufgeführt.

F: Wer war Lev Iwanow?

A: Russischer Tänzer, Ballettlehrer und Choreograph (1834 – 1901). Gemeinhin vor allem bekannt als rechte Hand von Marius Petipa, der damals das Ballett am Mariinski in St. Petersburg leitete. In der zweiten Reihe hinter Petipa zu sein, war anscheinend Iwanows eigene Entscheidung, da er sich selbst für einen schwachen Charakter hielt und die Chefposition ihm zu stressig war. Sein Talent, sich im Hintergrund zu halten, hält bis heute an, als ich angefangen habe, mich mit Ballett zu beschäftigen, war mir nur bekannt, dass er Petipa irgendwie bei den Choreographien „geholfen“ hat. Tatsächlich ist er gelegentlich vollständig für Petipa eingesprungen, sowohl der „Nussknacker“ als auch „Schwanensee“ sind hauptsächlich Iwanow Choreographien. Gilt als ausgesprochen musikalisch, die Choreographien sind primär nach der Musik ausgerichtet (während für Petipa gewisse formale Prinzipien essentiell waren), anscheinend stehen und fallen Iwanow Choreographien deshalb mit der Qualität der Musik. Im zweiten Akt von Schwanensee denkt man für gewöhnlich an die schöne Symmetrie der Schwäne, tatsächlich war Iwanow aber anscheinend der erste, der die Symmetrie des Corps de Ballet aufgebrochen hat. Hat einen sehr langen Eintrag in der „International Encyclopedia of dance“. Immens wichtig, versteckt er sich bis heute in den Werken Petipas, konnte aber nicht verhindern, dass er da bemerkt wurde.

F: Wer war Marius Petipa?

A: Tänzer, Choreograph (1818 – 1910). Geboren in Frankreich, ging Petipa 1847 nach Russland (St. Petersburg), zunächst als Ballettmeister und Tänzer. Seit 1869 Chefchoreograph am Mariinsky in St. Petersburg. Zu sagen, Petipa hätte das klassische Ballett, wie wir es heute kennen, erfunden, wäre sicher übertrieben, aber viele der Ballette, die heute als klassisch gelten und immer noch aufgeführt werden, stammen von Petipa oder wurden von ihm bearbeitet, die bekanntesten sind: Schwanensee, Dornröschen, Don Quixotte, La Bayadère, Nussknacker. Petipa Ballette sind in der Regel groß, pompös und spektakulär, technisch anspruchsvoll und dramaturgisch durchaus stimmig. Abgesehen von eigenen Balletten hat Petipa auch Barbeitungen älterer Ballette vorgenommen, am Staatsballett kann man als Beispiel „La Esmeralda“ sehen (Originalchoreographie von Jules Perrot, der lange Petipas Chef war). Hat einen sehr, sehr langen Eintrag in der „International Encyclopedia of dance“.

F: Wer war Pierina Legnani

A: Italienische Primaballerina (1868 – 1930). Für Schwanensee relevant weil: Erste Ballerina, die Odette und Odile als Doppelrolle getanzt hat (1895 in der Uraufführung der Iwanow/Petipa Fassung) und weil die 32 Fouttées offenbar ihre Idee waren. Wenn man Bilder von ihr sieht, merkt man, dass die Vorstellung, Balletttänzerinnen müssten dünne Spargel sein, damals noch nicht galt.

F: Was ist das nun mit diesen 32 Fouttées?

A: Anscheinend eine Erfindung von Pierina Legnani, die dann erhalten geblieben ist, weil an der Stelle der Choreographie äußerst sinnig. Berühmt geworden, weil im Grunde unmöglich zu tanzen, zu völlig durchgeknallter Kirmesmusik, alles in allem ein großer Spaß.

Ein Fouttée ist eigentlich eine peitschende Bewegung mit dem Spielbein. Die 32 Fouttées en tournant (manchmal auch: ronds de jambe fouttées, das verwirrende am Ballett ist, dass es oft unterschiedliche Namen für das Gleiche gibt) sind also 32 nacheinander ausgeführte Pirouetten, bei denen es gelegentlich diese peitschende Bewegung gibt (nicht bei jeder Pirouette). Es könnte der Verdacht entstehen, dass die peitschende Bewegung die Pirouetten erleichtert, weil man ja mit dem Bein Schwung holen kann, mir wurde aber von kompetenter Seite versichert, dass das mitnichten der Fall ist. Die Peitschbewegung sorgt eher dafür, dass das Gleichgewicht schwerer zu halten ist. Schwung holt man normalerweise mit dem Standbein, mit den Armen und mit dem Kopf.

Die Fouttées überzeugen Siegfried davon, dass Odile die Frau seines Lebens ist.

F: Warum ist Schwanensee eigentlich so berühmt?

A: Vermutungen: 1. Die Musik von Tschaikowsky, die man nach einer Aufführung noch drei Tage lang im Ohr hat. Nach Schwanenseeaufführungen trifft man häufig Tschaikowsky pfeifende oder summende Menschen, die von diesem akkustischen Virus befallen wurden. Wohl dem, der das Hauptmotiv im Ohr hat und nicht das Tatüüüü – Tataaa – Tataa, das bei den 32 Fouttées gespielt wird. Das macht einen nämlich völlig hibbelig.

2. Akt 2 und 4. Die Bilder am See, perfekt choreographiertes Corps de Ballet in ausgefuchsten geometrischen Konstallationen, in Berlin tatsächlich ziemlich großartig (schönes Licht und endlich mal sinnvoll eingesetzter Nebel am Ende), aber auch in anderen Inszenierungen beeindruckend und so was wie das Bild für Ballett schlechthin.

3. Schwanensee ist ein hervorragender Showcase für jede Primaballerina, die Odette/Odile tanzt.

4. In Schwanensee kann man nahezu alles sehen, was es an klassischer Balletttechnik gibt.

F: Kann man den Inhalt von Schwanensee verstehen, wenn man nur das Ballett sieht?

A: Nein. Die Regeln des Fluchs (Erlösung durch Mann, der ewige Liebe schwört), sind tänzerisch nicht gut genug darstellbar, in jeder Version aber elementar zum Verständnis dessen, was danach passiert.

F: Warum hat Siegfried einen deutschen Namen?

A: Schwanensee spielt tendenziell in Süddeutschland. Die sogenannten klassischen Ballette sind ja romantische Ballette und die Romantik hat in der deutschen Literatur ihren Ausgangspunkt. Die literarische Vorlage für Schwanensee ist vermutlich ein deutsches Märchen. Auch in Giselle (das von einem Heinrich Heine Text inspiriert ist) hat die männliche Figur einen deutschen Namen (Albrecht).

F: Warum haben Odette und Odile französische Namen?

A: Keine Ahnung. Das gleiche Phänomen findet man aber bei Giselle (Frau: französischer Name, Mann: deutscher Name).

F: Worum geht es in dem Märchen?

A: Das Märchen heißt: Der geraubte Schleier und befindet sich in der Märchensammlung von Johann Musäus. Es gibt die Figur des Benno, der hier ein Einsiedler ist, der in der Nähe eines Sees lebt, an den jedes Jahr Schwäne kommen. Tatsächlich sind die Schwäne weibliche Luftgeister, Nachkommen der Leda, die zum Baden ihr Schwanenoutfit ablegen und die Idee ist: wenn man die abgelegten Kleider stiehlt, können sie nicht mehr ihre Schwanengestalt annehmen. Benno hat einen Gefährten, namens Friedbert, der ein schwäbischer Soldat ist, sich aber, um nicht dem Lynchmob der ansässigen Bevölkerung zum Opfer zu fallen, Benno anschließt. Benno stirbt ein paar Jahre später und Friedbert sieht schließlich die Schwäne kommen. Er beobachtet, wie sie sich ihrer Kleider entledigen und stiehlt einen Schleier, der mit einer kleinen Krone versehen ist. Bald darauf erscheint eine junge Frau namens Kalliste in seiner Hütte, die ihren Schleier sucht. Friedbert verheimlicht ihr, dass er den Schleier gestohlen hat und überzeugt sie schließlich, dass eine Zweierbeziehung ein guter Ersatz für das Leben als Schwan ist. Das ist dann so etwas ähnliches wie ein Happy End. Seltsam ist der Bezug zur griechischen Mythologie, Kalliste ist Griechin (hat aber nichts zu tun mit der Nymphe Callisto), Leda ihre Urahnin. Leda war bekanntlich kein Schwan – Zeus hat die Gestalt eines Schwans angenommen, um sie zu verführen, was irgendwie eine seltsame Methode ist. Laut dem Märchen entsprang aus dieser Verbindung ein ganzes Geschlecht weiblicher Schwanwesen. Wie man sieht, hat sich der Plot von Schwanensee ziemlich weit von diesem Märchen entfernt. Was geblieben ist, ist: der See, der Name Benno und in Schwäne verwandelte Frauen.

F: Gibt es andere literarische Quellen?

A: Das Schwanenmotiv ist im Märchen recht häufig. Es gibt von Hans Christian Andersen das Märchen: Die wilden Schwäne und von den Brüdern Grimm: die sechs Schwäne. Beide Märchen sind offensichtlich unterschiedliche Versionen der gleichen Geschichte. Es geht um elf oder sechs Brüder, die von einer bösen Stiefmutter in Schwäne verwandelt wurde, nur nachts kehren sie in ihre Menschengestalt zurück. Eine Schwester bleibt aus irgendwelchen Gründen von dem Zauber verschont und erfährt, dass sie die Brüder erlösen kann, indem sie ihnen Hemden aus Brennnesseln (Andersen) oder Sternblumen (Grimm) flechtet, die sie ihnen dann überzieht. Bis sie damit fertig ist, darf sie nicht reden. Sie gerät in widrige Umstände, die dazu führen, dass sie kurz vor Vollendung der Arbeit als Hexe verbrannt werden soll. Die Brüder beschützen sie so gut sie können, im letzten Moment streift sie den Brüdern die Hemden über. In beiden Versionen ist das letzte Hemd nicht fertig geworden, so dass der jüngste Bruder einen Schwanenflügel behält. Es ist ziemlich klar, dass Schwanensee sich auf das Motiv der Verwandlung durch einen bösen Zauberer bezieht und das Motiv: nachts kehren die Verwandelten in ihre Menschengestalt zurück, übernimmt.

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One Comment leave one →
  1. diotima36 permalink
    April 21, 2013 8:48 pm

    Ein interessanter, aufschlußreicher Beitrag. Vielen Dank.

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