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Staatsballett Berlin – Schwanensee Semionova/Kaniskin & Krysanova/Tamazlacaru

Dezember 31, 2011

Nach drei Schwanensee Vorstellungen – zweimal Semionova, einmal Ekatarina Krysanova als Gast – sollte ich eigentlich langsam in der Lage sein, ein paar zusammenhängende Gedanken darüber zu Papier zu bringen und ich habe beschlossen, erstmal meine Skrupel, die Länge des Textes betreffend ein bisschen hinten anzustellen.

Zweimal Semionova und einmal Ekatarina Krysanova heißt auch: zweimal Mikhail Kaniskin und einmal Dinu Tamazlacaru als Siegfried. Dinu Tamazlacaru hatte sein Rollendebut als Siegfried und insofern sollte ich vielleicht sagen, dass es da nichts auszusetzen gibt. Er legt die Rolle etwas anders an als Kaniskin. Bei ihm ist Siegfried mehr Opfer der eigenen Stimmungen, er lebt etwas naiv in seiner eigenen Welt, während Kaniskin das Ganze etwas abgeklärter tanzt und mehr an den Intrigen von außen scheitert. Beide Versionen haben Hand und Fuß, ich habe da keine speziellen Vorlieben. Wichtiger scheint mir für das Stück eh zu sein, inwieweit Siegfried und Odette miteinander harmonieren – Odile ist nicht so sehr der Punkt, weil das eher Ballerinaterritorium ist, da hat Siegfried nicht viel mitzureden. Er muss nur reagieren.

Über Ekatarina Krysanova weiß ich nicht viel. Sie ist Primaballerina am Bolschoi Ballett in Moskau. Sie hat recht viele Gastspiele weltweit und ich habe auf „the ballet bag“ ein Interview mit ihr gelesen, das den Eindruck vermittelt, dass sie eine freundliche und intelligente junge Dame ist. Sie ist außerdem eine sehr gute Tänzerin. In der Schwanensee Vorstellung war sie jedenfalls sehr souverän, technisch klar. Im Vergleich mit Semionova würde ich sagen: als Odile darstellerisch schwächer (tänzerisch ist sie auf dem gleichen Level, möglicherweise eher stärker, dazu müsste ich aber beide Versionen noch mal genauer sehen), weil Polina Semionova da fiese Seiten aus sich heraus holt, die recht beeindruckend, ausgesprochen unterhaltsam und, nun ja, ein bisschen beunruhigend sind. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass es der guten Polina mehr Spaß macht, Mikhail Kaniskin zu quälen als ihn anzuhimmeln, davon abgesehen, funktioniert ihre Partnerschaft mit Arshak Ghalumyan als Rotbart ganz hervorragend. Den beiden glaube ich sofort, dass sie ausgezogen sind, um Siegfried fertig zu machen.

Krysanovas Odile ist ein bisschen zurückgenommener. Ihre Fouttées sind sehr präzise, aber sie hält die letzte Aggression gegen Siegfried ein bisschen zurück. Bei Semionova ist es so, dass der Odile Auftritt tatsächlich an einen Punkt kommt, wo das Ganze ein bisschen außer Kontrolle zu geraten scheint, da bringt sie die Ballettform irgendwie auf eine andere Stufe, ohne Rücksicht auf Verluste, während Krysanova sich bemüht, die ganze Geschichte nicht zu sehr aus dem Ruder laufen zu lassen. In dem Fall hat Semionova aber recht, sie ist da mutiger und konsequenter.

Dafür ist Krysanova als Odette im Vorteil. Zum einen liegt das für mich persönlich daran, dass sie am Ende des zweiten Aktes (Siegfried/Odette Pas de deux) diese Plisetskaya Armbewegungen macht und man kann da sehen, dass es einen Grund hat, warum das Schule gemacht hat. Manchmal sind es die kleinen Sachen, die irgendwie beeindruckend sind. Ich glaube, technisch, sind die Plisetskaya Bewegungen, die Krysanova da in Perfektion vorführt nicht schwerer als das, was Semionova an der gleichen Stelle macht, aber sie sind so viel schöner und eleganter, dass ich das tatsächlich irgendwie als großen Moment empfunden habe. Aber gut, irgendwie mag ich Maya Plisetskaya und es rührt mich, wenn eine junge Tänzerin da gewissermaßen eine kleine Verbeugung macht und allein das ist schon das Eintrittsgeld wert. Meine Versuche, die Armarbeit zu Hause vor dem Spiegel zu reproduzieren waren bislang noch nicht so richtig erfolgreich, es sollte aber eigentlich möglich sein, es gibt da irgendeine Verbindung zwischen einer Drehung im Schultergelenk und gleichzeitigem Nach-Oben-Und-Unten-Treiben der Ellbogen und der Hände, die ich noch nicht so richtig gefunden habe. Vermutlich braucht man dazu eine Lockerheit im Schultergelenk, die ich so nicht habe.

Krysanovas anderer Vorteil liegt im Zusammenspiel mit Dinu Tamazlacaru. Mein Empfinden ist, dass die beiden als Odette/Siegfried besser harmoniert haben als Semionova/Kaniskin. Das Empfinden kommt vermutlich daher, dass ich vor allem nach der ersten Aufführung von Semionova/Kaniskin in der Pause ausführlich darüber nachgedacht habe, dass die Haltegriffe, die der Tänzer im Pas de deux anwenden muss, offensichtlich ganz schön schwierig sind. Darüber sollte man eigentlich nicht nachdenken müssen. Ich habe nichts dagegen, dass man manchmal auch sieht, dass etwas im Ballett schwierig ist, wenn man das aber als klassisches Illusionstheater behauptet, ist es besser, wenn ich als Zuschauer über die technischen Schwierigkeiten im Pas de deux  höchstens bewundernd nachdenke und nicht: uiuiui, das scheint ja echt die Hölle zu sein.

Dinu Tamazlacaru führt dann ganz gut vor, wie es besser geht, nämlich indem er erfolgreich den Eindruck vermittelt, dass er seine Partnerin tatsächlich anfassen will. Das Phänomen werde ich noch weiter untersuchen, weil die nächsten Schwanensee Termine mit Beatrice Knop und Dimitry Semionov sind, die, glaube ich, gern miteinander tanzen. Danach sind Iana Salenko und Marian Walter dran, die ja bekanntlich miteinander verheiratet sind und da wird man dann sehen können, inwieweit sich private Harmonie auf die Bühne überträgt oder der tänzerischen Harmonie vielleicht sogar eher im Wege steht. Bei Ekatarina Krysanova hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass sie für Dinu Tamazlacaru eine dankbare Partnerin war und er hat für mich glaubwürdig klar gemacht, dass er irgendwie fasziniert von ihr ist und der Eindruck, dass er sie jetzt vor allem berührt, weil sie sonst auf die Nase fällt, entstand eher selten. Anders gesagt: ich hatte den Eindruck, dass die beiden da etwas gemeinsam machen, dass sie zusammenarbeiten. Sie hat ihm vermutlich auch ein bisschen Sicherheit vermittelt und er hat das Angebot angenommen, so dass am Ende ein harmonisches Bild von den beiden entstand. Ich hatte mehr das Gefühl, tatsächlich eine Liebesgeschichte zwischen Odette und Siegfried zu sehen und nehme an, der Handkuss, den er ihr beim Schlussapplaus hat zukommen lassen, kam von Herzen.

Das mit der Liebesgeschichte ist derweil so eine Sache und tatsächlich beschäftigt mich Semionovas Odette jetzt schon eine Weile. Ich bin da ein bisschen unsicher. Ebenfalls auf „the ballet bag“ sagt Semionova, dass sie „Schwanensee“ ganz gern tanzt und sich langsam vortastet, jedem einzelnen Schritt eine Bedeutung zu geben. Wie das dann im Endergebnis aussieht, kann man sich bei ihrer Tatiana in Onegin anschauen. Weiß nicht, ob man das besser und klüger tanzen kann.

Über Onegin habe ich mich ja schon ausführlich geäußert, aber weil es hier eine Rolle spielt: Semionova tanzt Tatiana so, dass sie sich im Grunde gegen ihren Willen verliebt. Das Verliebtsein ist eher etwas, das sie überfällt und sie weiß, dass da nichts Gutes bei rauskommen kann. Es kam mir bei Schwanensee manchmal so vor, dass sie die Verliebtheit von Tatiana auf Odette überträgt. Möglich, dass das nicht stimmt und ich da eher eine Onegin Voreingenommenheit habe, aber es kam mir so vor. Odette verliebt sich aber nicht auf die gleiche Weise wie Tatiana, sondern man hat es hier tatsächlich mit einem grundsätzlich anderen Konzept von Liebe zu tun.

Die Tatiana Liebe ist eine eher tragische Spielart: sie verliebt sich in den Falschen, die Libido legt sich ohne Rücksicht auf Verluste auf ein Objekt und dem Impuls der Libido zu widerstehen ist tatsächlich ein Akt der Stärke. Die Erfüllung der Liebe, die sie besetzt hält, ist nicht erstrebenswert. Man weiß, am Ende wird das auf eine Katastrophe hinauslaufen. Gebrochene Herzen (bei Onegin auch: soziale Ächtung) und blablabla.

Für Odette ist die erfüllte Liebe aber tatsächlich die Erlösung – also das genaue Gegenteil der Liebe in „Onegin“. Sie ist nicht von einer Liebe besessen, die sie sich nicht erklären kann, es geht darum, einen Fluch zu brechen und der einzige Weg dahin ist die Liebe. Sie liebt Siegfried möglicherweise wirklich, aber sie liebt ihn nicht, weil sie von einem Gefühl übermannt wird, sondern weil er ihr Freiheit verspricht. Freiheit von der Schwanenform, in die sie von Rotbart gezwungen wurde, die Freiheit ihre „eigentliche“ Form leben zu können. Ihre Liebe ist mehr Hoffnung (und bei einem Happy End Dankbarkeit) als Begehren.

Diese Form der Liebe ist, wenn man so will, in hohem Maße rational. Man kann sich sogar darüber streiten, ob das, was sie mit Siegfried verbindet etwas mit Liebe zu tun hat, denn eigentlich geht es nicht um ihn. Jeder Typ, der nachts an den Schwanensee kommt, wird letztlich die gleiche Geschichte erleben wie Siegfried. Man kann sich dann darüber streiten, ob Odette als Figur tatsächlich so viel positiver ist als Odile. Natürlich, sie ist mehr Opfer, für sie steht mehr auf dem Spiel als für Odile (wobei wir über Odile im Grunde nichts wissen), aber am Ende benutzt sie Siegfried, um endlich erlöst zu werden. Und wenn Siegfried nicht der ist, der Odile widerstehen kann, wird sie das beim nächsten Mann, der vorbei kommt, wieder versuchen.

Deshalb ist Odette nicht von einem Gefühl besetzt, außer von der Sehnsucht nach Freiheit. Sie ist kein Opfer der Liebe, Liebe ist für sie Mittel zum Zweck – das sind die Regeln des Fluchs. Sie muss eigentlich aktiv dafür sorgen, dass Siegfried sich in sie verliebt und sie Siegfried so sehr im Gedächtnis bleibt, dass er Odile nicht mit ihr verwechseln kann. Sie hat nicht viel Zeit und in dieser Zeit muss sie ihn dahin manipulieren, dass er ihr verfällt. Sie ist ein Opfer von Rotbart, aber sie ist nicht Opfer ihrer Gefühle. Die Frage ist, wie man das tanzt. Am überzeugendsten scheint mir da tatsächlich (von den Versionen, die ich mir bislang zu Gemüte geführt habe – Semionova, Krysanova, Nurejew/Fonteyn, Plisetskaya) Maya Plisetskaya und sie löst das Problem primär über Blicke. Sie sucht den Blickkontakt zu Siegfried mehr.  Ich habe deshalb lang und breit über Plisetskayas biographische Situation 1957 berichtet, weil ihre persönliche Lage ähnlich zur Situation von Odette in Schwanensee war und ich glaube, man sieht, dass sie das betrifft.

In der Berliner Version stellt sich das so dar: Siegfried kommt, nachdem er seinen Odile Irrtum erkannt hat, noch einmal an den See, um um Verzeihung zu bitten. Möglich, dass er sogar bereit wäre, mit Odette in ihrer Schwanenform zusammen zu sein. Odette tanzt mit ihm, weil sie ihn wohl tatsächlich ganz gern mag, am Ende geht sie aber und wird vom Corps de Ballet gegen Siegfried abgeschirmt, damit sie unbehelligt die Bühne verlassen kann. Siegfried mag ein netter Kerl sein, aber er hat versagt und ist damit für seine Aufgabe – Odette erlösen – unbrauchbar geworden.

Wenn man eine Schwanensee Version ohne Happy End sieht, kann man davon ausgehen, dass man eine Geschichte sieht, die so schon einige Male passiert ist und wieder passieren wird. So lange, bis es zum Happy End kommt (oder Odette stirbt, was ja auch ein beliebter Schluss ist). Wenn Odette überlebt, wird sich die Geschichte einfach in einer Endlos Schleife immer wiederholen. In der Berliner Version hat es Odette beim nächsten Mann leichter, weil Rotbart tot ist und damit Odile nicht auf den Plan tritt, aber eigentlich kann das ganze Spektakel wieder von vorn los gehen. Als Geschichte ist es aber irgendwie befriedigender, den besonderen Fall zu sehen (also entweder: Odette stirbt oder sie wird erlöst). Dass in der Berliner Version Siegfried die eigentliche Hauptfigur ist, er also ein Problem verpasst bekommt (die Mutter), das dem Gefangensein von Odette ähnelt, verschiebt den Fokus ein wenig, lenkt aber eigentlich mehr von der tatsächlichen Geschichte ab, statt eine andere zu erzählen. Die wichtigere Rolle, die die Mutter spielt, bringt viele Vorteile – vor allem werden Akt  1 und 3 dadurch interessanter und die Choreographien, die Patrice Bart dazu entwickelt hat, gefallen mir sehr gut. Das ist deutlich moderner getanzt und trotzdem kein Stilbruch. Die etwas ermüdenden Divertissements, die es in den romantischen russischen Balletten gelegentlich gibt (uff, Weihnachten kam ja Dornröschen auf Arte – alles super, bis am Ende nur noch sinnlos rumgetanzt wird), haben hier größeren Sinn und das ist ein Gewinn, der nicht zu unterschätzen ist.

Die Geschichte selbst läuft dadurch aber auf zwei Ebenen gleich ab: Siegfried sucht Befreiung und Odette sucht Befreiung. Um wen geht es eigentlich? Die Lesart verkompliziert darüber hinaus die Frage nach dem Antagonisten. Wenn die Mutter die eigentlich Böse ist, was ist dann mit Rotbart und seinen Schwänen? Hat er sein Schwanenrudel auch im Auftrag der Königin angelegt, die einfach alle potentiellen Partnerinnen von Siegfried außer Gefecht setzen wollte, oder hält er die verwandelten Schwäne zu seinem privaten Amüsement?

Kurz gesagt: es entstehen mehr Fragen als dass neue Antworten gegeben würden. Letztlich ist der Gewinn, den die Lesart von Patrice Bart für den ersten und dritten Akt bringt (sowohl auf choreographischer als auch auf der dramatischen Ebene), aber größer als die Nachteile, die entstehen.  Normalerweise zeichnet sich der erste Akt durch gähnende Langeweile aus, das Ballett braucht da eine Weile bis es in Gang kommt, während hier tatsächlich sofort relevante Beziehungen entwickelt werden. Der dritte Akt ist wegen Odile sowieso kein Problem, bekommt aber durch die Pas de deux der Königin mit Rotbart in der Patrice Bart Version frischen Input, der gut tut.

Für mich war es bislang so, dass die Inszenierung eigentlich mit jedem mal besser und interessanter wurde, es gibt wie oft im Ballett ziemlich viel zu sehen, die Musik wird bei mehrmaligem hören auch eher besser, kurz gesagt, die drei Stunden gehen flott vorbei.

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