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Staatsballett Berlin Schwanensee – Knop/Semionov Version

Januar 2, 2012

Wie es scheint, muss ich das neue Jahr mit einer Korrektur beginnen. Ich war mit meiner These, dass der Siegfried Tänzer im Odette Pas de deux die Haltegriffe kaschieren müsste, eh nicht besonders glücklich, mir ist aber nicht so recht eingefallen, wie man das Problem anders lösen könnte. Meine These widerspricht aber eigentlich meiner Auffassung von gutem Theater. Umso besser, dass Dmitry Semionov mit Beatrice Knop dann demonstriert haben, wie es geht. Der Trick ist folgender: Dmitry Semionov ist von allen Siegfrieds eigentlich der, der am wenigsten spielt. Er macht tatsächlich das genaue Gegenteil von dem, was man nach meiner These hätte tun müssen. Seine Haltegriffe sind jederzeit als Haltegriffe erkennbar, er führt sie aber mit einer anderen Energie aus. Es wirkt so, dass er im Pas de deux mit seiner Aufmerksamkeit ganz bei seiner Partnerin ist. In der Meditation nennt man so etwas Achtsamkeit. Man kann auch Präsenz dazu sagen. Der Effekt entsteht, wenn man mit seinen Gedanken und seiner Aufmerksamkeit voll und ganz bei der Aufgabe ist, um die es geht. Interessanterweise ist das für den Zuschauer sofort sichtbar. Dadurch dass Semionov keinerlei Energie darauf verschwendet, etwas vorzuspielen, strahlt das Ganze eine große Ruhe und Sicherheit aus. Das Knop/Semionov Pas de deux ist auf der Ebene mehr eine Meditation als eine Geschichte, darüber stellt sich aber durchaus ein Eindruck von Liebe her, weil es eben zwei Menschen sind, die ganz bei sich/bei einander sind. Das kontemplative Element, das die beiden da reingebracht haben, hat mir jedenfalls sehr gut gefallen.

Das bringt zwar keine weiteren Erkenntnisse über die Figur Odette, es funktioniert aber trotzdem sehr gut. Ich vermute, dass ich über Odette so viel gegrübelt habe, hat etwas mit Polina Semionova zu tun. Ich halte Frau Semionova ja für eine eher intellektuelle Tänzerin, das heißt sie geht ihre Rollen recht analytisch an und für mich als Zuschauer resultiert das dann meistens darin, dass ich zum Nachdenken angeregt werde, was ich ja sehr schätze, gerade weil man im Ballett nicht unbedingt erwartet, dass das passiert.  Beatrice Knop ist, glaube ich, weniger analytisch. Sie begibt sich in die Emotion und lädt die Bewegungen dann damit auf. Das macht dann den Wechsel von Odette zu Odile etwas schwieriger, aber ihre Odette gewinnt dadurch. Interessanterweise gilt ja Beatrice Knop als Spezialistin für „böse“ Figuren, aber bei Schwanensee finde ich ihre Odette stärker. Wenn es um Odile geht, ist man bei Semionova besser aufgehoben.

Ekaterina Krysanova, die vorläufig dritte im Bunde, sucht, glaube ich, den Mittelweg zwischen Analyse und Emotion und fährt damit in der Gesamtwirkung sehr gut. Es ist aber nicht so einfach, die Unterschiede der drei Performances genau auf den Punkt zu bringen. Technisch sind Semionova und Krysanova etwas stärker als Beatrice Knop, würde ich sagen, möglicherweise ein Vorteil der Jugend.

Des weiteren gab es an Neujahr einen neuen Rotbart, nämlich Leonard Jakovina. Ich hatte mich ja schon an Arshak Ghalumyan gewöhnt, der als Rotbart eine ziemlich beeindruckende Bühnenpräsenz hat und zwar vom ersten Moment an. Dafür tanzt Jakovina nach meinem Dafürhalten sauberer und mit der Zeit entwickelt er die entsprechenden Rotbart Attribute. Der Konflikt mit Siegfried im dritten Akt, war da sehr klar. Für mich sah das so aus: Als Odile/Rotbart Kombi sind Semionova/Ghalumyan schwer zu schlagen, aber Rotbart/Siegfried war bei Jakovina/Semionov etwas eindringlicher.

Meine interne Siegfried Wertung führt Dmitry Semionov an, nicht nur wegen des Odette Pas de deux, sondern auch, weil er die Sprünge und Pirouetten mit größerer Souveränität auf die Bühne gebracht hat. Die Unterschiede zu den anderen beiden sind nicht riesig, aber sichtbar, so wie Krysanova insgesamt die abgeklärteste Odette/Odile war.

Es gibt ja einen gewissen Nervenkitzel für den Zuschauer bei Schwanensee, was die Solisten betrifft, weil das eben alles (oder fast alles) irrsinnig schwer zu tanzen ist und manchmal sitzt man dann da und denkt: hoffentlich kriegt er/sie das alles gut hin und bei Ekaterina Krysanova und Dmitry Semionov gab es da eigentlich nie irgendwelche Zweifel.

Polina Semionova, technisch auch über jeden Zweifel erhaben, hat Schwanensee, glaube ich, noch nicht restlos für sich erschlossen. Ich bin auch nicht sicher, ob das bei dem Stück wirklich möglich ist. Es kommt mir so vor, dass es da Stellen gibt, die sich nicht, wie bei Onegin, vollständig in eine Logik der Figur auflösen lassen. Vielleicht funktioniert deshalb ihre Odile besser, weil Odile einen klaren Plan verfolgt und alles in der Choreographie diesem Plan dient, jeder Schritt ist entsprechend und da weiß sie einfach genau, was sie tut. Odette entzieht sich diesem Zugriff ein bisschen. Der meditative Ansatz von Dmitry Semionov und Beatrice Knop scheint mir da im Moment am überzeugendsten – oder man ist eben Maya Plisetskaya, wobei ich die auch nicht jedes Mal als strahlendes Beispiel anführen will, weil die Berliner Choreographie eben auch anders ist und ihre Lesart da möglicherweise nicht so gut klappen würde.

Meine eigene, natürlich rein theoretische, Betrachtungsweise der Figur Odette, scheint zwar für mich einen gewissen Sinn zu ergeben, aber in der Choreographie findet man das dann auch nicht so ohne weiteres wieder. Der Zen Ansatz von Knop/Semionov, Odette/Siegfried einfach als das zu nehmen, was es ist und gar nicht erst zu versuchen, das intellektuell zu erfassen und in die Handlungslogik zu integrieren, ist vielleicht das Klügste, was man mit der Figur machen kann.

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