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Adventures in Motion Pictures – Swan Lake vs. Patrice Bart – Schwanensee

Januar 5, 2012

Es wurde Zeit, mir mal diese Schwanensee Version auf Video anzusehen, auch weil sich dadurch gewisse Rückschlüsse auf die Berliner Version ziehen lassen. Allerdings bin ich nicht sicher, wohin das führt. Matthew Bourne hat 1995 diese berühmte Version von Schwanensee gemacht, in denen die Schwäne ausschließlich von Männern getanzt werden.

Es gibt ganz interessante Parallelen zur Berliner Version. Patrice Barts Schwanensee ist von 1997, man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er die Bourne Version kannte, als er seine Fassung gemacht hat und davon beeinflusst wurde. Insofern ist es vielleicht sinnig, sich die Version von „Adventures of Motion Pictures“ (so heißt die Tanzgruppe, nur um die, diese Information noch hier reinzuquetschen) zu betrachten, um  gewisse Verbindungslinien zur Berliner Fassung zu ziehen.

Die Geschichte, die Bourne erzählt, unterscheidet sich ziemlich von der normalen Schwanensee Story, letztlich ist es aber auch eine Variation über das Gefangensein in der falschen Form. Es ist leicht, das als ein Gleichnis über unterdrückte Homosexualität zu lesen, andere Stimmen sagen, es gehe eigentlich um Prince Charles. Wie in Berlin ist Siegfried die Hauptperson. Der Schluss liegt nahe, dass die Schwäne nur in seiner Phantasie existieren.

Die Königin spielt eine große Rolle und wie in Berlin ist ihr Verhältnis zu ihrem Sohn problematisch, er wächst unter ihrer Fuchtel auf und als er das erste mal eine eigene Entscheidung trifft und sich auf eine bürgerliche Frau einlässt, ist der Konflikt mit Mama vorprogrammiert. Es gibt eine sehr hübsche Ballett im Ballett Szenen, in der die königliche Familie sich mit der bürgerlichen Freundin ein Ballett anschaut und die Freundin von Siegfried durch ihr unpassendes Benehmen – Chipstüte und so – in Ungnade fällt. Darüber kommt es zum Streit mit der Mutter, Siegfried besäuft sich, geht in einen Nachtclub, sieht da, wie Rotbart seine Freundin bezahlt, damit sie aus seinem Leben verschwindet, bemerkt aber nicht, dass sie das Geld nicht behält. Deprimiert will er sich im Park ertränken, die Schwäne kommen, er trifft den weißen Schwan. Der weiße Schwan ist nicht verflucht, er hat kein Anliegen, aber es gibt eine Verbindung zu Siegfried – Schwäne sind für ihn Sehnsuchtsbild und Bedrohung seit seiner Kindheit. Die Königin versucht dann Siegfried standesgemäß zu verkuppeln, während er sich eigentlich in den ominösen weißen Schwan verliebt hat, der seinen Wiedergänger im Sohn von Rotbart hat; Rotbart ist in der Bourne Version ebenfalls wie in Berlin ein hoher Beamter im Dienst der Königin. Rotbarts Sohn taucht auf der Party auf, auf der sich Siegfried eine passende Frau suchen soll und mischt die Gesellschaft – vor allem die weibliche – ordentlich auf. Siegfried, der in Rotbarts Sohn den weißen Schwan zu erkennen glaubt, verursacht einen Skandal, versucht Rotbarts Sohn zu töten, als der ihn abweist und stattdessen die Königin heiraten will, doch der nimmt Siegfried die Pistole ab und am Ende kommt Siegfrieds ehemalige Freundin zu Tode, die sich schützend vor ihn stellt.

Siegfried erleidet einen Nervenzusammenbruch. Im Delirium tauchen in seinem Zimmer die Schwäne auf und greifen ihn an. Der weiße Schwan erscheint und versucht Siegfried zu schützen, doch die Schwäne greifen auch ihn an, töten ihn und danach Siegfried.

Abgesehen von der Rolle der Mutter und von Rotbart, kann man in der Berliner Version Parallelen zum Beispiel in der Behandlung des Corps de Ballet finden. Ich habe mich ja schon gefragt, was eigentlich die Haltung des Corps zu Siegfried und Odette ist. Odette ist offensichtlich die Anführerin, aber die Haltung des Corps zu Siegfried ist mindestens ambivalent. Oft genug wird da ein Verwirrspiel mit ihm getrieben, die Schwäne stellen sich in Position und er sucht verzweifelt Odette (die nicht dabei ist), ebenso versperren ihm die Corps Schwäne mehr als einmal den Weg zu Odette und schützen (?) sie am Ende vor Siegfrieds und Rotbarts Zugriff. Es entsteht zumindest unterschwellig der Eindruck, dass das Corps de Ballet nicht an der Erlösung Odettes interessiert ist. Odettes Erlösung würde ja bedeuten, dass sie ihre Königin verlieren und besonders begeistert scheinen sie davon nicht zu sein. Das würde für mich zumindest erklären, warum sie auch schon im zweiten Akt einmal versuchen, sich zwischen Siegfried und Odette zu schieben – obwohl Siegfried da noch nicht gescheitert ist. Auch in Berlin, wo die Schwäne klassischerweise weiblich besetzt sind, gibt es Corps Momente, in denen von den Schwänen zumindest latent eine Bedrohung ausgeht.

Das ist schon anders, als bei Matthew Bourne, aber die aktive Rolle des Corps ist, glaube ich, in älteren Schwanensee Versionen nicht unbedingt so stark (ich muss das nochmal überprüfen). Ich glaube auch, dass manche Armbewegungen in Berlin aus der Bourne Variante kommen. Die Bewegungen der Berliner Tänzer – vor allem Polina Semionova – sind ja deutlich aggressiver als die schönen Plisetskaya Bewegungen. Ich mag das für weniger elegant halten, aber jetzt ist mir etwas klarer, woher das kommt und was es bedeutet. Die Version von Matthew Bourne hat wohl die Schwanensprache schon ein wenig verändert und die Haltung, dass es sich dabei um schöne, friedliche Tiere handelt mehr als nur ein bisschen in Frage gestellt.

Was ich in der Berliner Inszenierung nicht wirklich kritisiere, was aber auffällt, ist, dass die Entscheidung, Siegfried zur Hauptfigur zu machen, wenn man das mit der Bourne Swan Lake Version vergleicht, nicht bis in die letzte Konsequenz durchgezogen wird. Die Umdeutung bleibt ein bisschen auf halber Strecke liegen, was sich wahrscheinlich nicht vermeiden lässt, wenn man letztlich eine „klassische“ Schwanensee Version präsentieren will (und klassisch ist Bournes Version definitiv nicht, da ist mehr oder weniger alles neu im Modern Dance Stil choreographiert, letztlich hat er die Musik genommen und dazu ein komplett neues Ballett mit neuem Plot geschaffen, während die Berliner Version sich doch noch weitgehend auf Petipa/Ivanov bezieht).

Bei Bourne ist Siegfried definitiv die Hauptfigur und so wird da auch auf den ganzen Fluch Plot verzichtet. Der weiße Schwan muss nicht erlöst werden, nur Siegfried sucht nach Erlösung. Die bemerkenswerteste Umkehrung der Inszenierung besteht nicht darin, dass die Schwäne von Männern getanzt werden, sondern darin, dass Siegfried Erlösung finden kann, indem er sich in einen Schwan verwandelt und so der deprimierenden Prinzenexistenz entkommt – nicht, indem er einen Schwan zu einem Menschen macht. Im zweiten Akt wird er dann auch konsequenterweise Teil des Schwan Corps.  Dass diese Verwandlung letztlich scheitert und dann zu seinem Tod führt, ist eine der Bösartigkeiten der Inszenierung, gleichzeitig kann man den Tod im Theater natürlich auch immer symbolisch betrachten, wenn man das will. Tod bedeutet dann die  Aufgabe der alten Existenz, etwas Neues entsteht oder so ähnlich. Warum die Schwäne ihn und den weißen Schwan töten, ist eine komplexe Frage, die ich jetzt mal nicht weiter behandle. Im Schlussbild trauert die Königin jedenfalls um ihren Sohn, das ist dann genauso wie in Berlin.

Im Endeffekt ist die Umdeutung, die Matthew Bourne vorgenommen hat, natürlich sehr viel radikaler als die der Berliner Version.  Ganz unbeeinflusst davon ist Patrice Bart aber nicht geblieben und so werden verschiedene Elemente in Varianten übernommen. Das ermöglicht erstmal einen neuen Blick auf die Berliner Inszenierung – einfacher wird es dadurch nicht, aber noch ein Stück interessanter.  Im Moment scheint es mir so, dass die Berliner Version von Patrice Bart letztlich versucht, die neuen Sichtweisen, die Bourne entwickelt hat, ein Stück weit in eine klassische Version zu integrieren. Über die Vorteile, die das für den ersten Akt bringt, habe ich ja schon gesprochen. Die Corps de Ballet Arbeit wird dadurch aber auch interessanter. Dass in Berlin Odette überlebt finde ich immer noch eine bemerkenswerte Entscheidung, die ich noch nicht ganz durchschaut habe. Möglicherweise ist der Eindruck der „Endlosschleife“ gewollt, möglicherweise sollte auch nur deutlicher gemacht werden, dass es um Siegfried geht. Allerdings geht es bei Bourne auch um Siegfried, der weiße Schwan ist da mehr oder weniger nur ein Symbol für seine Sehnsucht nach Freiheit. Das Komplizierte in Berlin ist ja, dass das da auch so ist, gleichzeitig aber Siegfried auch die reale Chance auf Freiheit für Odette verkörpert, die ihre eigene „Fluch-Geschichte“ behalten hat. Eine Art Doppelspiegelung… hm, kompliziert.

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