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Staatsballett Berlin Schwanensee – Salenko/Walter Version & Zusammenfassung

Januar 13, 2012

So für mich ist das die letzte Fassung in dieser Spielzeit, also ein paar Überlegungen dazu.

Wie erwartet funktioniert das Odette/Siegfried Pas de deux bei Marian Walter und Iana Salenko ganz hervorragend und es gibt ein paar neue Erkenntnisse. Momentan gibt es für mich zwei Möglichkeiten, das Odette Problem anzugehen. Die erste Möglichkeit wurde von Beatrice Knop und von Ekaterina Krysanova gewählt und besteht im wesentlichen darin, ein Gefühl zu tanzen, also Sehnsucht oder Liebe. Das ist legitim und eine relativ sichere Variante. Der Vorteil der Gefühlsvariante besteht darin, dass man eigentlich nichts falsch machen kann, das sieht gut aus und berührt auch durchaus. Der Nachteil ist, dass das dann auch mehr oder weniger alles ist.

Wie ich es sehe, geben sich Iana Salenko und Polina Semionova damit nicht so ohne weiteres zufrieden und so sind beide noch auf der Suche nach der ultimativen Odette, wobei Iana Salenko in meiner Wahrnehmung schon eine recht klare Idee hat, was es mit der Figur auf sich hat. Vielleicht habe ich das bei Polina Semionova auch einfach nicht richtig gesehen, gleichzeitig ist meine Erfahrung mit Frau Semionova: wenn sie etwas für sich klar hat, dann sieht man das auch – in der gleichen Aufführung ist ihre Odile ja dann das Beispiel dafür. In der Zusammenschau ist dann Semionovas Odile auch mit recht weitem Abstand am deutlichsten ausgeformt, wie ich schon sagte, hat jeder Blick und jeder Schritt einen Sinn und man versteht den Sinn auch.

Was Odile betrifft, ist Iana Salenko etwas zurückgenommener, allerdings von allen Tänzerinnen, die ich bis jetzt in der Rolle gesehen habe, diejenige, bei der am klarsten rüberkommt, dass Odile Odette parodiert. Es gibt in der Salenko/Walter Version bei Odile/Siegfried einen Moment, den ich nicht richtig verstanden habe, es kam mir zumindest so vor, dass Marian Walter das so gespielt hat, als wüsste Siegfried, dass Odile nicht Odette ist, was in der Aufführung wenig Sinn ergäbe. Vielleicht habe ich das auch falsch gesehen – die Siegfried Wahrnehmung ist in der Tendenz genauer, wenn man links sitzt und in der Aufführung saß ich rechts, was eher die Odile/Rotbart Seite ist.

Was mir bei Iana Salenko schon bei Onegin (als Olga) aufgefallen ist, ist, dass sie manche Gesten, die sie für bedeutsam hält, sehr pointiert setzt, in der Odile Siegfried Szene gibt es eine Arabesque (ich glaube, es ist eine Arabesque) penchée, bei der sie mit ihrem Gesicht sehr nah an Siegfrieds Gesicht kommt. Polina Semionova lässt es da fast zum Kuss kommen – fast, weil es das Odile Prinzip ist, den guten Mann aufzuwühlen und ihm eben keine Erlösung zu gewähren – und entzieht sich ihm, indem sie die Position verlässt. Iana Salenko kommt Marian Walter ähnlich nah, wirft dann den Kopf in den Nacken und verlässt anschließend die Position. Das mag eine Kleinigkeit sein, aber das sind die Sachen, die Iana Salenko gelegentlich macht. In Onegin hat sie seinerzeit als Olga tatsächlich die Party in ein Chaos gestürzt, wodurch die Figur sehr plastisch wurde. Das war mit Abstand die beste und klarste Olga Variante, die ich gesehen hatte. Die Sache ist die, dass die Gesten, die ich meine, von anderen Tänzerinnen gern ein bisschen weggespielt werden, weil sie für die Figur, die dargestellt wird, nicht immer schmeichelhaft sind. Aus Onegin ist es mir in Erinnerung, dass Olga mit Onegin tanzt, alle anderen bemerken, wie sehr Lenski darunter leidet und versuchen deshalb, Olga davon abzuhalten, weiter mit Onegin zu tanzen. Die anderen Tänzerinnen tanzen das dann gelegentlich so, als bekäme Olga nicht so recht mit, was sie gerade tut, Iana Salenko tanzt es so, dass Olga genau weiß, was vor sich geht und die Figur wird klar, weniger unschuldig und dadurch seltsamerweise menschlicher.

Wie dem auch sei: Salenkos Olga ist mir im Gedächtnis geblieben, die anderen nicht. Ich weise deshalb darauf hin, weil diese Haltung von Iana Salenko für Odette bedeutsam ist. Mir kommt es so vor, dass sie ihre Figuren oft in ihren Schwächen und Mängeln erkennt und auch für den Zuschauer begreifbarer macht. So habe ich in der Aufführung zum ersten mal begriffen, dass Odette Siegfried am Ende nicht verzeiht. Möglich, dass das in den anderen Aufführungen auch klar war, ich es nur erst jetzt bemerkt habe, weil ich das Ding fünfmal gesehen habe, aber nun gut. Die Szene, in der Siegfried um Verzeihung bittet ist bei Salenko/Walter eigentlich ein Tribunal. Die Schwäne gruppieren sich um Odette, Siegfried kniet ungefähr einen Meter von ihr entfernt auf dem Boden und fleht um Vergebung. Odette steht vor ihm schaut ihn eher kühl an und hebt dann zwei Finger gen Himmel (was, glaube ich „schwören“ bedeutet) und erinnert ihn damit daran, dass er seinen Schwur gebrochen hat. Dann geht sie, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Wenn man so will spricht Odette in der Salenko Version Siegfrieds Todesurteil, was das ganze Stück um einiges härter macht. Marian Walter spielt es auch genau so – er hat gerade die Höchststrafe erhalten. Theoretisch könnten jetzt in Anlehnung an Matthew Bournes Swan Lake die Schwäne das Todesurteil vollstrecken, aber das überlassen sie dann lieber Siegfried selbst. Die Szene macht völlig klar, dass Odettes Liebe zu Siegfried nicht von Anfang an gegeben ist, sondern nur als mögliche Belohnung im Raum steht für den Fall, dass Siegfried sie erlöst. Sie will etwas von ihm und da er nicht liefert, interessiert er sie nicht mehr. Zumindest Beatrice Knop und Ekaterina Krysanova sind vor diesem Aspekt von Odette etwas zurück geschreckt. Iana Salenko hat derartige Skrupel nicht und kann so tiefere Schichten der Figur offenlegen, was mich ja prinzipiell mehr interessiert als die konventionellere Sichtweise, Odette als verliebte Schwanenkönigin zu zeigen. Darüberhinaus ist es die Interpretation, die für die Berliner Inszenierung am sinnigsten erscheint, weil dadurch die Tragik komplett auf Siegfried gelegt wird – Odette hat da bereits ihre Enttäuschung überwunden und tritt jetzt als Göttin der Gerechtigkeit (oder der Rache) auf.

In der Zusammenschau ist Iana Salenko dann insgesamt von der Figurenhaltung her am klarsten und sinnigsten. Polina Semionova ist die beste Odile. Ekaterina Krysanova bekäme den fouttées Spezialpreis, weil sie die 32 Pirouetten auf geschätzten 30 Quadratzentimentern aufführt und man den Eindruck hat, sie könnte auch noch zwei Stunden so weiter machen, ohne mehr Platz zu brauchen. Polina Semionova ist ihr da dicht auf den Fersen, während Beatrice Knop und Iana Salenko die fouttées etwas raumgreifender vortragen. Für den Gesamteindruck ist das nicht so erheblich, aber da die fouttées ja etwas sind, worauf die Zuschauer immer achten, sei es hier kurz erwähnt.

Es gibt nach meinem Dafürhalten zwei Siegfriedvarianten: einerseits  eine romantische Variante, die von Dinu Tamazlacaru und Marian Walter gezeigt wurde, in der Siegfried mehr Opfer seiner Gefühle ist und das Sprunghafte an seinem Charakter mehr betont wird. Andererseits eine abgeklärtere Version, die Mikhail Kaniskin und Dmitry Semionov gewählt haben, in der Siegfrieds Haltung stringenter durchgezogen wird, er wirkt nicht ganz so sprunghaft, etwas erwachsener. Mir ist letztere Variante lieber, das ist aber ein bisschen Geschmackssache.

Die Siegfried/Odette Varianten funktionieren nach meinem Dafürhalten alle recht gut (wobei ich mich da bei Semionova/Kaniskin auf die bessere zweite Aufführung beziehe). Semionova/Kaniskin haben vielleicht das größte Potential noch mehr draus zu machen. Mikhail Kaniskin ist ja ein Tänzer, dessen Interpretationen immer Hand und Fuß haben, ohne dass er sich zu sehr in den Vordergrund spielt und das müsste Polina Semionova eigentlich entgegen kommen, also mal sehen, was aus den beiden noch wird.

Als Rotbart habe ich Arshak Ghalumyan und Leonard Jakovina gesehen. Ghalumyan tanzt die Rolle mit einem größeren Furor, wobei er tendenziell mit Polina Semionova besser war als mit Ekaterina Krysanova. Bei Jakovina ist der Plan von Rotbart etwas klarer zu sehen. Ich hab mir beide gern angeschaut.

Die Königinnen nehmen sich nicht viel. Elena Pris hat Glamour, Elisa Carillo Cabrera Leidenschaft, Nadja Saidakova Autorität. Alle tanzen souverän und dabei belasse ich es mal.

Die Bennos waren auch alle gut. Benno ist ja so etwas wie eine etwas kleinere Variante von Siegfried. Dinu Tamazlacaru ist danach zu Siegfried gewechselt, Rainer Krenstetter wird noch Siegfried mit Iana Salenko tanzen. Kevin Pouzou war in der zweiten Vorstellung, in der ich ihn gesehen habe, tendenziell besser (sichtbarer) als in der ersten, bei Dinu Tamazlacaru war es eher umgekehrt.

Soviel zu Schwanensee in dieser Spielzeit. Es steht noch das Staatsballett Minsk aus, das eine vintage Schwanensee Version von Assaf Messerer tanzt und unter dem Künstlernamen „Bolschoi Staatsballett“ (mit einem kleingedruckten „Belarus“) auftritt. Bolschoi heißt, wie ich erfahren habe, einfach nur „groß“ und ist natürlich ein Wort, das Veranstalter gern wählen, wenn sie Zuschauer in eine Vorstellung mit einer russischen (oder weißrussischen) Ballettkompagnie locken wollen.

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