Skip to content

Hofesh Shechter – Political Mother Director’s Cut

Februar 5, 2012

Bedauerlicherweise kenne ich die Originalversion von Political Mother nicht. Choreographer’s Cut heißt hier nicht, wie im Film, dass der Choreograph gewisse Eingriffe von Geldgeberseite in das Werk korrigiert, es scheint vielmehr darum zu gehen, gewisse Aspekte zu verstärken, an denen Hofesh Shechter irgendwie Spaß hatte. Er selbst sagt irgendwo, dass man gar nicht erst versuchen sollte, das Ganze zu verstehen, sondern den Abend als emotionale Erfahrung sehen sollte.
Man kann nicht behaupten, dass das nicht möglich ist. Gewisse Choreographien bieten diesen Ansatz tatsächlich an, Meg Stuarts Violet war so. Political Mother hat, wenn man das Ganze als „emotionales Erlebnis“ sehen soll, den Nachteil, dass es doch recht viele Teile gibt, die „Bedeutung“ zumindest vortäuschen. Das fängt beim Titel an und geht weiter über Bilder, wie: Zwei Leute stehen zitternd auf der Bühne, ein Mann kommt mit einer Schusswaffe dazu und hält sie abwechselnd den beiden anderen an den Kopf, oder:  hoch über den Tänzern hält jemand hitlerreske Reden in einer unbekannten Sprache. Es gibt da eine Menge Kriegsassoziationen und das wird dann gelegentlich recht konkret und natürlich denkt man dann darüber nach. Das verhindert oder erschwert wenigstens das reine „Baucherlebnis“.
Nichtsdestotrotz kann man nicht leugnen, dass PMCC ein ziemlich beeindruckender Abend ist. Das Ganze sieht wahnsinnig gut aus, mit einer gewissen Tendenz zum Bombast (was ich ja mag). Im Grunde gibt es vier Bühnen. Die Hauptbühne, auf der der Tanz stattfindet, dann dahinter drei Ebenen, auf der untersten tauchen gelegentlich Drummer auf, die auf Snare Drums die ohnehin schon üppig besetzte Drumsection verstärken, darüber ungefähr zehn Streicher, die das erste sind, was man an dem Abend sieht. Nachdem der Titel über die Streicher geleuchtet wurde, kommt dann die Ebene über den Streichern ins Spiel, wo eine originell besetzte Metal Band klar macht, wo’s langgeht. Ich habe tatsächlich kein Foto (und kein Video – den besten Eindruck vermittelt noch das hier) gefunden, das einen angemessenen Eindruck davon vermittelt, wie diese vier Ebenen zusammenwirken. Aber das Isolieren und Zuschalten, Zusammenwirken und wieder Ausblenden dieser vier „Bühnen“ ist das, was eigentlich die Dramaturgie des Abends bestimmt. Zum Zuschauererlebnis gehört dann auch das Gefühl, dass die Innereien durch die Bässe der Band gründlich durgeknetet werden (was ich auch mag). Ob man das Angebot an Ohrenstöpseln annimmt oder nicht, es lässt sich glücklicherweise nicht vermeiden, dass der Abend allein durch die Lautstärke ein körperliches Erlebnis wird. Insofern mal eine Vorstellung, in der man vorher nicht aufgefordert wird, das Handy auszuschalten (weil man es eh nicht hören würde), in der das Publikum gröhlt und johlt und sich zu moderatem Headbanging animiert fühlt.


Das eigentlich interessante ist für mich dann auch, dass Shechter neue Arten vorstellt, wie man zu Heavy Metal tanzen kann. Der Mann komponiert seine Musik selbst und er scheint eine gewisse Vorliebe für so etwas wie Progressive Death Metal zu haben. Beim Schlussapplaus demonstrieren die Tänzer und die Band dann kurz die tradierte Form, zu solcher Musik zu tanzen: die Band setzt nochmal ein, die Tänzer beugen sich zurück und fangen dann an zu headbangen. Vorher gibt es Vorschläge, wie man sich auch zu solcher Musik bewegen könnte. Das Tanzgenre ist dabei am ehesten so etwas wie „Ausdruckstanz“, oft synchron in der Gruppe getanzt. Die Arbeit mit dem Oberkörper ist auffälliger als die Beinarbeit, gelegentlich gibt es langsam ausgeführte Sprünge, als würden die Tänzer von unsichtbaren Fäden nach oben gerissen. Am besten ist das dann, wenn die Bewegungen tatsächlich nicht den Eindruck erwecken, eine Bedeutung vermitteln zu wollen. Verglichen mit der Musik ist der Tanz selbst aber oft erstaunlich zurückgenommen. Während die Musik ohne Rücksicht auf Verluste beeindrucken will, gibt es in der Choreographie nur selten derartige Momente. Der Vorteil daran ist, dass der Tanz tatsächlich die Musik kontrastiert – bei den tradierten Formen des Headbangens oder Luftgitarrespielens, doppelt die (meistens improvisierte) Choreographie lediglich die Musik und will auch nichts anderes. Hier entsteht durch die Choreographie tatsächlich eher der Eindruck, dass die Tänzer den Musikern unterlegen sind und wieder kommt man dann zu Bedeutungsebenen, die das Kriegsthema beleuchten. Eine Einteilung in Täter/Opfer bietet sich an, wobei die Tänzer deutlich die Opfer repräsentieren, die sich letztlich durch den Tanz gegen die angedrohte oder reale Gewalt zur Wehr setzen („Where there is pressure there is folkdance“), sich manchmal ergeben oder einfach vom vorgegebenen Rhythmus bewegen lassen. Figuren, die als Täter auf der Bühne auftauchen (ein Mann in Gorillamaske), finden sich dann gelegentlich als Sänger auf der Bandbühne wieder. Es ist dann tatsächlich relativ einfach, in der Bühnenstruktur selbst gewisse Machtstrukturen zu sehen und ich nehme an, wenn man das genauer untersucht, kommt man da auch zu durchaus interessanten Ergebnissen.
Nichtsdestotrotz hat Hofesh Shechter recht, wenn er abrät, nach Sinn oder Bedeutung zu suchen, weil das eigentliche Beeindruckende an dem Abend tatsächlich nicht die mögliche Bedeutung ist, sondern die pure visuelle und akkustische Kraft, die da über einen hereinbricht.
PS.: Das erste Bild habe ich von der Homepage von Political Mother (Foto: Gabriele Zucca) stibitzt, das zweite von der entsprechenden Spielzeit Europa Seite (Copyright: Tom Medwell). Falls ich Urheberrechte verletzt habe, Bescheid sagen, dann lösche ich die Bilder wieder.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: