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Yui Kawaguchi/Aki Takase – Chaconne

März 5, 2012

In letzter Zeit habe ich die freie Szene ein wenig vernachlässigt. Wie um mich daran zu erinnern habe ich auch meine Termine ducheinander geworfen, das heißt mein eigentlicher Zeitplan letzte Woche war: Donnerstag: Yui Kawaguchi, Freitag: Ballettunterricht, Samstag: Romeo und Julia, um dann nach dem Ballettunterricht festzustellen, dass Romeo und Julia eigentlich auch Freitag war. Warum sich das Staatsballett nicht an den Plan hält, den sich mein Gehirn zurecht gelegt hat, weiß ich nicht. Das ist ja manchmal ärgerlich an der Wirklichkeit, dass sie sich nicht an die Vorstellungen hält, die man sich so gemacht hat. So viel zu: man erzeugt die Wirklichkeit selbst, wie man das in Büchern wie „the secret“ und ähnlichem Kram manchmal lesen kann. Den Staatsballettspielplan erzeuge ich jedenfalls nicht.

Wie dem auch sei, Yui Kawaguchi fand so statt wie ich mir das gedacht hatte und es geht darin natürlich genau darum – also nicht um den Staatsballettspielplan, sondern welche Optionen man hat, wenn die Welt eben nicht so ist, wie man sie gern hätte.

Chaconne hatte ich schon mal vor ungefähr einem Jahr gesehen und setzte mich deshalb diesmal auf die andere Seite, rechts, wodurch mir der Flügel von Aki Takase manchmal den Blick auf Yui Kawaguchi versperrt hat, aber ich schaue Musikern ja auch gern bei der Arbeit zu. In der freien Szene ist es ja manchmal schwierig Stücke mehrmals zu sehen, weil sie anders als in einem Repertoiretheater nicht schön über mehrere Jahre verteilt wieder und wieder aufgeführt werden. Also ganz gut, dass Chaconne noch mal gezeigt wird.

Vor einem Jahr fand ich es schwierig herauszufinden, worum es in dem Stück eigentlich geht und ob es überhaupt um irgendwas geht, was dazu führte, dass ich mit der Bekannten, die mich begleitete, danach das Theater verließ und nicht viel mehr zu sagen hatte als: ja, war ganz lustig.

Ich kann das dann natürlich wortreicher ausführen, aber im Endeffekt lief es darauf hinaus.

Diesmal hatte ich mehr den Eindruck, dass es ein Thema gibt, es ist aber nicht ganz leicht zu finden, weil die Form das Thema nicht unbedingt doppelt.

Bisher war es in jeder Yui Kawaguchi Performance, die ich gesehen habe (außer vielleicht „Flying Bach“, was auch streng genommen keine Yui Kawaguchi Performance ist) so, dass sie da eine gewisse Nähe zum Clownesken hat. Anders als ein Clown braucht sie kein Make-up, weil sie die ganzen Grimassen und Manipulationen der Mimik auch so hinbekommt.

Mein Verhältnis zum Clownesken ist gespalten. Als Kind mochte ich Clowns, glaube ich, nicht besonders, mittlerweile sehe ich das etwas differenzierter, aber generell muss ich sagen, dass ich Clowns immer noch gruselig finde und gut verstehe, wenn sie in Horrorfilmen häufiger die Rolle des Bösewichts zugewiesen bekommen.

Aber wie auch immer, das Clowneske ist hier nur mittel zum Zweck und nicht das Performanceprinzip.

Während ich in der Aufführung saß hatte ich irgendwann diesen Moment, als mir klar wurde, dass fast jede Aktion etwas damit zu tun hatte, dass die Tänzerin sich gegen etwas wehrt oder versucht, mit einer tendenziell feindlichen und unberechenbaren Umwelt klar zu kommen.

Das wogegen sich gewehrt wird ist vielgestaltig: einmal geht es um den eigenen Körper, der sich gegen die Tänzerin wehrt oder Dinge tut, die sie nicht will, bzw. sie davon abhält, Dinge zu tun, die sie will, wie vom Klavier wegkommen z.B. Das wird gezeigt in einer recht herkömmlichen pantomimischen Tanzaktion: die Hand oder das Bein, das ungesteuerte Bewegungen macht, die andere Körperteile verhindern wollen (die eine Hand versucht die andere ruhig zu halten, Hände versuchen das Bein zu kontrollieren, der restliche Körper versucht die Hand dazu zu bringen, das Klavier loszulassen).

Dann wieder geht es darum, sich gegen die Außenwelt zu wehren. Es wird rumgerannt und gegen Fenster geklopft. Die empfundene Enge der Welt (der Raum ist nicht wirklich klein oder nur dann wenn man ihn zu entsprechend größeren Räumen in Relation setzt), spiegelt dabei nur die Enge des eigenen Körpers.

Manchmal gibt Yui Kawaguchi den Kampf auf und lässt den Körper einfach völlig „untechnische“ Bewegungen machen. Sie dreht sich und das hat dann nichts mit Pirouetten oder ähnlichem zu tun, sondern eher damit, wie sich jeder, der gerade Lust darauf hat, drehen würde.

Abgesehen vom eigenen Körper und dem Raum gibt es natürlich noch das dritte Element, das tatsächlich ständig die Kontrolle hat und von außen kommt: die Musik. Es ist bei Chaconne schon so, dass der Tanz im wesentlichen der Musik folgt, aber nicht unbedingt auf eine harmonische: „ich-verbinde-mich-mit-dem-Klang“ Art. Die Musik ist eher etwas, das den Körper in Besitz nimmt, eine Form von Besessenheit, Gegenwehr ist sinnlos, aber in Ansätzen, die immer wieder scheitern, erkennbar. Wenn Yui Kawaguchi versucht, aus dem Raum rauszukommen oder sich an die äußerste Wand drückt stellt sich die Frage, ob sie gerade vor der Musik fliehen will oder ob die Musik sie daran erinnert, dass es möglicherweise noch „etwas da draußen“ gibt. Aber in meiner Wahrnehmung ist die Musik meistens bedrohlich, wenn auch – wie bei einem Clown – gelegentlich Freundlichkeit vorgetäuscht wird. Letztlich nähert sich die Tänzerin dem Klavier erst auf kontrollierte Art, als die Musik für eine Zeit verstummt – vorher war die Annäherung risikoreich – die Hand am Klavier, die nicht mehr loslassen kann. Da die Annäherung einmal gefahrlos funktioniert hat, wird es dann auch möglich, selbst die Klänge zu erzeugen, die vorher völlig unberechenbar auf sie eingestürmt sind und die sie jetzt mehr zu etwas eigenem gemacht hat.

Da bin ich dann wieder bei einem Thema, das mich schon bei Matsukaze und Lost Anni beschäftigt hat: Wie verhält man sich im Angesicht der Unberechenbarkeit der Welt. Man ist dann beim alten Problem des Loslassens/der Akzeptanz eigentlich unerwünschter Umstände und der Frage, inwieweit man durch derartige Umstände bei entsprechendem Mut sogar profitieren kann. Es geht dann letztlich um die ganze Bandbreite von Resignation, am unteren Ende, man hört auf sich zu wehren und erträgt nur noch, zu Akzeptanz, man nimmt was man eh nicht ändern kann an und Inspiration, man nimmt die Dinge (Akzeptanz) und nutzt die Erfahrung, um damit etwas hilfreiches zu machen. Alle Varianten vom sich Wehren zum Annehmen zur Resignation zur Inspiration tauchen in Chaconne an der ein oder anderen Stelle auf.

Es gibt dann noch eine fünfte Variante, wenn Yui Kawaguchi am Ende eine Schnur aus dem Klavier holt und Fäden über die Bühne spannt. Ich lese das erstmal so, dass darin ein Versuch zu sehen ist, die generelle Unberechenbarkeit der Welt, der Musik und des eigenen Körpers irgendwie zu fesseln, zu kontrollieren, Grenzen zu setzen.

Die Grenzen, die durch die Schnur gesetzt werden, sorgen aber letztlich dafür, dass die Bewegungsfreiheit auf der Bühne eingeschränkt wird. Yui Kawaguchi muss sich plötzlich bücken, muss kriechen, über die Seile springen, das heißt der Versuch der Kontrolle führt letztlich zu einem Verlust der Freiheit.

Und dann ist es natürlich auch wieder so, dass die Begrenzungen der Schnur zwar die Bewegungsmöglichkeiten im vorher weitgehend leeren Raum einschränken, sie aber gleichzeitig auch neue Spielmöglichkeiten eröffnen. Das Gute an dem Stück ist, dass nichts einfach ist, sondern der ganze Themenkomplex zwar unaufdringlich, aber der Komplexität angemessen ausgebreitet wird.

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