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Polina Semionova und das Staatsballett

März 12, 2012

Na schön, irgendwie merke ich, dass mich das Thema doch mehr beschäftigt als ich dachte. „Das Thema“ ist natürlich Polina Semionova, die (über Facebook) erklärt hat, dass sie das Staatsballett Berlin verlassen wird. Mittlerweile wurde das vom Staatsballett bestätigt.

Die Komplikationen fangen damit an, dass nicht ganz klar ist, was mit „Staatsballett verlassen“ eigentlich gemeint ist. In einem Presseartikel stand, sie lasse „ihren Vertrag umwandeln“, was impliziert, dass sie noch weiter in Berlin tanzen wird, aber nicht mehr als Festangestellte. Ähnliches lässt sich aus einem Interview schließen, dass sie der Berliner Morgenpost gegeben hat, auch wenn sie da schwammig bleibt, offenbar weil noch nichts klar ist.

Es scheint so zu sein, dass sie nicht zu einer anderen Kompanie wechselt (Mikhailovsky wäre  mein Tipp gewesen), sondern als freie Tänzerin arbeiten will.

Für mich ist das alles ein bisschen seltsam, weil ich ja die Romeo und Julia Aufführung mit ihr verpasst hatte (und im April nachholen werde) und schon geplant hatte, darüber zu schreiben, wie eminent wichtig es für das Staatsballett ist, Semionova zu halten und dass ihr Verbleib in der Truppe keinesfalls selbstverständlich ist. Weil:

Vladimir Malakhov zieht sich aus dem Prinzengeschäft zurück, weil er seinen eigenen tänzerischen Ansprüchen in diesen Rollen nicht mehr genügt (und auch den Ansprüchen der Presse und des Publikums nicht), damit fällt einer der Gründe weg, weshalb Polina Semionova nach Berlin gekommen ist, nämlich weil sie mit Malakhov tanzen wollte. Ein gleichwertiger Ersatz findet sich im Ensemble nicht so ohne weiteres, es geht ja nicht nur darum, jemanden zu haben, mit dem sie irgendwie tanzen kann (das geht mit allen), sondern darum, dass sie gern mit ihrem Partner tanzt und sie das künstlerisch weiter bringt. Dadurch, dass ihr Bruder für fast alle Rollen als Partner wegfällt, hat sie da noch weniger Optionen als die anderen ersten Solistinnen.

Der zweite Grund für Berlin war, dass sie hier sofort die großen Partien tanzen konnte und dafür braucht sie mittlerweile Berlin nicht mehr. Für sie wird es um die Frage gehen: was bringt sie künstlerisch weiter. Sich da ein wenig Freiraum zu verschaffen ist erstmal verständlich und wahrscheinlich richtig. So sehe ich das jedenfalls von  außen. Was hinter den Kulissen abgelaufen ist, weiß ich nicht, bin auch nicht sicher, ob ich’s wissen will.

Sie hat sicherlich Malakhov und dem Staatsballett viel zu verdanken, aber man kann wohl sagen, dass sie genauso viel zurück gegeben hat. Wenn das Staatsballett in der New York Times erwähnt wird, dann liegt das daran, dass Polina Semionova in der New York Times erwähnt wird und sie den entsprechenden Ehrgeiz hat, sich international mit der Konkurrenz zu vergleichen.

Ich will damit nicht die Qualität der anderen Tänzer und Tänzerinnen schmälern, aber Semionova war schon international das Aushängeschild der Kompanie.

Für mich persönlich ist die junge Dame der Grund dafür, dass ich Ballett interessant finden konnte. Ich brauche nicht Polina Semionova, um zu erfahren, dass Ballett irgendwie sexy ist, das versteht sich auch ohne sie von selbst, aber mein eigentliches Balletterlebnis war ja schon ihre Onegin Version, wo ich das erste mal gemerkt habe, dass es möglich ist, im Ballett spezifische Aussagen zu treffen, die tiefsinniger sind, mehr Raum für eigene Gedanken lassen, als in anderen Formen (die Oper „Onegin“ ist, wenn auch inhaltlich identisch, dadurch dass Sprache bemüht wird, festgelegter in der Aussage und deshalb flacher). Vorher war Ballett für mich eine irgendwie rätselhafte Veranstaltung, die gut aussah, aber zum Geschichtenerzählen nicht so geeignet, weshalb ich abstraktere Tanzformen, in denen der konkret sinnliche oder atmosphärische Aspekt im Vordergrund steht, bevorzugt habe (am Staatsballett also eher Nadja Saidakova Territorium). Das hat sich erst durch Semionova relativiert, insofern verdanke ich ihr als Zuschauer sehr viel.

Natürlich wird es jetzt Diskussionen darüber geben, wie es so weit kommen konnte. Man wird vermutlich Malakhov und die Staatsballett Dramaturgie für die Spielplangestaltung kritisieren, möglicherweise auch die Berliner Kulturpolitik dafür, dass es da kein ausreichendes Problembewusstsein gab. Das ist für meinen Kenntnissstand alles eher spekulativ. Ich nehme an, dass Polina Semionova für sich die richtige Entscheidung getroffen hat, wenn auch eine risikoreiche. Also um ihren Lebensunterhalt muss man sich wohl keine Sorgen machen, aber natürlich ist die Verwirklichung künstlerischer Träume als Tänzer daran gebunden, dass man die richtigen Leute zur richtigen Zeit trifft – das ist ihr einmal mit Vladimir Malakhov passiert und ich hoffe, es passiert ihr nochmal. Es wäre jedenfalls sehr schade, wenn sie sich in unzähligen Klassikergastspielen selbst verheizt.

Was das Staatsballett betrifft, sehe ich die Sache so: die ideale Ballettkompagnie hat zwei bis drei herrausragende Solisten, ein gut eingespieltes und technisch versiertes Corps de Ballet und einen gesunden Konkurrenzkampf unter den Solotänzern, bei dem man weitgehend intrigenfrei über die Runden kommt. Die ideale Ballettkompanie hat außerdem einen Choreographen, der kontinuierlich Jahr für Jahr mit dem Ensemble zusammenarbeitet, der Kompanie gewissermaßen einen künstlerischen Stempel aufdrückt, die Tänzer weiter bringt, ihnen den Spaß an der Arbeit erhält und sie vor neue Herausforderungen stellt. Die ideale Ballettkompagnie hat die wesentlichen Klassiker im Programm, einerseits um die Tradition zu wahren (und die wird im Ballett durch Aufführungen des Erbes gewahrt), andererseits um ein möglichst vollständiges Bild der Kunstform zu präsentieren.

Es ist nicht so, dass das Staatsballett keines dieser Kriterien erfüllt. Die Tänzer sind vom Corps de Ballet bis zu den Solisten auch ohne Polina Semionova gut bis sehr gut. Die Klassiker werden auf durchaus interessante Weise gepflegt. Wie die Stimmung in der Kompanie ist, weiß ich nicht.

Ein Choreograph fehlt. Eine erkennbare künstlerische Identität fehlt (die nicht notwendig an einen Hauschoreographen gebunden sein muss). Künstlerische Identität heißt nur, dass es eine Frage gibt, die man versucht, mit den Mitteln des Balletts zu beleuchten. Die Frage kann sein: Wie sieht zeitgemäßes Ballett aus? Oder Wie kann man mit den Mitteln des Balletts heute noch interessante Geschichten erzählen? Oder: Was ist Ballett eigentlich? Die Frage muss nicht beantwortet werden, aber sie bietet einen Orientierungspunkt um den herum die eigentliche Arbeit stattfindet und die das Interesse des Publikums bindet. Es ist sinnvoll, wenn es eine Person gibt, die tatsächlich an der Erforschung der Frage interessiert ist (sagen wir wie Pina Bausch mit ihrem: „es interessiert mich nicht, wie Leute sich bewegen, sondern was sie bewegt“ oder wie das Zitat geht.), deshalb bietet sich ein Choreograph dafür an. Wenn eine Kompanie sich zu sehr auf die Strahlkraft der Tänzer verlässt (Malakhov, Semionova, für Spezialisten Nadja Saidakova), besteht die Gefahr mehr oder weniger zur Touristenattraktion zu verkommen. Die Frage: „Was kriegt Vladimir Malakhov auf seine alten Tage noch als Tänzer gestemmt?“ kann natürlich auch zentral sein, ist aber nicht übermäßig spannend.

In Berlin geht es im Moment darum, was das Staatsballett Berlin eigentlich ist, wenn es nicht mehr Malakhov (als Tänzer) oder Semionova ist. Das ist durchaus eine Chance, eine Identitätskrise, wenn man so will und daraus kann man ja bekanntlich auch gestärkt hervorgehen. Mag sein, dass sich die Frage schon in dieser Spielzeit mit den noch anstehenden Premieren/Uraufführungen ein wenig klärt, sie muss aber so oder so beantwortet werden. Und hoffentlich in der nächsten Spielzeit mit Polina Semionova als regelmäßiger Gasttänzerin.

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