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Toula Limnaios – the rest of me

März 16, 2012

Na gut, das wird ein bisschen Arbeit. Die Sache ist die: es gibt gute Kritiken zu dem Stück, womit ich meine, Kritiken, die angemessen beschreiben und interpretieren, was passiert (siehe tanznetz.de). Ich finde es ja schwierig, etwas über Toula Limnaios Stücke zu sagen, weil ich bei mir die Tendenz bemerke, davon ausgehend immer auf relativ abstrakte Ideen über das Leben und das Universum im allgemeinen zu kommen und bei solchen abstrakten Ideen bin ich grundsätzlich misstrauisch, ob ich gerade auf was extrem Schlaues gekommen bin oder nur auf sinnlose Allgemeinplätze. Also mal sehen, wie das diesmal ist.

Es ist sicher richtig zu sagen, dass es in Toula Limnaios’ Solo um so etwas wie eine „Suche nach sich selbst“ geht und gleichzeitig stimmt das irgendwie dann auch nicht. Anders gesagt: die Suche nach sich selbst, in der Vergangenheit, der Gegenwart und in Träumen von der Zukunft, ist nicht nur Suche, sondern auch gleichzeitig das, was gefunden wird, der „Ist-Zustand“. Also die Frage: „Wer bin ich“ mit „Jemand, der nach einer Antwort auf diese Frage sucht“ oder: „Jemand, der die Antwort nicht finden kann“ zu beantworten ist ja durchaus legitim und in dem Augenblick, in dem man die Frage stellt, sicher richtig.

In Anekdoten über fernöstliche Heilige, denen derartige Fragen gestellt werden, lautet die Antwort in der Regel: „Ich weiß es nicht“, was dann als Gipfel der Weisheit gilt, wenn man denn verstehen könnte, was das eigentlich heißt. Natürlich kann man die Frage erweitern durch: „Wer war ich? Wie bin ich geworden, was ich jetzt bin? Wer werde ich sein? Wer wäre ich gern und warum bin ich das nicht?“ und all das passiert auch in „the rest of me“, es scheint so, als würde Toula Limnaios mehr oder weniger sich selbst aufsammeln, die Teile anschauen und versuchen, in der Performance zu einem Ganzen zusammen zu setzen, um zu sehen, was das dann eigentlich ist. Im Endeffekt läuft es auf das „Ich weiß es nicht“ hinaus und man könnte die These aufstellen, dass es in „the rest of me“ darum geht, zu erkunden, was das bedeutet.

Die menschliche Existenz im Allgemeinen als Suche zu sehen ist eine Haltung, mit der ich mich durchaus anfreunden kann. Der Suchvorgang an sich kann ja äußerst produktiv sein. Man hat vielleicht nicht das gefunden, was man meinte finden zu müssen, aber dafür andere Dinge, die auch irgendwie interessant und faszinierend sind. Es ist nicht unbedingt wünschenswert, das Gesuchte zu finden, weil es dann keinen Antrieb mehr gäbe, weiter sich selbst und die Welt zu erkunden und verstehen zu wollen. Und das ist letztlich der Antrieb für jede Form von Kreativität. „the rest of me“ ist dann auch nicht unbedingt als „Ergebnis“ zu sehen, sondern eher als der Vorgang des Suchens selbst. Toula Limnaios sieht darin einen Vorteil des Tanzes gegenüber der Sprache. Als Tänzer muss man nicht so tun, als hätte man etwas gefunden, was definitive Gültigkeit über den Augenblick hinaus behält (als Sprachmensch schon). Wenn man etwas sagt oder aufschreibt ist es ja so, dass das dann erstmal im Raum steht und stehen bleibt, auch wenn man fünf Minuten (oder zwei Tage) später die Sache schon wieder etwas anders sieht. Dadurch dass Tanz eine Kunst des Augenblicks ist und auf Sprache (meistens) verzichtet (oder als Sound oder Assoziationsraum einsetzt), ist Tanz gerade durch die oft beklagte „Flüchtigkeit“ eigentlich ein präziserer Ausdruck.

Die Oberfläche von „the rest of me“ könnte man beschreiben als sehr klar stukturierten Ablauf mit recht deutlichem Symbolgehalt – der rote Faden, der sich um ihren Kopf gewickelt hat, der schwere Ranzen, der sie zu Boden reißt, das Tanzen in High Heels, das sich vom Eleganten zur Qual hin entwickelt, das sich in ein Vogelwesen verwandeln am Ende – diese Symbole kann man natürlich interpretieren. Wenn man die Symbole in Sprache übersetzt, hält man sich entweder an die zugehörige Mythologie oder übersetzt sie in den eigenen Erfahrungsbereich. An dem Punkt ist „the rest of me“ ein wenig wie Traumdeutung. Man bekommt Bilder und bringt sie mit sich selbst in einen Bezug.

Ganz willkürlich ist das natürlich nicht. Nimmt man z.B. den roten Faden am Anfang, als einfachstes Symbol des Abends, ist es logischerweise bedeutsam, dass der Faden sich um ihren Kopf gewickelt hat und letztlich eine rote Maske ist, die die Tänzerin davon abhält klar zu sehen oder sich verständlich zu machen. Wenn sie den Faden abwickelt, geschieht das erst langsam, mit einer gewissen Neugier, dann schneller, fast panisch, wie erkennend, dass der Versuch, dem eigenen Leben ein „Thema“ zu geben, eine Passion oder wie auch immer man das nennen will, so erfolgreich er im Fall von Toula Limnaios auch sein mag, letztlich auch zu einer Verengung der Perspektive führt, ein Problem, das sich jedem stellt, der sich in seinem Leben für einen bestimmten Weg entscheidet und irgendwann feststellt, dass dadurch eben sehr viele mögliche Variationen, die vor Jahren noch denkbar gewesen wären, nicht mehr umzusetzen sind.

Lebenskrisen, Identitätskrisen sind normalerweise dazu da, die getroffenen Entscheidungen zu hinterfragen, gegebenenfalls zu korrigieren – oder eine Phase der Depression einzuschieben, wenn eine Korrektur nicht möglich ist, um dann den Loslassprozess einzuleiten, um den es hier ja irgendwie schon mehrmals ging.

Natürlich habe ich keine Ahnung, ob Toula Limnaios sich in einer Krise befindet, aber die Arbeit, die sie in „the rest of me“ leistet, ist die Arbeit, die man gemeinhin in so einer Situation erledigt – Bilanz ziehen; was manifestiert wurde mit den eigenen Träumen vergleichen.

Der „Vogeltanz“ am Ende, langsam und konzentriert, ist in meinen Augen ein positiver Abschluss. Da Toula Limnaios ein Mensch ist, kann sie kein Vogel sein, aber im Tanz hat sie dann vielleicht die Form gefunden, die einen Ausdruck unmöglicher Varianten von sich selbst noch am besten erlaubt – das ist ein Privileg, das jeder Künstler hat. Und dass das am Ende der Performance steht ist dann doch irgendwie überraschend versöhnlich. Da sieht man dann doch jemanden, der seinen Frieden mit sich und dem bisher Geleisteten gemacht hat.

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