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Lucky Trimmer 17

April 8, 2012

Bei Lucky Trimmer handelt es sich um eine Reihe von Abenden, an denen Choreographen, Tänzer und andere Künstler kleinere Arbeiten vorstellen können. Die Länge der Darbietungen ist auf zehn Minuten begrenzt, das hat den Vorteil, dass man sich wahrscheinlich nicht langweilt und den Nachteil, dass der Abend insgesamt Gefahr laufen könnte, in ein relativ willkürliches „Anything goes“ auszuarten, ähnlich einem Galaabend im Ballett. Außer der Zeitbeschränkung gibt es nach meinem Kenntnisstand keinerlei Vorgaben.

Dadurch bietet sich mir als Zuschauer die Möglichkeit, anhand der gezeigten Stücke über mögliche Trends im zeitgenössischen Tanz zu spekulieren. Inwieweit das Gezeigte tatsächlich repräsentativ ist, weiß ich natürlich nicht, aber nichtsdestotrotz gibt es einige interessante Motive, die sich in mehreren Stücken ausmachen lassen.

Aber der Reihe nach.

Das erste Stück, „(How to be) almost there“ betitelt, ist ein Duett der Kompanie Headfeedhands (sic.), laut Programmheft eine Gruppe die sich dem „Neuen Zirkus, Tanz und Theater“ verschrieben hat. Darüber lässt sich natürlich gleich schon eine Menge sagen. Ich bin mit den Entwicklungen im „Zirkus“ nicht sehr vertraut, bei Lucky Trimmer wird das aber später noch einmal auftauchen, beim Auftritt von Gregor Wollny, der „Clown, Mime und Jongleur“ ist und entsprechend eine atmosphärisch durchaus dichte Jongliernummer präsentiert. Die Kurzform ist natürlich im Zirkus beheimatet, insofern mag es nicht unbedingt überraschen, dass das an dem Abend eine Rolle spielt.

Was „almost there“ betrifft ist es so, dass es sich dabei um ein Duett handelt, das einem längeren Stück entstammt. Headfeedhands haben zu diesem Zwecke zwei Choreographinnen als Gäste geladen, nämlich Maya Lipsker und Anne Hirth. Inwieweit sich die Headfeedhands Kompanie und die Gastchoreographen gegenseitig befruchten oder durch die Zusammenarbeit eher eigene Handschriften verwischen, lässt sich anhand des Duetts nicht beurteilen. Festzuhalten ist, dass es sich offensichtlich um Genreannäherungen handelt, in dem Fall Akrobatik und Neuer Tanz, was erstmal interessant ist und sich hier vor allem dadurch zeigt, dass die durchaus spektakulären akrobatischen Aktionen der Performer Teil einer kleinen Beziehungsgeschichte sind (jedes Duett ist eine Beziehungsgeschichte). Das heißt es geht nicht unbedingt darum, Kunststücke aufzuführen, sondern eine Geschichte zu erzählen. Dass das Duett ein Ausschnitt aus einem größeren Werk ist, ist dabei eher ein Nachteil, weil ich tatsächlich den Eindruck hatte, dass der Zusammenhang ein bisschen fehlte. Da wäre es interessant, mal das ganze Stück zu sehen.

Was folgt ist das erstaunliche „Nothing for body“ von Howool Baek. Im Programmblatt steht folgender Satz: „Der Körper ist die Bühne, Finger und Zehen sind die Tänzer.“ Ich zitiere das deshalb, weil das ziemlich genau beschreibt, was da passiert. Howool Baek sitzt im Scheinwerferlicht auf der Bühne und Hände, Finger und Füße bewegen sich wie kleine Tiere, alles sehr kontrolliert und nach einer Weile vergisst man tatsächlich, dass die Hände und Füße Teile des Körpers sind, auf und um den herum die Bewegungen stattfinden. Ein Effekt, den ich sehr gern mag, weil sich dadurch eine andere Wahrnehmung auf das eröffnet, was der Körper ist oder zu sein scheint. Die Musik von Matthias Erian tut das ihrige dazu, dass sich eine gute Konzentration einstellt. Darüberhinaus stellt Howool Bael ein weiteres Motiv vor, dass am Abend noch einige Male auftauchen wird: Die „unmenschliche“ Bewegung, wenn man so will. „Unmenschlich“ ist natürlich kein gutes Wort, gemeint ist: Bewegungen, die eher amphibien -, insekten- oder pflanzenartig sind. Der Ansatz von Howool Baek ist dabei ausgesprochen originell und in der Reduktion (sie braucht nicht viel Platz, keinerlei Props und kein Kostüm) ausgesprochen kraftvoll. Ich könnte da stundenlang zuschauen.

Por Sal y Samba von Carles Casallachs ist dann ein recht krasses Kontrastprogramm. Ich kenne mich mit Samba und lateinamerikanischen Tänzen nicht so recht aus, wenn man von Por Sal y Samba ausgeht, scheint es sich dabei um eine Mischung aus Balzverhalten und relativ ungebremster Gewalt zu handeln. Carles Casallachs und Clara Saito tanzen – d.h. sie besprühen sich erst mit Duftwässerchen, führen dann die Bewegungen aus, die man aus Klischees von lateinamerikanischen Tänzen kennt, Hüftschwung, die „Olé“ Armhaltung, vorderes Bein gebeugt, hinteres gestreckt, um sich dann unvermittelt an den Haaren über den Bühnenboden zu schleifen und Ringkämpfe auszutragen, die dann wieder durch die eleganten Tanzbewegungen unterbrochen werden, die, je extremer die Folterungen ausfallen, denen die beiden sich aussetzen, zunehmend zur Fassade werden – was sich hinter Samba verbirgt scheint dann reiner Geschlechterkrieg zu sein. Saito stellt sich mit den Absätzen ihrer Stöckelschuhe auf die nackten Waden von Casallachs, der Höhepunkt ist, dass Clara Saito Carles Casallachs Salz in den geöffneten Mund schüttet und mit Cola nachspült – er spuckt das dann wieder aus; als Kind habe ich gelernt, dass man wenn man die Menge an Salz, die Casalachs da aufnimmt, isst, sterben kann – Dehydrierung, ich nehme an, das ist nicht nur ein Gerücht. Eine Mischung aus Samba und Wiener Aktionismus. Die Kombination aus Komik, die in alptraumhafte Gewalt umschlägt hat mich ein bisschen an „Brother brother“ erinnert, das ich vor kurzem gesehen habe (von u.a. Clint Lutes, der bei Lucky Trimmer als Organisator in Erscheinung tritt). Da Casallachs und Saito nur zehn Minuten Zeit haben läuft das hier krasser und schneller ab, was ein Nachteil sein könnte – weil sie aber ziemlich entschieden in ihre Eskalation gehen, funktioniert das erstaunlich gut. Man hat nicht das Gefühl, dass das länger sein müsste. Die Performance ist hart und ich hab schon zwei Stunden Stücke gesehen, in denen weniger passiert. Ziemlich gut, aber auch ein ziemlicher Schocker nach der eher meditativen Performance von Howool Baek.

Das schon erwähnte „Ballons“ von Gregor Wollny ist dann eine relativ klassische Zirkusnummer, was nicht abwertend gemeint ist, weil es eine sehr schöne, ruhige Zirkusnummer ist, während der man sich ein bisschen erholen kann.

„In (n)ever Loverland“ von Athansia Kanellopoulou fällt ein bisschen raus. Sie kommt auf die Bühne und tanzt als wäre sie vom Teufel besessen. Find ich grundsätzlich gut und hat was ziemlich Ehrliches. Für mich ist da kein Wunsch erkennbar, das Publikum unbedingt beeindrucken zu wollen, was man bei zehn Minuten Stücken eigentlich erwarten würde. Es ist nicht viel Zeit, also muss man zeigen, was man kann. Athanasia Kanellopoulou, zeigt, dass sie tanzen kann, aber irgendwie scheint das nicht wirklich der Punkt zu sein, es scheint eher darum zu gehen Energie loszuwerden, ein Solo wie ein Wutanfall, sie kommt auf die Bühne, macht ihr Ding und das ist es. Keine Ahung, warum ich denke, dass das eine unglückliche Liebesgeschichte ist.

„Touch the flow“ von Ryuzo Fukuhara. Butoh. Auch wieder ein Ausschnitt aus einem längeren Stück, das den schönen Titel „Ghost between people“ hat und das ich auch mal gern in voller Länge sehen würde. Ich bin bei Butoh ja immer versucht, lange Vorträge zu halten, hab auch lange nicht mehr Kazuo Ohno zitiert, was dann natürlich immer fällig wird, aber um die Wahrheit zu sagen: das war tatsächlich die erste Butoh Performance, die ich gesehen habe. Butoh macht mir Angst. Weiß nicht warum. Vielleicht, weil der erste Tanzworkshop, den ich besucht habe ein Butoh Workshop war und ich da Angst ohne Ende hatte, vermutlich weil Butoh in der Form des Selbstausdrucks sehr konsequent ist und dazu fühlt man sich nicht unbedingt in jeder Lebensphase in der Lage. Körperbeherrschung ist von Vorteil, aber nicht notwendig eine Voraussetzung. Ich habe wenig Vergleiche, aber Ryuzo Fukuhara beeindruckt mich irgendwie.

Kapitel zwei zum Thema: unmenschliche Bewegung. Er erinnert mich an eine Pflanze, die Baumleute in Herr der Ringe. Dabei sind die Bewegungen überraschend breakdancig. Gute Musik (Rura Urugata). Butoh Tänzer machen auf mich immer den Eindruck, dass sie eine gewisse Härte gegen sich haben und sie der Überzeugung sind, dass diese Härte notwendig ist, um auszudrücken, was ausgedrückt werden muss. Die japanische Spielart des Expressionismus. Der Körper wird zum Instrument, der ohne Rücksicht auf Verluste die Seele reinlassen muss. Das Gesicht ist nur eine Sammlung von Muskeln, die sich bewegen, wie die anderen Muskeln auch und manchmal hat eine Bewegung im Mund, in der Zunge oder den Lippen ihren Ausgangsimpuls, das entscheidet der Tänzer oder etwas entscheidet es für ihn. Interessanterweise gibt es da dann Parallelen zu Athanasia Kanellopoulou, wobei sie das Vokabular des Modern Dance benutzt, um etwas rauszulassen, während Butoh konzentrierter ist, mehr bildorientiert. Bei Butoh ist der Tänzer alles. Er findet unter Umständen heraus, dass es ihm besser entspricht, einen Strauch zu tanzen, einen Stein, eine Wolke oder einen Fisch, während Athanasia Kanellopoulou dazu verdammt ist, immer sie selbst zu sein. Ah, muss mir mehr Butoh Performances anschauen. Sehr gut.

Dann kommt ein Animationsfilm „Man ist he only bird that carries ist own cage“ von Claude Weiss. Natürlich ist die Filmvorführung etwas überraschend. Der Film ist sehr gut, ein bisschen rätselhaft, in seiner Aussage gnadenlos pessimistisch, wenn ich das richtig gesehen habe, aber so was mag ich ja. Ich gehöre ja auch zu den Leuten, die es beruhigend finden, Kafka zu lesen.

„Entomo“: wieder ein Duett. Von Elias Aguirre und Alvaro Esteban. Kapitel 3 zum Thema unmenschliche Bewegung. Die beiden sagen im Programmheft dabei klar, was ihre Inspiration ist: Insekten. Wobei sie nicht einfach Insektenbewegungen imitieren, auch wenn das ein durchaus wichtiger Teil der Performance ist. Irgendwann habe ich auf NTV oder so eine Doku gesehen, wo es darum ging, was passiert, wenn bestimmte Insekten gegeneinander kämpfen, was weiß ich, eine Gottesanbeterin gegen irgendeinen fiesen anderen Käfer. Entomo hat manchmal etwas davon. Ausgesprochen effektiv im Umgang mit dem Bewegungsrepertoir, das die beiden Performer entwickelt haben.

Damit ist das die dritte Performance von acht Performances, in der es darum geht, dass man dem Menschsein möglicherweise besser auf die Spur kommen kann, wenn man sich an Nichtmenschlichem orientiert. Die philosophischen/mystischen Implikationen, die das mit sich bringt lasse ich erstmal außer acht. Ästhetisch scheint mir der Ansatz aber äußerst fruchtbar. Ob es sich dabei um einen „Trend“ handelt, weiß ich freilich nicht, aber es scheint so zu sein, dass die Performer, die sich in diesem Feld bewegen etwas auf der Spur sind, wovon mir noch nicht ganz klar ist, was es ist. Vielleicht ist es so, dass die Bewegungen, die wir in unserem Alltag ausführen mittlerweile so unnatürlich, verkrampft und krank machend sind, dass es sinnig zu sein scheint, sich an anderen Erscheinungen zu orientieren, um wieder zu finden, was der Körper eigentlich ist und eigentlich kann. Athanasia Kanellopoulou wäre dazu allerdings die Gegenthese.

Abschließend lässt sich sagen, dass „Lucky Trimmer“ ein durchaus inspirierender Abend ist. Ja, die Auswahl hat etwas von „anything goes“ aber irgendwie scheint dann auch wieder alles mit allem zusammenzuhängen – über den Zusammenhang von Gregor Wollnys Performance mit dem Animationsfilm habe ich nicht gesprochen, der ist aber deutlich.

Das Publikum nimmt das Angebot gern an. Irgendwie hatte ich Glück, für die 18 Uhr Vorstellung noch eine Karte zu bekommen, ansonsten war wohl alles schon im Vorverkauf ausgebucht.

Abschließend sollte ich noch darauf hinweisen, dass Lucky Trimmer nicht subventioniert ist und es schon hilft, wenn man auf facebook den „Gefällt mir“ Button drückt, weil viele „Gefällt mirs“ Sponsoren ermutigen ein bisschen Geld zuzuschießen. Also, ich hab jedenfalls „Gefällt mir“ gedrückt und es war sogar ehrlich gemeint.

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