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Modjgan Hashemian & Susanne Vincenz – Don’t move

April 10, 2012

Wo anfangen? Erstmal: Don’t move ist ein Tanzstück, das sich mit der Situation von Tänzern im Iran befasst. Die Situation ist da kompliziert. Tanz ist im Iran mehr oder weniger verboten. Tänzer, die in Teheran tanzen wollen, tun das heimlich in ihren Wohnzimmern für Freunde, in der Wüste, wo sie ihren Tanz auf Video aufnehmen oder sie versuchen, in reguläre Sprechtheateraufführungen Tanz einzuschmuggeln.

Das Thema ist ausgesprochen kompliziert. Man könnte Überlegungen anstellen, warum Tanzen für gewisse politische/monotheistisch-religiöse Systeme offenbar bedrohlich ist. Vermutlich geht es um Kontrolle. Sprache lässt sich leichter kontrollieren als der Körper. Vermutlich geht es auch um Geschlechterrollen und vermutlich geht es um die Gefahr, dass ein tanzender Körper, anders als ein sprechender Körper immer damit droht, autonom und ganz bei sich zu sein, das heißt die eigene Individualität und Freiheit einfach über den Akt des Tanzes zu demonstrieren. – Dann ist es wieder nicht so einfach und ich kann leicht diverse Beispiele finden, in denen das Gegenteil der Fall ist, vom archaischen Kriegstanz bis zum höfischen Ballett des 17. Jahrhunderts. Die Gefahr da war nicht, zu tanzen, sondern „aus der Reihe zu tanzen“.

Warum ein Staat oder ein religiöses System der Ansicht ist, seine Untertanen bis in ihren Körper hinein kontrollieren zu müssen, hat mit Sicherheit etwas mit Angst zu tun, wie jede Form von Kontrolle etwas mit Angst zu tun hat. Inwieweit diese Angst berechtigt ist oder nicht, mag von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Kontrolle ist, wie vieles, vor allem dann schlecht, wenn es zu einem Kontrollexzess kommt, wenn der Kontrollzwang selbst außer Kontrolle gerät und jedes Maß verliert.

Davon ausgehend könnte man Überlegungen darüber anstellen, inwieweit es Parallelen gibt zwischen der sicherlich extremen Situation im Iran und der Situation in Europa, wo moralisch/religiöse Zwänge durch ökonomische Notwendigkeiten und bürokratische Forderungen teilweise ersetzt werden – wenn man auch sicher festhalten kann, dass in der europäischen Gesellschaft, was den künstlerischen Selbstausdruck betrifft, erheblich mehr möglich ist, als beispielsweise im Iran. Mit der Behauptung: Im Grunde ist es hier ähnlich, nur trägt die Kontrolle eine andere Maske, sollte man vorsichtig sein, weil sie so nicht stimmt. Dass ich trotzdem darüber nachdenke hat eher damit zu tun, dass mein Interesse sich erstmal auf die Probleme in meinem eigenen Kulturraum bezieht. Die Situation im Iran ist da vor allem erstmal ein Muster, mit dem ich die Lage hier vergleichen kann. Das heißt, ich suche als Zuschauer automatisch nach Gemeinsamkeiten, nach Anknüpfungspunkten, an denen sich die Erfahrungen, die auf der Bühne gezeigt werden mit meiner Erfahrung deckt oder zumindest irgendwas damit zu tun hat.

Interessanterweise gibt es diese Anknüpfungspunkte sogar, auch wenn die Situationen von mir als Zuschauer in Berlin und einem Tänzer in Teheran gänzlich verschieden sind.

Die Verschiedenheit wird in „Don’t move“ auf ausgesprochen subtile Art deutlich, einfach darüber, dass die iranischen Tänzer, die man auf Video zu sehen bekommt in ihrem Tanz eine größere Dringlichkeit und Kraft haben als ihre Berliner Kollegen, die live auf der Bühne versuchen, eine ähnliche Energie zu erzeugen und es nicht schaffen. Nicht, dass die Tänzer auf der Bühne schlecht sind, man merkt nur, dass sie da etwas nachspielen, was für ihre Kollegen im Iran bitterer Ernst ist. Man merkt das schon allein deshalb, weil die Berliner Tänzer eine Bühne zur Verfügung haben, die Teheraner Tänzer nur ihre Wohnzimmer und Häuserdächer.

Es ist schwer, der Aufführung daraus einen Vorwurf zu machen. Letztlich definiert sich der Druck, unter der Kunst entsteht, durch die Grenzen, die die Gesellschaft/das politische System setzt. Im Iran ist es so, dass die Tänzer schon an diese Grenzen stoßen, wenn sie nur die Hüfte bewegen, dadurch wird jede Bewegung, die auf einer deutschen Bühne banal und alltäglich wäre, zu einem ziemlich kraftvollen Statement. Die Videos von den Tänzern im Iran vermitteln mir irgendwie den Eindruck, dass da etwas Risikoreiches passiert, während die Tänzer in Berlin nicht mal in die Nähe der gesellschaftlich definierten Grenzen kommen, sich also in einem äußerst komfortablen Bereich bewegen. Und natürlich ist es so, dass durch den Hinweis auf die Unfreiheit der anderen auch die eigene Freiheit (als überlegenes gesellschaftliches Modell) herausgestellt wird. Das geschieht mehr oder weniger automatisch.

Man könnte jetzt argumentieren, dass Kunst besser ist, wenn sie sich gegen Widerstände behaupten muss, aber ich persönlich glaube da nicht dran. Da in Deutschland das Recht zu tanzen nicht in Frage gestellt wird, haben Tänzer hier die Möglichkeit, sich mit völlig anderen Themen zu befassen, die dann durchaus in der Lage sind, die nötige Dringlichkeit bereit zu stellen. Oder man konzentriert sich nur auf das Ästhetische, Experimentelle, der Erforschung bestimmter Möglichkeiten des durch den Körper Darstellbaren und gelangt dadurch in Bereiche, die in Ländern, in denen die Kunstform unterdrückt wird, nicht möglich sind. Die Bewegung an sich ist in Europa, wenn überhaupt, nur auf sehr subtile oder akademische Art politisch. Die Tänzer im Iran sind da in der wenig beneidenswerten Situation, dass die Tatsache, dass sie Tänzer sind an sich bereits ein Akt der Rebellion und des Ungehorsams ist. Sie haben so gar keine Gelegenheit, sich mit anderen Themen zu befassen. Das gibt dem Tanz selbst zwar Kraft, schränkt aber natürlich die Möglichkeiten auch sehr stark ein, so dass die Frage: entsteht in Phasen gesellschaftlicher Unterdrückung bessere Kunst (und die These wird gelegentlich aufgestellt) eigentlich so nicht stellt oder von meiner Seite aus verneint werden würde.

Was im Iran ein tänzerisches Erdbeben auslöst, ist in Deutschland einfach nur eine Bewegung auf der Bühne, dass Tanz dort bedrohlich ist, liegt nur daran, dass er für bedrohlich erklärt wird, die Paranoia des Systems.

Dass es Leute gibt, die trotzdem tanzen, ist schon erstaunlich genug. Das Gute an „Don’t move“ ist dann auch, dass der Iran eben nicht nur als repressives System dasteht, sondern als repressives System, in dem trotzdem Menschen leben, die auf ihrer Menschlichkeit bestehen, indem sie tanzen; und dass die städtische Infrastruktur von Teheran – wie jede andere Großstadt nicht kontrollierbar, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt – versteckte Möglichkeiten bietet, das auch zu tun, wenn auch heimlich. Da fühlt man sich den iranischen Tänzern auf den Videos plötzlich sehr nah, auch weil die Befindlichkeiten, die sie schildern, nicht unbekannt sind. Das ist vielleicht das Überraschende, dass die Texte, die die Tänzer sprechen, wenn sie über Teheran sprechen, einem sehr viel sagen, wie einem das, was sie tanzen viel sagt. Und wie es dazu kommt, ist dann wieder ein ganz eigenes Thema. Mag sein, dass die Aufgabe, die eigene Menschlichkeit zu finden und zu behaupten nicht nur ein iranisches Problem ist, sondern eher universell.

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