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Magic Valley revisited

April 12, 2012

Manchmal macht man als Zuschauer ja auch Dummheiten. Ich bin zur Wiederaufnahme von Magic Valley tatsächlich vor allem hingegangen, weil ich eine These, die ich zu dem Stück hatte überprüfen wollte und Thesen überprüfen wollen ist etwas, was man besser mit einer DVD macht, wo man schnell mal schauen kann, ob das was man denkt zutrifft oder nicht. So habe ich gemerkt, dass vorgefertigte Thesen dazu neigen, den Blick zu verengen und vermutlich werde ich mir das Stück dann noch mal anschauen, einfach um besser (also unvoreingenommener) zu sehen, auch wenn ich glaube, dass meine These korrekt ist.

Dass es überhaupt dazu kam lag daran, dass ich vor kurzem ein Buch über das sogenannte „somatic experiencing“ las („Waking the tiger“ von Peter Levine).

Die Annahme beim somatic experiencing ist, dass traumatische Ereignisse einen Energieschub im Körper auslösen können und pathologische Erscheinungsformen wie das „posttraumatische Stresssyndrom“, Panikattacken, Depression etc. damit zusammenhängen, dass dieser Energieschub, wenn er nicht in Aktion umgesetzt wird, sich im Körper festsetzt und Entladung sucht, aber nicht findet.

Der Autor des Buches, Peter Levine, gibt dafür mehrere Beispiele, die durchaus zwingend klingen. Er behandelt dabei vor allem Ereignisse, die durch einen traumatischen Schock ausgelöst werden, also Unfälle, schwere Krankheiten, Operationen. Das Trauma an sich ist ein relativ alltägliches Ereignisse auf das z.B Primaten (zu denen der Mensch ja nun auch gehört) in bestimmter Weise reagieren: In der Stresssituation: Flucht, Kampf oder Totstellen (Totstellen führt zum Einfrieren der Energie, die sonst für Flucht oder Kampf genutzt würde), danach: Erwachen aus der Schockstarre, Zittern, bestimmte Art zu Atmen, Rückkehr zur Normalität (durch das Zittern wird die eingefrorene Energie gelöst). Als Nachbearbeitung wird die Stresssituation oft nachgestellt, um das Verhalten für zukünftige, vergleichbare Situationen zu optimieren (eine Variante, des berüchtigten „Wiederholungszwangs“)

Der Grund, dass ich während der Lektüre an Magic Valley denken musste, ist relativ einfach: zum einen handelt es sich bei Magic Valley um ein Stück das im Genre „postapokalyptische Science Fiction“ angesiedelt ist und die Apokalypse, so man sie überlebt, ist natürlich ein hervorragendes Beispiel für ein traumatisches Ereignis.

Zum anderen gibt es bestimmte Geschichten im Buch, die in den beschriebenen Körperreaktionen an die Körpersprache in Magic Valley erinnern und es ist ja immer eine gewisse Herausforderung, die Körpersprache im zeitgenössischen Tanz zu beschreiben. Mit Ballettvokabular kommt man da nicht weit, also vielleicht so.

Meine These zu Magic Valley war also: wir haben es mit zwei Individuen zu tun, die irgendwie die Apokalypse überlebt haben, vermutlich durch das Anwenden verschiedener Instinktreaktionen: Flucht, Kampf und Schockstarre. Das Stück beginnt damit, dass die beiden Überlebenden sehr langsam aus der Schockstarre erwachen und, sobald sie stehen, anfangen, die erlebte Apokalypse und ihre Überlebensstrategien nachzuspielen. Die These, dass es sich tatsächlich um eine nachträgliche verarbeitende Simulation der Katastrophe handelt wird gestützt, weil Roy Carroll anders als beim letzten mal, als ich das Stück gesehen habe, keine Pampe in den Lautsprecher kippt (die ich für Nahrung hielt) sondern Steinchen, die durch den Druck des Lautsprechers rausgeschleudert werden, was unwillkürlich (oder wenn man meine somatic experiencing  Brille aufhat) an einen Vulkanausbruch oder ein Erdbeben erinnert. Die Bewegung zum Lautsprecher hin, die nicht zum Abschluss kommt, ist nicht der Versuch an Essen zu kommen, sondern die Variation eines „Fight of Flight“ Impulses.

Die beunruhigende Szene, in der sich Maya Lipsker und Sandra Lolax scheinbar gegenseitig sezieren, erscheint in dem Licht als ein Nachspielen von etwas, das sie im Zuge der traumatischen, apokalyptischen Erfahrung gesehen haben (Sehen kann ebenso traumatisieren wie Erleben). Dass es sich um das Nachspielen eines Ereignisses handelt, das die beiden nicht erlebt, aber gesehen haben, führt dazu, dass das Nachspielen keinen wirklich heilenden Effekt hat, weil es beim Nachspielen darum geht, (bessere) Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Das stärkste Argument dafür, dass Magic Valley eigentlich ein Stück über Traumaverarbeitung ist, ist derweil eine der am häufigsten im Stück gezeigten Bewegungen, besser gesagt: Körperreaktion, nämlich das Zittern selbst und wie diese Bewegung variiert und entwickelt wird. Es fängt kurz nach dem „Erwachen“ aus der Schockstarre an, anfangs in den Extremitäten, wird dann wieder abgebrochen. Das Zittern abzubrechen oder durch Tröstung zu unterbinden ist in dem Zusammenhang ein klares Fehlverhalten. Erst am Ende des Stücks sieht man dann wie beide Körper von unkontrolliertem Zittern befallen werden und zitternd bestimmt Handlungen, die schon vorher zu sehen waren wiederholt werden – das Zittern ist hier, Levines Argumentation folgend, nicht Zeichen einer Krise, sondern de facto der direkte Weg zur Heilung, die Entladung der durch das Trauma im Körper angestauten Energie. Konsequenterweise endet das Stück dann auch nicht mit dem Tod der beiden Tänzerinnen, sondern damit, dass sie zur Ruhe kommen und eine „neue Haut“ erhalten, als Bild für Transformation und einen Neuanfang.

Roy Carrolls Rolle im Stück wäre in der Lesart nicht so sehr als „Versuchsleiter“ zu sehen, sondern eher als „Therapeut“, der das Setting bietet, in dem das Trauma der Apokalypse aufgearbeitet werden kann.

Wie ich schon sagte, glaube ich, dass diese Lesart „Magic Valley“ einigermaßen korrekt oder sinnvoll beschreibt. Das heißt nicht, dass nicht auch andere Lesarten möglich sind, aber ich komme damit ganz gut voran, es lässt sich nicht alles restlos auflösen, aber das ist dann wieder eine Qualität von Magic Valley, dass es so einfach dann auch nicht ist (und ich vermute auch Herr Levine hat nicht alle Facetten von Traumatisierung und Traumaverarbeitung erfasst, wenn auch einen guten Teil davon, „Magic Valley“ ist an dem Punkt vielleicht „vollständiger“).

Nichtsdestotrotz wird „Magic Valley“ dadurch zu einem Stück, in dem es um sehr viel mehr geht als um postapokalyptische Science Fiction, das Stück wird so ausgesprochen politisch und spricht mehr oder weniger alle kollektiven traumatischen Erfahrungen an, die man so finden kann, von den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, bis zum 11.9.2001 oder Fukushima.

Trotzdem ist es beim Anschauen günstig, einfach nur zu sehen, was auf der Bühne vor sich geht, weil das eine ganz eigene Faszination entfaltet.

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