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Staatsballett Berlin – Duato Forsythe Goecke

April 27, 2012

So, der gespannt erwartete drei Choreographen Abend. Ich erspare mir stilistische Extravaganzen und gehe einfach der Reihe nach vor:

Nacho Duato – Arcangelo

Hm. Irgendwie hatte ich gehofft, dass ich drumherum komme, irgendwann über Nacho Duatos Versuche Barock oder Renaissance Musik zu vertanzen, berichten zu müssen. Ich finde Nacho Duato nicht grundsätzlich schwierig. Auf DVD hab ich mal ein paar Stücke gesehen, in denen er spanische Tänze wie Flamenco zu spanischer Musik mit klassischem Ballett kombiniert und das ist ziemlich großartig. Live habe ich in München Vielfältigkeit/Formen der Stille und Leere gesehen, zu Bach Musik, was vor allem im ersten Teil aus unschönen Momenten des Fremdschämens bestand, während im zweiten einige ganz hervorragende choreographische Ideen zu finden waren, vor allem was die Kombination von Corps de Ballet und Soloteilen betraf. Der Bach Abend tut hier freilich nichts zur Sache und ich würde tendenziell meinen, dass Arcangelo, eine Choreographie zu Corelli Musik, besser ist als die Versuche zu Bach.

Trotzdem hab ich ein paar Probleme. Nacho Duato benutzt vor allem gewisse Hybridformen von Tanz, die aber nicht so einfach zu entschlüsseln sind. Vielleicht muss ich mir das auch einfach noch mal anschauen. Aber mir kommt es bisweilen so vor, dass ich nicht der einzige bin, der nicht so genau weiß, was die Choreographie mir eigentlich sagen will, sondern dass ich dieses Unwissen mit den Tänzern teile. Von allen drei Stücken wirkt Arcangelo tänzerisch am unsichersten und macht gelegentlich einen seltsam fahrigen, manchmal kalten Eindruck, Flucht in Tanztechnik. Die Bewegungen haben manchmal etwas Putziges, das irgendwie nicht so recht passt. Wie eine Form die noch nicht gefunden ist, aber so tut als ob.

Tänzerisch ist das Stück hochkarätig besetzt und so bleibt es hier (wie auch beim Bach Abend in München) nicht aus, dass es gelegentlich Momente gibt, die eine eigene Kraft entfalten. In Erinnerung geblieben ist mir das Duett von Sarah Mestrovic und Leonard Jakovina, in dem plötzlich so etwas wie Konzentration entsteht, das durchaus fulminante Solo von Arshak Ghalumyan und gelegentliche Anflüge von beeindruckender Leichtigkeit bei Shoko Nakamura. Es kann sein, dass die vorhandenen Mängel Premierenkrankheiten sind und das Stück eine größere Geschlossenheit entwickelt, wenn sich die Tänzer nach ein paar Vorstellungen entsprechend eingegroovt haben. Es kommt mir aber so vor, dass es sehr schwierig ist, die vorgeschriebenen Bewegungen wirklich sinnvoll und schlüssig zu tanzen und das ist ein Problem der Choreographie. Aber um das genauer sagen zu können, müsste ich es mir noch mal anschauen. Um es vorweg zu nehmen: Meiner Meinung nach ist Arcangelo das schwächste Stück des Abends, danach geht es steil aufwärts. Es gibt gute Momente, aber für mich geht es nicht richtig auf, irgendwie kämpft Nacho Duato mit Barockmusik einen Kampf, den er einmal mehr verliert.

Das Nacho Duato Stück fällt ein bisschen raus aus dem Abend. Die beiden Stücke, die tatsächlich aus dramaturgischer und tanzhistorischer Sicht eine Entwicklung aufzeigen und nachvollziehbar machen, folgen dann. Vielleicht fügt sich Nacho Duato da irgendwie auf eine Art ein, die ich nicht gesehen habe. Das wäre noch zu überprüfen.

William Forsythe – Herman Schmerman

Letzte Woche habe ich einen Abend damit verbracht, mir zwei sehr gute Dokumentationen über Sylvie Guillem anzuschauen, insofern bin ich auf Forsythe ganz gut eingestimmt. Meine Lieblingsszene in den Dokus war, wie Forsythe ein Baguette mampft, dabei redet und Sylvie Guillem gleichzeitig vortanzt, was sie zu tun hat. Wie die meisten Tänzer also ein Mann, der durchaus multitaskingfähig ist.

Herman Schmerman ist das Stück des Abends bei dem ich schon vorher sicher bin, dass es gut sein wird, zum einen weil ich das Pas de deux mit Nadja Saidakova schon bei der Japangala gesehen habe, zum anderen, weil ich Forsythe mag.

Diesmal gibt es vorher noch das zugehörige Quintett, getanzt von Shoko Nakamura, Krasina Pavlova, Polina Semionova, Rainer Krenstetter und Dinu Tamazlacaru.

Ich muss ja sagen, dass ich beim Nacho Duato Stück viel auf Polina Semionova geschaut habe, einfach in der Annahme, dass das möglicherweise das letzte mal sein könnte, dass ich die Dame in Berlin tanzen sehe und irgendwie bin ich doch froh, dass sie danach noch Forsythe getanzt hat.

Das ist einfach technisch und intellektuell ein anderer Schnack.

Was ich, Stand heute, zu William Forsythe sagen kann: Forsythe betreibt wohl am ehesten das, was man postmodernes Ballett nennen könnte. Postmodern ist natürlich ein schwieriger Begriff. Hier meine ich damit: Er nimmt die Bewegungen auseinander, untersucht sie, kommt zu Ergebnissen, warum die Bewegungen sind, wie sie sind, macht sich dann Gedanken darüber, inwiefern man die Bewegungen erweitern könnte, indem man sie durch Achsenverschiebungen, Verlängerungen, Isolationen und anderes fortführt oder verkürzt, setzt das dann neu zusammen und heraus kommt etwas, das eindeutig Ballett ist, aber so aussieht, als wäre es etwas durchaus Zeitgemäßes.

Mit Forsythes Improvisationstechnologien habe ich mich bislang nur sehr oberflächlich beschäftigt, das steht aber demnächst, wenn auch erstmal nur theoretisch an und dann kann ich wohl mehr dazu sagen.

Was feststeht, ist, dass die Form, die entsteht geschlossen, kraftvoll und sinnig erscheint. Schwer zu tanzen, nehme ich an, die Choreographie ist kompliziert. Bei Nacho Duato hatte ich gelegentlich den Eindruck, dass die Tänzer zu viel machen, der Eindruck entsteht dann, wenn Bewegungen stattfinden, die keine Bedeutung oder Klarheit haben. Die Bedeutung einer Bewegung entsteht nicht unbedingt dadurch, dass die Bewegung eine Geschichte erzählt oder so was, sondern oft einfach dadurch, dass es sich um eine sinnvolle oder überraschende körperliche Reaktion oder Fortführung eines Bewegungsimpulses handelt. In dem Forsythe Stück machen die Tänzer oft mehr als bei Nacho Duato, aber irgendwie handelt es sich um eine einheitliche Körpersprache. Wie im klassischen Ballett Port de Bras und die Beinarbeit zusammengehören, gehört bei Forsythe eben auch die Arbeit in der Hüfte dazu, der Schwung, mit dem das alles ausgeführt wird, die Verlagerung in der Armarbeit usw. So sieht klassisches Ballett aus, das von Lucinda Childs was weiß und von sonst allem, was so stattgefunden hat in den siebzigern und achtzigern des letzten Jahrhunderts (das Stück selbst ist von 1992).

Dass die Choreographie sinniger ist als Arcangelo, lässt sich vor allem daran ablesen, dass die Tänzer hier wirklich viel besser sind als bei Duato. Sehr konzentriert, sehr souverän. Die Tänzer, haben, glaube ich, Spaß, zumindest sieht es so aus.

Nach dem Quintett das Pas de deux mit Nadja Saidakova und Arshak Ghalumyan. Bei der Japangala hat Nadja Saidakova das mit Noah Gelb getanzt, der hier für die Einstudierung verantwortlich ist und ziemlich gute Arbeit geleistet hat. Arshak Ghalumyan ist als Tanzpartner eine sehr glückliche Wahl. Ich hatte ja schon bei Schwanensee den Eindruck, dass der Mann eine sehr gute Bühnenpräsenz hat. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, wie gut er dann in dem Forsythe Stück ist. Ist ja nicht so einfach, Nadja Saidakova da das Wasser zu reichen und er hat damit absolut kein Problem. Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass er das alles sehr souverän tanzt, mit einem schönen Fluß in den Bewegungen, sondern auch damit, dass er einfach die nötige Lässigkeit besitzt, die man für das Stück braucht. Wenn es darum geht, aus dem Tanz rauszugehen und kurz auf der Bühne gewissermaßen „privat“ zu sein, spielt er nicht privat sondern legt tatsächlich jegliche Rolle ab und steht mit der ihm eigenen Lässigkeit da, ganz bei der Sache und trotzdem außen. Großes Kino. Kann sein, dass das sonst vielleicht nur noch Dmitry Semionov so gut könnte (was zu beweisen wäre). Ich nehme an, die Lobeshymnen über Nadja Saidakova werden andere übernehmen und ich schließe mich mal grundsätzlich an. Das Pas de deux ist, was tänzerische Einzelleistungen betrifft, sicher das Beeindruckendste was an dem Abend zu sehen ist.

Marco Goecke – And the sky on that cloudy day

Die Uraufführung, insofern erstmal völlig unberechenbar. Interessanterweise ist das Stück aber eine Art Fortführung der Forsythearbeit. Wenn Forsythe die Ballettform auseinandernimmt, die Einzelteile vor sich auf den Boden legt, analysiert, manipuliert und neu zusammensetzt, wirft Marco Goecke die Ballettform in den Häcksler und nimmt die Splitter der Bewegungen, um daraus dann eine sehr eigene Bewegungssprache zu entwickeln, die genau das erzählt, was er erzählen will.

Es gibt gelegentlich rudimentäre Ballettformen, ansonsten sehr viel, zum Teil sehr schnelle, fast hektische Armarbeit, Zittern in den Händen, Isolationen, Bewegungen, die vereinzelt stattfinden und an unerwarteten Orten, während Forsythe doch viel von der ursprünglichen Form beibehält, die Bewegungen vor allem in den Extremitäten stattfinden, hat man hier plötzlich eine Hauptbewegung im Zwerchfell oder ein Schulterblatt tanzt allein und der Arm bewegt sich nur so mit wie er natürlicherweise muss.

Die Musik von John Adams passt dazu sehr gut und das Orchester, das nur hier zum Einsatz kommt (bei den beiden anderen Darbietungen kommt die Musik vom Band) leistet nach meinem Dafürhalten ziemlich gute Arbeit. Schwierige Musik (okay, ich finde alles an dem Stück mutig, Musikwahl eingeschlossen und der Mut zahlt sich aus), das Publikum wird gefordert.

Ich muss sagen, dass mir das Marco Goecke Stück äußerst gut gefällt. Die Tänzer tanzen wohl wirklich eine Form, die sie so noch nie getanzt haben, die Bewegungen sind äußerst konzentriert, abstrakt aber nicht beliebig. Die Choreographie ist mutig in der Weigerung, sich dem vermeintlichen Publikumsgeschmack anzubiedern, bleibt konsequent und in ihrem Formwillen, wie bei Forsythe auch, stimmig und geschmackssicher.

Dadurch, dass die Bewegungen zum Teil klein sind und Goecke nicht darauf aus ist, das Publikum mit spektakulären Sprüngen oder ähnlichem auf naheliegende Art zu beeindrucken, werden plötzlich ganz einfache Bewegungen bedeutsam und schön, wie eben die Bewegung eines Schulterblatts, die flatternden Handbewegungen. Wenn Vladimir Malakhov mit dem Arm eine Kreisbewegung ausführt und die zugehörige Hand dabei sehr schnell zittert, dann ist das das Konzentrierteste, was ich bislang von ihm gesehen habe. Das ist kurz, technisch nicht übermäßig anspruchsvoll (okay, ein Zittern im Handgelenk von der Bewegung im Arm zu isolieren ist kein Spaß, aber mit Übung und Konzentration auch für Normalsterbliche möglich), die Qualität entsteht über die Präsenz und Konzentration und man kann sich über so etwas unterhalten, wie die Qualität einer Bewegung. Das dollste developpée ist nichts wert, wenn es nicht mit der entsprechenden Energie ausgeführt wird und eine kleine Bewegung im Handgelenk kann genauso beeindruckend sein wie die unmenschlichste Six o’clock Position, wenn mit der entsprechenden Hingabe aufgeladen.

Das Stück ist ein Gruppenstück für neun Tänzer und berührt an dem Punkt auf eine ganz überraschende Weise, indem Vladimir Malakhov oder die zwei anderen ersten Solotänzer in der Choreographie nicht wesentlich anders behandelt werden als die drei Corps de Ballet Tänzer, die beteiligt sind. Für mich schließt das Staatsballett damit zu den guten Produktionen der freien Szene auf und die Gleichbehandlung der Tänzer gehört da dazu. Dass es nicht um Virtuosität geht, sondern um die Schönheit und Konzentration oft relativ einfacher, aber klar ausgeführter und ungewöhnlicher Bewegungen, hat nicht nur etwas damit zu tun, sich vom etwas einschüchternden Akrobatikstil des Balletts zu entfernen (der bei Forsythe 1992 – heute macht er auch andere Sachen – eher stärker ist als im rein klassischen Ballett), sondern auch etwas mit dem Thema des Stückes, nämlich seltsame Orte, an denen seltsame Wesen leben. Die Bewegungen erinnern oft eher an etwas Tierhaftes, Vögel vielleicht, die vom Mars auf die Erde gekommen sind (und wir haben eine Verbindung zu den Trends in „Lucky Trimmer“, die „nichtmenschliche“ Bewegung, während klassisches Ballett ja eher eine Übersteigerung scheinbar idealer menschlicher Eigenschaften – die Aufrichtung usw. – ist). Die Ballettform kommt manchmal sehr kurz durch, wie um das Fremdartige unter Kontrolle zu halten, kann sich aber nicht behaupten. Einmal wird die kurz gehaltene vierte Armposition aufgebrochen, indem sich der vorn gehaltene Arm plötzlich in wilden Bewegungen aus der festgeschriebenen Position löst – eine extremere Variante der Armarbeit, die man vorher bei Forsythe sehen konnte.

Ich sehe in dem Stück mehr von Christoph Winkler und Maya Lipsker als vom üblichen Bewegungsrepertoire, das man von Staatsballetttänzern erwarten würde und ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass die das so gut können, aber alle Tänzer die im Goecke Stück tanzen haben offenbar sehr genau kapiert, worum es geht, Konzentration, Entschiedenheit, sich vom „etwas Darstellen wollen“ verabschieden und stattdessen etwas auf der Bühne tatsächlich zu sein. Mehr Butoh als Ballett.

Auf eine sehr interessante Art ist das Stück nicht nur ein Stück über die seltsamten Orte, um die es Marco Goecke geht, sondern auch ein Stück über Ballett im Allgemeinen und das Staatsballett im Besonderen (auch ein seltsamer Ort, nehme ich an). Auf der formalen Ebene wird tatsächlich die Frage gestellt, ob die Ballettform zeitgemäß ist oder nicht etwas Erstarrtes, das durch neue, kraftvollere, „echtere“ Bewegungsarten zersprengt wird und werden muss, wenn man etwas Ungewöhnliches zeigen will, das der heutigen Welt mit all den abstrusen, fremdartigen und doch irgendwie liebenswerten und schönen Eigenheiten, mehr entspricht.

Das Forsythe Stück ist mehr oder weniger der historische Vorläufer von dem, was Marco Goecke macht. Die Postmoderne ist vorbei, was jetzt ist, hat noch keine Namen (Postpostmoderne zählt nicht), was Goecke macht ist etwas anderes, die Postmoderne war ja irgendwie abstrakt, technisch, man nimmt eine Uhr auseinander und denkt: könnte auch eoine Lichtorgel, ein CD Player oder ein Glockenspiel sein; was jetzt ist, wirkt organischer – mal sehen wie sich das entwickelt.

Wenn es das Goecke Stück an dem Abend nicht gäbe, würde ich wohl denken, Forsythe 1992 sei zeitgenössisches Ballett, aber wenn ich die Produktionen der freien Szene mitdenke, die ich gesehen habe, würde ich sagen: das Goecke Stück ist Tanz heute, das Staatsballett ist plötzlich up to date, auf einer Stufe mit Lucky Trimmer, Magic Valley, Baader etc. Dass Malakhov und Co den Mut haben, so was zu machen, es gut machen und konsequent, ohne Anbiederung und Eitelkeit, hat mich tatsächlich sehr angenehm überrascht. Ich hatte ein bisschen gehofft, dass das Staatsballett über den Horizont des klassischen Tänzertums hinauswachsen würde. Die Hoffnung wurde übertroffen. Sehr, sehr gut.

Noch die üblichen Infos: Das Publikum hat das ganze durchaus angetan aufgenommen. Der Applaus nach Nacho Duato ein bisschen verhalten, nach Forsythe euphorisch, nach Goecke erst zögerlich, dann lang anhaltend. Es ist wohl schon so, dass das Goecke Stück, wenn man mit Staatsballett Erwartungen hingeht, ein ziemlicher Schocker ist. Ich geh sicher noch mal hin und sehe dann, ob meine Euphorie, das Stück betreffend, anhält, nehme das aber stark an, weil ich danach nicht so genau sagen konnte, warum ich das jetzt so gut fand, aber keinen Bock hatte, so schnell mit dem Klatschen aufzuhören. Passiert mir nicht so oft. Vielen Dank.

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