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Staatsballett Berlin – Romeo und Julia Carrillo Cabrera/Kaniskin Version

Mai 15, 2012

Hmpf, den Computer neu gestartet, ohne meine Notitzen zu Romeo und Julia Carrillo-Cabrera/Kaniskin Version zu speichern. Vielleicht ganz gut so, denn in der Zwischenzeit ist ja mal wieder viel passiert. Horst Koegler ist gestorben, weiß nicht ob an Schlafapnoe, wie er im Tanznetz Nachruf selbst prophezeit. Aber natürlich ein herber Verlust, es gibt ja nicht sooo viele Ballettblogger und ich muss gestehen, dass ich vor dem Mann schon eine gewisse Ehrfurcht hatte, seit ich auf Spiegel.de mal einen langen Artikel von ihm aus dem Jahr 1957 über die Westtour des Bolschoi gelesen habe. Ulanova und das ganze Zeugs. Bei der Duato/Forsythe/Goecke Premiere war er jedenfalls noch.

Ein Jammer, dass die begonnene Serie über 60 Jahre Tanz in Berlin jetzt nicht mehr fertig wird. Wohl zu Lebzeiten ein wandelndes Ballettlexikon, der Mann hat vermutlich alles gesehen, was man so sehen kann und sollte im Tanzbereich, insofern ein erfülltes Leben, hoffentlich.

Themenwechsel:

Semionova ist auch endgültig weg. Daran wurde ich irgendwie in der ersten Pause von Romeo und Julia erinnert, als ich im kleinen Shop in der deutschen Oper sah, dass man Autogrammkarten von ihr erwerben konnte. Bin dann eine Cola trinken gegangen, drei Zigaretten geraucht und die ganze Zeit eine Stimme im Kopf, die sagte: Du kaufst dir jetzt hoffentlich keine Autogrammkarte von Semionova. Das Ding zu kaufen war nicht mal so schlimm, eher der mitfühlende Blick der Verkäuferin. Vermutlich leistet jeder, der sich so ein Teil an dem Abend kauft, irgendwie Trauerarbeit. Und ich habe mich als Fan geoutet, was in meinem Alter ein bisschen peinlich ist. Es ist ja so, dass man erst richtig kapiert, dass jemand weg ist, wenn er (in dem Fall sie) weg ist, und Romeo und Julia in der Carrillo Cabrera/Kaniskin Fassung war dann für mich die erste Nach-Semionova Aufführung. Komisches Gefühl.

Themenwechsel:

Ihr Bruder ist noch da, glücklicherweise. Dmitry Semionov als Paris, anders als Michael Banzhaf. Irgendein Kritiker hatte über Banzhaf geschrieben, dass er Paris tanzt wie jemand, dem „seine Haut zu eng geworden ist“. Ich zitiere das, weil ich die Formulierung ziemlich auf den Punkt fand und die Darstellung der Rolle war es damit auch. Dmitry Semionov ist insgesamt was die Figurenanlage betrifft etwas netter. Keine Lust zu sagen, das eine ist besser als das andere. So oder so geht es bei Romeo und Julia um etwas anderes.

Im Zusammenhang mit einem anderen Thema befasse ich mich momentan ein wenig mit Begriffen wie der „Moderne“ und was Beziehungen betrifft ist die Moderne gekennzeichnet vom Absolutheitsanspruch des eigenen Gefühls, das gefälligst zu triumphieren hat gegenüber allen rationalen Überlegungen. Insofern sind Romeo und Julia ein modernes Paar, weil sie ihre „Liebe“ oder ihr Begehren über alles andere stellen und es ist ihnen ziemlich wurscht, wie viele Leute dabei drauf gehen, solange sie nur ihre Liebe leben können. Dummerweise leben sie in einer nicht eben modernen Welt, also scheitert der Versuch. Vermutlich hat aber Romeo und Julia als Theaterstück einen gewissen Anteil am Siegeszug der Verliebtheit als einzig legitimes Paarbildungskriterium (okay, Onegin ist das Gegenargument). Bin nicht sicher, ob Shakespeare uns damit wirklich einen Gefallen getan hat, aber vielleicht wird das ja noch. Dmitry Semionovs Graf Paris jedenfalls wird kein großer Fan des Verliebtheitswahns sein, unter dessen Räder er gerät. Eigentlich ist Graf Paris die wirklich tragische Figur des Stücks, weil er sich tatsächlich und absolut nichts zu Schulden kommen lässt, außer dass er nun zufällig der Heiratskandidat ist, den Julias Eltern für gut befinden und ebenso zufällig von Julia nicht geliebt wird. Und weil Semionov das nett spielt hat man bisweilen den Eindruck, vielleicht haben die Eltern recht oder man hätte den Eindruck, wenn Mikhail Kaniskin und Elisa Carillo Cabrera als Liebespaar nicht so gut funktionieren würden. Aber dass der arme Mann am Ende, als er in Trauer ist, auch noch von Romeo grundlos abgeschlachtet wird, ist irgendwie etwas, das mich nicht gerade für Romeo einnimmt. Nun gut, was Shakespeares „moderne“ Figuren betrifft, bin ich eher der Hamlet Typ. Romeo war mir immer suspekt und Julia erst recht.

Ich weiß nicht genau, woran es liegt, dass mir Romeo und Julia diesmal schneller vorkommt als in der Salenko/Walter Version, aber ich habe natürlich einen Verdacht.

Ich versuche es mal so: Es gibt ja die hübsche „Why not try acting. It’s a lot easier.“ Anekdote von Lawrence Olivier und Dustin Hofmann. Die Legende ist, dass Hofmann drei Nächte lang nicht geschlafen hat, weil er einen Charakter zu spielen hatte, der drei Nächte lang nicht geschlafen hatte, woraufhin Olivier angeblich den oben zitierten Satz gesagt hat. Die Anekdote ist wohl nicht wahr (zumindest laut den Trivia zu Marathon Man bei imdb), aber sie ist hübsch und verdeutlicht einen Punkt, um den es mir hier erstmal geht.

Soweit ich weiß gibt es zwei Ansätze im Schauspiel. Der erste von Olivier vertretene Ansatz ist der, dass ein Schauspieler mehr oder weniger lernt Gesten, Mimik, Sprachduktus auszuführen, die das Publikum glauben machen, er hätte ein bestimmtes Gefühl. Indem der Schauspieler mit seinem Körper bestimmte Handlungen vollzieht, macht er das Publikum glauben, er sei so und so.

Der Method Acting Ansatz ist der, dass der Schauspieler nicht über seinen Körper ein Gefühl simuliert, sondern dass er, wenn er spielt, dieses Gefühl tatsächlich hat. Die meisten Schauspieler arbeiten dabei wohl nicht unbedingt damit, drei Tage nicht zu schlafen oder sich sonstigen Extremsituationen auszusetzen (obwohl das in der Methode legitim ist) sondern mit „emotional Memories“, das heißt, ein Gefühl wird mit einem bestimmten Bild, einer Erinnerung aus dem eigenen Leben verknüpft und der Schauspieler kann das Gefühl über diese Erinnerung praktisch auf Knopfdruck abrufen. Er spielt das Gefühl nicht vor, sondern er hat es tatsächlich, auch wenn es künstlich erzeugt ist.

Wieder habe ich keine Lust, zu sagen, welcher Ansatz besser ist. Der Method Ansatz ist vermutlich anstrengender, der traditionelle kontrollierter und leichter zu reproduzieren und zu variieren. Sowas wie Ironie wird leichter möglich. Method Acting, wenn gut ausgeführt, kann allerdings eine Intensität erzeugen, mit der der traditionelle Ansatz nicht mitkommt. Ich nehme mal an, die meisten Schauspieler nutzen vermutlich eine Kombination aus beidem.

Ballett steht in der Tendenz dem ersten Ansatz nahe. Ein Choreograph, der ein Handlungsballett macht und sein Handwerk versteht, sagen wir John Cranko, wird die Bewegungen, die der Tänzer/die Tänzerin auszuführen hat so wählen, dass sie die Geschichte, die Gefühle der Figur angemessen und verständlich erzählen. Aufgabe des Tänzers ist es dann, den umgekehrten Weg des Schauspielers zu gehen: die Tänzerin (ich nehme mal die weibliche Form) bekommt nicht eine Handlung und ein Gefühl vorgesetzt, sondern Bewegungen, die eine Handlung und die dazugehörigen Gefühle repräsentieren. Sie muss die Bewegungen jetzt entschlüsseln und wieder mit dem ursprünglich gedachten Sinn aufladen. Meiner Meinung nach ist das der Ansatz, den Polina Semionova tendenziell wählt und Iana Salenko auch. Mir ist der Ansatz nah, weil ich dann verstehe, was warum getanzt wird und Polina Semionova zumindest konnte als Odile die beiden Ansätze auch kombinieren, die intellektuelle Arbeit leisten, die Intention des Choreographen zu rekonstruieren und das Ganze trotzdem völlig außer Kontrolle geraten lassen. Ach, ich werd sie vermissen…

Wählen Tänzer den „Method acting“ Ansatz, das heißt, sie entschlüsseln die Bewegungen nicht im Einzelnen sondern werfen sich mit vollem Risiko in das Gefühl und hoffen, dass die Bewegungen dazu passen, dann hängt der Erfolg erstens davon ab, wie gut die Choreographie den von ihnen eingebrachten Gefühlen entspricht und zweitens wie mutig und konsequent sie darin sind, sich ihren Gefühlen auszuliefern. Meiner Meinung nach haben Elisa Carillo Cabrera und Mikhail Kaniskin diesen Ansatz gewählt. Es kommt mir so vor, dass sie die Risiken kennen, die emotionale Anstrengung, die damit einhergeht. Sie gehen das Risiko ein und weil die beiden gut miteinander können, funktioniert das ziemlich überzeugend. Das Schauspiel geht langsam los und mit der Zeit geraten die beiden mehr und mehr in eine Art Tanzexzess und sie erreichen dann etwas ziemlich außergewöhnliches, nämlich dass ich ihnen das glaube, was sie da auf der Bühne zeigen. Gut getanzt ist es außerdem. Ich habe das alles vor einer Woche gesehen und muss gestehen, dass ich irgendwie immer noch beeindruckt bin. Ich hatte vorher Elisa Carillo Cabrera nur in einer großen Rolle gesehen, nämlich Schneewittchen, und die Figur wird an Flachheit was das Staatsballett Repertoire betrifft wohl nur noch von Dorothy in Oz unterboten (beide Stücke sind trotzdem unterhaltsam). In den kleineren Parts, in denen ich sie gesehen habe, ist sie mir immer in angenehmer Erinnerung geblieben, aber ich war nicht so sicher, wie sie Romeo und Julia machen würde. Iana Salenko hat aus meiner Warte klare Vorteile wenn es um die Transparenz der Figur in ihrem sozialen Umfeld geht – die Beziehung zur Nanny und den Eltern, aber in der Liebesgeschichte mit Romeo gewinnt Elisa Carillo Cabrera ziemlich deutlich, auch weil Kaniskin das mit entsprechender Dringlichkeit tanzt – Marian Walter hatte mehr jugendliche Energie, aber Kaniskin glaube ich mehr, dass es für ihn um alles geht.

Nun gut, meine These ist, dass Romeo und Julia in der Version schneller wird, weil Elisa Carillo Cabrera und Mikhail Kaniskin die Dringlichkeit der Liebesgeschichte auf ein ziemlich existentielles Level anheben. Interessanterweise färbt das auch auf Dinu Tamazlacaru und Alxander Shpak ab, die sich als Mercutio und Benvolio mittlerweile offensichtlich pudelwohl fühlen und eine gut funktionierende Buddy Energie verbreiten.

Meine Lieblingsmomente sind allerdings andere:

Erstens ein Tybalt Moment von Leonard Jakovina. Als Mercutio lang und breit auf der Bühne stirbt und noch einmal einen Weinkrug zum Anstoßen erhebt und alle Anwesenden die Hand ohne Krug in vorauseilender Trauer zum Anstoßen erheben, hebt Tybalt sein Florett, mit dem er Mercutio gerade abgemurkst hat als Respektbekundung. Was mir daran gefällt ist, dass man das einerseits als Respekt der Rolle Tybalt für einen guten Kampf werten kann, andererseits als Anerkennung Jakovinas für die Leistung des Kollegen, weil Jakovinas leises Lächeln auch ein bisschen so wirkt, als hätte er gerade als Zuschauer Spaß, sich die Tamazlacaru Show anzuschauen. Beides mag ich sehr gern.

Der zweite Moment ist der Beatrice Knop Moment, in dem sie nach dem Tod von Tybalt sich Benvolios Florett schnappt und, es wie einen Dolch mit beiden Händen über den Kopf haltend, sich auf Romeo stürzt. Sie wird aufgehalten, aber der Moment stimmt genau so wie er ist – der Formfehler in der Handhabung des Floretts als Ausdruck einer Trauer in der die Form keine Rolle mehr spielt.

Der dritte Moment ist, wenn Mercutio und Benvolio (Tamazlacaru und Shpak), während Romeo auf der Capulet Party ganz mit Julia befasst ist, hemmungslos Rosalinde (Elinor Jagodnik) anbaggern und sich einen Scheiß für die emotionalen Nöte des Kumpels interessieren. (Ich glaube, es ist Rosalinde, bin nicht sicher). Elinor Jagodnik hat übrigens ihr Rollendebut als Rosalinde und wirkt dabei überraschend glamourös, was der Rolle durchaus gut tut.

Also, wenn mich jemand fragen würde, welche Version er sich von den beiden bislang gesichteten anschauen soll, würde ich im Zweifelsfall Carillo Cabrera/Kaniskin mehr empfehlen, aber wenn man kann, lohnt es sich, beide Versionen zu sehen.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass Xenia Wiest zur Demi Solotänzerin befördert werden sollte.

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